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Hilkia, Susanna und ein Gericht. Simeon greift ein. Ist eine Ausweisung gerecht?

4.T-Kapitel 4

Hilkia, Susanna und ein Gericht. Simeon greift ein. Ist eine Ausweisung gerecht? Schulbeispiel von Sadhana. Wie Römer Gutes tun. Allerheiligstes, Heiligtum und Vorhof. Von Angesicht zu Angesicht. Die vier wundersamen Schau-Grade. Warum sollten Propheten zu Huren gehen?

Der Morgen ist noch nicht weit vorgerückt, als wüstes Schimpfen und jammervolles Weinen den Tempelhof erfüllt. Priester und Diener strömen her. Angewidert wenden sich fast alle ab. Unnias trägt dem Hohenpriester gleich die Sache zu.

Hilkia schleift eine Frau. „Du Hure!“ Er schlägt mit einem Riemen auf sie ein. „Ha, du bist geliefert!“ Hilkias Genossen gehen grinsend nebenher. Jojareb kommt aus einem Säulengang. Mit der Szene ist er nicht ganz einverstanden; aber Rührung mit dem ‚Opfer Mensch‘ kennt er nicht.

„Was ist los?“ fragt er. Hilkia läßt von der Armen ab. „Ich habe lang gelauert“, keift er. „Heute sah ich einen Mann aus ihrem Hause schleichen“, zeigt er auf die Frau. „Ich ging hinein und sah, daß sie“, wieder schlägt er zu, „eben erst vom Lotterbette aufgestanden war. Sie gab zu, er sei bei ihr gewesen. Ich habe sie für das Gericht gleich hergeführt.“ „Hergeführt?“ mahlt der Torwart zwischen seinen Zähnen. „Und so was will —“ Er verschluckt das Letzte der Empörung.

Athaja stürmt herbei. „Was gibt‘s?“ Als er das Opfer sieht, wird er blutrot. „Ich will wissen, was geschehen ist!“ fährt er zornig auf. Hilkia höhnt: „Das siehst du, Hoherpriester; nur mit Huren geht man so um.“ „Ich wüßte nicht“, wird Athaja schärfer, „daß Gericht gehalten wurde! Auch auf frischer Tat ertappt ist jedermann erst vorzuführen. Das — das — Er zeigt entsetzt auf die Gestalt, die in ihrem Blut wie eine Leiche liegt.

„Du Bestie!“ Seine Stimme zittert. „Das Synedrion wird in einer Stunde einberufen; bringe deine Zeugen mit!“ Hilkia faucht: „Vergiß nicht, hoher Templer: Hurerei wird mit Steinigung bestraft!“ Jemand reißt ihn grob zur Seite: „Deine Steine kannst du dir für deine eigene Grube sammeln!“ knirscht der Arzt. Er winkt zwei Dienern zu: „In den Krankenraum, ich komme sofort nach!“ Er holt seinen Pflasterkasten und ruft die Tempelfrauen, ihm zu helfen. Athaja, Nathan und Jissior folgen tief empört der Bahre. Zacharias weckt man nicht.

Man wird immer unruhiger. Trotz langer Mühe zeigt sich bei der Frau kein Leben. Sie hat viele Wunden und am Halse eine, die ein Biß verursacht hat. „Ich möchte wissen, wer das tat.“ Ein furchtbarer Verdacht steigt in Obadnia hoch.

Da fragt Athaja plötzlich: „Sage mir als Doktor, wenn sie schon daheim den Biß erhielt, könnte sie da jetzt noch leben?“ Obadnias Verdacht nimmt klare Formen an. „O nein; eine Ader ist verletzt. Und“, er sieht sich nach den andern um und haucht Athaja zu. „Das taten Menschenzähne.“ Der Oberste setzt sich erbleichend auf einen Stuhl. „Herr Gott“, ringt es sich aus seiner Kehle, „und das — das vielleicht von — von —“ Es geht ihm wie Akkubo; das Entsetzliche will nicht über seine Zunge.

Die Frauen haben die Gefolterte gewaschen, und man sieht, daß sie ein junges, schönes Mädchen ist. Athaja bittet Nathan, mit Unnias in das Haus zu gehen, woher das Mädchen stammt, ob sie Verwandte hat und Leute auszuhorchen, wie ihr Lebenswandel sei. Für Hilkias Bericht gibt er keinen Heller aus.

Der Arzt flößt einen Heiltrank ein, nachdem die Arme halbwegs zur Besinnung kommt. Sachis und Mallane wachen, während er sich mit den anderen beratet. Die Richter, auch geholt, werden informiert. Wie alle, sind sie ganz entsetzt. Jaor ballt die Fäuste: „Ich verabreiche ihm ein Prügelholz“, er meint Hilkia, „wenn etwa auch die Frau gesündigt hätte!“

„Warum griff Simeon nicht ein?“ fragt Jissior. „Vielleicht bringt diese Tat das Maß des Hilkia zum Überfließen.“ „Das wäre mehr als traurig, wenn das Maß mit so etwas erst überlaufen soll!“ Athaja ist noch immer fassungslos. Er beruft für das Synedrion zusätzlich zwölf Beisitzer ein.

Vor Beginn kommt Simeon an. Seine Augen schimmern scharf. Doch er hört erst den Berichten schweigsam zu. Athaja erregt sich mehr und mehr; er hoffte, Simeon würde helfen. Nun sieht es aus, als ob der Himmel keine Türen offen hätte. „Was soll ich tun?“ fragt er händeringend. „Solche Dinge dürfen doch in unserem Tempel nicht geschehen! Sogar nach dem mir widerlichen Steinigungsgesetz durfte Hilkia nicht so handeln.“

„Warten wir, was im Hohen Rat geschieht“, entgegnet Simeon. „Die Verletzte ist nicht zu verhören“, revoltiert der Arzt. „Für sie redet Mutter Hanna!“ Simeons Stimme klirrt, „und an Stelle Gottes stehe ich dem Kläger gegenüber!“ Er geht hinaus. Wie ein Alp liegt es auf allen. Zacharias hat man nicht geholt. Obadnia will prüfen, ob er imstande ist, am Rate teilzunehmen. „Es wäre gut“, rät er, „ihn für kurze Zeit zu suspendieren.“

Athaja sagt sofort: „Dann gehört ein Stellvertreter her.“ „Wer?“ fragt Chol-Joses. „Jojareb ist der erste Hauptpriester; da . . .“ Man ist sich einig, was ihnen dabei blüht. „Jissior ist der Älteste im Hohen Rat, im Range Jojareb ganz ebenbürtig“, fällt Thola ein. Der Beratungsraum füllt sich allmählich. Außer dem Synedrion, dem nebst den bekannten noch einige zurückgezogen lebende Templer angehören, sind die Richter, der Arzt, der Schulobere, der Rechtsanwalt und zwölf Beisitzer versammelt.

