UND VERGIB UNS UNSERE SCHULD…
Matt. 6, 9-15
Das Mitgemurmel des Gebets, vom Pfarrer innig vorgesprochen, wird noch leiser. Sie alle, die da kommen, um zu hören, um ihre Bürden vor dem hohen Kreuze hinzuwerfen, ducken sich, wenn diese schwerste Bitte des ‚Unser Vater‘ bekannt werden muß. Warum? Ach — es weiß ein jeder, auch wenn er es nicht eingestehen will.
‚Vergib uns unsere Schulden‘ wird gern erfleht; ist‘s ja keine Leichtigkeit, mit offenen, geschweige denn mit versteckten Sünden vor dem Kreuze knien zu müssen. Doch das böse Hinterher: ‚wie wir vergeben unsern Schuldigern‘, das drückt. Das müßte eigentlich Gott Selber auf Sich nehmen, wo Er doch ohnehin die Sündenlast in Seinem Kreuz zusammenfaßte. Warum verlangt Er dieses schwere Stück, wo Er weiß, wie die Menschen — —
Bauer Bartols beugt sich tief — sehr tief in seinem angesehenen Kirchenstuhl zur Erde nieder. Seit Wochen geht das so. Immer, wenn die Bitte kommt, steigt ein Gedanke auf und endet jäh mit einem sonderbaren Hauch: ‚JESU war auch ein Mensch und trug — Selber ohne Schuld und Fehl — die Last der Welt. Ist es nicht zuviel, was du Ihm nachträglich aufbürden willst?‘ — ?
Heute ist der Druck besonders schwer. Die Zeit hellt nicht, wie er dachte — wie er überhaupt nicht dachte. Es war ihm ganz egal. Die Augen des jungen Priesters, dessen Seele reif in Gottes Werkhand ruht, sahen ihn wie forschend an. Ho, dumme Einbildung, die ihn nur umgarnen will! Scheu blickt er empor, und da — da trifft ihn ein anderes Augenpaar, gütig wohl, doch voll unsagbarer Trauer. Können tote, nur von Menschenhand gemachte Augen eines Kruzifixus so tief glutend, so lebendig sein — ?
Der starke Mann klammert sich am Beichtstuhl fest, um wie immer sicher aufzustehen und die Absolution der Kirche zu empfangen. Er wirft eine große Münze in den Kasten, Dumpf klingt ihr Fall: ‚Tote Gabe — tote Gabe!‘ Selbst seine Stiefel knarren es im Takt, als er heimwärts strebt, so daß er auf dem kurzen Gras des Straßenrandes geht. Es singt ein Vöglein im Geäst: ‚Tote Gabe — tote Gabe!‘ Zornig hebt er einen Stein, um den unschuldigen Mahner zu erschlagen. Doch wieder stehen Augen vor ihm da, wie in der Kirche — und ist bloß das ‚Armesünderkreuzlein an der Hecke‘, wie man es nennt, weil an dieser Stätte einer starb, der seinen Vater tötete.
Aus kraftlosen Fingern klirrt der Stein zu Boden. Hastig flieht Bartols aus dem Bann der Augen. Vor seinem großen Hof, der kürzlich um ein reiches Feldteil größer wurde, trifft er einen Mann. Bartols zuckt zusammen. Jener ist‘s, der vor Gericht den Feldteil abzugeben hatte. Bartols ist im Recht, er hat es schwarz auf weiß; keiner kann‘s ihm streitig machen, auch nicht Gott. Gott — ? Der Verlierer sieht nicht auf; und dennoch — sieht er dessen Augen, glanzlos und in tiefer, ernster Glut. Die Heilandsaugen! Und vergib uns unsere Schuld, wie wir . . .
Fast taumelnd stößt er das neue Hoftor auf. Sein Kind, ein zartes und geschlagenes Mägdelein mit lahmer Hüfte, schleppt einen viel zu schweren Milcheimer über den Hof. Er haßt das Kind, weil es krank zur Welt gekommen ist, — und die Frau, die ihm die ‚unnütze Grot‘ gebar. Eine Kuh, wenn sie nichts ordentliches gibt, verkauft er mitleidlos, auch wenn sie jahrelang gute Milch und beste Kälber brachte. Die Frau hm, die kann er nicht verkaufen; aber täglich läßt er seinen Haß sie fühlen. Und vergib uns . . .
Sein Kind bemüht sich ängstlich, schneller fortzuhumpeln. Ein Stein liegt ihm im Weg. Der Eimer fällt aus der schwachen Hand. Jäh schreit die Kleine auf; die Milch ergießt sich auf die Steine. Wie ein armes Tier liegt sie vor des Bauers Füßen und erwartet schwere Strafe, was bei weit geringerem Anlaß oft geschieht. Stumm fleht das Kind den Vater um Erbarmen an.
