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Kap 15 – Beste völkisch-geistige Gebräuche;Streiflichter aus tiefer Schau


Beste völkisch-geistige Gebräuche;Streiflichter aus tiefer Schau

15. Kapitel

Die Klippe ist umschifft. Chenos sitzt im Kreis der Freunde; aber Diblaim sieht kränklich aus. Es befiel sein Herz, im eigenen Hause den Verleumder zu begrüßen. Dem ist auch nicht wohl in seiner Haut. Er wagt kaum zu reden. Der Gastherr übergeht ihn nicht; fein kommt er dem Beleidiger entgegen.

Die Frauen kehren mit der Jugend aus der Stadt zurück. Samathuel fand seine Leute bestens aufgehoben. Auf Befragen, wie ihm Jerusalem gefiel, sagt er offen: „Es ist eine Stadt, deren Tradition in allen Gassen hängt. Die Häuser stehen eng beisammen, nur die Oberstadt hat etwas Weite. Manche Häuser sind sehr schön; wir bauen aber besser. Allerdings würde unsre Art Judäa kaum behagen.“

„Dein Urteil stimmt“, bestätigt Abjathar. „Ich sah ja euer Land und muß, unabhängig meines Volksempfindens, eingestehen, daß eure Lebensweise reiner und kulturell viel weiter ist. Euer Haupttempel hat mir imponiert. In seiner feinen Einfachheit ist er prächtiger und wertvoller als unserer. Auch fand ich es ganz wunderbar, daß jedermann sich frei darin bewegen darf. Eure Kostbarkeiten liegen weder hinter Gittern noch in einer Truhe; und doch rührt keiner das Geringste an.

Priester und Priesterinnen sind stets im Dienst. Es hieß nie: Dann und dann dürft ihr mal kommen! Eine Priesterin bekehrte eine fremde Frau, gab gute Lebensregeln und erwarb mit einem Altarkleinod ein Häuschen für die Frau und deren Kinder. Ich sprach selbst mit jener Witwe. Hier wäre das nicht möglich. Wie kam es, daß die Priesterin ein Kleinod nahm? Durfte sie denn das?“ Man wartet lauschend, was Samathuel erwidern wird. Der sagt:

„Selbstverständlich, denn sonst hätte sie es nicht getan.“ „Wie einfach ist bei euch das Recht“, sagt Joroham begeistert. „Das gute Recht“, erklärt Samathuel, „ist das einfachste Problem, wenn es für sich selbst am wenigsten erheischt. In unserer Opferhalle legt jeder seine Gaben nieder. Das wird weder registriert noch je den Gebenden bestätigt.

Ein Hauptpriesterpaar verwaltet diesen Tempelteil. An jedem Tag liegt offen auf der Decke, was für Arme anzuwenden ist. Dort finden sich die Leute ein, allerdings meist fremde, und dort wird ihre Not gelindert.“

„Woher wißt ihr es“, unterbricht Om-Sabra fragend, „ob die Leute Hilfe brauchen? Oft ist es falsch, zuviel in arme Hände legen. Armut verlernt das Rechnen rasch.“ „Bei uns nicht. Wir führen Rollen über jedermannes Lebensart und -weise. Andern Ländern würde das Verderben bringen. Wir prüfen, wer über unsere Grenzen kommt, denn die sind bewacht. Ihr wundert euch? Verwahrt ihr euren Reichtum nicht?, Seht, unser Land ist unser Edelstein! Doch nicht allein für uns; nur so gedacht, wäre schnöde, und wir hätten keinem was voraus.

Die Priesterschaft kennt den Verlauf der Erde, sogar weitgehend fernere Zukunft. Die Himmlischen, geistig oder inkarniert, bringen viele Strahlen mit, die nicht alle zu verkörpern sind. Das ergibt eine Reservatio mentalis (geheimer geistiger Vorbehalt), aus der die Segenshilfe strömt, wenn sie benötigt wird. Isa-is Vater ist sie überkommen, als er beim Überfall der Räuber Hilfe bot.

