Wie man irdische Liebe himmlisch meistert
23. Kapitel
Der Morgen malt den ersten dünnen Strich. Isa-i erwacht aus der Entrückung. Wo ist der Herr? ‚Überall‘, flüstert ihm die herbe Frühe zu. ‚Er ist GOTT, der Ewig-Vater aller Wesensformen!‘ Der Prophet steht auf, pflanzt an Gottes Platz einen jungen Busch und eilt Gibea schnellen Schrittes zu. Seine Seele singt, und die Vögel jubilieren: ‚Allmächtiger, Dein sind alle Werke, Dein sei unser Preis und Dank!‘ Schon die Predigtstätte hinter sich, die das frohe Volk bereits ‚Prophetenhügel‘ nennt, sieht er wen am Wegsaum hocken. Beim Näherkommen erkennt er die Gestalt. Es ist Olley, jenes Kind, das vor Trauer nicht mehr weinen konnte, als er einst zum Tempel kam. Er staunt, welch rankes, schönes Mädchen es geworden ist.
„Olley!“ Freudig läuft er auf sie zu. „Hast du etwa hier auf mich gewartet?“ Sie nickt scheu: „Ja, ich brauche deinen Rat, Isa-i.“ „Kann ich meiner Schwester helfen, ist mein ganzes Herz dabei.“ Sie zuckt zurück. Über ihre Hoffnung hat sie manches Bitterwasser gießen müssen. Ach, die Liebe! Kann sie denn dem Gottesmann gestehen: ‚Ich, das Weib, liebe dich?‘ Nein, nein! Mit verstecktem Weinen sagt sie stockend, die Augen dabei tief gesenkt:
„Du hast einen Freund, der dir alles opfern könnte; ob das Nächste aber, was ein Mann besitzen will, weiß ich nicht.“ „Meinst du Barthomas?“ Isa-i wird aufmerksam. „Ja, den meine ich“, erwidert sie. „Er hat mich gefragt, und ich sagte bisher nein, obwohl ich ihn gut leiden mag. Nun er durch deine Treue bestens für mich sorgen kann, wird er seine Frage wiederholen.“
„Es wäre meine größte Freude, käme zu dem Schwesterchen das Glück“, streut Isa-i herzlich ein. „Om-Sabra, Jarath und den Müttern wäre die Verschwägerung ganz recht.“ „Mir tut weh, daß ich den Wunsch zerstören muß. Ich gebe keinem Mann die Hand, wenn ein anderer in meinem Herzen wohnt.“ Angstvoll wartet sie, was Isa-i dazu sagen wird. Er zögert. Kann er helfen, wo er verwunden muß? Aber halt, der VATER hilft. Sachte greift er nach der kleinen Hand. Wie zittert sie. Da bettet er das Mädel fest an seine Brust.
„Ich bin Prophet, was mich aber über keinen hebt. Das zeichnet mir nur meine Straße vor, die schwer und — einsam ist. Ich liebe dich, kleines Mädel, nur nicht so, wie du es denkst. Für mich gibt es Gott oder — du! Nimmst du an, ich müßte mich entscheiden?“
„Nein“, haucht sie, „ich mag Gott nicht betrüben. Lieber will ich einsam sein, denn du bliebst immer vor mir stehen.“ „Komm, auf dem Weg zurück sprechen wir uns aus.“ Er spürt den Zwiespalt ihrer Seele, und daß sie mehr aus Gläubigkeit ihn liebt. Sie ist ja noch so wenig Weib; ihr Empfinden läßt sich biegen.
Er führt sie sorglich an der Hand, „Frage deine Ahne Hisrael, und was sie ratet, das sollst du tun. Mir wäre lieb, wenn du Barthomas nicht von der Türe treibst. Ich ziehe durch das Land; da wäre mir sehr wohl, stündest du in guter Hut.“ Olley sieht das männlich herbreine Antlitz an. Ach, wie liebt sie es. Scheu entnimmt sie ihrem Busentuche einen kleinen Gegenstand. Den hat ihr einst der Knabe Yps geschickt, und sie weiß noch nicht, was er bedeuten soll. Noch verging kein Tag, an dem sie ihn nicht bei sich trug.