Nathan kommt als letzter, erhitzt und völlig außer sich. Simeon, den man wieder nötig brauchen würde, fehlt. Athaja zögert in der Hoffnung, er käme noch. Da sagt Jojareb zynisch: „Fang‘ nur an, Hoherpriester; der ‚Freund, fern von der Erde her‘, hat sich aus dem Staub gemacht. Hier geht‘s um Irdisches, in das der Himmel sich nicht dreinzumengen hat.“

Dem verschlägt‘s für einen Augenblick das Wort. Dann — er weiß es nicht, woher ihm Kraft und Ruhe überkommen, sagt er sich: ‚Simeon ist da, auch wenn wir ihn nicht sehen.‘ Er eröffnet das Synedrion und bringt Zacharias Sache vor. Das hebt die Argen etwas aus dem Sattel. Jojareb pariert auch gleich, man wäre wegen einer Hure zu Gericht geladen worden und nicht — — Warnende Stimmen von vielen Seiten lassen ihn verstummen, der offensichtlich gegen Zacharias wühlen will.

Bei Wahlen, die vorübergehend gelten, steht den Beisitzern der erste Vorschlag zu. Sieben von ihnen, Obadnia, Chol-Joses, Pedatja, Malluch, Pashur, Merelot und Hilkior stimmen für Jissior. Jojareb zügelt kaum die Wut; denn mehrere parteilose Synedrionsmitglieder geben gleich ihr ja, während der weitaus kleinere Teil Jojareb als Stellvertreter wünscht.

Wellen stürmen hin und her, doch halten sie nicht auf, daß Jissior Zacharias während eines zeitlich unbestimmten Urlaubs zu vertreten hat. Solang Cornelius anwesend ist, bleibt Zacharias da, übergibt aber offiziell sein Amt.

Jojareb und Hilkia tuscheln. „Laß“, säuselt Hilkia, „sie setzen sich in Nesseln, wenn sie nicht die Hure steinigen.“ „Hattest du was mit der Hübschen?“ fragt Jojareb zurück. Ein Grinsen. Da weiß er schon Bescheid. Ihm ist‘s egal; was liegt an einem Mädchen? Es gibt ihrer viele. Ihr Exempel hat nur leider eine Differenz; denn GOTT, den sie ausgeschaltet haben wollen, hat hier das schwerste Wort zu sagen.

Als Hanna kommt, braust Hilkia gleich auf: „Weiber haben keinen Zutritt!“ „Hanna ist Prophetin“, rügt der Versammlungsrichter Thola. „Ganz egal, ein Weiberrock hat im Gericht des Tempels nichts zu melden!“ „Aber jetzt; Hanna vertritt die Angeklagte. Willst du das nicht gelten lassen, kann zu meiner Freude diese Sache unterm Wege bleiben. Dann ist dein Klagefall entkräftet, ehe du ihn vor uns Richter bringst.“

„Dann umgeht ihr das Gesetz!“ keucht Hilkia. „Oder seid ihr eine Sekte, von Simeon gegründet? Gehn die Römer deshalb mit euch Hand in Hand? O wartet, euch versalze ich die Suppe!“ „Versalzen kannst du sie“, fällt Hanna frostig ein, „wirst sie bloß am Ende selber löffeln müssen.“ Kommt ein . . . Pocht Hilkia das Gewissen? Ach, du liebe Zeit, wenn man das stets fragen wollte . . . Gut, daß Simeon nicht hier . . . vor dem . . .

Auf diesen wartet man mit wachsender Besorgnis. Hilkia muß den Sachverhalt berichten. Zu vielem, was derselbe sagt, schüttelt man den Kopf, außer seiner Clique, die ihn durch Zurufe unterstützt. Der Verhandlungsrichter unterbricht ungläubig und meint, das Mädchen sei doch viel zu jung, um so viel getan zu haben, was Hilkia als Klage vorzubringen hätte.

„Frag‘ die Nachbarn, dann wirst du hören, was sie für eine Hure ist!“ geifert Hilkia. „Die Nachbarn?“ Nathans Augen bohren sich in die des Klägers. „Was weißt du?“ fragt der Richter. „Lasse Hilkia erst fertig reden“, mahnt Athaja, der das Recht besitzt, in die Verhandlung einzugreifen. Thola ruft, den Zweck des Hohenpriesters merkend, Hilkia wieder auf:

„Bringe vor, was das ‚Kind‘ verbrochen hat.“ Der Sarkasmus reizt den Kläger. „Langt das nicht, was ich berichtete?“ überschnappt er sich. „Ihre Mutter ist zu bald gestorben; etwa ist sie dadurch auf die schiefe Bahn geraten. Aber dient das als Entschuldigung? Ihr Buhle ist verehelicht, was die Dirne weiß. Ihr Vater hätte sie schon längst verjagt, doch gehofft, sie würde sich noch bessern. Sie gab ja ihre Buhlschaft zu.“

„Hat sie sonst etwas gesagt?“ „Sonst — ? Denkst du denn, ich hörte eine rührselige, erlogene Geschichte an, die mein Mitgefühl erregen soll? So was gibt es bei mir nicht! Es genügt ihr Eingeständnis, um das bekannte Urteil auszusprechen.“ „Welches?“ fragt der Richter lauernd.

„Fehlt dir denn der fünfte Sinn“, faucht Hilkia patzig, „weil du das Gesetz nicht kennst?“ Thola übergeht die Ungezogenheit. „Ein echter Kläger kann ein Strafmaß heischen; dem Richter, Hilkia, vergiß es nicht, und dem Gericht, vertreten durch die Hohenpriester und die Schöffen, bleibt die Entscheidung vorbehalten!“

„Oha, ihr Rechtsverdreher! Doch ich kämpfe diese Sache bis zum letzten Stadium durch und berufe hundertvierundvierzig Älteste, die als Volksgericht das Synedrion überstimmen!“ „Tue das, du von GOTT verworfener Kläger!“ (OJ. 12, 10) erklingt‘s wie Schwertgeklirr, das einen Schild zerschlägt (OJ. 1, 16).

Simeon, erzgepanzert, steht Hilkia gegenüber und hämmert auf ihn ein: „Du willst dem Schöpfer das Gericht nicht überlassen, obwohl du weißt, daß ER allein der ewigwahre Richter ist! Präge dir das ein, falls du armer Wicht es kannst: Ich stehe hier an GOTTES STATT, Sein Fürst, und nicht ein Mensch!“ Das braust wie Sturmwind durch den Raum; alle neigen sich wie dünne Halme. Gottes Fürst spricht weiter:

„Des Herrn Tochter Hanna wird statt des armen Kindes reden; und weil du“, er zeigt auf Hilkia, „keine Zeugen brachtest, soll der Altar Gottes (Jos. 22, 27; 24, 27; OJ. 2, 17; 22, 3) mein Zeuge sein! Für das Gericht habe ich zwei Zeugen herbestellt.“ (5. Mo. 19, 15; Jes. 8, 2) Hilkia wird käsweiß, als zwei Männer, einer tief gebeugt, der andere gefesselt, geführt von Hauptmann Rochus und einem Legionär, den Raum betreten.

