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Kap 32 – Eine schwere Probe für den Hohenpriester Der Himmel hilft

Eine schwere Probe für den Hohenpriester Der Himmel hilft

32. Kapitel

Asarja hat selbst ein Haus, aber auch im Tempel Wohnanteil. Auf diesen war er noch bis gestern stolz. Isboseth, der morgens meist viel Arbeit hat und nach dem Herrlichen nicht schlafen kann, geht mit zum Tempel. Dort angelangt, sperren Wächter ihren Weg. Isboseth murmelt: „Chilijon hat vorgesorgt.“ Muriel greift nach einem Spieß. Der Bewaffnete braust auf: „Hände weg!“ Mit dem Milchbart wird er fertig. Leider nicht. Der hat schon den Spieß gewonnen: „Den Weg frei! Erkennt ihr euern Hohenpriester nicht?“

„Nicht mehr“, knurrt der Zweite und drückt sich an die Wand. „Diese Nacht ist ein neuer Hoherpriester ausgerufen worden.“ Asarja ist bis ins Herz verwundet. Sagte nicht der Nächtliche: ‚Gott läßt dich nicht ins Unglück laufen‘? Und nun — ? Er sieht Muriel an. Der ist die Ruhe selbst, um die er vergeblich ringt.

Isboseth befiehlt: „Freien Weg!“ Die Krieger sträuben sich. Man hat sie hart bedroht, und im Tempel lauert eine Übermacht. Mit jeder Hand zieht Muriel einen Wächter sanft vom Tore weg. Sie finden sich abseits ohne Waffen wieder. Muriel stößt die Türe auf. Asarja will ihm folgen, doch der Cherub flüstert: „Bleib‘ an meiner Seite; es soll keiner sagen, du versteckst dich hinter mich.“

Asarja dankt Muriel. Hat Chilijon — er ist der Verräter — schon Usia verhetzt, so . . . ‚Gott läßt dich nicht ins Unglück laufen!‘ Isa-i sagte ja zu Chilijon: ‚Geh, und verrate deinen Herrn.‘ Er hatte das so allgemein betrachtet; nun bleibt kein Zweifel, daß — Warum aber läßt man ihn ganz ohne Warnung in die Pfütze tappen — ?

‚Gott läßt dich nicht ins Unglück laufen. — Und der Cherub neben mir. — König Ariel hieß mich an die Gnade denken.‘ Da hebt er außer seinem Haupt das Herz empor. Will es der Heilige, so trennt er sich vom Tempeldienst, wenn es ihm auch bitter fällt, zumal er — ehrlich umgekehrt — das Amt nun göttlich leiten wollte. „Fahre hin, Ruhm, Ehre, Macht und Geld“, sagt er leise vor sich hin.

Drinnen sitzen querüber achtzehn Templer, inmitten Chilijon, mit rotem Mantel umgetan. Er erbleicht. Mit dem Wundermann aus Ur hat er nicht gerechnet. Ah, ein weiterer Grund, Asarja zu entthronen. Der bleibt vor dem Verräter stehen. Muriel geht nach hinten zu den Unterpriestern und sieht jeden wortlos an. Einer nach dem andern trollt sich fort. Sie sammeln sich in einem Nebenraum.

„Was tun?“ keucht einer. „Vor X-Jahren war ein fremder Priester da, der hatte solche Augen.“ „Kein Vergleich! Mir war, als müßte ich entfliehen.“ „Was du als Erster tatest!“ ruft einer. „Wir sind verkauft! Asarja setzt sich durch.“ „Chilijons Rechnung geht nicht auf.“ „Mich wundert, daß Asarja es mit Magiern hält.“ „Frage; Woher wußte der, was seit Wochen heimlich vorgetrieben ward? Asarja ahnte nichts, sonst hätte er sich längst auf Usia gestützt.“ „Einer müßte horchen, was . . . “ „Wenn du‘s wagen willst?“ —

Chilijon wird es heiß. Da er seinen Stuhl — verräterisch erkauft weit vorgezogen hat, merkt er nicht, was der ‚Magier‘ hinter seinem Rücken treibt. Der tippt die achtzehn an. Jeder folgt verängstigt seiner Hand. Nachdem Muriel alle expedierte, führt er sie in eine Halle. Er scheint den Tempel gut zu kennen, wie man schlotternd eingesteht. Dort nimmt er sie ins himmlische Gebet. Matguel stellt er die Frage, ob er Priester oder Teufel sei.

