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Das Gebet: VATER UNSER

Das Gebet:

U N S E R  V AT E R

Matt. 6, 9-13

In der Bergpredigt, die den Himmel öffnet und umschließt, ist das ‚Unser Vater‘ eingeflochten. Am Inhalt aller Worte JESU darf nichts gedeutelt werden. Wer das tut, ist dem Schalksknecht gleich.

Aber Gottes Wort nimmt nicht das Forschen um das tiefere Geheimnis weg. ‚Suchet in der Schrift; denn ihr meinet, ihr habet das ewige Leben darin; und sie ist‘s, die von MIR zeuget (Joh. 5, 39).‘ Ein Hinweis, daß man Gottes Wort nicht bloß verschlucken soll, sonst richtet man sich selbst.

Ob jeder weiß, wie JESU Worte aufzufassen sind, ihre Heilstiefen zu erkennen, wie es die der Erde und dem mageren Verstande eines Menschen angepaßte Sprache kann? Sofern mindestens der reine Wille wirkt, ist er — wenn auch nicht in abschlußreifer Art — zu rechtfertigen. Jede Ansicht kann eine Stufe sein; und wohl dem, der sich daraus seine Himmelsleiter zimmert.

‚Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen‘ (Joh. 16, 12). Das gilt Jesu Jüngern am Ende Seiner Lehramtsjahre, während das ‚Unser Vater‘ in deren Beginn entfällt; dazu der großen Menge vorgebetet. Eigenartig ist‘s, daß Tausende, die kaum über ihren engsten Blickpunkt schauen können, die nicht leichte Bergpredigt hören dürfen.

Wortgetreue Übersetzung bis zum sogenannten ‚I-Punkt‘ gibt es nicht in jedem Fall. Die Sprachen sind auf die Empfindungsaufnahme angewiesen und kann manches mehrerlei Inhalt haben. Darüber hinaus ist Gottes Wort stets voller Leben. Es ist in keine toten Lettern einzusargen; es triumphiert über alle Sprach- und Völkergrenzen.

Das zeigt sich vornehmlich beim Gebet

‚Unser Vater in dem Himmel‘.

Man sagt allgemein: Vater unser, der Du bist im Himmel. Wohl ist der Sinn der gleiche; doch JESU Wort ‚Unser Vater‘ ist gültig. ‚Der Du bist im Himmel‘, ist eine Lobpreisung. Der Mensch lobt oft den Tag am frühen Morgen und weiß nicht, was er ihm am Abend bringt. Hier aber ist in die Ansprache an den Heiligen Vater das Lob Seiner Herrschaft einbezogen.

‚Dein Name werde geheiligt.

Auch hier die Umbildung: Geheiligt werde Dein Name. Der Sinn will deuten, daß Gott Sich Selber offenbart, was durch ‚Dein Name‘ am Anfang, vor dem ‚werde geheiligt‘ geschehen ist. Das ‚Heilig‘ ist im Namen eingeprägt und nicht umgekehrt. Der Herr hat Sich stets namensmäßig offenbart, um den Menschen eine Annäherungsmöglichkeit zu bieten. Lernen sie Ihn kennen, dem Namen und dem Wesen nach, dann enthüllt Er auch die Göttlichkeit, das ‚Ich bin heilig‘! Besser also, JESU Wortlaut zu gebrauchen, wenn darin der Verbindungsweg vom Vater-Kind-Vater liegt.

‚Dein Reich komme.‘

Warum wird das Reich so kurz gestreift? O — Israel wartet auf kein Gottesreich, auf keinen ‚erlösenden Messias‘. Ein König aus Davids Haus soll Rom zerbrechen. Das Sündenjoch ist nebensächlich (vielen heute auch). ‚Frei von Rom‘ war die Parole. Nun pflanzt der Heiland einen Sehnsuchtssamen in die Herzen ein: Der Vater im Himmel, dessen Name heilig ist, bringt das Reich. Sogar dem einfachsten Gemüt kann es erkenntlich werden, daß ‚dieses Reich nicht von der Erde ist‘ (Joh. 18, 36).