„Kennst du es noch?“ Isa-i sieht versonnen darauf nieder. „Ein Herz, das das Leben regelt, — das wir uns in Liebe schenken sollen. Nur ist ein Heiliges dabei. Wie viele Menschen denken an die Liebe dieser Welt, die rasch vergeht, wie der Pulsschlag plötzlich stille stehen kann. Ein Herz aber schlägt unsterblich: GOTTES HERZ, nach dessen Wesen Er die unsern machte. Was ich dir sandte, war die erste Form, dem Bilde nachgeahmt, wie ich es gesehen hatte.“
„Oh!“ Alle Trauer flieht. Olley sieht zu dem Manne auf, der sie freundlich führt, wie — ach, sie weiß es nicht. „Laß sich ein paar Monde runden“, sagt er, „und denke täglich an das Lebensherz. Doch kannst du nicht, dann bleibe meine Schwester für und für. Tust du aber, was Gottes Liebe dir bereiten will, wirst du ja als meines Freundes Frau mir auch die Freundin sein.“
„Ich will‘s tun“, gibt sie zögernd zu, „denn dir zuliebe — “ Sie setzt ab. „Still, mein liebes Mädel. Wie du meine Gabe hältst, also ich dein Herz und sehe, wie es schlägt. Für dein Vertrauen habe Dank. Es war gut, daß du mir entgegenkamst.“ Er geht vom Thema ab und fragt, ob man gestern noch auf ihn gewartet habe.
„Sehr“, erwidert sie. „Viele hatten Angst; ich auch, ich suchte überall. Da sieh!“ Aus dem Dunst des Tales kommt einer angehetzt. „Barthomas!“ Isa-is Augen durchdringen scharf den Morgenhauch. Er läßt Olley aber nicht von seiner Hand. Indessen hat der andere den Freund erkannt. Wie ein Messer stößt‘s ihm durch die Brust, als er die beiden Hand in Hand gewahrt. Unsinn! Isa-i ist Prophet, der nie wie andere Männer — Er schämt sich vor sich selber des Gedankens.
„Ihr seid besorgt? Gestern segnete der Herr uns wunderbar, und Stunden später glaubt ihr nicht? Olley fand mich zuerst. Das ist — Plötzlich sieht er visionär ein Weib, das DEM zuerst begegnet, Den es liebt (Joh. 20, 11-18). Und IHN kann man nur geistig lieben. Ein kleines Abbild hier. „ — — ist ein Symbol.“
Barthomas greift zaghaft nach des Mädchens freier Hand; sie läßt sie ihm. Da steigt die Freude in ihm hoch. Ah, Isa-i hat mit ihr geredet, da wird sicher alles gut. — Der Nebel fällt; ein schöner, klarer Tag taut nieder. Bald sind sie bei Om-Sabra angelangt. Der Prophet wird froh begrüßt. Jeder atmet heimlich auf. Die Welt ist heutzutage arg, und Gottes Worte mögen manchem schlecht gemundet haben. Da kann im Haß wohl eine böse Tat geschehen.
Der Hunger, der am Abend nicht zu seinem Rechte kam, räumt rasch die Frühstückstische auf. Danach — eine Menge Leute sind in zwischen angekommen — berichtet Isa-i das Wunder dieser Nacht, als geschähe alles eben jetzt. Jeder fühlt, als hätte er es mitgesehen, mitgehört und Gottes Segen mitempfangen. — Noch oft wird Isa-i auf dem Prophetenhügel reden. — Als nach Tagen die Jerusalemer Gibea verlassen, gehen viele Gibeer eine lange Strecke mit. Barthomas kehrt zu Rochaleth zurück, den er nicht auf einen Hieb im Stiche lassen will. Der Bauherr gibt ihn ungern frei. Barthomas hat mit Isa-i noch ein Gespräch. Ihm wird nicht leicht, anzufangen, doch sein Freund kommt ihm entgegen.
