02] Sage Ich (zu Faustus): »Verschaffe dir von den Pharisäern die Schrift Gottes, und lies darin die Psalmen des Königs David; darin wirst du alles das finden! Der Oberste Jairus, mit dem wir noch heute zu tun bekommen werden, wird dir solche Schrift schon verschaffen. Denn vor zwei Tagen haben sie seine Tochter ins Grab gelegt; sie ist ihm gestorben! Er hat seine Sünde gegen Mich tiefst bereut; darum soll ihm denn auch geholfen werden, und er soll nicht verloren sein für das Himmelreich Gottes!«
03] Fragt Faustus: »Herr, was ist das für ein Reich, und wo ist es?«
04] Sage Ich: »Ja, mein lieber Freund, das eigentliche wahre Himmelreich Gottes ist für die wahren Freunde Gottes überall, für die Feinde Gottes aber nirgends; denn für die ist wieder alles Hölle, wohin du nur immer deine Augen und andern Sinne wenden kannst und magst. Unten und oben ist da gleich. Blicke weder zu den Sternen empor – denn sie sind Erden wie diese, die du betrittst – noch senke deine Augen zur Erde hinab, denn sie ist gerichtet wie dein Fleisch, das einmal sterben und verwesen muß! Forsche und suche aber dafür fleißig in deinem Herzen; dort wirst du finden, was du suchst. Denn in eines jeden Menschen Herz ist der lebendige Same gelegt, aus dem dir des ewigen Lebens ewiges Morgenrot erblühen wird.
05] Siehe, der Raum, in dem diese Erde schwebt so wie die große Sonne, der Mond und all die zahllosen Sterne, die für sich nichts als wieder Sonnen und Erden sind, ist unendlich! Mit der Gedanken Schnelligkeit könntest du diese Erde verlassen und in der geradesten Linie in solcher Schnelligkeit forteilen, – und so du Ewigkeiten auf Ewigkeiten also forteiltest, so würdest du nach vielen Ewigkeiten des gedankenschnellen Fortfluges dennoch nimmer irgendeinem Ende nahekommen! Überall jedoch würdest du Schöpfungen von der seltensten und wunderbarsten Art und Weise treffen, die allenthalben den endlosen Raum erfüllen und beleben.
06] Durch dein Herz wirst du nach dem Tode deines Leibes hinaustreten in den endlosen Gottesraum, und nach der Art deines Herzens wirst du ihn entweder als Himmel oder als Hölle antreffen!
07] Denn es gibt nirgends einen eigens geschaffenen Himmel, noch irgendeine eigens geschaffene Hölle, sondern alles das kommt aus dem Herzen des Menschen; und so bereitet sich ein jeder Mensch im Herzen, je nachdem er Gutes tut oder Böses, entweder den Himmel oder die Hölle, und wie er glaubt, will und handelt, also wird er auch seines Glaubens leben, aus dem heraus sein Wille genährt ward und ins Handeln überging.
08] Jeder aber prüfe die Neigungen seines Herzens, und er wird leicht erfahren, wessen Geistes sein Herz voll ist. Ziehen seine Neigungen das Herz und dessen Liebe zur Welt hinaus, und fühlt er in sich eine Sehnsucht, in der Welt etwas Großes und Angesehenes zu werden, – hat das hochmütig werden wollende Herz ein Mißbehagen an der armen Menschheit, und fühlt es den Trieb in sich, daß es herrschen möchte über die andern, ohne zum Herrschen von Gott erwählt und gesalbt zu sein, so liegt im Herzen schon der Same der Hölle, der, so er nicht bekämpft und erstickt wird, dem Menschen nach dem Tode des Leibes offenbarst nichts denn die Hölle bereitet.