Es war etwas angefügt; denn nur ‚Dein Reich komme‘ löst die Frage aus: Wohin? zu wem? Ja — ‚zu uns allen!‘ Es sollte wohl den Juden gelten; doch die Willigkeit blieb aus. Deshalb: ‚Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben werden, das seine Früchte bringt‘ (Matt. 21, 43).

Es wird niemand ausgeschlossen; Gottes Reich hat die Gewalt! Wo Gläubige nach dem Maßstab einer Hölle richten, spricht Gott das Urteil der Erbarmung aus. Wird in diesem Sinn gebetet:

‚Dein Reich komme zu uns allen‘,

zu den Schafen beider Ställe (Joh. K. 10), dann hat diese Bitte ihre höchstbeste Form gefunden: die geistige, die allein gültig ist.

‚Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.‘

Die Bitte, so gesprochen, versagt tieferes Verständnis. Der Wille, von dem JESU zeugt, Er sei nur gekommen, ihn auszuführen, muß sein Ziel im Ausgang haben. Gottes Wille läßt sich irdisch nicht erfüllen, er sei denn vom Himmel hergetragen worden; er war aber nicht herabzutragen, stand er nicht vorher in der UR-Heimat in Kraft! Daselbst wird er im Gesetz des Lichts erfüllt. Vom Licht kam der Erlöser auf die Welt mit dem unbedingten

‚Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden!‘

‚Unser täglich Brot gib uns heute.‘

‚Sehet die Vögel unter dem Himmel . . .‘; ‚Das Brot Gottes, das vom Himmel kommt‘; ‚Ich bin das Brot des Lebens‘ (Matt. 6, 26-29; Joh. 6, 33 u. 48), sind das Zeugnis dessen, daß JESU das Geistige zuerst bedenkt, hernach das Irdische, wie Er bei Heilungen erst nach dem Glauben fragt und dann das leibliche Gebrechen heilt.

Gewiß hat Er bei dem ‚Gebet für alle Menschen‘ die geistige Kost der irdischen vorangestellt, wie Er ja auch ‚nicht von der Erde sei‘, sondern ‚vom Himmel‘ (Joh. 3, 13; 8, 23). Er hat die fünftausend ebenfalls erst belehrt und dann gesättigt (Luk. K. 9).

‚Gib uns das Brot des Lebens und dieser Erde.‘

So hat die Bitte ihren wahren Sinn. Die Witwe zu Zarpath (1. Kön. 17) gab zuerst dem Gottesmann, nicht an ihren noch an ihres Sohnes Hunger denkend. Also kam das ‚Brot des Lebens‘ zu ihr, denn Elia blieb bei ihr. Anschließend blieben Kad und Krüglein stets gefüllt. Auf das geistige Brot legt Gott den größten Wert.

‚Vergib uns unsere Schulden,

wie auch wir unsern Schuldigern vergeben.‘

Gegen diese Bitte wird zumeist gesündigt. Die Christen seien nicht gezählt, die gar nicht daran denken, Schuldnern zu vergeben, über Geldrückgabe ganz zu schweigen. Wohl soll Ordnung herrschen. Wer beleidigt hat, soll um Verzeihung bitten; wer eine Summe schuldet, soll sie auch bezahlen, wenn es ohne Notstand möglich ist. Das ist selbstverständliche Voraussetzung.

Der Alte Bund kannte das Erlaßjahr (5. Mo. K. 15; Jer. 34, 17), wo alle Schulden, die auch mit gutem Willen nicht zu tilgen waren, erlassen werden sollten. Im Sinn des Alten Bundes ist das heutzutage nicht mehr möglich. Das hebt ihn allerdings nicht auf, und nicht, daß man Beleidigungen ebenfalls vergeben soll; womöglich auch die objektive Schuld. Dazu bedarf es freilich keines äußerlichen Jahres; immerhin bedeutet Jahr eine ‚ganze Zeit‘ und soll in diesem Sinne wirklich ‚ganz‘ vergeben werden.

