(Die Ursache, warum man in Rom das Lesen der Heiligen Schrift verbietet. Die Katholischen beschauen die Gesellschaft, und ihr gutes Urteil. Beichte eines Priesters über ihr geistes- finsteres Seelenleben. Seine Amtskollegen behaupten dagegen: Wer an die allein-seligmachende römische Kirche nicht glaubt, ist ein Ketzer! Die rohe Gewalt übende Kirche. Paulus Lehre und seine Anwesenheit in Rom soll die alleinseligmachende römische Kirche gebildet haben!)
Aber die Priester schwiegen; dafür aber schrie das Volk desto rebellischer und nannte sie Lügner und Betrüger. Ich aber beschwichtigte das Volk und sagte: „Sehet, liebe Brüder und Freunde, so verhält es sich mit den historischen Beweisen, die aus dem Neuen Testament, also aus den ersten Urquellen der Glaubensaufzeichnungen herstammen. Daher verbieten euch die römischen Priester das Lesen der Heiligen Schrift, damit ihr nicht die Wahrheit erfahret, wie sie euch mit Lug und Trug in Glaubenssachen füttern.
So wie mit Petri Stuhl in Rom, verhält es sich auch mit vielen anderen Lehren, welche sie als vom Heiligen Geiste ihnen diktierte Glaubenssätze euch unter Androhung von Kirchenstrafen befehlen zu glauben. Da Ich euch aber befreien will von römischem Lug- und Trugglauben und Zeremoniell, das euch so unschön euer geistiges Seelenkleid gemacht, euch in Finsternis gestürzt hat, so will Ich euch noch weitere Wahrheiten sagen, welche, wenn ihr sie glauben und annehmen werdet, euch ein anderes Kleid, ein größeres Licht und schönere Gestalt verleihen werden. Damit ihr Mir aber das glaubet, so lasse Ich euch ein wenig in Ruhe, damit ihr euch umschauet in Meiner Gesellschaft, worin ihr verschiedene Stufen der Vorgeschrittenheit im Geistigen bemerkt. Also beschauet Meine Gesellschaft und besprechet euch mit ihr.“
Nach diesen Worten trat Ich zurück und begab Mich wieder zu Martin Luther, wo Ich Mich darüber besprach, welchen großen Eindruck diese Aufklärung auf die Priester und ihre Gemeinde gemacht hatte.
Die armen Bewohner begaben sich nun unter die Gesellschaft, welche sie sehr freundlich empfing und auf alle Fragen die nötige Auskunft gab. Über alle Erwartung aber überraschte sie die Schönheit der Engel. Daher fragten sie, woher sie stammen, da sie gar so herrlich bekleidet und von so schöner körperlicher Gestalt seien. Diese antworteten ihnen mit Engelsfreundlichkeit, dass sie Diener dieses Herrn seien, der zu ihnen sprach, und also durch Ihn so schön gekleidet würden. Diese Antwort genügte, um sie vollends auf Meine Seite zu bringen, darum eilten sie wieder auf ihre alten Stehplätze und warteten auf Mich.
Die Priester standen noch immer da und besprachen sich betrübt über die traurige Zukunft, die ihnen durch Meine Aufklärungen einzutreten drohe. Als alle zusammen waren, trat Ich wieder vor und fragte sie, wie sie von der Umschau befriedigt seien. Diese konnten nicht genug erzählen, was sie alles bemerkt hätten, darunter, dass einige zwar noch nicht weit im Geistigen vorgeschritten sein werden, weil ihre Gesichter nicht besonders einladend seien, aber doch schon schön, wenn sie auch nicht weiße Anzüge hätten: „Und so fanden wir verschiedene Abstufungen. Aber so schön, wie Deine Diener sind, so schön sahen wir keine, obwohl viele schon sehr hoch fortgeschritten zu sein scheinen, aber die Diener von Dir sind so schön, dass man sie für Engel halten könnte, und diese gefielen uns am meisten.“
Darauf erwiderte Ich ihnen: „Die Menschen als Kinder Gottes sind alle so schön und werden noch schöner, wenn sie sich genau nach Gottes Willen und Seinen ewigen Geboten richten. Und so seid auch ihr nicht ausgenommen davon, wenn ihr nach der Wahrheit leben und handeln wollt, die Ich euch nun kundgeben werde.“
Nun entstand eine kleine Pause. Als die Priester die Ruhe bemerkten, fing einer unter ihnen an, zu Mir zu reden: „Wie wir sehen, bist Du ein großer und mächtiger Herr, und wir fangen an zu glauben, dass wir wirklich Geister sind. Denn der friedliche Charakter der Riesenmenge Deines mit Dir ziehenden Volkes, ihre Kleider, besonders der Jünglinge, die wahrlich für Engel gehalten werden könnten, beweist uns, dass wir in anderen Zuständen uns befinden, als wir bisher dachten. Wahrscheinlich ist unsere Glaubensfinsternis schuld, dass wir so geistesfinster sind, dass wir bisher gar nicht bemerkt haben, dass wir nicht unter Fleischmenschen leben.