09] Ist aber das Herz des Menschen voll Demut, und fühlt er sich glücklich, der Geringste unter den Menschen zu sein, allen zu dienen, seiner selbst der Liebe zu den Brüdern und Schwestern wegen gar nicht zu achten, dem Vorgesetzten willig zu gehorchen in allen guten, den Brüdern so wie so nützenden Dingen, und liebt er also Gott über alles, dann erwächst im Herzen der himmlische Same zu einem wahren, ewig lebendigen Himmel, und der Mensch, der also schon den gesamten Himmel in der Fülle in seinem Herzen birgt voll des wahren Glaubens, der reinsten Hoffnung und Liebe, der kann nach dem Tode des Leibes denn auch unmöglich irgendwo anders hinkommen als ins Himmelreich Gottes, das er in aller Fülle schon lange im Herzen trug! – Wenn du solches recht erwägst, so wirst du leicht begreifen, was es so ganz eigentlich mit dem Himmelreich sowie mit der Hölle für eine Bewandtnis hat.«
10] Sagt Faustus: »Liebster, höchst weiser Herr, Meister und Freund! Wahrlich, Deine Worte klangen höchst weise wohl; aber ich konnte sie diesmal nicht in aller Tiefe erfassen! Wie da gewisserart Himmel und Hölle auf einem Flecke beisammensein können, so daß eins das andere offenbarst durchdringen müßte, das ist für mich noch sehr materiell denkenden Menschen eine Sache der Unmöglichkeit! Wie aber am Ende aus meinem Herzen eine unendliche glückliche oder unglückliche Unendlichkeit erblühen solle, ist mir noch unbegreiflicher als alles andere! Daher muß ich Dich schon bitten, daß Du mir darüber noch eine faßlichere Erläuterung geben wollest; denn sonst gehe ich bei allem Lichte am hellsten Mittage des Geistes blind von hier nach Hause!«
01] Sage Ich: »So habe denn wohl acht; denn es liegt Mir daran, daß du sehend nach Hause ziehest!
02] Siehe, in einem Hause wohnen zwei Menschen. Der eine ist mit allem zufrieden, was er im Schweiße seines Angesichtes unter dem Segen Gottes dem Erdboden entlockt. Zufrieden und heiter genießt er den spärlichen Ertrag seines Fleißes, und seine größte Freude ist es, mit den noch ärmeren Brüdern seinen mühsam erworbenen Vorrat zu teilen. So ein Hungriger zu ihm kommt, da hat er eine Freude, ihn sättigen zu können, und fragt ihn nie mit ärgerlichem Gemüte um den Grund seiner Armut und verbietet ihm nicht, daß er wiederkommen dürfe, so es ihn etwa wieder hungern sollte.
03] Er murret nicht über irdische Staatseinrichtungen und sagt, so ihm irgendeine Steuer abgenommen wird, allzeit mit Hiob: >Herr! Du hast es mir gegeben; Dein ist alles! Was Du gabst, kannst Du allzeit wieder nehmen; Dein allzeit allein heiliger Wille geschehe!<
04] Kurz, diesen Menschen kann nichts in seiner Heiterkeit sowohl als auch in seiner Liebe und in seinem Vertrauen zu Gott, sowie daraus in der Liebe zu seinen irdischen Brüdern, stören; Zorn, Neid, Hader, Haß und Hochmut sind für ihn fremde Begriffe.
05] Aber sein Bruder ist dafür der unzufriedenste Mensch. Er glaubt an keinen Gott und sagt: >Gott ist ein leerer Begriff, durch den die Menschen den höchsten Grad der diesirdischen Helden bezeichnen. In der Dürftigkeit kann nur ein dümmster Mensch glücklich sein, gleichwie auch die vernunft- und verstandlosen Tiere glücklich sind, wenn sie nur das spärlich erhalten, was ihr stummer und stumpfer Naturtrieb verlangt. Ein Mensch aber, der sich mit seinem Verstande weit übers Tierische emporgehoben hat, der muß sich nicht mehr mit der gemeinen Schweinskost begnügen, muß nicht mit den eigenen, zu etwas Besserem bestimmten Händen in der Erde herumwühlen – was sich nur für Tiere und Sklaven geziemt -, sondern man muß das Schwert ergreifen, sich zum mächtigen Feldherrn emporschwingen und durch Triumphpforten in die großen Weltstädte einziehen, die man erobert hat. Die Erde muß erbeben unter den Huftritten des Rosses, das von Gold und Edelsteinen strotzend stolz den Herrn der mächtigen Heerscharen trägt.
06] Mit solchen Gesinnungen verwünscht dann ein solcher Mensch sein ärmliches Sein, verflucht die Armut in seinem Herzen und sinnt auf Mittel, wie er sich große Schätze und Reichtümer verschafft, um mit ihrer Hilfe seine herrschsüchtigen Ideen zu realisieren.