Die Freunde sind bestürzt, aber bald durch einen Blick auf Simeon vom schwersten Druck befreit. Ein Gottesurteil kommt, wie einst auf Karmel (1. Kön. 18, 38), wenn auch keine Feuerlohe niederfällt. Simeon fordert Hanna auf, als spräche er zum angeklagten Kind. „Susanna (Luk. 8, 3), fürchte dich nicht, du wirst gerettet. Wie kam es, daß dein Vater jenen“, er weist auf den Gefesselten, „bei dir geduldet hat?“ Die Prophetin, wie als Susanna redend, erwidert: „Ich will meinen Vater nicht verklagen.“

„Du verklagst ihn nicht, wenn du die Wahrheit sprichst. Dein Herz tut weh, ich frage daher deinen Vater.“ Hilkia wagt: „Ich denke, du stehst an Gottes Statt? Sein Fürst? Haha! Und als solcher mußt du fragen?“ „Schweig, Paradiesesschlange!“ Der Mann, namens Ahasva, bestätigt, daß er der Vater von Susanna sei. Bangend fragt er, wie es seiner Tochter ginge.

„Schlecht!“ ruft grob der Arzt. Ahasva gesteht, er stünde bei dem anderen in großer Schuld. Dessen Weib sei seit langem ‚zu nichts zu gebrauchen‘. Ahasva hatte, um den Gläubiger zu besänftigen, sein Kind ‚verkauft‘. Nun stellt es sich heraus, daß Hilkia selber nach Susanna geilte, Ahasva sogar Geld geboten hatte, der Rivale aber mit dem Schuldturm drohte, wenn Hilkia zu Susanna dürfte. Aus Wut darüber drehte Hilkia die Sache um.

Nathan zeugt, eine Reihe Nachbarn hätten von dem ‚braven Kind‘ gesprochen, daß es, seit der Gläubiger ihres Vaters zu ihr gehen durfte, häufig weinte und sich selten auf der Gasse sehen ließ. Als Susanna kündet die Prophetin alles tiefe Herzeleid, nachdem Ahasva selber zugegeben hat und nicht sie den Vater anzuklagen braucht. So liebt sie ihn trotz allem.

Der Verhandlungsrichter sagt: „Das stimmt gewiß! Nicht meinet wegen frage ich: Ist‘s möglich, daß Mutter Hanna all das sagen kann, was Susanna reden würde?“ „Ja! Ich war bei ihr und habe sie in einen Sfärenschlaf gewiegt.“ „Ach, tot?“ fragt Obadnia entsetzt und aller Blicke hängen an Simeon. „Nein“, das erste leise Lächeln stiehlt sich über sein Gesicht. „Der Arzt wird sie mit Hanna, Sachis und Mallane überwachen.

Sie wird drei Tage schlafen, währenddem ein Himmelstraum ihr alle Bürde nimmt. Nichts soll sie an das Vergangene erinnern. Jedermann soll das befolgen. Du, Ahasva“, sagt er zu diesem, „sollst vor Gott versprechen, deinem Kinde nie davon zu sagen und nie wieder so etwas zu tun! Die Schuld bezahlt der Tempel; nur wird der Gläubiger sich dessen nicht erfreuen.“

Athaja fragt: „Hauptmann, warum wurde er verhaftet?“ „Er hat den Kaiserzins in falschem Geld bezahlt.“ Rochus verschweigt, daß dies Simeon gemeldet hat. „Er hat den Cäsar öffentlich beleidigt. Die Enteignung ist befohlen; die Familie bleibt aber ungekränkt.“ „So handeln Heiden“, ruft Jissior dazwischen, „und hier — hier — ein Priester, ein — —“

„Er ist keiner“, sagt Simeon hart. „Er ist ein übertünchtes Grab (Matt. 23, 27), ein Toter im Bereich des Todes!“ Rochus tritt näher vor: „Wenn dieser“, tippt er Hilkia an, „nach euren Sitten Böses tat, so werdet ihr ihn richten müssen. Hat er aber etwas gegen Rom verbrochen, so zeigt es dem Quirin Cyrenius an. Der Bube war bereits in unsrer Haft.“

„Diesmal nicht“, rettet Simeon Hilkia vor dem römischen Kreuz. — Das Gericht fällt das Urteil: Hilkia wird aus Juda ausgewiesen. Er darf ein Drittel des Vermögens mit sich nehmen, ein Drittel kommt in die Armenkasse, ein Drittel erhält der Tempel. Für Ahasva wird vom Tempelteil der Gläubiger bezahlt, was das Tribunat kassiert. Der noch rüstige Ahasva muß ein Jahr lang wöchentlich zwei Tage dafür dienen.

„Was sollte ich denn tun?“ weint dieser. „O, wie habe ich mein Kind bedauert und . . .“ Simeon nimmt ihm das Wort: „Deiner Tochter wegen wurde dir geholfen, nicht wegen deiner kleinen Reue. Du konntest in der Sache klagen.“ „Gegen — “ Ahasvas Angst ist echt, den Namen Hilkia auszusprechen.

„Deine Schuld ist nicht allein durch nackte Not entstanden“, sagt Simeon. „Aber Gott ist denen gnädig, die ihre Schuld bereuen, die sich allen Ernstes bessern wollen. So — nun kannst du gehen.“ „Ich möchte — möchte zu Susanna.“

„Nein“, wird ihm freundlich abgewehrt. „In letzter Zeit hatte sie stets Angst vor dir; auch im Schlafe würde sie dich fühlen. Das darf nicht sein. Nimm als wohlverdiente Strafe hin, daß du Susanna erst nach einem Monat holen darfst. Sie bleibt bei Mutter Hanna.“ Zögernd geht der Alte fort. Vor dem Tore steht er stundenlang, bis ihn Malluch mahnt, nun endlich heimzugehen. Er gibt ihm sogar einen Tempeldiener mit.

Als Hilkia verstört den Raum verläßt, folgen keine bösen Worte nach. Jojareb wird kleinlaut, leider nur vorübergehend. An Hilkias Stelle tritt Jissior, doch von Eliphel vertreten, der aus Emmaus zurückberufen wurde, woselbst Nicodemus wieder helfen darf, dem man aufs neue die Gemeinde anvertraut. Später wird er in den Hohen Rat gewählt (hier vorausgesagt), als Zacharias und Athaja nicht mehr leben und der HERR Seine Lehramtsjahre angetreten hat. — Zurück zum Tage des Geschehens.

