306.
************
1. Oktober 1882
"Wer ist doch der Größte im Himmelreich?" – Matth. 18, 1 –
Liebe Kinder!
Diese Frage ist heute noch in den Herzen Meiner Nachfolger, obgleich Ich sie schon damals durch Hinweis auf ein Kind beantwortete; weil ein Kind immer noch mehr Meinem Ebenbilde gleicht, als der heranwachsende Mensch, welcher sich durch Sünde immer mehr verunstaltet.
Solange ein Kind noch nicht den Unterschied begreift zwischen arm und reich oder sonstigen Vorzügen und Nachteilen, bleibt es frei von der großen Sünde des Hochmutes; dieser hat in seinem nachziehenden Heere allerlei Gefolge, als da sind: Geiz, Neid, Lieblosigkeit, Heuchelei; überall will er sich obenan stellen, und um dieses zu erreichen, muß er oft ganz von Meinen Geboten abweichen und Mittel wählen, welche ganz gegen Mich leiten.
Leider findet man den Hochmut so gar häufig auch bei solchen Seelen vertreten, die sich Meine Kinder nennen, und derselbe beeinflußt sogar ihr geistiges Leben, so daß sich Eines über das Andere erheben will, in dem Wahne, daß es mehr geistigen Reichtum besitze.
Diese vergessen dabei, daß alles Gnade ist, und Meine Gnade oft gerade denjenigen am stärksten zugeteilt wird, die aus sich selbst sehr schwach sind.
Würden erleuchtete Seelen dieses mehr bedenken, so blieben sie mehr in der wahren Demut gegen Mich und auch ihren Mitmenschen gegenüber, dadurch könnten sie auch viel mehr mit Mir in Verbindung kommen und vieles leisten.
Deshalb muß Ich bei einer berufenen Seele, um ihres eigenen geistigen Gewinnes willen oft Rücksicht nehmen, und kann ihr nicht soviel Arbeit anvertrauen, als wenn sie mehr die wahre Demut anstreben würde.
Die geistig wahre Demut äußert sich auch im äußeren Leben in dem Benehmen gegen die Mitmenschen und in einer Gemeinschaft den Gemeinschaftsgliedern gegenüber, wo so gerne im Herzen die Frage sitzt: "Wer ist der Größte unter uns?" und jeder gerne Leiter sein, aber nicht folgen möchte.
Oft äußern sich die Auswüchse des Hochmutes in Eigendünkel und Rechthaberei, sogar bei ganz kleinen Vorkommnissen, und Meine Jünger und Nachfolger vergessen so leicht die Lehre, die Ich in diesem Kapitel gegeben habe.
Meine Lehre ist ein ganz zusammenhängendes Buch, und es kann deshalb kein Vers aus der Bibel als wertlos betrachtet werden, sondern es muß sich ein Jedes, das Mein Kind werden will, nach jedem Worte darin prüfen, wie weit es in der Befolgung schon gekommen ist.
Gleichwie ein Bild nicht fertig ist, so lange noch ein Zug an demselben fehlt, ebenso geht es mit eurem geistigen Bilde, das Mein Ebenbild darstellen soll; denn so lange ihr noch nicht alle Tugenden in euch zu vereinigen suchet, wobei hauptsächlich die wahre Demut nicht fehlen darf, so lange ist auch euer Inneres nur ein Zerrbild, abschreckend für solche, die es betrachten wollen.
Dies merket euch wohl und prüfet bei all eurem Tun, wie weit wahre Demut mitwirkt.
Amen! Euer Vater!
NEUOFFENBARUNG