„Gedulde dich, solche Wendung geht nicht schnell.“ Ungewiß gesteht der andere: „Ich liebe sie; doch willst du . . . “ „Barthomas, jede Liebe hat ihren Ursprung aus dem Reich, soll sie rein und geistig sein. Das Welt-Irdische, was dabei geschieht, ist in die Himmelsliebe einzuflechten. Wer nur irdisch liebt, hat bloß Begehr, wenn er sein Gefühl auch Liebe nennt.“
Könnte er nicht auch so lieben? Wo steht das Wort: Ein Prophet soll einsam sein? Er denkt ans Elternhaus in Gilead. Wäre es nicht schön, wenn ihn dort — von Wanderfahrten Einkehr haltend — Frau und Kind erwarteten? Die Mutter war ja Priesterin und Weib. Der Vater, einem Priester gleich, hat ihn, den Isa-i, gezeugt. Unwillkürlich setzt er seine Rede der Gedanken fort: „Olley ist mir lieb, ich darf ihr aber keinen ungewissen Stand bereiten. Barthomas, ich wünsche, daß ihr miteinander glücklich werdet. In mancher Hinsicht liegt ja im Verzicht die größte Liebeskraft.“
„Heißt das, ich dürfte Olley nicht begehren, um den Grad der Liebe zu beweisen?“ Barthomas wird vor Erregung rot. Isa-i drückt lächelnd dessen Hand. „Deine Liebe wird nicht größer, wenn du läßt, was dir geboten wird. Kaum ein Ding hat für zwei Menschen einen gleichen Wert. Deine Absicht wäre fehl am Platz. Laß mir immer deine Hand; und ihr zwei sollt meine Freunde sein, bei denen ich zu jeder Zeit gern Einkehr halten möchte.“
„Gilt!“ schmettert Barthomas. Jarath stößt Om-Sabra an: „Müssen die sich erst verbrüdern?“ Om-Sabra, von Hisrael belehrt, schmunzelt: „Da ist was los!“ „So? Nun mir ist es lieb.“ „Was?“ Om-Sabra wähnt der einzige Mitwissende zu sein. Jarath sagt: „Du solltest es allmählich wissen: Frauen können nichts bei sich behalten, wenn es um das Glück der Kinder geht. Hisrael war bei Maphia.“ „Ich denke, die kann schweigen?“ „Gewiß“, verteidigt sie der Mann verschmitzt, „vor der Türe und am Brunnen; darum hat sie mir‘s im Haus gesagt.“ —
Sie reiten durchs Palasttor ein. Der Hüter, die Männer bestens kennend, braucht nur den Torzins einzustecken, der von dieser Seite immer reichlich fließt. Er stößt das Tor weit auf und treibt ein paar Händler ab, die die Stadt verlassen wollen. Abjathar, der Mann des Rechts, fragt freundlich:
„Wer war eher da, die Händler oder wir?“ „Ihr, hoher Herr“, mogelt der Wächter ehrbar. „Die Händler haben ihren Abgangzins noch nicht bezahlt.“ „Und wir noch nicht die Ankommsteuer. Du weißt doch: Ohne Ansehen der Person!“ „Ja, Herr der Schule, du würdest einem Bettler helfen, wenn der König Unrecht hat.“ Ein Händler, der Abjathar gut kennt, sagt beflissen: „Du bewahrst dem kleinen Mann das Recht; wir warten gern.“
„Ich danke dir, weil wir eben Eile haben. Wenn du meine Hilfe brauchst, wirst du mich zu finden wissen.“ Der Handelsmann verneigt sich tief. Wie dumm hätte er getan, auf sein Recht zu pochen, denn er war zuerst am Tor. Abjathar hatte es bemerkt; jetzt — wenn nötig — kann er den großen Rechtsmann bitten. Im Gegensatz zu sonst, opfert er den Torzins willig.
