Empfangen durch G. Mayerhofer, am 28. November 1870
Du verlangst von Mir den inneren geistigen Sinn, der diesem Gedichte „die Synagoge“ unterliegt.
Das Gedicht
Still ist’s in den Stühlen, wie im Grab. Eine Ampel flackert, Kerzen rauchen und von oben beugt es sich herab, marmorbleich, mit dunkeln, heil’gen Augen.
– Jeder Kerze Rauch ist ein Gebet, jedes Licht ein Herz voll heißes Sehnen, eine Ahnung die gen Osten weht und der Ampel Öl sind Juda’s Tränen.
– Aus Egypten und durch’s rote Meer, Israel, hat dich dein Gott geleitet; flammend zog Er nächtlich vor dir her, wo sich öd und tot die Wüste breitet.
– Seinen Dürstenden in ihrer Not, Sprang ein kühler Born aus dürrem Steine, und allmorgens fiel das Himmelsbrot, fiel das Manna für des Herrn Gemeine.
– Tief bedeutsam ist der Thora Wort: ewige Geschichte, keine Sage, heilig Volk, was ich gelesen dort, Freiheitsfeste deiner Passah-Tage.
– Aus der Rätsel, aus der Ahnung Land einer Traumnacht, die zu Stein geronnen, ging das Volk, der Mensch aus Gottes Hand frei hervor, zu sein ein Licht der Sonnen.
– Deine Wüste, Juda, ist die Welt! Dein Gesetz dein Manna, das hernieder auf den Guten als Verheißung fällt, und der Felsquell – der Propheten Lieder!
– „Abel nicht soll eingeh’n dies Geschlecht Zum gelobten Land, zum Vaterlande!“ Sprach Jehovah zürnend – und sein Knecht Mose hat sein Grab im Wüstensande. – – Sprach’s, und eine Träne fiel in’s Buch, dem Rabbiner in der Synagoge. Noch ist nicht gelöscht der finst’re Fluch, noch ist’s eine heimatlose Woge.
– Sturmgejagt, zerschellt am Meeresstrand. Noch die junge Taube aus der Ferne, „Zions-Tochter“, ohne Vaterland, weltgehasst, und möchte lieben gerne! – – Still ist’s in den Stühlen, wie im Grab, Eine Ampel flackert, Kerzen rauchen, Und von oben beugt es sich herab, marmorbleich, mit dunkeln, heil’gen Augen. –
Ich sah wohl in die Stühle hinein und dann hinaus zu ihr. Bei Gott, ihr solltet getröstet sein, wär‘ ich ein Prediger hier. – Ich spräche, statt vom Lamme, vom Löwen Gottes laut und von der Freiheitsflamme, die Mose einst geschaut.
– Ich deutet‘ euch der Wolke Sinn, die droben schwellend steht; die über euren Häuptern hin des Weltgeists Odem weht. – Wohl, es ist nicht mehr ferne Dein zweites Passafest. Es leuchten seine Sterne herauf in Ost und West!
– Ja. fahren wird – wie weiland – fort Der Herr von Land zu Land, ja klingen wird vom Süd zum Nord das Schwert in Seiner Hand.
– Auch Könige werden zagen, zittern an Hand und Knie, wenn Er in Seinem Wagen hinbrauset über sie. – Und weckt Er dann die Germanen, dass sie zum Streite geh’n. Wird wieder auf Polens Fahnen der weiße Adler wehn, – Dann kränze deine Locken Mit Rosen, Sulamith und fing‘ im Klang der Glocken ein neues „Hohes Lied! – Hindin der Morgenröte, Du glaubst es nicht, du meinst: Das ruft nur ein Poete, ein Traum vom fernen Einst. – Blick auf! Der Zeit Kometen, geben gar hellen Schein; Poeten sind Propheten, und Einst –kann Morgen sein.
(Moritz Busch)
Mein liebes Kind, der jenes Gedicht gemacht, und dort von Freiheits-Ideen und Deutschlands Einigkeit und Polens Freiheit geträumt hat ist nicht mehr derjenige, welcher er dort war; jetzt denkt er anders, und hat andere Grundsätze eingesogen. Dortmals war ihm wohl die Welt eine Synagoge, worin die Freiheitsampel düster brannte an manchen Orten, an manche aber das Brennen derselben gar nicht erlaubt war. Dort dachte er sich einen Rabbiner, der in dem Buche der Vergangenheit die Schicksale seines Volkes las, es wieder in seiner Herrlichkeit in seinem ersten Vaterlande sehen möchte. Eitle Phantasien des Dichters und seines Rabbiners!
Ja, es wird ein Licht aufgehen, aber es wird von Westen nach Osten, und nicht von Osten nach Westen ziehen.
Im Osten ist die Lampe des geistigen Lebens beinahe schon längst erloschen, und im Westen werde Ich sie wieder anzünden. Von dort wird ein anderes Heer von geistigen Ideen und Wahrheiten über’s weite Meer her Europa’s Gefilde überstrahlen.
Nicht Germanen, nicht Polen, nein! Nur geistig geweckte Menschen werden den großen Reigen eröffnen, und hinunter in das Grab der Vergessenheit muss alles zweideutige Zeug für immer sinken!
Ich führte die Juden durch die Wüste, gab ihnen Brot aus den Himmeln und Wasser aus dem Felsen; Mein geistiges Heer wird den alsdann noch Lebenden auch Brot oder Lebensworte aus den Himmeln und Wasser aus dem sonst anscheinend harten Fels Meiner Lehre geben.
Die Nationalitäten werden verschwinden, und es wird nur geben „Erden- und Himmels-Bürger!“
Wenn das Gedicht etwas Prophetisches enthält, so ist es nur das dunkle Ahnen einer andern größeren, bedeutungsvollen Zeit, die dort dem Gemüte des jugendlichen Studenten schon, von seinem eigenen Geiste zum Ahnen gegeben wurde.
