218. Kapitel – Alles hat seine gottgewollte Zeit und Ordnung. Zeit und Ewigkeit. Vom eitlen
Forschen in göttlichen Tiefen und von der kindlichen Einfalt als Weg zur wahren Weisheit.
29. Mai 1844
[218,01] Es bemerkte aber das Kindlein dem Cyrenius, da dieser anfing sich in weitere
Forschungen einzulassen:
[218,02] „Cyrenius, du forschest umsonst weiter und möchtest sogleich die ganze Hand
haben, wo Ich dir einen Finger gezeigt habe!
[218,03] Siehe, das geht nicht an; denn alles braucht seine Zeit und seine feste
unwandelbare Ordnung!
[218,04] Wenn du einen Baum blühen siehst, da möchtest du freilich auch schon die
reife Frucht haben.
[218,05] Aber siehe, das geht nicht; denn ein jeglicher Baum hat seine Zeit und seine
Ordnung!
[218,06] Die Zeit und die Ordnung aber ist aus Mir von Ewigkeit, und so kann Ich nicht
wider Mich ziehen;
[218,07] daher kann auch von der Zeit und von der Ordnung nichts vergeben werden!
[218,08] Ich liebe dich wohl mit aller Fülle Meiner göttlichen Kraft; aber darum kann
Ich dir doch keine Minute von der flüchtigen Zeit schenken;
[218,09] denn diese muß fortfließen wie ein Strom und ist unaufhaltsam und hat keine
Ruhe eher, als bis sie die großen Ufer der unwandelbaren Ewigkeit erreicht hat!
[218,10] Daher ist dein weiteres Forschen in Meine Tiefen etwas eitel.
[218,11] Denn du wirst auf solchem Wege Meinen Tiefen dennoch nicht eher um ein
Haar näherkommen, als bis es an der Zeit sein wird!
[218,12] Darum lasse ab von derlei Forschungen, und mühe deinen Geist nicht
vergeblich ab; denn zur rechten Zeit solle dir alles frei aus Mir werden!
[218,13] Du möchtest nun in der Tiefe begreifen, warum da die Mitte ist, da Ich bin?!
[218,14] Ich sage dir aber: Solches kannst du nun noch nicht begreifen; darum sollst du
vorerst glauben und im Glauben die wahre Demut deines Geistes erweisen.
[218,15] Wird dein Geist erst durch die wahre Demut die rechte Tiefe in sich erreicht
haben, dann wirst du auch aus dieser Tiefe in Meine Tiefen helle Blicke tun können.
[218,16] Wenn du aber forschend deinen Geist erheben wirst, dann wird dieser seine
lebendige Tiefe stets mehr und mehr verlassen, und du wirst dich dadurch von Meinen Tiefen
entfernen und dich ihnen nicht nahen!
[218,17] Ja – Ich sage dir noch hinzu: Von nun an solle alle tiefe Weisheit vor den
Weisen der Welt verborgen bleiben;
[218,18] aber den Einfältigen, den schwachen Kindern und Waisen solle sie ins Herz
gelegt werden!
[218,19] Darum werde du ein Kind in deinem Gemüte, und es wird dann die rechte Zeit
für dich sein, die rechte Weisheit zu überkommen!“
[218,20] Der Cyrenius staunte ganz gewaltig über diese Lehre und fragte dann das
Kindlein, sagend nämlich:
[218,21] „Ja – wenn also, da darf dann ja kein Mensch mehr die Schrift lesen lernen
und eine Schrift selbst schreiben!?
[218,22] Denn so Du das alles dem Würdigen frei gibst, wozu dann das mühsame
Lernen?“
[218,23] Und das Kindlein sprach: „Durch ein rechtes und demütiges Lernen wird der
Acker für die Weisheit gedüngt, und das ist auch in Meiner Ordnung.
[218,24] Aber du mußt das Lernen nicht als den Zweck oder für die Weisheit selbst
ansehen, sondern nur als ein Mittel!
[218,25] Wann aber der Acker gedüngt sein wird, dann werde schon Ich den Samen
streuen, woraus dann erst die rechte Weisheit hervorsprossen wird! Verstehest du solches?“ –
Hier schwieg Cyrenius und forschte nicht mehr weiter. – –
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