Wer kann, bleibt noch beisammen. Obwohl ‚gut‘ verlaufen, weicht die Bedrückung nicht so rasch. „Du hast zum Urteil nichts gesagt“, Athaja sieht Simeon fragend an, der wieder im üblichen Gewand — und es ist eigenartig — so den Menschen näher steht. „Ob Gott den Hilkia ausgewiesen hätte? Ich mache mir Gedanken.“ „Es ehrt dich sehr, Hoherpriester“, sagt Richter Jaor, „daß du so denkst. Ich bin der Überzeugung: geurteilt hat der HERR!“

„Was euch bedrückt“, läßt Simeon sich vernehmen, „ist ein gutes Zeichen der Versöhnung, zu helfen, wo Hilfe nötig ist. Und sie ist am Platze, wo jemand sich verirrt. Der Schöpfer wies Sein erstes Kind aus Seinem Reiche aus, weil es durch die Ausweisung zu retten ist. In der Ferne lernte es die Heimat lieben, und die Sehnsucht wird es bald zur Umkehr bringen.

So auch, wem diese Strafe gilt. Erst werden sie bei allen, bloß nicht bei sich selbst, die Strafursache suchen; doch allmählich kreisen die Gedanken um das Vaterland. Und wer einst aus Sehnsucht wiederkommt, der soll aufgenommen werden. Bei Hilkia wird es lange währen; erst kurz vor seinem Tod treibt ihn das Sehnen heim. Wer dann noch von euch lebt, empfange ihn mit offenem Gemüt, um seine Seele auch zu retten.“

„Wie bin ich froh!“ Athaja atmet hörbar auf. „Eigenartig, gestern wollte ich noch eine Frage stellen, weshalb Gott mehreren Propheten sogar mit Huren einige Kinder zu zeugen anbefahl. Wenn ich an diese Stellen kam, da legte ich die Schriften resigniert zur Seite. Nun wurde heute früh ein ‚Fall‘ uns vorgebracht. Das ist ja kaum von ungefähr. Gibt es ein Verbindungsglied zwischen meiner Frage und dem heutigen Geschehen?“

„Ein Präzedenzfall, Freund. Nur gibt es wenige, die vorher ihre Schatten werfen. Bei heilsamen Epochen — und Gottes Kommen ist die heilsamste — verläuft die Zeit ‚unter dem Schatten des Allmächtigen‘ (Ps. 91, 1); bei unheilsamen breiten Tod und Unglück ihre Fänge aus (Matt. 4, 16). Wir behandeln heute des Cornelius und deine Frage. Euch täte aber etwas Ruhe gut.

Ich löse jetzt die Frauen bei Susanna ab, damit sie abends wachen können; und als Gastgeber braucht unser Arzt auch eine Handvoll Schlaf.“ „Du bedenkst alles.“ Nathan drückt Simeons Hand. „Könntest du bloß immer bei uns bleiben.“ „Gottes Geist bleibt allezeit bei euch!“

Obadnia begleitet Simeon. Susanna schläft. Vorsichtig prüft der Arzt, sein Haupt schüttelnd: „So etwas erlebte ich noch nie.“ „Daran ist zu lernen.“ Simeon schickt die Frauen fort. „Es wird dir noch begegnen und dann weißt du, wie du dich verhalten mußt. Schlafen lassen bis zum dritten, notfalls vierten Tag. Erst dann ist jemand mit Gewalt zurückzurufen.“ „Du hast mir schon so viel gezeigt und meinen Salbenkasten sehr bereichert.“ —

Der Arzt hat einen Saal gemietet und mit mehr Geschick, als dem Junggesellen zuzutrauen war, wohnlich ausgeschmückt. „Hübsch hast du‘s gemacht“, lobt Athaja. Es gibt ein gutes Mahl, das man so kurz als möglich hält, um viel Zeit für die Gespräche zu gewinnen. Die Tempefrauen fehlen, aber Zikla, Esther, Hethit, Aski und Mechona sind zugegen. Aski muß die Hausfrau spielen, was sie für den Arzt mit Freuden tut.

Man bespricht das heutige Begebnis. Auf einmal wirft Cornelius mit pfiffigem Gesicht einen schweren Beutel auf den Tisch. Er läßt ihn klirren. „Das habe ich bei meinen Offizieren für das arme Kind gesammelt. Hasabra und Josabad sollen es verwalten bis zum Tag, wo es in eine Ehe tritt. Spätestens ist‘s zum dreißigsten Lebensjahr zu übergeben.“ Spontan sammelt Athaja bei den Israelen. Selber gibt er viel dazu.

Hasabra sagt ergriffen: „Dank unsern treuen Römern und auch euch Freunden. Es geht ohne Eid, daß wir Obersten die Gabe ordentlich verwalten. Wir setzen eine Rolle auf und bitten den Tribun, die Hohenpriester und die Richter, sie zu unterzeichnen.“ Nicht ohne Mitleid fragt Chol-Joses nach dem Münzenfälscher, den Rochus in die Sitzung brachte.

„Weiß ich nicht“, entgegnet der Tribun. „Der Quirin ist informiert und der Verbrecher auf dem Weg nach Rom. Vielleicht geht es ohne Todesurteil ab; allerdings — das mindeste ist ‚lebenslänglich‘ in den Gruben oder auf Galeeren.“ „Ein schweres Los, doch gerecht“, bekennt der Rechtsanwalt. „An dem Mädchen hat er unerhört gehandelt und Ahasva eigentlich dazu erpreßt, wenn natürlich dieser auch mit schuldig ist.“

Simeon mahnt: „Laßt das jetzt; Cornelius Frage (S. 285, 3) steht auf unserm Plan.“ Bald wird eifrig debattiert. Die Frauen beteiligen sich rege am Gespräch. Man ist überzeugt, daß die Trennung zwischen dem Allerheiligsten, Heiligtum als Vorraum und dem Vorhof — als überholt — auszugleichen sei. Nur das ‚wie‘ ist schwer zu finden. Am Ende offenbart das Licht:

„Du sollst von Purpur einen Vorhang machen‘ (2. Mo. 26. 31). War er eine tor- und fensterlose Mauer? Jeder konnte ihn passieren, sobald man aus erkenntnisvoller Liebe sich dem Willen Gottes unterwarf, womit Gott dem treuen Knecht, der guten Magd SICH SELBST aus Güte offenharte. Das bedeutet:

Getreue brauchen keinen Vorhang, aber respektieren ihn, weil er für das eine Drittel (OJ. K. 8 u. 16, 19 pp.) Widerspenstiger erstanden war und Erstere die Dienstbarkeit als Armengabe durch den Vorhang auf den Altar tragen. Das Symbol zeigt sich auf jeder Lebenswelt. Mose, im Licht der Ordungsträger, mußte diesen Vorhang für die Materiellen schaffen. Doch wer selig, das heißt ‚gläubig‘ ist, dem ist kein Vorhang eine Mauer.