Die Ungehörigen scheiden sich von selbst. Wer aus tiefer Not den Heimathafen sucht, der erhält den Segen des geheimen Quells. Manche wandern ein, die bald ihrem alten Lebenstriebe wieder folgen. Diese fühlen sich beengt, weil man sie überwacht ohne es zu zeigen. Das geht geistig zu. Dann verschwinden sie, verbreiten allerdings die Mär von sagenhaften Schätzen, weswegen ab und zu ein Nachbarstamm uns überfällt.

Schätze haben wir, in solchem Maße, wie sich kein König träumen läßt. Doch sie gelten nichts, danach ein Mensch bemessen wird. Auch privater Wert gilt ungeschrieben nicht als eigener Besitz, obwohl darüber jeder frei verfügt. Unser kleines Volk ist eine Familie, der gemeinsam alle Dinge angehören.“

„Alle Achtung!“ Jarath stützt die Stirne auf. „Der Volksrat müßte das Problem besprechen.“ „Unmöglich“, sagt Diblaim. „Israel ist viel zu weit vom wahren Weg entfernt. Wir sehen es an unserer Stadt. Der weite Raum, den der Patriarch einst eingefriedet hatte, ist verengt und übel überbaut. So eng ist unser Horizont geworden, fast ohne Geist! Wir waren ausersehen, daß sich alle Völker in uns spiegeln sollten. Und was sind wir jetzt? Was wird aus uns?“

„Ein armes, armes Volk!“ Man horcht erschreckt. Ein Seher, noch reifer als im Tempel, steht mitten da, von Strahlen überleuchtet. Samathuel erkennt den inkarnierten, großen Geist. O, wenn das sein Vater sehen könnte! Allein — Ifra-Gohnora ist es möglich, somnambul an dieser Gnadenstunde teilzunehmen.

„Ein armes Volk! Verloren ist die Bahn des Hohen Königs. Fragt Asarja, ob er seinen Stuhl dem Priester Melchisedek überläßt. Fragt Usia, ob er vom Throne steigt, um den Schöpfer anzubeten. Fragt die Oberen, fragt siebenhundert Jahre lang, wer dem Höchsten opfern will in Demut und in Geistigkeit! Wenn der Erlöser kommt, wird es hier harte Gassen geben; die Herzen aber werden härter sein!

Gott wollte gern, daß Israel ein Spiegel sei, durch den sich Seine Herrlichkeit zur Welt ergoß. Allein — dem Jakobsamen liegt die Welt weit näher als das Himmelreich. Mit dem Glaubenstod verlöscht das Licht, und der Mensch geht ohne Gott dahin. Was man für den Frieden tut, baut man auf Krieg und Unterdrückung auf. Abels Opferblut wird so lang fließen, solang die Welt dem Schöpfer widersteht!

Ist GOTT der Schöpfer aller Lebensdinge, so ist ER ihr Erhalter ganz allein; und kein Geschöpf kann sie verderben! Wo der Tod durch Menschen kommt, fällt er tausendfältig auf sie nieder und sperrt den Weg in Gottes Reich. Wer das Recht zu Gottes Gnade trägt, spricht sich selbst das Lebensrecht. Gnade heißt Vergebung üben, auch wenn die Schuld noch abzugelten ist. Wer Schuldige zum Tod verdammt, löst keine Last. Denn Lebendige haben bis zum Blut die Schuld erweckt; und Blut wird für das Leben zeugen! (Abel-Jesu)

Strafe als Erziehung kommt vom Gottesrecht und mündet in die Gnade ein. Wer aus Recht auch Gnade schafft, hilft gar manche Schulden tilgen. Das ist Gottes heiligstes Erbarmungsfeld, auf dem ER SELBST aus ewighohem Recht die Gnade durch die Liebe über alle Schuldner strömen läßt. Er drückt keine Lebensflamme aus, denn so würde keine Schuld gesühnt. Kann der bezahlen, der kein Leben hat?!

