286. Kapitel – Des lügnerischen Dorfrichters falsches Urteil über Jesu. Josephs furchtlose
Entgegnung. Die falschen Zeugen. Joseph gibt der Menschen wegen Jesus einen Verweis.
„Joseph, die Worte, die du jetzt geredet hast, sind nicht aus Mir, sondern aus dir!“ Des ewigen
Richters Urteil. Der bestochene Richter im Augenblick blind. Das Kind zu dem sich
ereifernden Joseph: „Warum willst du Mich betrüben, da Ich dein bin!?“
22. August 1844
[286,01] Als aber Joseph am nächsten Tage wieder mit seinen vier Söhnen ins Dorf zur
Arbeit kam und das Kindlein mit ihm,
[286,02] da kam ein Dorfrichter zu ihm und sprach:
[286,03] „Höre, du Zimmermann! – Das ist nicht löblich, daß du dein Knäblein immer
mitziehest;
[286,04] denn fürs erste hat es eine giftige Ausdünstung, und die Kinder, die es anrührt,
werden fürs zweite bald krank,
[286,05] oder sie sterben bald, oder sie werden blind oder taub!“
[286,06] Als Joseph solche Lüge vernahm, da legte er die Axt beiseite und sprach zum
Richter:
[286,07] „Bringe her die Zeugen, die solches Übel erlitten durch meinen höchst
unschuldigen Knaben Jesus,
[286,08] und ich will mit ihnen in den Tempel ziehen und mit ihnen die Sache vor dem
Hohenpriester Gottes abmachen!“
[286,09] Es war aber dieser Richter bestochen von dem Vater des verdorrten Knaben
[286,10] und suchte daher ein Mittel, den Knaben Josephs soviel nur möglich zu
verdächtigen.
[286,11] Der Richter aber ging auf diese Rede Josephs hinweg und brachte in kurzer
Zeit eine Menge ganz entsetzlich bresthafter Kinder im Dorfe zusammen und führte sie hin
zum Joseph.
[286,12] Und als er hier ankam, da sprach er zu ihm: „Da siehe einmal her, das
verdanken wir alles deinem giftigen Kinde!
[286,13] Siehe, diese Kinder haben öfter dein Kind besucht und haben mit ihm gespielt;
[286,14] und siehe, das sind die herrlichen Früchte davon! – Verschone daher unser
Dorf, und behalte gleichwohl deine Pest zu Hause!“
[286,15] Als Joseph solches vom Richter vernommen hatte, da ward er ärgerlich, nahm
das Kindlein zur Seite, redete Ihm wie ins Gewissen und sprach:
[286,16] „Wozu doch verübst Du solche Dinge? – Siehe, diese leiden ja darunter und
hassen und verfolgen uns darum!“
[286,17] Das Kindlein aber sprach dagegen zum Joseph: „Die Worte, die du jetzt
geredet hast, sind nicht aus Mir, sondern aus dir;
[286,18] denn du hast nun geredet die Worte des Richters, der ein Lügner ist, und nicht
Meine Worte, die ewig wahr sind!
[286,19] Ich aber will dennoch schweigen dir gegenüber und will dir keine Rüge geben
ob deiner Leihrede;
[286,20] aber dieser bestochene Richter mag solcher seiner Anklage wegen seine
gerechte Züchtigung hinnehmen!“
[286,21] Und sobald ward der Richter stockblind. – Alle aber, die mit dem Richter
waren, entsetzten sich gar gewaltigst ob solcher Tat.
[286,22] Mehrere darunter wurden völlig verwirrt und schrien:
[286,23] „Laßt uns nur eiligst von dannen fliehen! Denn ein jedes Wort aus dem Munde
dieses Kindes ist eine vollbrachte Tat!“
[286,24] Da aber nun Joseph auch sah, daß der Richter blind ward und ihm darum
sicher viele Plackereien machen werde,
[286,25] da ereiferte er sich selbst über das Kindlein, nahm Es ein wenig beim
Ohrläppchen und zupfte Es, um Es dadurch zu züchtigen der Menschen willen.
[286,26] Das Kindlein aber ward dadurch erregt und sprach ganz ernstlich zum Joseph:
[286,27] „Es sei dir genug, daß sie suchen und dennoch nicht finden, das sie suchen!
[286,28] Du aber hast diesmal nicht weise gehandelt! – Weißt du denn nicht, daß Ich
dein bin!?
[286,29] Warum aber willst du Mich betrüben, da Ich dein bin?! – O betrübe Mich
hinfort nicht mehr, da Ich dein bin!“ –
[286,30] Joseph aber ersah bald seinen Fehler, nahm das Kindlein und herzete Es. –
Alle Umstehenden aber verliefen sich bald aus übergroßer Furcht vor dem Kinde.
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