Mose ging an Stelle Gottes in das Allerheiligste. Aaron vertrat das Volk und da heißt es: ‚ . . . daß er nicht zu aller Zeit hinter den Vorhang gehe‘ (3. Mo. 16, 2). Das bezog sich nicht auf ihn. Für das Volk ging er so oft hinein, wie oft Israel sich Gott ergab. Dann fiel — wie bei Zacharias Räucherdienst — vom Allerheiligsten das Licht heraus auf alles Volk.

Heiligtum (Jes. 57, 15) bedeutet ‚Sankt Sanktuarium‘, welches bloß im Empyreum steht. Immerhin — sein Anbild war die Hütte. Im sogenannten Vorraum soll sich jeder prüfen und sich nimmer wenden, wie Lots Weib getan. Daselbst muß sein Geist das Herz, die Seele und das Gemüt durchstrahlen, um auch ‚Gott von Angesicht zu Angesicht‘ (2. Mo. 33, 11; 5. Mo. 34, 10) zu schauen, was noch anderes bedeutet, als allgemein den Herrn zu sehen.

Im Vorhof kann man Ihm begegnen, im Vorraum Ihn im höheren Lichte sehen, im Allerheiligsten von Angesicht zu Angesicht. Das war nie Bedingung, nur der Unterschied nach der Entwicklung, wo die Ersten in Geduld erzogen wurden. Es war damals aber nicht zu fühlen, weil Schau und Erkenntnis einheitlich erfolgten.

Anders nach dem Fall! Die Gottes-Losen mußten vor die Mauer. Doch falsch ist es gedacht, daß der Vorhof pur dem Volke gälte, das nicht aus sich zu Gott gelangen könne. Wohl: die Abgeirrten können sich nicht selbst befreien, sie werden durch die Grunderlösung frei. Durch diese kommt die offenbare Hilfe näher, und allmählich geht es vorwärts bis ans Vorhoftor (Gehege). Aber nun:

‚Ein Tag in Deinem Vorhof ist besser denn sonst tausend‘ (Ps. 84, 11); ‚Baruch las aus dem Buch im oberen Vorhof‘ (Jer. 36, 10). Dann weiter: ‚Die Wolke erfüllte den inneren Vorhof‘ (Hes. 10, 3). GOTT, zu Gunsten aller Kinder in ein ‚Kleid‘ gehüllt, ist in Licht-Heilig zu erkennen, darüber hinaus sichtbar, mindestens fühlbar auch in der Materie denen, die Ihm zugewendet bleiben oder sich in Reue Ihm ergeben.

Vorhof — sinnhaft das Gehege am Berg und in der Wüste — ist die OBHUT GOTTES, insgesamt als ‚Hütte‘ dargetan. Es war der Fehler mancher Templer, — nein, nein“, begütigt Simeon, als es bekümmerte Gesichter gibt, „frühere sind gemeint, daß man das Volk gewisserart zum ‚Vorhof degradierte‘, als sei er all den nicht ganz Würdigen gegeben worden.

Man schuf den krassen Unterschied, der weder ursächlich noch streng zu Mose‘s Zeit bestanden hatte. Aber Israel hat sich gefürchtet, dem Heiligtum zu nahen, weil es — einmal dort — da keine Sünde zu verbergen gab. Es war stets froh jetzt auch — den weniger belichteten Vorhof zu besitzen.

Nunmehr hat es keinen Zweck, den Tempel aufzutun. Wichtiger ist das wahre Wort als A und O, als das Allerheiligste zu öffnen. Auch wird der Vorhang bald durch das vom HERRN für die Materie gebotene ‚VOLLBRACHT‘ verschwinden. Vorher rollt im Sankt Sanktuarium der einst durch den Fall gewebte Vorhang an beiden Seiten auseinander (2. Mo. 26, 31; Matt. 27, 51), unverletzt, weil er zum Heil der Hingestürzten eine Decke war.

Eures Tempels Vorhang wird von einer unsichtbaren Hand zerrissen und wird niemals wieder neu geknüpft. Dann hat die Umkehr jenes ersten Kindes angefangen, das durch seinen Fall das letzte wurde (Luk. 13, 30). Ihr guten Priester habt euch um das Volk bemüht. Wohl wird man nochmals Steine statt des Brotes geben, und für kurze Zeit wird der Tempel eine öde Wüste werden, wo man statt Gott dem Mammon dient (Joh. 2, 16).

O, der Höchste richtet jene, die den Eckstein (Ps. 118, 22) aus der Mauer reißen, und der Tempel fällt in Trümmer. Allein des Himmels Licht wird weiter leuchten, und Gemeinden sind ein Tempel, wo Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten ist (Joh. 4, 24). Das kann in Häusern vor sich gehen, wenn die Gläubigen in sie die Liebe, Demut, Andacht und die Ehrfurcht tragen. Denn dann ist der Allmächtige mit Seinem Segen überall.“

„Ach wie liebt uns Gott“, ruft Gedalmar, „daß Er uns dies alles schenkt! Darf man über das ‚von Angesicht zu Angesicht‘ noch etwas hören?“ „Ja; wer Hunger hat, der komme an den Tisch des Herrn; wen dürstet, der lasse sich an Seine Quelle führen (OJ. 22, 17). Weil du Gottes Liebe so gepriesen hast, durftest du Ihn jetzt erblicken.“ Gedalmar ist verblüfft.

„Ich — ? ich wäre ja vergangen!“ „Hast du nichts gesehen?“ fragt Josabad. Ehe die Verneinung kommt, sagt Simeon: „Höret erst, bevor ihr Für und Wider wägt. Man wähnt allgemein, die Augen müßten Gott erblicken, soll es als Schau gewertet werden. Schon recht, sofern es um das äußerliche Sehen geht. Dieses ist in der Materie erst der vierte Grad. Für viele ist es sogar gut, aus der vierten Schau über eine dritte und zweite zur ersten zu gelangen, wie die umgekehrte Reihenfolge gleichfalls stimmt.

Der erste Grad ist eine Innen-Schau, wo der Gläubige eigenartige Gedanken hat. Sie steigen wie von selber auf; doch der HERR gab sie ihm ein. Denn das ‚Verborgene Wort‘ (Jes. 45, 15) öffnet vielerlei Geheimnisse. Weil sich diese stets auf Gott beziehen, so sieht der Seher ‚Gottes Wesenheit‘.