Gottes Wort bleibt wahr, auch wenn Menschen es verneinen. Was fragt der HERR danach?! Wer Sein Wort in Seinem Licht erkennt, der kennt Seine Wahrheit; wer diese in sich trägt, verliert sie nicht, selbst wenn sie aller Welt verloren sei! Dem Sucher offenbart sich Gottes Wort; und das Verlangen nach dem Licht löst jedes Rätsel, die denen bleiben, die Gottlos leben. Wenn überhaupt, greifen sie zuletzt nach Gott, vor Den sie alle ihre Weltenwünsche stellen.

Gnade ist so nah! Im Recht hält Gott Sich manchmal fern und geht je weiter weg, je mehr das Recht herausgefordert wird. Ob das aber heilsam ist? Wo man Gottes Recht vertreibt, wird der Faden dünn, der das Kind an Seine Lebensgüte bindet; bloß pure Gnade aus dem Werk erhält das Band.

Ja, alles Werk ist Gottes Eigentum! Er stützt die Gnade durch das Recht wie umgekehrt. Sein Urteil führt zum Leben, aus Seiner Hand rollt auch die Zeit dazu. Denn GEDULD hat Er Seinem Schöpferrechte beigestellt; GEDULD ist das Fundament; GEDULD zeugt den Erlöser, Der die Erlösung durch die LIEBE bringt.“

O diese hehre Kostbarkeit! Wer das erleben darf, dreht sich nach der Materie nimmer um. In aller Augen liegt das stille Staunen, aber auch die Freude um die Schöpfer-Herrlichkeit. Keiner von den reifen Männern denkt daran, daß ein Kind, ein Junge solches bringen darf. Nur Chenos geht es durch den Sinn, was Asarja sagen würde, hätte er jetzt zugehört.

Abelu dankt innig für die Gnade und bittet um ein Wort, ob allein der Mensch nach Gottes Ebenbild erschaffen sei oder ob es auch noch andere Geschlechter gäbe. Isa-is Hände sinken nieder, aber er ist noch von Gottes Geist umloht; und die Antwort wirft ein gutes Licht auf diese Frage.

„Gott schuf ein einziges Geschlecht: die Kinder! (S 73, 1) Steht wo geschrieben, daß Er das zuerst im Welt-All tat? Nein, die Geister kommen, sie lesen arme Ähren auf. Der Mensch als inkarniertes Wesen stammt entweder aus dem Himmel oder aus dem Fall, je nachdem, ob der Geist einst Treue hielt oder mit dem Erstkind als ein Wesen in die Tiefe stürzte. Daraus entwickelt sich: Aufgaben erfüllen helfen, Aufgaben an sich vollziehen lassen. Beides kommt aus Gottes Gnadenrecht, woraus sich der Erlöser samt Erlösung offenbart.

Gottes Anbild tragen jene, die den Gehorsam über ihre Freiheit stellten, somit wahrhaft frei geworden sind. Sie holen das Verlorene vom Welt-All in das Geist-Allheim. Seht ihr solche, so sehet ihr auch Gottes Angesicht. Denn sie sind Engel (Matt. 18, 10), die den Vater schauen und über Dessen ‚Wanderkinder‘ wachen. O ja — Wanderer sind alle, im ganzen Welten-All, ob sie das Licht hernieder bringen als ein inkarnierter Geist oder es erhalten durch die Weltgeburt, durch welche die Erlösung aus dem Fall sie überkommt.

Fraget aber einen Engel, ob er sich gottgleich fühlt. Der Griff nach Gottes Hohem Stuhl ließ das erste Kind in seine schauerliche Tiefe fallen. Wer seinen Weltstuhl liebt, steht dem Abgrund näher als er wähnt. Das ist ein Greifen nach der ‚Schöpferlebensfrucht‘! Der Satan im Symbol der Schlange suchte durch die Paradiesesmenschen zu erreichen, was ihm einst als Lebenskind mißlungen war:

Ihr werdet sein wie Gott!

Doch daß das Menschenpaar Adam-Eva, statt in die Hölle stürzend, bloß aus Eden scheiden mußte, das bewirkte Gottes Richtergnade aus Geduld und Sein Gnadenrecht aus Liebe — nämlich aus dem ‚Erlösertum der Gotteshütte‘ (OJ. 21, 3)!