Wenn man nicht vergibt, die Bitte aber spricht, wie gelernt und vorgebetet, knüpft man selbst die unumstößliche Bedingung an, daß die eigene Schuld gleichfalls nicht vergeben wird, was das unklare Wort ergibt: Vergib mir, wie ich vergebe! Fast eine Höherstellung über Gott, so sieht es aus. Unmöglich hat der Herr die Wortbedingung so geprägt, keinen Spielraum lassend, der zur weiteren Erkenntnis nötig ist. So erbäte sich der Mensch sein eigenes Gericht.

Jesu sagt: ‚Ihr sollt nicht meinen, daß ICH euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose (Gesetz) (Joh. 5, 45).‘ Machte ER die Bitte also zum Gericht — ? Wenn jemand sagt, ich habe vergeben, kann aber niemals vergessen, so betrifft das ebenfalls die Bitte. Wenn GOTT in diesem Sinne nicht vergessen würde? Was dann — — ?

Der Zusammenhang zwischen Licht und Finsternis wird immer klar hervorgehoben. Der Herr lehrt völlige Vergebung. Er knüpft aber die Bedingung an: wie du dem andern tust, so geschehe dir! Er läßt dem schwachen Menschen aber eine Gnadentüre offen, durch die man gehen kann — wenn man will. Sie ist in die fünfte Bitte eingehängt:

‚Und vergib uns unsere Schuld,

wie wir durch Deine Kraft vergeben wollen unsern Schuldigern.‘

Trotzdem bleibt ‚wie ich — so mir‘! ‚Wie ich durch Deine Kraft vergeben will‘, kommt dem Erlaßjahr eines geisterfüllten Herzens gleich. Wer sich so sein tägliches Vergebungsjahr erfleht, dem gilt das: ‚Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft‘ (Jes. 40, 31), seine Schuldner darin einzuschließen, wodurch die Bedingung aus der Bitte zum Erfüllungssegen wird.

‚Und führe uns nicht in Versuchung.‘

Jener Gottesbote, der unerschrocken die Heilige Schrift dem Volke öffnete, Martin Luther, erkennt den alten Übersetzungsfehler dieser Bitte. Er läßt den Wortlaut aus der Übersetzung so bestehen, weist aber in der Auslegung auf diesen Fehler hin: ‚Gott versucht zwar niemand . . .’.

Wenn die Barmherzigkeit alle überkommt, wie möglich würde GOTT ein Menschenkind versuchen, um es hernach zu strafen, wenn es der ‚göttlichen Versuchung‘ unterlag? ER nahm ‚auf Sich die Strafe, auf daß wir Frieden hätten‘ (Jes. 53, 5)! Wenn aber das, dann lehrt Gott nicht, daß ER versucht, was in der nicht wortechten Übersetzung eigentlich zum Ausdruck kommt.

Der Mensch soll sich Gottes Führung anvertrauen, gerade, wenn er in Versuchung steht. O herrlich jene Klarheit:

‚Und führe uns, daß wir in keiner Versuchung fallen!‘

Hilf, wenn die Sünde lockt, wenn die Welt versucht. Dann führe uns aus der Versuchung! Es widerspräche Gottes Güte, wenn wort- und somit sinngemäß es lautete: Und führe (Du) uns nicht in Versuchung. Ihn zu bitten, es nicht zu tun, wäre völlig fehl am Platz.

Nicht nur falsche Freunde, Welt und anderes sind Brutstätten der Versuchung; nein: der weltsehnsüchtige Mensch gibt seinen eigenen Begierden nur zu gerne nach. Hier zumal ist die Wurzel alles Übels aufzudecken. In diesen Fällen, als den schwersten, alle Kraft und Inbrunst in die Bitte legen: ‚Vater, führe DU uns an der Hand, daß wir nicht straucheln, auch nicht fallen, wenn wir selbst uns Deine Wege dunkel machen‘, ist der wahre Sinn der ansonst unverständlich formulierten Bitte.