Im Licht ist das die höchste Schau; bloß verbindet sich mit ihr die Augenschau; denn dort fließen alle Grade ineinander. Wer auf der Welt die erste Schau erlangt, hat nach seinem Leibestode keinen langen Weg ins Empyreum. Trotzdem wird‘s den Heimgekehrten bei der Himmelsschau von Angesicht zu Angesicht wie ein ‚Traum‘ (Ps. 126, 1) erscheinen.

Der zweite Grad ist das ‚Sehen von des Nächsten Not‘ (Sir. 29, 18 u. 27; Luk. 10, 29). Dadurch ‚sieht‘ er Gott (Matt, 25, 40). Viele sehen einfach keine Hilfsbedürftigkeit. Sie sind allzu stark mit sich beschäftigt. Viele machen einen Bogen; sie haben keine Zeit, haben auch nichts übrig. Selbstredend, daß in ihrem Stadium Gott sie auch nicht ‚ansehen‘ wird. Wer hilft, der sieht die ‚Hilfe Gottes‘, die allen dargeboten ist!

Ein Beispiel: Adam und Eva konnten nicht in Eden bleiben, womit sich ihnen — wenigstens zuerst — die Gottesschau verschloß. Dennoch wurden sie durch eine Last (1. Mo. 3, 16 u. 19) gesegnet. Später sahen sie, zumal im Segen der Natur, ein Stück von Gottes gnaden voller Wesenheit.

In der dritten Schau liegt das Geheimnis aus des Höchsten dritter Wesenheit, aus der Er auf die Erde kommt. Übrigens bedeutet sie in den drei Punkten: der ‚Glaube‘ (Hos. 2, 22), sich ‚voll genug sein lassen‘ (Job. 10, 11) und zu ‚wissen‘ (Matt. 6,8), daß Gottes Hände allezeit geöffnet sind. Natürlich gibt‘s auch umgekehrte Fälle, wo jemand erst durch eine Augenschau (Ap.G. 9, 3) zum Glauben, Lieben und zum Fühlen kommt.

Ausschlaggebend ist der Seelenstand, der sich auf die jenseitige Vorexistenz bezieht. Es wird bedacht, wie jedes Kind zu leiten ist. Es gilt weniger die Reihenfolge eines Weges, obwohl viele Menschen zickzack laufen. Aufbau und Ziel sind GOTTES Sache; daraus folgen erst die Richtung und der Lauf. Manche kommen zur Erkenntnis, wenn sie Weltliches erlangen, freilich selten. Die meisten werden wach, wenn es die Leiter abwärts geht.

Noch zur Schau von Angesicht zu Angesicht unseres Gedalmar, obwohl er nichts mit seinen Augen sah. Die Erklärung zeigte euch, daß es viele Varianten gibt. Unser Freund — seid froh, ihr alle auch — hat den vierten Grad der Schau erlebt. Ja — die eigentliche Schau ist jener Grad, in dem sich alle andern Grade spiegeln. Darum sucht in dieser Welt nicht gleich den höchsten Grad, wenn er in sich auch viel Seligkeit und Freude birgt.

In hehrer Wechselwirkung steht das Fühlen, die Gedanken, in der als ‚Äußeres‘ zu bezeichnenden Materie im Vordergrund, währenddem im Reich des Geistes, vergleichbar mit dem Inneren, die äußerliche Schau von Angesicht zu Angesicht vom ersten bis zum vierten Grad der große Spannungsbogen ist, unter dem die innere Lebendigkeit den Vorrang hat.“

„O lieber Abend, höre heut‘ nicht auf; falte deine Fittiche, damit wir Gottes Odem atmen und die wahre Schau erhalten können!“ bittet Obadnia. Sagt Galal: „Seit wann, Doktor, bist du so poetisch? Ich lege, seit wir eine um die andere Perle aus dem Meer der Gottheit fischen dürfen, für jede himmlische eine irdische in einen Schrein. Allseits ein Ah und Oh.

„Was machst du mit den Perlen?“ fragt Askanius. Sich schämend, sein Geheimnis aufgedeckt zu haben, erwidert Galal: „Wer weiß, ob das Gott wohlgefällig ist.“ „Schäme dich nur nicht“, lockt Simeon mit feinem Lächeln. „Würde jeder Wissenschaftler jetzt und später aus solch ehrlichen Motiven handeln, wie du es tust, dann würden einstens alle ihre Forschungen zum Segen des Planeten sein! Und den Herrn hast du erfreut.

Höret: Galal hat testiert: Aus dem Erlös der Perlen soll ein Haus erstehen für Waisen und verwahrloste Kinder.“ Athaja drückt Galals Hände fest: „Du hast so priesterlich gehandelt, daß du nicht zum Tempel auf Moriah zu gehen brauchst, um den Heiligen von Angesicht zu Angesicht zu sehen.“

Simeon zeigt rundum: „Alle stehen in Licht-Heilig, auch du, liebe Esther.“ Für sich hatte sie den Kopf geschüttelt. „Freund Ahitop ist auch schon dort.“ Man hatte seiner stets gedacht, wenn man wo beisammen war; sein feines Wesen wirkte immer gut. Esther wird von allen Freunden treu umsorgt. —

„Nun liegt Athajas Frage vor“, fängt Simeon wieder an. „Weshalb befahl Gott einigen Propheten, zu Huren einzukehren? Nenne jene, um welche es dir geht.“ „Wenn ich zuerst was sagen darf?“ meldet sich Cornelius. „In Rom gehört es fast zum guten Ton, nicht nur eine Frau oder einen Mann zu haben. Ich verachte diese Anschauung, und auch Cyrenius ist sie ein Greuel, trotzdem er des Hofes wegen mindestens zwei Frauen haben muß.

Abraham hatte auch zwei Frauen; und Salomo, der zu Gottes Ehre einen schönsten Tempel baute, besaß deren tausend (1. Kön. 11, 3-9). Im östlichen Orient ist Vielweiberei an der Tagesordnung.“ Malluch, das stille Wasser, erwidert: „Anfangs, als sich die Menschenvölker bildeten, waren mehrere Frauen zugelassen. Aber jene, die den Einen Gott verehrten, hatten trotzdem nur ein Eheweib. Auch Abraham der zu Saras Magd, der Hagar, einmal eingegangen war, hat dieselbe nie berührt.

Ich will das Thema nicht erweitern, bloß das: Salomo war solang gottgesegnet, solange er in Gottes Ordnung blieb. Statt der Heiligen Hütte, von ‚Gott gestiftet‘, ein Prunkhaus hinzustellen, das schon David bauen wollte (2. Sam. 7), löste ihn von Gottes Herzen los. Sein Harem war der Ruin des geeinten Israel.“ „Fein skizziert“, lobt Nathan. Cornelius lobt eifrig mit: „Sowas muß man wissen, wenn die Geschichte einen etwas lehren soll.“

Athaja sagt: „Über Salomo sei jetzt geschwiegen. Ich zitiere ein paar Fälle. Sie sind dem Wortlaut nach ein Widerspruch zwischen einem Gott-Gebot und Gottes Anbefehlung oder Führung. Wie bei dem gesegneten und ungesegneten Räuchern wird auch dieses Widersinnige beseitigt werden können.