Wir sind da wie Wahnsinnige in einem Geisteskerker, und wir spüren gar nicht unseren veränderten Zustand. Nur das seltene Dämmerlicht, welches nicht wich, schien uns etwas Fremdartiges zu sein. Aber ich sage Dir, wir lebten wie Trottel und wussten nicht, dass wir im Geisterreich sind. Und ich glaube, dass wir selber daran schuld sind, in dieses Elend geraten zu sein. Daher wünschen wir wieder in solche Zustände versetzt zu werden, dass wir das Licht von der Finsternis unterscheiden könnten. Ich für meine Person wäre so gesinnt; was saget ihr, meine lieben Amtskollegen?“
Diese aber, ganz überrascht von der Wendung der Dinge, sagten einstimmig: „Nein, das gibt es nicht, wir sind und bleiben Priester, denn wir wissen unsere Pflicht und lassen uns, ob wir im Fleisch oder im Geisterreich leben, nicht so schnell betören wie du, sondern wir wollen zuerst alles genau prüfen. Dann wird sich schon herausstellen, wie wir daran sind.
Dass Petrus nicht in Rom war, dadurch ist unsere römisch-christliche Religion noch nicht ketzerisch. Aber eure scheint es uns zu sein, denn wer an unsere alleinseligmachende Kirche nicht glaubt, der ist nach unseren Kirchengesetzen ein Ketzer, und daher auch ihr, die ihr zu uns eingedrungen seid, ohne unsere Erlaubnis dazu zu holen. Wir wollen dir schon antworten, du feiner Geschichtskenner, also rede nur! Wir hören zu.“
Diese Antwort der Amtskollegen überraschte nicht wenig den alten Priester, daher sagte er zu ihnen: „Ihr könnet tun nach eurem Willen, ich werde tun nach meinem, und so will ich zuhören. Wer das Rechte behaupten wird, das heißt, wer mir die Wahrheit durch die Heilige Schrift beweisen wird, dem werde ich glauben, bei dem bleibe ich in Zukunft. Also ist mein Bekenntnis, und bei dem bleibe ich.“ Nach diesen Worten schwieg er.
Ich aber sprach zu den übrigen Priestern: „Ihr wollt euch mit Mir in einen Glaubensstreit einlassen? Wohlan, nur zu! Ich bin bereit, euch die gehörige Antwort zu geben, damit euer Gebäude des Lugs und Trugs zusammenfalle. Das bin Ich um so mehr bereit zu tun, um diese eure Gemeinde, so wie auch meine Gesellschaft aufzuklären, welche entsetzliche Glaubenslügen als pure Wahrheit den armen Zuhörern aufgetischt werden und wie die Kirche den Geist der Wahrheit durch Kirchen- und politische Strafen im Menschen zum Schweigen, und sie zu glauben zwingt. Freilich kann der Geist der Wahrheit nicht unterdrückt werden, wohl aber das Instrument, welches er leitet. Und das ist die Seele, unterdrückt durch die Körperstrafen. Ich habe ausgeredet, nun könnt ihr eure Protestrede gegen Mich als Ketzer und Eindringling in eure Gemeinde erheben.“
Diese entschiedene Sprache erschreckte die Priester und keiner getraute sich, in einen Religionsstreit sich mit Mir einzulassen. So vergingen einige Minuten, während alles gespannt auf die zu folgenden Auseinandersetzungen wartete.
Da niemand anfangen wollte, sagte Ich: „Ihr habet von einer alleinseligmachenden Kirche gesprochen, und diese sei die römische. Gut, saget Mir, wann hat Christus eine ,alleinseligmachende Kirche Roms’ aufgestellt?“
Diese Frage war ihnen unerwartet gekommen, doch sammelte sich einer unter ihnen und sagte: „Und doch ist es eine Tatsache, dass der Apostel Paulus in Rom war, verschiedene Briefe schrieb und die Gemeinde Roms belehrte. Somit haben die römischen Christen aus Paulus Munde die echte und somit die alleinseligmachende Lehre Christi empfangen, und daher ist die römische die alleinseligmachende Kirche, weil sich die anderen von ihr losgelöst und sie andere Glaubenslehren predigten als ihre Mutterkirche.“
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