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12. Räuberbehandlung – Engelsgebet vor der Mahlzeit

(Martin Luther nimmt die Räuber als Brüder unter der Bedingung auf, dass sie nach göttlichen Geboten leben sollen. Gebet des Engels vor der Mahlzeit. Aufgang einer hellstrahlenden Glühkugel. Bewirtung der zu Brüdern aufgenommenen Räuber und Gefangenen.)

Nach dieser zutreffenden Antwort der Räuber sagte Martin Luther zu ihnen: „Nicht als Räuber und Verbrecher wollen wir euch ansehen und behandeln, sondern als Menschen und Brüder. Aber es bedarf einer gewissen Vorsicht bei allem und so auch bei diesem Eingehen auf euren Wunsch. Ihr müsset euch so betragen, dass wir daraus entnehmen, dass ihr einer brüderlichen Behandlung wert seid. Und wenn wir euch als Brüder in unserer Gesellschaft betrachten, so müsset ihr dasselbe tun und glauben, was wir tun und glauben. Dann erst seid ihr in allem uns gleich, aber nicht ohne weiteres, auf die bloße Zusage hin. Wir müssen Beweise eurer Aufrichtigkeit haben, wir müssen euch vorher von allem unterrichten, was zu eurem Leben unter uns nötig ist, dann erst werden wir Brüder und Freunde im wahren Sinne des Wortes sein.

Nun stelle ich euch einige Fragen, die ihr uns mit ganzer Aufrichtigkeit beantworten sollt, damit wir wissen, wie wir mit euch daran sind, denn davon hängt eure Zukunft, euer Glück und eure Glückseligkeit ab.“

Auf diese ernste, vorsichtige und doch nur Gutes wollende Sprache des Martin Luther waren die Räuber nicht gefasst, daher sagte der Anführer: „Freund! Du scheinst besondere Ziele mit uns vorzuhaben, wir finden deine Sprache wohlwollend uns gegenüber, aber etwas zu vorsichtig. Schau, was können wir tun gegen euch? Wie sollen wir Böses meinen, da wir doch eure Gefangenen sind und als Menschen behandelt werden. Siehe, du versprichst, uns als Brüder zu behandeln, also tue das! Du siehst ja selber ein, dass wir euch nicht entfliehen können, wir sind kaum zweitausend und ihr seid sicher über hunderttausend, also wozu diese Vorsicht?
Nur frei heraus mit dem Worte, wir sind bereit, alles zu tun, was ihr uns als Brüder freundlich zu tun sagen werdet. Siehst du, das ist unsere vollwahre Antwort, denn was ich sage, das sagen alle, wir sind ein Herz und eine Seele und alle werden das tun, was ich tun werde.“

Diese offene Antwort des Anführers der Räuber gefiel allen, daher sagte Martin Luther: „Gut, ich will sehen, wie sich die Sache machen wird. Vor allem frage ich euch, ob ihr hungrig und durstig seid, denn ich weiß, dass man auch im Geisterreich der Speise und des Getränkes bedarf, obzwar nicht materiell nach irdischer Art, aber desto mehr nach geistiger, seelischer Art. Daher Brüder im Herrn, unserem Vater Jesus, saget uns, ob ihr hungrig und durstig seid!“

Der Anführer der Räuber machte auf diese freundliche Anfrage eine lachende Miene und meinte: „Ob wir hungrig und durstig sind, fragst du? Bringe nur was zu trinken und zu essen, denn wir sind sogar sehr hungrig und warten, von wo uns etwas geboten wird, um unseren Hunger und Durst zu stillen.“

Nun wendete sich Martin Luther an seine Gesellschaft und sagte ihnen, sie möchten von ihrem Vorrate den Armen etwas vorlegen, dass sie ihren Hunger und Durst stillen könnten, denn hier wäre gleich der Ort, die Betätigung der Nächstenliebe in der Tat zu zeigen.

Als die Brüder das nun hörten, sagten sie: „Nicht nur diese, sondern auch die Gefangenen und nun Befreiten wollen wir speisen. Wer Hunger und Durst hat, setze sich nieder und wir wollen mit ihm unseren Imbiss teilen, denn auch wir sind schon hungrig und brauchen eine Leibesstärkung.“

Zur größten Freude der Gesellschaft setzten sich alle nieder, deren es bei 10.000 Köpfe gab, und schauten freundlich zu ihren Wohltätern, was ihnen diese bieten würden.