Bartols nimmt einen Knüttel, der ihm gerade naheliegt. Da treffen ihn die Jammeraugen. Sind das des Kindes Augen? Sind es nicht ganz andere? die vom Kruzifixus in der Kirche und vom Armensünderkreuz am Feld ? Und vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben . . . Klingt die Bitte in des Mannes hartem Herzen weiter? unaufhaltsam, Wort für Wort? Er bückt sich nieder. Das Kind jammert laut in Erwartung schlimmer Züchtigung.
An der Tür erscheint die Mutter. Heute wird sie nicht von ferne stehen bleiben; heute wird sie sich dem Wüterich entgegenwerfen, um die Schläge abzufangen, die dem Kinde schuldlos gelten sollen. Doch erstarrt bleibt sie stehen. Der Bauer hat die Kleine aufgerichtet, zwar nicht sehr sanft; seine Hände haben ja das Streicheln längst verlernt. Doch es tut nicht weh. Für den Bruchteil eines Augenblickes liegt die große Rechte, die so herrisch wirkt, auf dem Scheitel des goldbraunen Gelocks. Ruhig sagt er:
„Jetzt wein‘ nicht, der Eimer war zu schwer und die Milch . . .“ Am letzten Rand der Lache lecken Hund und Katze, „. . . ja nun, da haben halt mal Hund und Katze einen Feiertag. He, Frau, das Kind soll solche Eimer nimmer schleppen! Überhaupt, zwei Mägde haben wir und drei Knechte, ich will — “ Das weitere murmelt er unverständlich vor sich hin.
Mehr darüber als über Schläge erschrocken, schaut das kranke Kind den Vater an. Wie rasch aber faßt ein kleines Herz Vertrauen, wenn Gerechtigkeit ihm widerfährt. Zaghaft streichelt es die große Hand des Mannes und — stürzt schluchzend in die ausgebreiteten Arme der Mutter. Bartols wendet sich den Ställen zu.
Seine Tiere werden ängstlich, so mutet es ihn an; nein, so ist es. Er tritt an jedes einzelne und streichelt sie, wie die Hand des Kindes ihn gestreichelt hat. Um so schwerer zuckt‘s in seinem rauhen Herzen auf. Noch wetterleuchtet es darin; denn wer und was ihm auch begegnet: Mensch und Vieh, jeder hat zwei verschiedene Augen. In einem sieht er die vom Kreuz, im andern die des Kindes. Noch nie legte er sich in das Heu; heute wühlt er sich hinein, er will, er kann die Augen nicht ertragen.
Und vergib uns . . . Wahrhaftig, er fängt von vorne an, er kommt mit dieser Bitte gar nicht weiter. Daran hat der Herrgott schuld! Wie darf Er einem Menschen — ‚Sehet, welch ein Mensch!‘ Verbissenes Fluchen. Und Bilder steigen auf. Ja, ja, sein Großvater hatte jenes Weizenfeld, zwei Drittel davon, was sich in seine Felder schob, mit einem Unrecht an den Hof gebracht; er weiß es wohl.
Sein Vater war durch diesen Acker reich geworden. War der Acker also eine Schuld — ? Im Gegenteil; großer Segen Jahr für Jahr lag auf dem Feld. Durch die neue Straße fiel der Rest ganz natürlich seinem Grundbesitze zu und war von ihm nur durch den schmalen Rain getrennt. Der Andere besaß nur dieses eine Stück; doch es war der beste Weizenboden weit und breit.
Altgeschriebenes hatte er in dunkler Nacht durchwühlt, es schwarz auf weiß entdeckt, daß auch dieses Drittel gekauft, früher gegen mäßigen Pacht dem Ahn des Anderen belassen worden war bis zu dessen Tod. Sein Vater hatte keine Hand darum gerührt, wofür er ihn — den Vater — bis ins Grab hinein gescholten hatte. Zum Glück war‘s nicht zu spät; man mußte dieses Schriftstück bloß dem Richter zeigen, da bekam man ja sein Recht.
Bartols hebt den Kopf. Da sieht er eine weiße Hand. Ihm stockt das Blut. Hohle Augen glühen, eine Stimme geistert: ‚Schau mich an, was aus mir wurde. Man bleibt nicht im Grabe liegen, man kommt gar nicht hinein! Lüge ist‘s, wie vieles; auch ich bin Lüge. Bloß der Körper west; doch das Leben in der Brust, die Seele, sieh — die lebt mit aller Schuld, hervorgerufen, oder — nicht vergeben.