Jehiel fragt: „Bist du ein Magier, weil du interne Tempeldinge kennst? Chilijon berichtete, Asarja habe Hexerei betrieben. Auch gehört sich‘s nicht, unentschuldigt fernzubleiben und den Frühdienst zu versäumen. Alles Dinge, die ihm das Amt verlustig gehen lassen! Sollte aber Chilijon gelogen haben, so sind wir ohne Schuld.“

„Habt ihr keine Unterscheidungsgabe? Es widerspricht ja eurer Satzung, Wahl zu treffen, wenn nicht alle Hauptpriester versammelt sind. Euer Chilijon hat gelogen; zudem war ihm aufgetragen, den Hohenpriester zu entschuldigen. Gott kann euch nicht verzeihen, weil ihr in Seinem Tempel Rebellion verübt und anderes mehr, was man Priestern, die das Volk zu Gottes Angesicht erheben sollen, niemals durch die Finger gehen lassen darf!

Samser und Jehiel, ihr habt aus Angst um euer Amt versagt. Statt GOTT habt ihr die Welt gewählt. Könnt ihr denn mit Ihm verfahren, wie es euch beliebt? Es wäre besser, hättet ihr — Gott getreu — das Haus verlassen. Jehiel sucht mit Fasten (Jes. 58, 5-8) dieses auszugleichen. Oh — der Allmächtige sieht ein Fasten nichtig an der Fehler wegen, die man nicht zu machen braucht.

Ihr habt durch den Prophetenknaben Isa-i erlebt, wie der Herr zu kommen weiß. Und wenn, wird Er mit euch zufrieden sein? Gott ist GEIST! Braucht Er euern Leib oder euer Herz? den Weltverstand oder die Vernunft, die weiß, was oben oder unten ist? Ich sage euch: GOTT fegt heute noch den Tempel aus! Mögt ihr Gnade vor Ihm finden!“

Man zittert. Freilich, daß Gott käme, faßt man nur als Beispiel auf. Einer trotzt: „Wir sind gesetzte Männer und . . .“ „. . . handelten wie Knaben“, hält Muriel streng an. „Aber rede nur.“ Der Redemut kippt wie ein Kahn. Noch ein paar Laller: „Sage, wer du bist und ob Gott wirklich kommt denn sonst . . .“ Ein Schlucker noch. Da sieht Jehiel neben aller Strenge eine Güte und vollendet: „ . . . ist es um uns schlecht bestellt. Wir dachten an das Amt, das uns neben Reichtum viele Ehre bringt. Beweise es, daß Gott kommen kann.“

„Beweis genug! ihr folgtet meinem stummen Wink wie Lämmer. Konnte einer widerstehn?“ Man verneint. „Da seht, welche Kräfte kamen, um zu reinigen, was der Reinigung bedarf. Gott kann kommen wie Er will! Oder muß Er euch erst fragen, welches Kleid Er anzulegen hat?“ Die Obertempler sitzen da wie arme Tröpfe.

Matguel, der seine Felle schwimmen sieht, brüllt zornig: „Was Gott für Kleider trägt, ist mir egal! Du Brut willst Männer bluffen? Bei mir kommst du nicht an! Solch reiches Kleid wie deines gibt es in ganz Juda nicht. Ha, die Chaldäer kennen wir!“ „Deine Dummheit ist noch größer als die Schlechtigkeit! Hüte dich!“

„Vor dir?“ Matguel krempelt seine Ärmel hoch. Muskeln, keinem Priester zuzutrauen, zeigen sich. Einige werfen sich dazwischen. Sie kennen ihn, wenn er in Wut gerät. Muriels Augen sprühen Himmelsfeuer, „Dreht euch alle um, daß ihr nicht sterbt vor dem, was nun geschieht!“ Die meisten folgen dem Gebot; zu groß ist ihre Angst. Matguel bleibt boshaft stehen:

„Ich sehe deinem Zauber zu; und vor euch Memmen“, schreit er seine Amtskollegen an, „spuck‘ ich aus!“ Aber da — er erstarrt. Um Muriel schlagen Flammen hoch, und verlöschen. „Ihr könnt wieder schauen!“ ruft er. Ein Erzgepanzerter (Jos. 5, 13-15) steht da. Seine Rüstung, ein breites Schwert, ein schwerer Schild blenden. Auf dem Haupt ein Helm, dessen Zierde eine Kelter ist.

„Kommt!“ gebietet er, „es gibt noch anderes zu ‘tun.“ Er rührt den todfahlen Matguel mit des Schwertes Spitze an. Der läßt seine Ärmel langsam fallen und tappt torkelnd hinterdrein. Muriel geht in den Ratsraum, wo inzwischen Chilijon sich mit verschränkten Armen vor Asarja stellte. Er trennt die Schafe von den Böcken, leitet Erstere Asarja zu und beläßt die anderen hinter dem Rebellen. Dann teilt er noch die Wachen ein. Als die den hart Gerüsteten erblicken, entsinken ihnen Mut und Widerspruch.