Ich überlasse Simeon, die Einzelpunkte zu erläutern. Der erste Fall: die Hure Rahab (Jos. K. 2). Ich nehme diesen einem noch weiter zurückliegenden voraus, weil es sich um keine anbefohlene Gebotsverletzung handelt.“ „Und wie lautet das Gebot?“ fragt Rochus. „Du sollst nicht ehebrechen“, gibt Athaja freundlichen Bescheid. „Es ist das sechste von den Zehn Geboten.

Die ausgesandten Wegesucher kamen in das Haus der Rahab, die vom wahren Glauben etwas wußte. Doch sie hat ihr Volk verraten, um sich und ihre Angehörigen zu retten. Was mich wundert ist, daß sie nicht für jene Männer bittet, die — vielleicht — bei ihr gewesen sind. Die Führung Gottes liegt wohl zweifelsohne vor, damit Josuas Männer in ihr Haus gerieten.

Gott nennt Ägypten eine ‚Rahab‘ (Jes. 30, 7); und Hiob spricht den Namen zweimal aus (Hiob 9, 13; 26, 12), worunter keinesfalls Personen zu verstehen sind. Die kanaanitische Rahab kommt mir weniger als Hure, denn mehr als eine Spionin vor, was allerdings kaum besser wäre. Eine Auslegung ist leicht zu finden, wenn man sie im eigenen Gewässer sucht. Doch es soll nur Gottes Wahrheit leuchten.“ Simeon nickt dazu:

„Deine Ansicht steht der Wahrheit nahe. Rahab war keine Hure, noch weniger hat sie ihr Volk verraten. Weil sie um ihr Leben und das ihrer Familie mit den ‚Fremden buhlte‘, richtig also die Bedingung stellte und sich auf solche eingelassen hatte, ging sie wegen ihres sogenannten Volksverrates als Hure in die Geschichte ein. Da sie nur von Eltern und Geschwistern sprach, läßt der Text nicht zu, daß Ehebrecher bei ihr waren.

Wie kam es, daß sie eueren Glauben (Hebr. 11, 31) hatte? Nun — einst war ja Abraham der König von ganz Kanaan. Fast alle Stämme nahmen seinen Glauben auf. Als Jakobs Söhne nach Ägypten zogen, sickerte das Heidentum allmählich wieder in das Land. Dennoch blieben manche Sippen in Abrahams Ein-Gott-Lehre fest. Ein solches Haus war das der Eltern Rahabs. Damit zeigt sich ja die Führung, wieso Josuas Ausgesandte in dies Haus gelangten. Es sei noch vermerkt, daß die Benennung in Isa-i und Hiob keinen Hinweis auf die kanaanitische Rahab bietet.“

„Eine Hure wäre gut umschifft“, lacht Hasabra. „Lache nicht zu früh“, warnt Athaja, „denn nun kommt etwas Fürchterliches: Lot und seine Töchter (1. Mo, 19, 32-38). Wenn es auch verständlich ist, daß die Mädchen sich nach Kindern sehnten, Inbegriff des Muttertums, und weil ja die Gesponse sie verlassen hatten, bleibt doch das Ganze unverständlich. An ihrer Mutter hatten sie das schreckliche Gericht erlebt; trotz desselben und der jammervollen Flucht machten sie vor schlimmster Blutschuld keinen Halt. Ich denke, daß auch Lot nicht gänzlich schuldlos war.“

„Entschuldigend ist“, bestätigt Simeon, „daß Sodoms und Gomorras Untergang, wo Lot zum armen Flüchtling wurde, die Menschen aus der Bahn geschleudert hatte. Die Frau ward weniger bestraft, weil sie rückwärts schaute; das wäre ungerecht gewesen. Sie war ein zänkisch Weib und hatte Gott verhöhnt. Nun fiel der Schmuck ihr ein, den sie zurückgelassen hatte, kehrte um und geriet in die Todeszone. Sie erstarrte und zerfiel allmählich.

Das sahen Lot und seine Töchter nicht, die das Grauen vorwärts peitschte. Deshalb wurde ihre Sünde nicht zu schwer berechnet. Lot verlor jedoch den vollen Segen; ohne Sohn ergab er keine Sippschaft Israels. Männer schrieben die Geschichte und schilderten zumeist die Hurerei der Weiber, höchst selten solche von den Männern. Aber jeder Mann ist ebenso ein Hurer wie das Weib, weil das Huren nur gemeinsam zu betreiben ist.

Auch nur Eva, des letzten Erdgeschlechtes Ahne, zuzuschieben, daß durch sie allein das Paradies verschlossen ward, ist irrig. Die Altgeschichte lehrt die Schuld von beiden. Adam bekam die größere Last, weil er sich reinzuwaschen suchte vor dem Herrn. Und Lots Last ist, daß die Geschichte ihn vergaß.“

Der nächste Fall. „Der Heilige gibt den Befehl an Isa-i für einen ‚Raubebald-Eilebeute‘ (Jes. 8, 1-3). Der Prophet nimmt außerdem zwei Zeugen mit. Eine Prophetin ist‘s sogar. Bei Hosea, der viermal zu zwei Huren gehen mußte (Hos. 1, 2 u. K. 3), ist vielleicht ein geistiges Gesicht herauszuschälen, weil das Ganze mit Jesreel, der Hochburg Ahabs und der Isebel (1. Kön. K. 21) verbunden wird. Bitte, Simeon, zünde uns gleich eine große Kerze an, dann brauchen wir nicht lang im Zwielicht tappen.“

„Höre“, sagt Cornelius erstaunt, „ich merkte oft, daß du vieles weise und sehr fein erklären kannst. Das ‚Zwielicht‘ beweist noch eine gute Eigenschaft. Ich berichte dem Quirin dein schönes Wort.“ „Aber aber“, wehrt Athaja fast verlegen ab; doch Simeon gibt dem Römer recht und legt aus:

„Das Wort läßt einwandfrei erkennen, daß absolut nicht Isa-i der Vater jenes Raubebald-Eilebeute wurde. Die Prophetin ist in ihrer Ehe schwanger; und der Sohn daraus ist ein Symbol und bezieht sich auf ‚IMANUEL‘ (Jes. 7, 14; 8, 10), der sich mit Isa-i bespricht, ER, der bald kommen wird und des Lichtes Beute holt, weshalb wieder als Symbol zwei Zeugen wirken.

