Von der Tiefe über der Erden
Wenn der Mensch die Tiefe über der Erden ansiehet, so siehet er nichts als Sternen und Wasserwolken. Dann denket er, es müsse ein anderer Ort sein, da sich die Gottheit mit dem himmlischen und englischen Regiment erzeige. Er will schlecht die Tiefe samt ihrem Regiment von der Gottheit unterscheiden, denn er siehet allda nichts als Sternen, und das Regiment dazwischen ist Feuer, Luft und Wasser.
2. Da denkt er dann: Das hat Gott aus seinem Vorsatz aus nichts also gemacht. Wie könnte in dem Wesen Gott sein oder wie könnte das Gott selber sein? Er bildet ihm immer ein, es sei nur also ein Haus, darinnen Gott mit seinem Geiste regiere und wohne. Gott könne ja nicht ein Gott sein, dessen Wesen in Kraft dieses Regiments bestehe.
3. Es dürfte mancher wohl sagen: Was wäre das für ein Gott, dessen Leib, Wesen und Kraft in Feuer, Luft, Wasser und Erde stünde?
4. Siehe, du unbegreiflicher Mensch, ich will dir den rechten Grund der Gottheit zeigen. Wo dieses ganze Wesen nicht Gott ist, so bist du nicht Gottes Bild; wo irgend ein fremder Gott ist, so hast du kein Teil an ihm. Denn du bist aus diesem Gott geschaffen und lebest in demselben, und derselbe gibt dir stets aus ihm Kraft, Segen, Speise und Trank. Auch so stehet alle deine Wissenschaft in diesem Gott, und wenn du stirbest, so wirst du in diesem Gott begraben.
5. Wo nun ein fremder Gott ist, der außer diesem ist, wer wird dich dann aus diesem Gott, darinnen du verwesen bist, wieder lebendig machen? Wie wird dir der fremde Gott, aus dem du nicht geschaffen bist und in dem du nie gelebt hast, deinen Leib und Geist wieder zusammenfigurieren?
6. So du nun eine andere Materia bist als Gott selber, wie wirst du dann sein Kind sein? Oder wie wird der Mensch und König Christus können Gottes leiblicher Sohn sein, den er aus seinem Herzen geboren hat?
7. So nun seine Gottheit ein ander Wesen ist als sein Leib, so müßte zweierlei Gottheit in ihm sein. Sein Leib wäre von dem Gott dieser Welt und sein Herze wäre von dem unbekannten Gott.
8. O tue die Augen deines Geistes auf, du Menschenkind, ich will dir allhie die rechte und wahrhaftige eigentliche Porten der Gottheit zeigen, als es dann derselbe einige Gott haben will.
9. Siehe, das ist der rechte einige Gott, aus dem du geschaffen bist und in dem du lebest: Wenn du ansiehest die Tiefe und die Sternen und die Erden, so siehest du deinen Gott. Und in demselben Gott lebest und bist du auch, und derselbe Gott regieret dich auch, und aus demselben Gott hast du auch deine Sinnen und bist eine Kreatur aus ihm und in ihm, sonst wärest du nichts.
10. Nun wirst du sagen, ich schreibe heidnisch. Höre und siehe und merke den Unterschied, wie dieses alles sei, denn ich schreibe nicht heidnisch, sondern philosophisch. So bin ich auch kein Heide, sondern ich habe die tiefe und wahre Erkenntnis des einigen großen Gottes, der alles ist.
11. Wenn du ansiehest die Tiefe, die Sternen, die Elementa, die Erde, so begreifest du mit deinen Augen nicht die helle und klare Gottheit. Und ob sie wohl allda und darinnen ist, sondern du siehest und begreifest erstlich mit deinen Augen den Tod, danach den Zorn Gottes und das höllische Feuer.
12. So du aber deine Gedanken erhebest und denkest, wo Gott sei, so ergreifest du die siderische Geburt, da Liebe und Zorn gegeneinander wallen. Wenn du aber den Glauben schöpfest an den Gott, der in Heiligkeit in diesem Regimente regieret, so brichst du durch den Himmel und ergreifest Gott bei seinem heiligen Herzen.
13. Wenn nun dieses geschieht, so bist du wie der ganze Gott ist, der da selber Himmel, Erde, Sternen und Elementa ist, und hast auch ein solch Regiment in dir und bist auch eine solche Person, wie der ganze Gott in dem Loco dieser Welt ist.
14. Nun sprichst du: Wie soll ich das verstehen? Es ist ja Gottes und der Höllen oder des Teufels Reich voneinander unterschieden und kann nicht ein Leib sein? Auch so ist die Erde und Steine nicht Gott, sowohl auch der Himmel und die Sternen, auch nicht die Elementa, vielweniger kann ein Mensch Gott sein, sonst würde er nicht können von Gott verstoßen werden. Hie will ich dir nun nacheinander den Grund erzählen; behalt die Frage im Sinne.
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