07] Seinen zufriedenen Bruder verachtet er, und jeder noch Ärmere ist ihm ein Greuel. Von der Barmherzigkeit ist bei ihm gar keine Spur; bei ihm gilt sie als lächerliche Eigenschaft feiger Sklaven und der Gesellschaftsaffen. Dem Menschen gezieme nur Großmut, – aber diese so selten wie möglich! Kommt ein Armer zu ihm, so fährt er ihn an mit allerlei Scheltworten und sagt: >Weiche von mir, du faule Bestie, du gefräßiges Ungeheuer mit der zerlumpten Larve eines Menschen! Arbeite, Tier, so du einen Fraß haben willst! Gehe zum ungeratenen Bruder meines Leibes, aber nimmer meines erhabenen Geistes; dieser, als selbst ein gemeines Lasttier, arbeitet für seinesgleichen und ist barmherzig wie ein Gesellschaftsaffe! Ich bin nur großmütig – und schenke dir diesmal noch dein gemeinstes Erdwurmleben.<
08] Siehe nun, diese beiden Brüder, Kinder eines Vaters und einer Mutter, leben in einem Hause beisammen. Der erste ist ein Engel, der zweite nahe ein vollendeter Teufel. Dem ersten ist die ärmliche Hütte ein Himmel, dem zweiten dieselbe Hütte ohne irgendeine Veränderung eine allerbarste Hölle voll der bittersten Qual. Siehst du nun, wie Himmel und Hölle auf einem Flecke beisammen sein können?!
09] Freilich wirst du dir denken: >Nun, was ist es denn? Man lasse den Herrschsüchtigen einen Thron erreichen, und er wird ganz tauglich sein, Völker zu schützen und zu schlagen die Feinde!< O ja, das könnte wohl möglich sein! Aber wo liegt der Maßstab, der ihm vorschriebe, wieweit er seine herrschsüchtigen Pläne verfolgen solle? Was wird er mit den Menschen machen, die sich nicht in aller Tiefe werden beugen wollen vor ihm? – Siehe, die wird er martern lassen auf die möglichst qualvollste Weise, und es wird ihm an einem Menschenleben ebensowenig gelegen sein wie an einem zertretenen Grashalm! – Was ist aber dann ein solcher Mensch? – Siehe, das ist ein Satan!
10] Es müssen wohl Herrscher und auch Feldherren sein; aber verstehe, diese müssen von Gott dazu erwählt und berufen sein und für die Folge Abstämmlinge von altgesalbten Königen sein. Diese sind dann berufen; aber wehe jedem andern, der seine arme Hütte verläßt und hineilet, sich durch allerlei Mittel den Herrscherstab zu erringen! Wahrlich, es wäre für ihn besser, nie geboren worden zu sein!
11] Ich will dir aber noch ein Bild vom Himmelreiche Gottes geben: Es gleichet völlig einem guten Erdreich, auf dem ebensogut die edelsten Trauben fest neben den Dorngesträuchen und Disteln wachsen und reif werden, und doch haben sie ein und dasselbe gute Erdreich! Der Unterschied liegt nur in der Verwendung desselben: die Rebe verkehrt es in Gutes, der Dornstrauch und die Distelstaude aber in Arges, Nutzloses und für keinen Menschen Genießbares.
12] Also fließet auch der Himmel ein in den Teufel wie in die Engel Gottes; aber jeder von den beiden verwendet ihn anders! –
13] Also ist der Himmel auch noch gleich einem Fruchtbaume, der ein gutes, süßes Obst trägt. Als aber unter seine reichgesegneten Äste Leute kommen, die solche Frucht genießen wollen, da sind etliche nüchtern; diese genießen mit Dank nur soviel, als es ihr Bedürfnis verlangt. Andere aber, da ihnen die Frucht wohlschmeckt, wollen nichts am Baume zurücklassen, sondern verzehren es aus Neid, daß nicht die Genügsamen noch einmal etwas fänden, und essen so lange, bis der letzte Apfel verzehrt ist. Diese aber werden darauf krank und müssen sterben, während sich die Genügsamen vom mäßigen Genusse der Früchte des Baumes sehr wohl und gestärkt fühlen! Und doch haben beide Parteien vom selben Baume gegessen!
14] Also ist der Himmel auch gleich einem guten Weine, der den Mäßigen stärkt, den Unmäßigen aber zugrunde richtet und tötet; und so wird ein und derselbe Wein für den einen ein Himmel und für den andern die barste Hölle, – und doch wird er von einem und demselben Schlauche genommen! –
15] Sage Mir, Freund, ob du nun verstehest, was da ist der Himmel und was die Hölle!«
Großes Evangelium Johannes, Band 2, Kap.8, 2-10, Kap.9, 1-15
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Gleichnis über Himmel und Hölle im Menschenherzen
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