(Riesenirrtum Martin Luthers, dass der Mensch bloß durch den Glauben selig wird und die unheilvollsten Folgen davon für die Protestanten. Dafür ein Licht als Beispiel aus des Samariters Nächstenliebe. Erdrückende Gewissensbisse Martin Luthers, weil er das Gefehlte nicht widerrufen konnte. Wiederaufrichtung Martin Luthers durch den Engel.)
Diese Mitteilung des Räuberanführers machte unseren Martin stutzen. Und da er nicht recht wusste, was er anfangen sollte, wandte er sich an den Engel und bat ihn, er möge ihm mit Rat und Tat behilflich sein, was mit diesen zweitausend Räubern zu tun sei, da sie zur Religion keine Lust und kein Verlangen hätten.
Der Engel schaute ihn freundlich an und sagte: „Weißt du nicht, dass der Herr an einem einzigen Sünder, der sich bekehrt, mehr Freude hat, als an 99 Gerechten, die Seiner nicht benötigen. Und siehe: hier ist nicht ein einziger, sondern es gibt deren über 2000. Denke dir, welches Verdienstes du dich entschlägst, wenn du sie gehen lässt, ohne sie zu bekehren!
Denke dir, diese große Arbeit dient dir als Entschädigung für die großen Irrtümer, die du in die protestantische Religion eingetragen hast, wovon bei meiner Ankunft die Rede war. Gelingt es dir, diese zu bekehren und als reuige Sünder zum Vater zu bringen, dann darfst du versichert sein, dass dir alles verziehen wird. Denn denke an die Millionen Menschen, welche durch deine Irrlehre keinen besonderen Wert auf die Werke der Nächstenliebe legen. Und doch sind es diese einzig und allein, welche den Menschen im Geisterreich glücklich machen. Also denke nach, welche unglückseligste Lehre du aufgebracht hast, und dass alle Protestanten durch Jahrhunderte hindurch diese beibehalten und ohne oder mit sehr wenigen Werken der echten christlichen Liebe im Geisterreich ankommen werden, – also eine Menge Werke, mit denen sie den Himmel erkaufen könnten, gering schätzen, weil die Lehre des Glaubens, der Rechtfertigung vor Gott und Sündentilgung eine falsche oder Irrlehre ist.
Hat nicht der Herr durch das Beispiel vom barmherzigen Samariter gezeigt, worin die Liebe zum Nächsten besteht? Du hast aber eine Lehre aufgestellt, nach welcher die Lehre der menschlichen Sündlosigkeit und der Achtlosigkeit in der Nächstenliebebetätigung herauswachsen muss, so dass wegen deiner so viele Menschen ihr Lebensziel auf Erden verfehlen werden. Du hast zwar keine unseligen Dogmen wie die Päpste aufgebracht, durch welche die Gläubigen höchst unglücklich im Geisterreich ankommen, aber du hast die Sorglosigkeit des Lebens aufgestellt, weil das Blut Jesu Christi die Protestanten rein von Sünden macht. Daher werden unzählige Protestanten, auf diese Irrlehre bauend, gedankenlos sündigen und leben. Denke dir, welches Unglück du über viele Millionen Seelen gebracht hast, und betrachte deine jetzige Arbeit, wie gering sie gegen deine große Sünde ist; und du wirst Mut bekommen, einzugreifen und nicht nachzulassen, bis du dein Ziel erreicht hast.“
Das war eine Antwort und Aufklärung des Engels, die den Martin Luther nahezu erdrückt hatte. Stumm und erschrocken stand er da und dachte nach, was er getan hatte. Nichts kränkte ihn mehr, als dass diese Irrlehren wie ein fressender Krebs am Leibe der protestantischen Glaubensbekenner bleiben und fort und fort ihren Giftstoff ausbreiten und vermehren würden. O, das war ein schrecklicher Gedanke für den armen, viel geplagten Glaubenslehrer im Leben. Was hätte er nicht gern alles ausgestanden, wenn er nur wieder auf die Welt treten und seine Irrlehren widerrufen könnte?! Aber die Grabeshülle deckte seinen irdischen Leib, und keine Hoffnung war mehr vorhanden, diese großen, erdrückenden Seelenleiden des Mannes zu heben. ,Die Toten reden nicht mehr unter den Lebenden’, ward hier zu einer grausamen Wahrheit. Hinter der Grabestür ist kein Zurücktreten, kein Umändern möglich: was du gesäet, das wirst du ernten. Wehe dir, wenn du Unkraut gesät hast, es wird groß wachsen und seine Umgebung zu unterdrücken anfangen und womöglich auch ganz unterdrücken.
So stand nun unser Glaubensheld, zerknirscht von der Reue über seine Fehler, ohne Hoffnung, ohne Licht, wie er das alles gut machen könnte, was er so ungeheuer verfehlt aufgebaut hatte. Lange stand er da in traurigen Gedanken vertieft und dachte hin und her, ob es da gar keinen Ausweg gäbe, der doch einigermaßen das Verfehlte gutmachen könnte. Er fand nichts als hohle Räume der Unendlichkeit der Gedanken und Pläne.
Als er noch so stumm und in sich versunken dastand, klopfte der Engel auf seine Schulter, weckte ihn auf aus seiner Vertiefung und sagte: „Freund und Bruder, ich sehe deine Schmerzen und Leiden, die dich betrüben. Gehe, wache auf zu frischer Tat, denn denke, der Herr hat noch genug Werkzeuge auf der Welt. Und wenn Er es für gut finden wird, so wird Er schon deine Fehler ausbessern; ist dies nicht der Fall, dann werden sie hier im Geisterreich ausgebessert werden, wenn auch hundertfach schwieriger und langsamer als auf der Welt, die eine Gnadenschule für die Fleischprüfung der Menschen ist.
Siehe, das Neue Testament wird in allen protestantischen Familien gelesen. Glaubst du, dass die übrigen Lehren, welche von der Nächstenliebe predigen, wirklich von allen Protestanten übersehen werden? Glaube das nicht, es wird auch Millionen solcher geben, welche zwar deine Glaubenssätze fest halten werden, aber sie werden auch die Lehren der Apostel beherzigen, welche von der Keuschheit des Leibes und der Seele und vom Wohltun dem Nächsten predigen, – beherzigen und minder oder mehr sich daran halten.
Daher raffe dich auf! Denke, der Herr ist barmherzig und Er wird schon tun, was zu tun nötig ist, und mache dich an deine Arbeit der Bekehrung der Räuber.“
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