Ich hab‘ dem Andern aufgelauert, dem Wilddieb und dem Schmuggler, daß ich ihm den guten Acker nähme, der teuer war. Da schrieb ich das Papier; und der Andere gab erschrocken seinen Namen her, sonst hätte ich ihn angezeigt. Zwei Drittel sind halb bezahlt, ein Drittel nicht. Dein Vater wußte es und hat deshalb von dem einen Drittel nicht Besitz ergriffen. Du, Enkel, hast mein Blut geerbt, du bist geworden wie ich war.
Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern. Dein Nachbar, der Enkel des meinen, fügte dir zwar Unrecht zu, ein kleines; aber du hast ihn betrogen und arm gemacht. Die Walpurga wolltest du, die den anderen liebte. Ihm gabst du die Schuld und holtest dir die Reiche; sie ist dir treu und ehrlich zugetan. Und das Kind — ? Sieh, das ist meine und deine Schuld! Nun soll es dir genommen werden, weil du nicht vergeben kannst, weil du auf altes Unrecht neues türmst.
Wenn du in das Jenseits kommst, — das gibt es ja‘, spricht der hohle Mund, ‚dann wird es dir ergehen so wie mir: Unstet, flüchtig wirst du sein! Wohl nahm der Andere die Walpurga weg; er nannte dich auch einen Lump, hat dir auf der Au die gute Kuh getrieben, daß sie überwarf. Doch du hast ihn bestohlen, hast ihn durch das falsche Schriftstück ruiniert. Er, seine Frau und fünf unschuldige Kinder müssen darben . . .‘ „Hör auf, hör auf!“ stöhnt der Bauer und schlägt nach dem grauen Nebel und — zerschlägt fast seine Hand am Gebälk der Scheune. Dann liegt er da wie tot. Lange — —
Ein lindes Streicheln weckt ihn aus der Dumpfheit seiner Seele. „Vater, Vaterle . . .“ Ein armer Körper, viel zu mager durch die harte Arbeit, die keine gesunde vierzehnjährige Dirne, geschweige denn ein krankes, zehnjähriges Kind ohne Schaden leisten kann, bemüht sich, den Vater aufzurichten. „Du?“ Auf einmal ein Schüttern. Hat er, der Graue, nicht gesagt, daß ihm dieses Kind genommen werden soll? Das Kind — — Ein Sonnenstrahl in der Dachluke legt sich wie ein Lichtkranz um das bräunliche Gelock.
Niemand weiß, wie es geschah. Das Kind ruht selig weinend an des Vaters Brust; und eigene Zähren betropfen dessen Bart. Da ermannt er sich. Niemand braucht die ‚Geisterstunde‘ an dem hellen Sonntag-Mittag in der Scheune zu erfahren. Er trägt das Kind über den Hof, legt es in der guten Stube auf das Sofa und breitet eine Decke über jenen armen Leib, der ihn gar nicht mehr erschreckt. Er sieht nur die hellen Augen und des Lichtes Krone. Dieses Kind, o nein — es muß ihm bleiben, der Graue — —
Noch in der Nacht erkrankt es schwer. Die seelische Erschütterung kann so ein zarter Körper nicht bewältigen. Kein Scheltwort trifft den Knecht, als der beim hastigen Beschirren des braunen Trabers einen Zügelring verwechselt. Nur das heisere Betteln: „Mach schnell du, mach schnell; schone den Traber nicht, aber — aber schlag‘ ihn nicht! Keine Peitsche! Das Kind . . . Bring‘ den Doktor nur gleich mit! Mach schnell!“
Er sieht dem Gefährt kurz nach. Der Traber läuft wie nie unter seiner harten Hand. Und es fällt ihm ein: oft ertappte er sein Kind bei diesem Pferd, wenn es mit lauem Wasser seine Striemen wusch und das Tier mit gesenktem Kopf sich vom Kind die Wunden waschen ließ. Geht es darum jetzt so schnell — ? Hm, der Alte, der Nebelmann, der wüßte es zu sagen.
Schlecht steht es um das Kind. Tagelang ringen Doktor und Mutter mit dem Tod. Das Lichtlein wird immer weniger. In der fünften Nacht schickt Bartols die übermüdete Bäuerin ins Bett und bleibt selbst am Krankenlager sitzen. Die fünfte Nacht! O, ach, ist es nicht die fünfte Bitte: Und vergib uns . . .
Er fängt an zu beten, das große Gebet. Dreimal bleibt er bei der fünften Bitte stecken. Ein Sturm heult um das Haus. Da wacht das Mädchen auf. Erschrocken, fieberhaft verwirrt, will es sich verstecken, als es den Vater neben sich gewahrt. Hastig greifen seine großen Hände nach den weißen dünnen Fingern, die wie todmüde Vöglein unstet flattern. Behutsam schließt er sie in seine warmen Hände.