‚Und erlöse uns von dem Übel!‘

Die siebente Bitte schwingt in etwas Umfassendes aus, in dem Übel. Sieht man in ‚dem‘ seine eigene Begierde an, so trifft der Wortlaut zu. Da aber auch von fremder Hand herbeigeführte Übel überwältigen können, so muß notgedrungen das ‚dem‘ erweitert werden. Will man denn nur von einem Übel die Befreiung haben? Wäre nicht die Bitte auszusprechen, daß GOTT uns von allen Übeln lösen möge, er lösen durch Seine Gnade und Barmherzigkeit? Ist nicht sogar das dem Übel auf die vorausgegangene Versuchung auszudeuten?

Aber nicht allein das seelisch Böse, auch Krankheit, Leid und Not gehören zu den Übeln, die den Menschen arg betreffen, also in die Erlösungsbitte ‚von allen Übeln‘ eingegliedert werden dürfen. Nur kommt es darauf an, ob die Willigkeit des ‚Kreuztragens‘ stark genug ist, daß man wohl in dieser Bittet betet, im Glauben, in der Liebe, in der Hoffnung, doch dem HERRN es überläßt, dieses, jenes oder mehrere Übel wegzunehmen; wenn aber nicht, es dann zu wissen, wie gut, wie heilsam daß es sei, noch nicht, nicht gleich, davon befreit zu werden.

Von der Last der Übel wird Gott gern und gleich befreien, wenn man das Übel in Geduld erträgt. Mehr hierin, ja vorwiegend, liegt der Sinn der Befreiungsbitte von allen Übeln. Mit dieser sozusagen abrundenden Bitte, mit der zusammengefaßten Summe

‚sondern erlöse uns von allen Übeln‘,

ist des Herrn Gebet als solches abgeschlossen. Es umfaßt die Anrede, ‚Unser Vater‘, die Anbetung ‚im Himmel‘, und die sieben Bitten.

Mit unerhört knappen Worten ist des REICHES Grenzenlosigkeit den Menschen aufgetan. Jeder kann das Gottesreich im Herzen lebenswahr gestalten, in Treue, Anbetung, Liebe und im Dank. JESU verkörperte die ‚ganze Fülle der Gottheit‘ (Kol. 2, 9); und die gleiche Fülle liegt im Gebet ‚Unser Vater im Himmel‘.

Die Wortform läßt nicht aus, in größere Tiefen einzudringen, vor allem in das ‚uns‘! Alle zu bedenken, im Nachgang des Opferkreuzes, in das CHRISTUS alle Kinder im Himmel und in der Materie, die großen und die kleinen, fernen und nahen einbezogen hat. Das bestätigt noch das Lob, das für die Betenden den Schluß ergibt:

„Unser Vater im Himmel,

Dein Name werde geheiligt,

Dein Reich komme zu uns allen,

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden,

Gib uns das Brot des Lebens und dieser Erde,

Und vergib uns unsere Schuld, wie wir durch Deine Kraft

vergeben wollen allen unsern Schuldigern,

Und führe uns, daß wir in keiner Versuchung fallen,

sondern erlöse uns von allen Übeln.

Dein ist das Reich, Dein ist die Kraft,

Dein ist die Herrlichkeit, in Ewigkeit!  Amen.“

Sein Reich — das Werk des Schöpfers; Seine Kraft — die segnende und führende Erhaltung durch den Priester; Seine Herrlichkeit — die Offenbarung als der Gott, der Wunder tut an allen Seinen Kindern. Und die drei Punkte in den vierten, in die Ewigkeit eingehegt, im

E W I G  V A T E R

Jes. 9, 5

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