← Zurück zur Themenübersicht: Jakob Böhme

12. Kapitel – Von der ganzen himmlischen Wonne aller drei Königreiche der Engel

Von der ganzen himmlischen Wonne aller drei Königreiche der Engel

51. Allhier zeiget der Geist, daß wo ein jeglicher Engel beschaffen ist, daß derselbe Ort oder Locus in der himmlischen Natur, darinnen und daraus er ist eine Kreatur worden, sei sein eigener Sitz, den er für Naturrecht besitzet, solange er in Gottes Liebe bleibet. Denn es ist der Locus, den er von Ewigkeit gehabt hat, ehe daß er ist eine Kreatur worden, so ist derselbe Salitter an dem Orte gestanden, daraus er worden ist. Darum bleibet ihm derselbe Sitz für Naturrecht, solange er in Gottes Liebe wallet.

52. Nicht sollst du aber meinen, daß Gott hiermit gebunden sei, daß er ihn nicht dürfte daraus treiben, so er anders wallete als ihn Gott zum ersten geschaffen hat. Denn solang er in dem Gehorsam und in der Liebe bleibet, so ist der Ort für Naturrecht sein. Wenn er sich aber erhebet und zündet den Ort im Zornfeuer an, so zündet er seines Vaters Haus an und wird ein Widerwille wider den Locum, daraus er gemacht ist, und machet aus dem, was vor seiner Erhebung eines war, zwei.

53. Wenn nun das geschieht, so behält er sein körperlich Naturrecht für sich und der Locus behält seines auch für sich. Will aber die Kreatur, die einen Anfang hat, sich wider das erste setzen, das vor der Kreatur war, das keinen Anfang hat, und will den Locum verderben, den sie nicht gemacht hat, darinnen sie ist eine Kreatur in der Liebe geschaffen worden und will dieselbe Liebe zum Zornfeuer machen, so speiet billig die Liebe das Zornfeuer mit samt der Kreatur aus.

54. Dannenhero entstehen die Rechte in dieser Welt auch, denn wenn sich der Sohn wider den Vater setzet und schläget den Vater, so hat er sein väterlich Erbe verloren, und der Vater mag ihn aus dem Hause stoßen. Weil er aber in des Vaters Gehorsam ist, so hat der Vater keine Macht, ihn zu enterben.

55. Dieses weltliche Recht nimmt seinen Ursprung von dem Himmel, wie denn auch gar viel andere weltliche Rechte, die in den Büchern Mosis geschrieben sind, die nehmen ihren Anfang und Ursprung alle aus der göttlichen Natur im Himmel, welches ich denn klar an seinem Orte beweisen will aus rechtem Grund in der Gottheit.

56. Nun möchte einer sagen: So ist dann ein Engel gar an den Ort gebunden, darin er erschaffen ist, daß er nicht von dannen darf oder kann? Nein, so wenig als sich die Geister Gottes binden lassen in ihrem Aufsteigen, daß sie nicht sollten untereinander wallen, so wenig werden auch die Engel ganz in ihrem Loco gebunden.

57. Denn gleichwie die Geister Gottes immer ineinander aufsteigen und in ihrer Geburt ein Liebesspiel haben, und behält doch ein jeder Geist seinen natürlichen Sitz oder seinen Locum in der Geburt Gottes, und geschieht nimmer, daß sich die Hitze in die Kälte verwandelt oder die Kälte in die Hitze, sondern ein jedes behält seinen natürlichen Locum und steiget in dem andern auf, davon das Leben Ursprung hat.

58. Also auch die hl. Engel wallen oder wandeln in allen drei untereinander, davon empfähet einer von dem andern, das ist von des andern schöner Gestalt, Freundlichkeit und Tugend, seine höchste Freude, und behält doch ein jeder seinen natürlichen Sitz oder Locum, darinnen er zur Kreatur worden, für sein Eigentum.

59. Gleich als wenn einem in dieser Welt ein Blut-Freund und lieber Mensch aus einem andern Lande heimkommt, nach dem er ein herzlich Verlangen hat gehabt, da ist Freude und ein freundlich Benevenieren und ein Liebe-Gespräch, und es erzeiget der Wirt dem Gast das Allerbest, wiewohl dies nur kalt Wasser ist gegen dem himmlischen.

60. Also tun auch die hl. Engel gegeneinander. Wenn eines Königreichs Heer zu dem andern kommt oder einer fürstlichen Qualität Heer zu der andern fürstlichen Qualität Heere kommt, da ist nichts denn eitel Liebe-Empfangen, gar ein holdseliges Gespräche und freundliche Ehrerbietung, gar ein holdseliges Liebe-Spazieren, gar ein züchtiges und demütiges Wesen, ein freundliches Küssen und Führen; da gehet an der liebliche Reihen-Tanz.