„Traudel.“ Hat er jemals schon das Kind mit Namen angesprochen? Der Klang ist die Brücke, über die das geängstete Seelchen jetzt beruhigt schreitet, hin zum Vaterherzen. „Vater, Vaterle, ich muß so weit, weit gehen; bleib‘ bei mir, ich habe Angst.“ „Du? Nein, ich bin bei dir; und es soll niemand kommen, dir ein Leids zu tun, dich zu holen, auch, nicht der . . .“
„Vaterle, ein Engel ist hier.“ Ein Engel — ? Scheu blickt Bartols hinter sich, mit einem Schauer auf dem Rücken. Statt des Engels sieht er seinen Nebelmann. Der raunt: ‚Und vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern. Enkel, mache gut, mach‘ mich frei. Enkel, sühne mein und dein Vergehen, erlöse mich vom Ort des Grauens, von der Folter meines eigenen Gewissens!‘
‚Kann ich dafür das Kind behalten?‘ ‚Nichts läßt sich um Preise söhnen; man muß die Schuld bezahlen.‘ Unruhig wälzt sich die Kranke hin und her. Der Morgen tagt. Heute wird es sich entscheiden, ob das Kind . . . In aller Frühe schirrt er seinen Traber an. Er tut es ruhig, beinah zögernd. In der Tasche brennt ein Schreiben. Drüben in der schmalen Krankenstube wartet seine Tochter auf Erlösung; und der Ahne wartet auf Erlösung — jedes nach seiner Art.
Er läßt den Braunen gehen wie er will und braucht zwei Stunden bis zur Stadt. Er hat Zeit. Nein — er hat keine Zeit, fährt dahin, als gutwillig die Hufe pochen mögen; denn wer weiß — — ? Er sitzt in einem hohen Raum, das zerknitterte Papier zwischen seinen Fäusten.
Den Weizenacker, wie er steht und liegt, auch jenen Teil, der einst zu Recht vergütet wurde, das eine Drittel, läßt er dem Andern überschreiben. Der Richter hat Verständnis, wird doch eine alte Schuld getilgt und gut gemacht. Denn nach genauer Berechnung geht der Betrag mit jenem auf, der in all den Jahren dem Bartolshof zu Unrecht zugeflossen war.
Am großen Kaufhaus hält er an. Aber Bartols, auf Weihnacht ist‘s noch lange hin; und du dachtest nie daran, den Deinen ein Geschenk zu machen. Eine Puppe kauft er ein und ein rotes Röckchen, und ein schweres, seidenes Tuch. Achtsam bindet er die Päckchen an, daß sie beim Fahren nicht verloren gehen. Dann läuft das Tier den bekannten Weg zurück; es braucht keinen Zügel. Der Bauer träumt, ob vielleicht nicht doch — Nein, um einen Preis — wird keine — Schuld — getilgt, sie muß bezahlt, muß ausgeglichen werden — —
Von weitem sieht er irgendwen am Hoftor stehen. Erschrocken zieht er an den Zügeln, greift hinter sich, will die gekauften Dinge aus dem Wagen werfen; denn das Kind — sein Kind — O, der Engel war wohl nicht umsonst gekommen. Er stöhnt. In der einen Hand den schlaffen Zügel, in der andern die Geschenke, sieht er zur Großmagd hin, die heftig winkt. Sie lacht wohl gar? Ist sie irrsinnig, die Anna, die am Traudel je den Narren hatte — —
„Was ist?“ Er springt ab, wirft dem Knecht die Zügel zu. „Die Traudel, kommt Bauer, die Traudel wartet auf euch und . . .“ Er stürzt ins Haus. Sein Kind, schneeblaß, streckt die mageren Armchen ihm entgegen. „Vaterle, hast du mir etwas mitgebracht?“ Die Dirnen, die nachgeschlichen waren, eilen schluchzend fort. Das Kind, nur das Kind hat den Bauer umgewandelt, sagen alle.
Am Lager steht der alte Arzt. Scheu blickt Bartols ihn an, und der nickt: „Sie behalten Ihre kleine Tochter; heute morgen, zehn Uhr war‘s, da — da ging der Tod vorbei.“ Zehn Uhr? Er besinnt sich. Die kleine blecherne Uhr im großen, kahlen Zimmer des Gerichtes schlug gerade zehn, als er seinen Namen unter das Entsühnungsdokument geschrieben hatte.
Er bricht zusammen, hebt die gefalteten Hände hoch, schämt sich der Tränen nicht, die aus seinen Augen rollen, und betet:
„Vergib uns unsere Schuld, wie wir‘ durch Deine Kraft vergeben wollen allen unsern Schuldigern.“
20. 10. 52, A.W.H.
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