Abjathar findet seinen Neubau fast vollendet vor. Rochaleth war in Gibea nur einen Tag geblieben und hatte seine Leute tüchtig drangenommen. Abjathar will noch eine Reise unternehmen und die Schule nach der Rückkehr neu eröffnen. Obwohl müde, trifft man sich des abends wieder. Auch die Tempelfreunde sind dabei.
Diblaim zieht eine Rolle vor. „Was ist‘s?“ fragt Joroham. „Staunet nur“, sagt jener. „Samathuel lehrte mich die schnelle Schrift. Ich kann sie schon ganz gut“, tut er schülerhaft, „und hielt die Gottespredigt fest.“ „Drum hast du fleißig deinen Stift geführt!“ Chenos, stets bereit, an Diblaim sein Unrecht auszuwetzen, ruft es bewundernd aus. Isa-i vertieft sich in das Wort. „Ist es angebracht“, fragt Abbuda, „Asarja eine Abschrift zuzuleiten?“
Isboseth stimmt zu: „Es war nicht bloß das Volk, sondern ebenso der König wie der Tempelrat gemeint.“ „Ich schreibe ab“, eifert Isa-i, „auch Usia soll es bekommen. Sage aber, guter Diblaim, wann erlerntest du die schwere Schrift?“ Der Gefragte reibt sich vergnügt die Hände. Seine bleichen Wangen röten sich. „Ganz leicht! Samathuel schrieb die Zeichen persisch auf; und wo es mangelte, bekam ich Nachhilfeunterricht.“
Helles Lachen: „Diblaim, der Nachsitzschüler! Das muß im Tempel an die Lesesäule!“ Hophei fällt ihrem Manne um den Hals. „Nicht so stürmisch“, wehrt er ab und verbirgt das schnelle Schlagen seines Herzens. Er hat bereits die Schrift hebräisch zubereitet und schrieb die Predigt in der Muttersprache ab.
„Das wäre etwas Neues für die Schule.“ Abjathar geht hin und her. „Ob es ein Fach ergibt?“ Joroham, ahnungslos, wieviel Ausdauer aufzubringen wäre, bejaht. Diblaim wiegt bedächtig seinen Kopf:
„Bei reifen Schülern können wir es mal versuchen. Aber wenn, dann ist‘s das beste, persisch und hebräisch. Und da . . . “ Ermüdet streicht er sein grau und dünn gewordenes Haar zurück.
„Raucht dir heute noch der Kopf“, lächelt Abigail. „So ungefähr“, gibt Diblaim freundlich zu. „Wir schreiben es als freies Lernfach aus. Von allen, die sich begeistert melden werden, bleibt vielleicht ein Zehnt, dem es die Mühe nicht verdrießt.“ „Trotzdem wollen wir es tun.“ Der Hausherr ladet zur Abendtafel ein. Nach dem Mahle wird noch einmal Gottes Wort besprochen; denn wie gnädig, daß man es nun lesen und behalten kann.
Abjathar fragt beim Auseinandergehen Diblaim, ob er anderntags mit ihm noch eine Reise unternehmen möchte. „Nimm‘s nicht übel“, entgegnet Diblaim, „das wird mir zuviel. Weißt du, mein Herz . . . Sage Hophei aber nichts, die sorgt sich ohnehin. Joroham wird dir besser helfen.“ Sie standen einen Augenblick allein. Gerade gesellt sich Joroham hinzu. Auf Befragen ist er gern bereit.
„Wohin?“ forscht Diblaim. „Nach Gilead, Schweige bitte, ich weiß nicht, ob es gelingt; und wenn ja, so soll es eine Überraschung sein.“ „Aha“, macht Diblaim verstehend. „Du tust gut daran, und ich weiß im vorhinein, daß Gottes Segen auf dem Werke ruht.“ — In aller Frühe, das Dunkel hängt noch in den Gassen, schwingen sich die Männer mit den Dienern in die Sättel. Hell hallt das Hufgeklapper von den Mauern wider.
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