61. Gleichwie die kleinen Kinder, wenn sie im Maien in die Blümlein gehen, da ihr denn manchmal viel zusammenkommen, da haben sie ein freundlich Gespräche und pflücken der Blümlein viel und mancherlei. Wenn nun dies geschehen ist, so tragen sie dieselben in ihren Händen und fangen an gar einen kurzweiligen Reihen-Tanz und singen aus ihres Herzens Freude und freuen sich. Also tun auch die Engel im Himmel, wenn sie aus fremdem Heere zusammenkommen.

62. Denn die verderbte Natur in dieser Welt arbeitet mit höchstem Fleiße, daß sie möchte himmlische Form hervorbringen, und müssen oft die kleinen Kinder der Eltern Lehrmeister sein, so es die Eltern könnten verstehen. Aber es ist leider jetzunder die Verderbung bei den jungen und bei den Alten, denn das alte Sprichwort lautet: Wie die Alten sungen, so lerneten auch die Jungen.

63. Bei dieser hohen Demut der Engel ermahnet der Geist die Kinder dieser Welt, daß sie sich sollen anschauen, ob sie auch eine solche Liebe zueinander tragen, ob auch eine solche Demut bei ihnen sei; was sie sich bedünken lassen, was sie wohl für Engel sind; ob sie auch denen gleich sind, da sie doch das dritte englische Königreich innehaben.

64. Siehe deine Liebe und deine Demut und deine Freundlichkeit will dir der Geist allhie ein wenig unter Augen stellen, du schöne englische Braut. Beschaue doch deinen Schmuck, welch eine schöne Freude mag wohl dein Bräutigam an dir haben, du lieber Engel, der du alle Tage mit dem Teufel tanzest.

65. Wenn jetzunder einer erhöhet wird und krieget nur ein wenig ein Amt, so ist ihm schon kein ander, der nicht dergleichen ist, gut genug. Er achtet den Laien nur für einen Fußschemel. Er trachtet bald danach, wie er der Laien Gut kann mit List unter sich bringen. Kann er nicht mit List, so tut ers mit Gewalt, damit er seinem Hochmut kann genug tun.

66. Kommt ein einfältiger Mann vor ihn, der sich nicht kann wohl verhauen, so stumpt er ihn ab gleich einem Hunde. Hat er eine Sache vor ihm, so muß der recht sein, der ein Ansehen vor ihm hat. Rat, Fritz, was bist du wohl für ein englischer Fürst? Im nachfolgenden Kapitel bei dem Fall des Teufels wirst du es finden, einen Spiegel; besiehe dich!

67. Zum andern, wenn einer jetzunder etwas mehr gelernet hat in weltlicher Kunst oder hat was mehr studieret als ein Laie, dem ist flugs kein Laie gleich; er kann ihm nicht nach der Kunst reden, er kann seinen stolzen Gang nicht. In Summa: Der Einfältige muß sein Narr sein, da er doch ein stolzer Engel ist und in seiner Liebe ein toter Mensch. Diese Part hat seinen Spiegel auch im nachfolgenden Kapitel.

68. Zum dritten: Wenn einer jetzunder reicher ist als der ander, so muß der Arme Narr sein; wenn er ein schöner Kleid kann erzeigen als sein Nächster, so ist ihm ein Armer schon nicht mehr gut genug, und gehet der alte Gesang im Werke jetzunder im vollen Schwange, der lautet: Der Reich den Armen zwinget und ihm sein Schweiß abdringet, daß nur sein Groschen klinget. – Diese ‚Engel‘ werden auch in das nachfolgende Kapitel zu Gaste geladen vor ihren Spiegel.

69. Zum vierten ist doch so gar eine teuflische in gemein Hoffart, eines über das ander Aufsteigen, Verachten, Belügen, Betrügen, Wuchern, Geizen, Neiden, Hassen. Es brennet jetzo in der Welt wie höllisch Feuer. Ach und ewig! 0 Welt, wo ist deine Demut? Wo ist deine englische Liebe? Wo ist deine Freundlichkeit? Wenn jetzunder der Mund spricht: Gott grüße dich, – so denkt das Herze: ja hüte dich!

70. 0 du schönes englisches Königreich, wie warest du gezieret? Wie hat der Teufel eine Mordgrube aus dir gemacht? Meinest du, du stehest jetzund im Flor; ja mitten in der Höllen stehest du. So dir nur die Augen eröffnet wären, so würdest du es sehen. Oder meinest du, der Geist sei trunken und sehe dich nicht? 0, er siehet dich wohl. Deine Schande stehet vor Gott bloß, du bist ein unzüchtig Weib und hurest Tag und Nacht und sprichst doch: Ich bin eine züchtige Jungfrau.

71. Ach, wie ein schöner Spiegel bist du vor den hl. Engeln. Reuch nur deine süße Liebe und Demut. Reucht sie nicht nach der Höllen? Diese Part werden allein dem künftigen Kapitel zu Gaste geladen.

← Zurück zur Themenübersicht: Jakob Böhme