259. Kapitel – Liebliche Abendszene auf dem Söller der Salome. Cornelius entdeckt die
kleine Karawane.
20. Juli 1844
[259,01] Wo aber nahm Joseph die Wohnung in Nazareth? – Wo stieg er ab, und wo
ging er ein?
[259,02] Es ist in den ersten Kapiteln, da von der Abreise Josephs nach Ägypten von
Bethlehem weg die Rede war, gesagt worden, wie Joseph die reiche Salome in Bethlehem
ersucht hatte, daß sie für ihn seinen Meierhof bei Nazareth pachten möchte.
[259,03] Hat das Salome getan? – Ja – sie tat es nicht nur, was Joseph gewünscht,
sondern sie hat den Meierhof förmlich an sich gekauft, und zwar in der doppelten Absicht:
[259,04] Diesen Hof, falls Joseph oder ein Kind von ihm je wieder zurückkäme, ihnen
vollkommen zu eigen einzuhändigen;
[259,05] gegenfalls aber diesen für sie so hochgeheiligten Hof für sich zum Andenken
an die erhabenste Familie zu behalten.
[259,06] Sie hielt diesen Hof für so ein Heiligtum, daß sie sich selbst nicht getraute,
darinnen zu wohnen; noch weniger nahm sie Mietsleute hinein.
[259,07] Auf daß sie aber dennoch in der Nähe dieser Besitzung leben konnte, kaufte
sie einen nachbarlichen Acker hinzu und erbaute da ein recht nettes Häuschen und wohnte im
selben mit ihrer Dienerschaft und wurde allda auch öfter von Cornelius besucht.
[259,08] Und es traf sich gerade, daß der Cornelius an diesem Tage auf dem Rückweg
von einem Amtsgeschäfte bei der Salome einsprach, da Joseph wieder nach Nazareth
zurückkam.
[259,09] Es war ein herrlicher Abend, der Mond war voll, und kein Wölkchen trübte
irgend einen Stern am Himmel.
[259,10] Dieser schöne Abend zog die Salome mit dem Cornelius auf den Söller ihres
netten Häuschens, das da ziemlich nahe an der Hauptstraße lag und den Hof Josephs gerade
gegen Morgen vor sich in einer Entfernung von etwa siebzig Klaftern hatte.
[259,11] Beide blickten oft nach der einstmaligen Behausung der erhabenen Familie,
und der Cornelius sprach öfter zur Salome:
[259,12] „Ich sehe die Erscheinung in Bethlehem noch stets lebendig vor mir, wie in
einem schönsten, erhabensten Traume, und dieser Hof erinnert mich nun fortwährend daran.
[259,13] Es war aber auch die Erscheinung in Bethlehem von einer solchen
wundervollsten Erhabenheit, daß sie mir stets unerklärlicher wird, je mehr ich daran denke!“
[259,14] Und die Salome sprach dagegen: „Ja – Freund Cornelius! – Auch ich kann es
nicht fassen, wie ich bei der Größe jenes Ereignisses noch am Leben habe verbleiben können!
[259,15] Aber das ist zwischen mir und dir noch der Unterschied, daß ich nun, wie du
es weißt, mir nicht helfen kann, und muß das Kind in meinem Herzen allzeit anbeten;
[259,16] während du die ganze Sache mehr als eine allererhabenste Geschichte
betrachtest.
[259,17] Ich habe mir daher auch schon öfter so im Geiste vorgestellt: Wenn diese
Familie je wieder hierherkäme, da könnte ich vor Seligkeit nicht leben!
[259,18] Wenn sie so drüben wohnete im Hofe – o Gott! – was wäre doch das für ein
Gefühl für mich!
[259,19] Wahrlich, alle Himmel der Himmel wären dann auf diesem Söller vereint
beisammen!“
[259,20] Und der Cornelius sprach: „Ja, du hast recht, das wäre auch für mich das
Erhabenste!
[259,21] Was täten wir aber nun, wenn – ich setze den Fall, diese erhabenste
Götterfamilie daherzöge, und wir erkenneten sie schon von der Ferne?!“
[259,22] Und die Salome sprach: „O Freund! – Rede nicht davon, – das würde mich
töten vor Wonne!“
[259,23] Als die beiden in dieser Weise sich gottwohlgefälligst auf dem Söller
unterhielten, und es also auch schon ziemlich spät geworden war,
[259,24] da bemerkte der Cornelius in einer Ferne von etwa zweihundert Klaftern einen
Zug, wie eine kleine Karawane, und sprach zur Salome:
[259,25] „Da sieh einmal hin, noch spät in der Nacht eine Wanderung! – Sind es
Griechen oder Juden?
[259,26] Salome, was tätest denn du nun, wenn das eben die erhabenste Familie
wäre?!“
[259,27] Und die Salome erschrak förmlich und sprach: „Aber ich bitte dich, rede nicht
immer davon und erwecke nicht stets von neuem in mir neue Wünsche, die nicht erfüllt
werden können!
[259,28] Was würdest denn in einer solchen Seligkeit aller Seligkeiten du tun?“
[259,29] Und der Cornelius sprach: „Wahrlich, da ginge es auch mir schlecht! – Doch
siehe, die Karawane macht halt, und ich sehe einen Menschen von ihr gerade auf uns zueilen!
– Komm, laß uns sehen, wer es ist!?“
[259,30] Und sie gingen dem Menschen entgegen. Der Mensch aber war ein Sohn
Josephs und ging mit einem Kruge, ein Wasser zu holen bei dem Hause.
[259,31] Die beiden aber erkannten ihn nicht; denn also wollte es der Herr, um des
Heiles der beiden willen.
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