Als dies geschehen, trat Martin Luther vor die Gesellschaft und sagte: „Liebe Brüder, der gute himmlische Vater gab uns die Gelegenheit, die Nächstenliebe an diesen Armen zu üben. Daher ergreife ein jeder diese Gelegenheit und tue das Möglichste, damit unser Vater Jesus, der nicht nur in uns, sondern auch in diesen unseren Brüdern und Schwestern vollwahr lebt, mit Freude auf uns schauen und uns segnen wird, denn Er sagte ja selber: ,Was ihr dem Geringsten Meiner Kinder tut, gilt bei Mir soviel, als hättet ihr es Mir getan.’ Diese Worte unseres lieben Vaters sagen euch alles: Ihr gebet Seinen Kindern und dadurch gebet ihr Ihm selber, weil Er Selber als Geist des Menschen in jedem dieser unserer neu erworbenen Brüder lebt. Daher tue ein jeder mit Liebe, Demut und Freude seinem Nächsten das, was er wünschte, dass ihm der Nächste täte, wenn er seiner bedürfte.“

Diese vielsagenden Worte Martin Luthers wurden mit Begeisterung aufgenommen und nun suchte ein jeder nach seinem Vorrat, um ihn mit den neuen Brüdern und Schwestern zu teilen. In kurzer Zeit ging es da zu wie auf einer Hochzeit, so dass alle in die fröhlichste Stimmung gerieten. In diesem Moment trat der Engel hervor und bedeutete mit der Hand, dass alle schweigen und zuhören sollten. Dieses geschah im schnellsten Augenblick, denn im Geisterreich geht es bei einer solchen Gelegenheit nicht durch Schreien, sondern durchs Gemüt, wie ein elektrischer Strom.

Als nun alle ruhig und aufmerksam auf die Rede des Engels lauschten, fing dieser an, folgende Rede zu halten: „Liebe Brüder und Schwestern! Die Liebe unseres guten Vaters Jesus gab uns zu essen und zu trinken. Daher ist es unsere Aufgabe, bevor wir zu essen anfangen, den lieben Vater um Seinen Segen zu bitten, damit das, was wir genießen, Ihm zum Lobe und zur Verherrlichung Seiner Ehre aufgeopfert werde. Lasset mich daher ein kurzes Gebet zum Vater senden, damit Sein Segen uns zuteil werde und wir alles mit Seinem Segen anfangen und zu Seiner Ehre vollenden.“

Nach dieser Rede streckte der Engel seine Hände gegen und über die Versammelten und sprach: „Lieber und guter Vater Jesus! Wir, Deine Dich liebenden Kinder, bitten Dich demütig, schaue gnädig auf uns von Deiner Gnadenhöhe und segne uns und unsere Speisen und Getränke, damit wir sie in Liebe zu Dir, und zu Deiner alleinigen Ehre aufgeopfert, verzehren!“

Diese Rede und Bitte des Engels ließ Ich damit als gut aufgenommen beantworten, dass Ich eine glühende Kugel wie eine Sonne am Firmament erscheinen ließ, welche die Gegend hell beleuchtete und die ganze Gesellschaft mit strahlendem Licht übergoss.

Im ersten Augenblick war die ganze Gesellschaft, besonders aber die Räuber und die befreiten Gefangenen, ganz überrascht, denn ein solches Licht waren sie in der Geisterwelt nicht mehr gewohnt. Als sie sich aber von der ersten Überraschung erholt hatten, fingen sie zu jubeln und sich zu freuen an, da sie so sichtbar das Wohlwollen des himmlischen Vaters bemerkten, und fragten nach allen Seiten, wer der junge Mann sei, in dessen Gebet eine solche Kraft lag, dass ihn der himmlische Vater sogleich und so herrlich erhört hatte. Die Brüder aus der großen Gesellschaft brachten ihnen schonend bei, dass das ein Engel und Leiter der Gesellschaft sei. Diese Worte waren geeignet, die neuen Brüder in die größte Freude zu versetzen, und aus aller Munde hörte man nun Worte der Freude, der Hoffnung und der Liebe erschallen.

Als die Aufregung etwas nachließ, sagte wieder der Engel: „Brüder und Schwestern, der liebe Vater Jesus hat uns Sein Wohlgefallen durch das herrliche Licht kundgegeben, darum sage ich euch: Setzet euch nieder, esset, trinket und denket dabei, dass dieser gute Vater, der uns zum Essen und Trinken Seinen Segen durch das herrliche Licht kund gab, einst vor 1500 Jahren dasselbe in Gesellschaft Seiner Jünger vornahm und sagte: ,So oft ihr das tut, gedenket Mein!’ Also tuet auch ihr heute und denket an den lieben Vater, der einst für uns Sein Blut und Leben als Sühne für die Erbsünde am Kreuze hingab.“

Nach diesen Worten des Engels wurde alles stille und jeder verzehrte sein Essen in stillen Gedanken an Den, der einst so schrecklich litt – und nun euer aller Vater ist.

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