Man tuschelt, wer der neue Hauptmann sei und woher der ‚Riese‘ seinen Harnisch habe. Der Riese geht zum Eingang, wo noch die Hüter an der Mauer lehnen. „Na, wollt ihr nicht wachen? Hier, nehmt eure Waffen auf.“ Er reicht sie lächelnd hin. Wie sieghaft sieht er aus, so ein strahlendes Gesicht. Trotzdem sagt der Erste „Mit dir ist nicht gut Kirschen essen.“

„Im Gegenteil“, ermuntert Muriel, „wenn ich auch euer Hauptmann bin. Tretet an! Asarja ist und bleibt der Hohepriester. Habt ihr ihm denn abgeschworen?“ „Nein“, zögert der Zweite, „er war ja gar nicht da.“ „Wißt ihr nicht den Brauch? Erst kündigt man, ehe man zu einem andern geht.“

In all der Zeit, vier Stunden lang, sah der Hohepriester stehend den Verräter an. Eine Nervenprobe, die er ausgehalten hat. Hingegen Chilijon stößt einen Stachel, den er bei sich trägt, tief ins eigene Fleisch. Warm fließt das Blut hinab. Der körperliche Schmerz hält den seelischen Zusammenbruch eine Weile auf. Zähneknirschend schleudert er Asarja ins Gesicht:

„Du Hauptverräter, Magierfreund, Hexenmeister!“ Der Hauch eines Lächelns spielt um Asarjas Mund. Gott ließ ihn nicht ins Unglück laufen; Chilijon hat sich mit dem Wutausbruch verkauft. Dank, König Ariel! Wenn Du kämest, würde ich Dich bitten, abzurechnen. Doch Dein heiliger Fuß kann dies Gemäuer nicht betreten! — Er schweigt, der Feind soll seine letzte Kraft verlieren.

„Weißt du mir keine Antwort, Asmodi?“ Chilijon schlägt mit beiden Fäusten zu. „Halt!“ Jehiel springt vor. „Das geht zu weit! Wir . . .“ Asarja streckt die Arme aus und hält die Priester stumm zurück. Er fühlt kaum den Schlag auf seiner Brust. Samser flüstert: „Ob er nicht reden kann? Wer hielte seine Zunge sonst dabei im Zaum?“ „Er hat eine Kraft, ich möchte wissen, von woher“, flüstert es zurück. „Kaum verwunderlich“, lispelt einer, „vom Harnischträger. Ich lasse mich vom nächsten Löwen fressen, wenn der kein Engel Gottes ist!“ „Mag sein“, nickt der andere beklommen. —

Noch immer hat das Volk das Tor umlagert; man will sehen, ob die Gesellschaft Einlaß findet, heute, wo kein Festtag ist. Ja, schimpft man ungeniert, den Kindern wird das Brot genommen (Matt. 15, 26) und die Heiden kriegen es. „Das gerade nicht“, beruhigt einer. „Denn außer den drei Unbekannten sind es lauter Leute unsrer Stadt, dazu solche, die gar manchen Gutes tun.“

Der Erzgepanzerte, vom Volk bestarrt, senkt grüßend Schwert und Schild. Der Menge wegen fragt Ariel: „Hütest du das Tor?“ „Ja!“ So laß uns ein!“ Wie unter Bann öffnen die zwei Hüter. Als die Frauen folgen wollen, wehrt einer ab. König Ariel dreht sich um: „Wie, du Erzener, dürfen Gottes Töchter nicht in Gottes Haus?“ „Doch“, grüßt Muriel, „wie im Himmel, so auf Erden.“ Danach befiehlt er, niemand ein- noch auszulassen, außer, wenn er selbst es sagt. Fragt noch einer von den Hütern schüchtern:

„Weiber dürfen mit ins Innerste? Das ist gegen das Gesetz.“ „Ach du“, lacht Muriel, „lehre du mich das Gesetz, in welchem Gott zwischen Seinen Kindern Unterschiede macht! Übrigens ist heut‘ ein Himmelsfest, nämlich das der ‚Kinder Gottes‘. Du hast zwei Söhne und drei Töchter. Hast du letztere nicht lieb?“ Er wartet keine Antwort ab. Der Kinderreiche sagt zu seinem Kamerad: „Bin gespannt, was das noch gibt.“ „Was wir nie erlebten und niemals mehr erleben werden.“

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