Anders bei Hosea, der in Israel teils zur selben Zeit wie Isa-i in Juda wirkte. Der Auftrag lautet, daß der Prophet ‚das Weib samt Kindern nehmen soll‘, erstens, um sie als Beispiel dem verderbten Volke vorzuführen, zweitens der Oberen wegen, daß sie nicht besser wären als das Weib und deren Kinder; denn jene buhlten, schacherten mit Gold, Macht und Handel. Erst dann zeugt der Prophet das Kind, und ‚Jesreel‘ wird geboren.

Weil man die Gott-Gebote übertrat, sollte als ein letztes Warnsignal die Hure Gomer eben diesen Jesreel gebären. Gomer ist als Maß ‚ein Zehntel‘, der ZEHNT, den der Höchste billig forderte, und den Kain unterschlug. Dreimal wird das Gomermaß benutzt. Auf Jesreel, was sich geistgesehen auf Sadhana bezieht, im Widerstrahl für die Materie auf Israel, auch auf Abfall, das ‚Abgefallene‘ von Gott, insgesamt das ‚wertlose‘ dessen, was der Kehrrichtgrube übergeben wird, folgt Lo-Ruhama.

Aber vorher sagt Gott zu Hosea: ‚Zur selben Zeit will ICH den Bogen Israels zerbrechen im Tale Jesreel‘ (Hos. 1, 4-6). Das besagt und ist auf alle Glaubenslosen anzuwenden: Nachdem Sadhana durch den ‚Bogen ihrer Wünsche‘ des Schöpfers Herrschaftswillen und Sein Herrschaftsrecht herausgefordert hatte, mußten Recht und Willen ihren Bogen brechen, bis Sadhana zur Lo-Ruhama, der ‚Unbegnadigten‘ herabgesunken war.

Von Lo-Ruhama wissen wir, daß aus der reichen Sadhana die Arme wurde, die den letzten Gnadenteil verwarf und sich den Mannesnamen LUZIFER erwarb. Gott ließ es zu; sie konnte über keine Schöpfungsgrenze fallen, wie tief sich auch ihr Sturz gestaltet hatte. So bringt das Gomermaß das dritte Kind, den Sohn Lo-Ammi (Hos. 1, 9), was ‚nicht Mein Volk‘ bedeutet! Ja, der gewordene Luzifer samt Anhang wird aus dem Lichtreich ausgetrieben. Und doch — doch — — väterlich heißt‘s wieder im voraus:

‚Ich erbarme mich; doch Ich helfe nicht durch Bogen, Schwert, Streit, Rosse oder Reiter‘ (Hos. 1, 7). O, der Ewige hat mit Seinem Testament bestimmt und von Seinen Ersten es mit unterzeichnen lassen (s. Urwerk S. 101), wie Sein UR-Werk zu erhalten sei, wenn einmal ein Kind von Seiner guten Bahn geriet. Bloß einzig mit der Macht des Testamentes und nicht durch Streit noch Ausrottung hat ER schon am vierten Tag des Tat-UR-Jahres Seine Hilfe zugesagt — ein heiliges Erbarmungsopfer sondergleichen!

Läßt sich das dreigeteilte Kind ‚Jesreel = Lo = Lo-Ammi‘ nun erretten, durch den Schlußpunkt jenes hehren Schöpfer-Opfers, im ‚Lebensopfer‘ auf der Welt zu sehen, so kann Luzifer ‚rückgeboren‘ werden. Denn das vierte Kind, durchaus irdisch, dennoch als Symbol gezeugt, wird weder im Geschlecht noch namentlich benannt, wie auch nicht das Weib, welches dazu ausersehen ist (Hos. K. 3). Das erste Himmelskind darf wieder seinen Namen tragen, den es einst im Licht von Gott bekam.

Doch wie Hosea vorverkünden muß, daß Israel als Volk zertrümmert wird, so muß nach der Umkehr unser Schöpfungskind sein Scheinreich ganz verlieren — dazu seine Kraft. Das ist das Alte, was vergeht; an dessen Stelle rückt das Neue (OJ. 21, 1); ‚wieder neu gegeben‘ aus dem UR-Born schöpferischer Herrlichkeit!

Wichtig: Hosea wird beim vierten Kind um fünfzehn Silberlinge mit dem Weibe einig, die Hälfte dessen, mit dem Gott hierorts verraten wird. Das gleiche gilt für anderthalb Scheffel Gerste, Wert des halben Scheffels Weizen (OJ. 6, 6). Wohl — wer sich nicht erretten läßt, fällt in das Verderben. Aber wie Hosea sich die namenlose Hure durch die Eherolle als die Seine kauft, also kauft Gott Sich jeden namenlos Gewordenen und bindet ihn in heiliger Barmherzigkeit durch ‚Sein Verlöbnis‘ an die Grunderlösung an.

Ja, alles kann die arme Seele von sich werfen, nicht jedoch die Grunderlösung, mit der die Gottheit alle ‚Sich auf ewig anverlobt‘ (Hos. 2, 21-22)! Da auf der Welt, dem Kernstück der Veräußerung, die Tür sich bloß durch Zeichen oder Wunder (Joh. 4, 48) sprengen läßt, ist es nicht so, daß der All-Heilige entgegen den Gesetzen Seine Himmelsknechte huren hieß. Nein — das diente der Entsprechung, die der Mensch in Bausch und Bogen sichtbar sehen will; er glaubt sonst Gottes Lehre nicht.

Hesekiel unterstreicht das Ganze: ‚Es waren zwei Weiber, einer Mutter Töchter (Hes. 23, 2). Engen Sinnes sind die Weiber Israel und Juda, sonst die Menschheit, die durch Macht und Gold sich selbst zum Götzen macht. Die Mutter, keine Hure, ist das Volk des Lichts, von dem es heißt: ‚Jauchze, Tochter Zion! Rufe, Israel! Freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem‘ (Zeph. 3, 14; Sach. 9, 9). Das sind die Lichtgetreuen, auch jene, die sich aus der Dunkelheit erretten lassen. Zwischen beiden Arten gibt es keinen Unterschied, sobald sie in Gemeinschaft jubilieren.

Dieses Beispiel“, schließt Simeon die Lehre, „läßt auch anderes Verhüllte in die Lichtbahn rücken. — Nun aber ist es spät, und die nächsten Tage bringen ihre Bürde. Ihr braucht also Ruhe.“ Da sagt Forestus: „Du brauchst nur im Namen Gottes deine Hand zu heben, und die Müdigkeit fällt von uns ab.“

„Forestus!“ Aller Augen leuchten. Simeon steckt wieder mal sein Himmelslächeln auf: „Ein gutes Wort; allein — ihr sollt nicht nur von Wundern leben, sondern von der Ordnung, mit der der Schöpfergott Sein Reich geschaffen hat — auch die Materie!“

Der Gastgeber Obadnia schänkt noch eine leichte Traube, ehe man mit vollem Herzen dankbar heimwärts geht.

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