Ja sie kommt bald, diese große, bedeutungsvolle Zeit! Schon wird daran gearbeitet, die Spreu vom Kerne zu trennen. Der jetzige Krieg mit all seinen Gräueln gibt ein kleines Bild davon.
Gesichtet muss die Wüste werden bis zu Meiner Ankunft. Die Ampel, die bis jetzt dunkel in der Synagoge hängt und spärlich Licht verbreitet, sie muss sonnengleich leuchten, ja erleuchten die ganze Synagoge, d.h. die ganze Welt! Tag muss es werden, und auf den mit Blut getränkten Feldern müssen sich die Nationen wieder als Brüder die Hand reichen, dieselben, dir sich jetzt feindlich gegenüber stehen, ohne eigentlich selbst zu wissen „warum!“
Wenn Ich komme, muss Friede sein! Keine hässliche Leidenschaft darf dann das Herz auch nur Eines Menschen verzehren; Brüder-, Nächsten- und Menschen-Liebe, diese herrlichen Tugenden der Dreieinigkeit im menschlichen Herzen, müssen überall ihr sanftes Licht verbreiten! (siehe in Nr. 38 unsrer Sammlung D. Hsg.)
Mit dem Schleier der Vergessenheit muss die Vergangenheit bedeckt werden; überall gleich muss beweint werden der große Irrtum, in den man gefallen ist, den ehrgeizigen Plänen von einigen verirrten Menschen so willenlos in die Hand gearbeitet zu haben.
Ich führte die Juden durchs rote Meer und durch die sandige Wüste, gab ihnen Manna und Wasser, um das Volk nach dem gelobten Lande zu führen, und wollte auch am Ende den ganzen Schlussakt jener Bemühungen mit Meiner eigenen Geburt krönen, damit von diesem Volke nur Ich als Licht und Sonne ausgehe für die ganze zukünftige Welt.
So war die Geburt Jesu’s der Schlussstein der jüdischen Ära. Sie haben geleistet, was von ihnen verlangt war, und der Schlussstein des jüdischen Baues war der Grund- (und Eck-) Stein des geistigen, nie verwelkenden Reiches der Himmel.
Die Juden haben ihre Rolle ausgespielt! Sie traten als auserwählt gewesenes Volk vom Schauplatz der Geschichte ab, um nie wieder als konzentriertes Volk oder Nation zu
erscheinen; sie waren und sind es nie wert gewesen!
Jetzt beginnt die Führung der ganzen lebenden Welt, die Menschen werden durchs rote Meer der blutigen Schlachten, und die sandigen vom Egoismus verwüsteten Gegenden Europas geführt werden. Die Zerstörung wird ihnen nichts lassen, als ihr Gewissen und ihr Herz. (d.h. den göttlichen Funken. D. Hsg.)
Düster wird die Ampel brennen; als rauchende Kerzen senden schon jetzt verbrannte Dörfer und Städte ihre Rauchsäulen gegen die Kuppel der Synagoge; es werden noch mehrere nachfolgen.
Aller Adels-, Geld- und sonstiger Stolz wird erlöschen, und nur der Einzige bleiben: „ein geistig geweckter Mensch zu sein, der Mir und Meiner Worte sanftem Drangen folgend, die Erde oder Welt mit all ihrem falschen Prunk verlassen und sich zum geistigen Lichte wenden wird.
Dann wird die Synagoge von wahren Anbetern gefüllt sein; nicht schale, angelernte Lieder und Gebete werden dort ertönen und in der Kuppel der Synagoge wiederhallen, – nein! – Lieder und Gebete des Herzens, Lieder von dankbaren Kindern gegen ihren einzigen Vater werden emporstreben gegen das große Äthergewölbe des unermesslichen Firmaments, wo Meine ganze Schöpfung aus Millionen Lichtern ihnen entgegen strahlen wird.
Die Ampel Meiner Lehre, von Demut und Liebe, wird einer Sonne gleich das ganze Weltall erleuchten und mitten unter Millionen von jubelnden Heizen werde Ich dann, als einziger Hirt und einziger euch schon längst liebender Vater und Jesus sein!“
Dieses ist der wehmütige Geist der Zukunft, der den Studenten einst beschlich und ihm eine Zukunft der Freiheit zeigte; es war aber nicht der Rabbiner, der in der Synagoge die längst vergangenen Geschichten seines Volkes las und seinen Messias erwartete, der ihn und sein Volk wieder nach Jerusalem führen sollte; es war der große Trieb einer andern, weit größeren Freiheit, die im Herzen des Studenten ihm unbewusst ihn zu düsteren und prophetischen Ergüssen erregte.
Es war der nie verwelkende Geist einer Freiheit aus andern geistigen Sphären, die den Dichter, obwohl nur in den Formen seiner dortigen Denkungsart, ein Gedicht niederschreiben lies, das weit entfernt von den Taten der Germanen und der Polen, der Menschen künftiges Schicksal in die Augen haltend, die Taten, Lehren und Worte eines Vaters im Himmel andeutete, wenn Er wieder kommen wird, um zu befreien Tausende, welche unter dem Drucke der Materie seufzen, und zu binden zur ewigen Ehe, die Ihn, obwohl sie Ihn nicht sahen, doch schon längst geliebt hatten.
Das, Mein lieber Busch, ist der nicht verstandene, prophetische Traum deines Sohnes aus seinen Jugendjahren.
Hier hast du seinen tiefen, ja tiefsten Sinn, wie ihn nur der Geist aus Mir unter hohlen Worten entdecken und auffassen kann! –
Amen!
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