Den Verführer anzuhören oder nicht, lag im freien Willen, der — dem Geschöpf anheimgestellt — souverän gebildet ist. Diese Souveränität verhält sich aber zu der UR-Souveränität wie das Werk zu seinem Meister, der es schuf. Ein Spiegel stellt euer Bild wohl dar. Ist das Bild jedoch Persönlichkeit? oder was gespiegelt wird? So sind alle Kinder in der Wahrheitslebensfülle das getreue Spiegelbild des Schöpfers, Der ihnen Seinen Odem gab.

Leben ist ein Widerhall aus Gott, auch freiheitliche Wirksamkeit und Kraft. Wer dies in Demut anerkennt, besitzt den Glauben: Gott als Schöpfer und als Vater über mir; ich als Kindgeschöpf in und unter Seiner Hand! So gedacht, reißt jede Hochmutswurzel aus dem Seelenboden, und das Herz blüht rein zu Gott empor.

Stellt ihr des Lichtes Kinder über euch, so stellen sie, die am Herd im Angesicht des Vaters beten, euch in ihre erste Reihe. Dieses eingetauscht für den Gedanken, der ohne Lebenswahrheit ist, nur Menschen wären willensfrei und einem Gotte gleich, wird euch jene wahre Wonne geben, die aus Gottes Lebensgüte kommt, ein UR-Lichtteil aus Seiner Himmelsherrlichkeit.“

„Welch ein Weisheitsstrahl, und wie er mir das Herz erwärmt!“ Der so ruft, ist Samathuel. In seinen Augen lodert auch die Helle wie bei Isa-i. Die Männer nicken ernst. Auch keine Frau, die nicht das Herrliche verstanden hätte, soweit der Himmel irdisch zu begreifen ist. Chenos denkt beschämt: ‚Diesen Weisheitsträger jagte man vom Tempel fort und ich — gehörte zu den Jägern.‘ Er ist unwürdig, in diesem Kreis zu sitzen. Schon zucken ihm die Füße. Da blicken ihn die Seheraugen an.

„Chenos, wer sich vom Unrecht wendet, dreht sich seinem Schöpfer zu und steht in Dessen Lebensrecht. Da sieht er statt des Vaters Rücken immerdar Sein Angesicht, wie es der Führerengel sieht. Wenn auch nicht mit körperlichen Augen, so erkennt man doch im Wort die Offenbarung Gottes, und der Schöpfer-Vater steht vor uns, genauso wie im Reiche vor der Engelbeterschar. Diese Schar hat auch für dich gebetet.“

„Für mich?“ Chenos reißt die Augen auf. „Bin ich denn nicht . . .“ „. . . ein Gotteskind? Keine Sünde bricht ein Kind vom Lebensbaum. Es bleibt daran hängen; daraus wächst die Opfertat, die den Bedürftigen Erlösung bringt. Fühlst du dich nicht wert des Lichts, so ist das gut; gerade so hält es dich fest. Du kannst gehen, dann scheidest du vom Gnadenbunde aus; du kannst bleiben, dann ergreifst du deines Vaters Hand. Und hast du die erfaßt, so hältst du dich an Seiner Rechtshand an! Verstehst du das?“

„Ja ja“, stottert Chenos ganz verwirrt. „Abelu kann es mir erklären.“ Noch vor kurzem wäre solch Bekenntnis niemals seinem Mund entschlüpft. „Ich will zum Gnadenbundgehören (5. Mo. 7, 9; OJ. 3,8).“ „Das will ich auch“, bittet Hophei. Sie fragt gar nicht, ob sie als Weib dazugehören darf. Was geht nun die Frauen irgend eine Satzung an? Sie haben Gottes heiliges Gesetz gehört, das bedeutet für sie

‚Herzliche Barmherzigkeit‘!

Angesteckt, bilden alle Männer mit den Frauen Hand in Hand einen Ring um Isa-i. Und da spürt jeder, wie ein Kraftstrom durch die Reihe läuft. Still neigen sich die Häupter, dankbar und beglückt.

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