230. Kapitel – Fortsetzung der kindlichen Tischszene. Maria ist nur aus großer Liebe zu Mir
schlimm!
13. Juni 1844
[230,01] Als das Kindlein angezogen war, da fragte Es der Cyrenius wieder, ob Es
nicht etwa noch ein gutes Stückchen vom Fische genießen möchte.
[230,02] Das Kindlein aber sprach in Seiner Weise: „Ein kleines Stückchen möchte Ich
freilich noch;
[230,03] aber Ich getraue es Mir nicht zu nehmen, weil Mich da die Mutter gleich
wieder auszanken möchte!“
[230,04] Und der Cyrenius sprach: „O Du mein endlos allergeliebtestes Kindlein!
Wenn ich es Dir darreiche, da wird die Mutter nichts sagen!“
[230,05] Das Kindlein aber sprach ganz naiv zum Cyrenius: „Ja, solange du da bist, da
wird sie freilich wohl nichts sagen;
[230,06] aber wenn du fort sein wirst, da kriege Ich’s dann doppelt.
[230,07] O du glaubst es nicht, wie schlimm Meine Mutter sein kann, wenn Ich etwas
täte, was sie nicht will!“
[230,08] Der Cyrenius lächelte darob und sagte dann zum Kindlein: „Was meinst Du
denn, so ich darob Deine etwas schlimme Mutter auszanken möchte, würde das sie nicht
nachsichtiger machen gegen Dich?“
[230,09] Und das Kindlein sprach: „Ich bitte dich, tue du nur das nicht; denn dann
bekäme Ich erst einen Ausputzer, der seinesgleichen nicht hätte, so du fort wärest!“
[230,10] Hier fragte der Cyrenius das Kindlein weiter und sprach:
[230,11] „O Du mein Leben, Du mein himmlischstes Kindlein! – Wenn aber Deine
Mutter so schlimm ist, wie kannst Du sie dann aber dennoch so überaus liebhaben?“
[230,12] Und das Kindlein antwortete: „Weil sie aus großer Liebe zu Mir schlimm ist;
denn sie hat stets die größte Furcht, daß Mir irgend etwas Übles geschehen möchte.
[230,13] Und siehe, darum muß Ich sie ja dann auch recht liebhaben! Ist sie auch
manchmal ohne Grund schlimm, so meint sie’s aber dennoch gut, und darum verdient sie ja
auch Meine Liebe!
[230,14] Siehe, ebendarum würde sie nun auch schlimm sein, so Ich nun noch ein
Stückchen Fisch äße, weil sie meint, es könnte Mir schaden.
[230,15] Es würde Mir freilich wohl nicht schaden; aber Ich will nun Selbst nicht gegen
die sorglich gute Meinung Meiner Mutter eine Sünde begehen.
[230,16] Oh – Ich kann Mich schon auch verleugnen und kann das Gebot Meiner
Mutter halten, wenn es gerade sein muß;
[230,17] aber wenn es gerade nicht sein muß, da kann Ich auch tun, was Ich will.
[230,18] Und da mache Ich Mir dann nichts daraus, wenn auch die Mutter ein wenig
zankt.
[230,19] Also aber muß es auch jetzt gerade nicht sein, daß Ich noch ein Stückchen
Fisch essen solle; darum will Ich Mich auch verleugnen, damit dann die Mutter Mir nichts
anhaben solle, wenn du fort sein wirst.“
[230,20] Hier fragte der Cyrenius wieder das Kindlein und sprach in aller Liebe:
[230,21] „Ja, Du mein Leben! – wenn Du aber schon einen solchen Respekt vor Deiner
irdischen Mutter hast, warum hast Du Dich denn eher von ihr nicht anziehen lassen?
[230,22] Wird sie darob nicht zanken mit Dir, wenn ich fort sein werde?“
[230,23] Und das Kindlein sprach: „Das sicher; aber daraus werde Ich Mir eben nicht
viel machen!
[230,24] Denn Ich habe es dir ja schon zuvor gesagt, daß Ich manchmal tue, was Ich
will, und frage nicht, ob’s Meiner Mutter recht ist oder nicht.
[230,25] Aber darum kann dann Meine Mutter noch zanken mit Mir, weil sie dabei eine
gute Meinung und einen guten Willen hat.“
[230,26] Hier lächelte die Maria und sagte scherzweise: „Na, warte Du nur, so wir
allein sein werden,
[230,27] da werde ich Dich schon wieder recht auszanken, weil Du mich jetzt beim
Cyrenius so verklagt hast!“
[230,28] Und das Kindlein lächelte und sprach: „Oh – das ist nicht dein Ernst! Ich sehe
es dir recht gut an, wenn du so recht ernst schlimm bist, – denn da siehst du ganz rot aus im
Gesichte; jetzt aber bist du schön weiß, wie Ich, und da bist du nie schlimm.“
[230,29] Über diese Bemerkung lachten alle, und das Kindlein lächelte auch mit. Maria
aber nahm aus Inbrunst das Kindlein und herzete Es über alle Maßen.
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