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9. Gefangennahme einer Räuberbande


(Überfallene Räuberbande, welche die Beraubten zwang, das Geraubte in ihr Räubernest zu tragen. Gegenseitige Rechtserklärungen. Bitte der Beraubten um ihre Errettung; dem entgegen pochen die Räuber auf die unbeschränkte Freiheit im Geisterreiche. Treffende Antwort Luthers darauf, dass sie selbst die Gewalt vor das Recht stellen. Frage Luthers nach ihrem Räubernest, um es zu zerstören, und die ängstlichen und ausweichenden, lügenhaften Antworten der Räuber.)

Nach einer kurzen Reise kamen sie in eine sehr traurig aussehende Gegend, wo sie der Engel Halt zu machen hieß. Nachdem sie eine Zeit lang warteten, sagte ihnen der Engel: „Jetzt gehen wir tiefer ins Land hinein, denn hier sind wir noch an der Grenze. Die Gelegenheit Gutes zu tun aber wird sich im Lande selbst bieten, denn ein armes kahles Land hat auch arme Bewohner, welche jede Hilfe hocherfreut und dankbar annehmen. Da wird sich also die Gelegenheit euch allen bieten, hilfreich einzugreifen und zu helfen.“

Die Worte des Engels erfreuten alle und sie schauten nun neugierig vor sich hin, wo sich ihnen die Gelegenheit bieten werde, die Werke der Liebesbetätigung am Nächsten zu üben. Nach einem Marsche von zwei Stunden kamen sie tiefer in diese unwirtliche Landschaft und spähten neugierig nach allen Seiten, wo es etwas geben werde, dass sie eingreifen könnten. Doch es zeigte sich lange nichts; endlich hörten sie klagende und weinende Stimmen von weitem her kommen. Jetzt waren sie alle gespannt auf die ankommenden Ereignisse. Der Engel hieß sie niederlegen und still verharren, bis er sie aufstehen und helfen heißen werde. Alle legten sich nieder und lauschten mäuschenstill auf die Ereignisse, die da kommen sollten. Das Geheul und das Weinen wurde nun immer stärker und kam näher, endlich sagte der Engel: „Es sind Räuber, welche die Bewohner einer jenseitigen Landschaft angefallen, überwältigt und ihr Hab und Gut geraubt haben. Jetzt treiben sie dieselben vor sich her, damit sie ihnen das Geraubte tragen in ihre Gegend. Nun ist es eure Aufgabe, diese Räuber mit aller Gewalt anzufallen, sie zu überwältigen und ihnen die Beute wegzunehmen und somit auch die Menschen zu befreien, welche sie vor sich hertreiben. Noch eine kurze Zeit und ich werde euch das Zeichen geben zum Angriff.“

Nach einigen Minuten sagte der Engel: „Auf Brüder, greifet an die Hinteren, denn diese sind die Räuber, welche nichts tragen.“ In diesem Augenblick stand wie aus dem Grabe hervorgezaubert eine mächtige Gesellschaft vor den Räubern, welche wie starr vor Schrecken dastanden und nicht wussten, was sie gegen so viele anfangen sollten. Unsere Gesellschaft, selbstverständlich die Männer, traten wie Gewalthabende auf die Räuber zu und fragten sie barsch: „Was gibt’s da? Was haben euch diese getan, dass ihr sie wie Gefangene vor euch hertreibt? Was tragen die Gefangenen auf ihren Rücken?“

Die Räuber sagten: „Das sind unsere Diener und müssen tun, was wir ihnen befehlen.“ – „So,“ sagte die Gesellschaft, „das sind eure Diener? Und diese weinen und klagen über das Unrecht, welches ihnen widerfahren ist. Wir werden bald sehen, wie sich die Sache verhält.“ Darauf lief einer zu den Tragenden und hieß sie stehenbleiben. Weil diese auch arme Sünder waren, so hatten sie auch zu wenig geistigen Lichtes gehabt, um beim Vorübergehen die lagernde Gesellschaft zu sehen. Daher erschraken sie auch und fragten, was es da gebe, da sie hinter sich streiten und schreien hörten. Der Bote aber befahl ihnen umzukehren und zurückzugehen, damit die Wahrheit an den Tag komme. Die Tragenden kehrten um und gingen zu ihren Treibern, wo sie die Gesellschaft empfing und sagte, sie sollten die Wahrheit reden von dem, was da vorging, damit sie wüsste darnach zu handeln.

Die Gefangenen erzählten nun die ganze Geschichte, die ihnen widerfahren und baten um Hilfe gegen die Räuber ihrer Habe und Bedrücker ihrer körperlichen Freiheit. „Ah, solche Diener sind das! Ihr seid also Räuber, ein loses und böses Gesindel! Gut, es soll euch das Recht der Räuber geschehen. Wie ihr anderen tut, so werden wir euch tun, ihr Raubvögel! Ihr kommt nicht mehr aus unseren Händen.“

Darauf antwortete der Anführer: „Wir waren auf der Erde Räuber und Diebe, dort hat man uns verfolgt und verschiedenartig unschädlich gemacht. Hier in der Geisterwelt haben wir uns wieder zusammengefunden und betrieben bis jetzt unser Räuberhandwerk unangefochten weiter. Was wollt ihr von uns? Wer hat euch uns zu Schergen aufgestellt? Wer ist euer Gesetzgeber und Herr? Wir kennen hier niemanden, der ein Recht über uns hätte, denn hier lebt jeder, wie ihm beliebt und so auch wir. Was wollt ihr also von uns? Wir sind freie Bürger des Geisterreichs und lassen uns keine eigenmächtigen Gesetze von Menschen aufdrängen. Wir sind und bleiben Diebe und Räuber und ihr bleibet, was ihr seid. Lasset uns in Ruhe, wie wir auch euch in Ruhe lassen.“

Auf diese kecke Antwort des Anführers sagte Martin Luther: „O ja, es ist leicht, so zu sprechen, weil ihr sehet, dass wir in großer Überzahl sind. Warum habt ihr nicht zu diesen Armen so gesprochen und sie in Ruhe gelassen?! Eure Friedensliebe zeigt sich nur uns, nicht aber diesen Armen gegenüber, die ihr überfallen, beraubt und zu Gefangenen gemacht habt. Wartet ein wenig, wir werden euch gleich Recht schaffen nach eurer Gerechtigkeit. Einstweilen seid ihr unsere Gefangenen und diese unsere Befreiten, die ihr zu Gefangenen gemacht habt. Doch wartet, wir sind noch nicht fertig. Wo wohnt ihr, seid ihr noch mehrere, habt ihr noch andere Gefangene zu Hause?“

Diese Frage kam den Räubern unverhofft. Daher schauten sie einer den anderen mit ängstlichen Blicken an und schwiegen. Nun trat Martin Luther vor den Anführer und sagte: „Ihr seid unsere Gefangenen und wir sind daran, euer Räubernest aufzusuchen und zu zerstören; daher saget uns, wo ihr her seid?“

Auf diese Worte Martin Luthers entgegnete der Anführer: „Wir sind viele und wehe euch, wenn ihr uns nicht los und unbehelligt nach Hause ziehen lasset. Es werden unsere Brüder kommen und sich rächen an euch, denn sie sind zahlreich und mächtig. Daher kann ich euch unser Nest, wie du sagst, nicht nennen noch zeigen.“ – „Schon gut, mein Lieber“, erwiderte Martin Luther, „ich sage dir, dass wir uns vor deiner Drohung nicht fürchten, sondern dass wir nach unserem Gutfinden handeln werden.“

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