Luzifers Forderung; Ein bitterer Gesetzesakt
5. Kapitel
Hiob (Bibel), Kap. 1, 6-12
Eine Straße bildet sich im All. Schar bei Schar steht von der Ferne bis zum Heiligtum. Vor der Mauer von Licht warten auf der Straße die vier Wächter.*[v2] Jeder trägt ein Schwert. Alle sehen in den Raum, dessen harrend, was der Höchste offenbarte. Die Tore des Heiligtums sind halb geöffnet; weit genug, um den Getreuen Segen zu vermitteln; eng genug, um der Finsternis den Einblick zu verwehren.
Und sie kommt. Satan pocht an das Gnadentor, das zur Sphäre der Erbarmung führt. Er will zeigen, dass er größer sei als Gott. Doch er zittert, ob sich die Türe öffnen wird, ob ein Gefilde zu betreten ist, das . . . Beim Offnen beider Flügel wirft er alle Bangnis ab und geht stolzen Hauptes durch das Schöpfungsfeld. Er will nichts sehen und weiß doch, dass er nicht darf. So ist seine Freiheit unbeengt, obwohl sie ihm nur zugelassen ist. Dass in dieser Zulassung aus URs Bedingung der Erlöser-Wille wirkt, sehen nur die hohen Ersten.
Je mehr der Dunkle vorwärts dringt, umso größer wird des Lichtes Last. Doch der Stolze beugt den Nacken nicht. Fern oben sieht er den Strahl aus einem Ring. Er überschattet seine Augen mit dem falschen Federhut. Ja — dort! Seine Horde hinter sich und Puthars letzten Hieb: ‚Wende dich nicht eher um, als bis du Hiob in den Klauen hast‘, schüren seinen Brand auf Schritt und Tritt.
Da blendet neuer Blitz, noch gehalten, dass der Dunkle weiter gehen kann. Bei den Wächtern, weit vor Hephata,*[v3] stockt sein Fuß. Aller Widerwille nützt ihm nichts, auch nichts sein herrisches Geschrei: „Was soll die Schranke? Ich will zu dem, der sich Schöpfer nennt! Gibt es Ihn, so muss man ungehindert zu Ihm gehen können.“
Perutam*[v4] hebt seine Waffe: „Seit wann erkennst du Gott‘? Bisher hast du Ihn geleugnet.“ „Nicht im Mindesten“, lügt Luzifer im Angesicht des Heiligtums. „Ich erkenne Ihn nur nicht als Schöpfer an: ich meine“, verbessert er sich schnell, „als Schöpfer aller Wesen. Er hat zuzugeben, dass ich mir meine Wesen selber schuf.“
„Uns das zu sagen, brauchten wir den Weg nicht offen zu halten.“ „Es wundert mich“, parlamentiert Luzifer um sein Ziel herum. „Wohnt bei euch keine Liebe? Ein Ausfluss eures Gottes, daraus Er alle Dinge schuf?“ Perutam sagt hart: „Du kennst ja keine Liebe; nur Unkraut wächst auf deinem kleinen Feld. Gelüstet dich, mit dem Heiligen zu reden, nun — Er hört dich auch von diesem Platze aus.“
Luzifer geifert: „Braucht Er Schutz, damit Sein Feind Ihm nicht ins Auge sticht?“ „Wie du es nennst, hat keine Gültigkeit. Deine Zunge ist den Schlangen in das Maul gewachsen.“ „Du?“ Drohend tritt Satan auf den Wächter zu. Da erschallt ein Ruf, der ihm Schrecknis in die Glieder jagt. Er sieht des Lichtes Feuerrad (Hes. 1, 15-21), aus dem die Fackeln lohend brennen. Er möchte fliehen. Dass er sich hält — er weiß es nicht —‚ ist Gnade für den ganzen Fall.
„Satan, wo kommst du her? Willst du dich vom Pfade wenden, der dich Schöpfungsstundenlang um deine Heimat bringt? Wenn ja, dann sollen Engel dich geleiten, bis du in des Vaters Armen ruhst.“ Welch Lieberuf! Erschüttert senken alle Scharen ihre Augen, und die Großen fassen fester ihre heilsgewohnten Waffen an. Luzifer allein spürt keinen Riss. Ah, so kommt man leicht zum Ziel, auch wenn . . .
„Ich klage wider Dich“, ruft er laut. „Noch nie kam ich hierher, habe stets die Grenzen und den Frieden eingehalten, die zwischen Nachbarn gelten sollen. Du aber brichst das Recht, du führst über meine Grenzen fortgesetzt die Deinen, die überall Verwirrung stiften. Bei Kleinen ist es nicht so schlimm; doch wie oft zerschlagen Große meine Reihen. Jetzt hast Du wieder einen vorgejagt, und ich merke wohl, was du bezweckst.“
„Wenn du es merkst, Satan, könntest du dich danach richten. Auch gibt es für Mich keine Grenze! Ich rechte nicht um das, was zwischen uns Mein Feuer sprach. Was geschieht, ist ein Akt zur Heilung deines Falles. Viele Akte führte Ich schon aus, die deine Tücke unbeachtet ließ. Nun biete Ich den letzten Vorprozess, der das Treuezeichen trägt: das KREUZ ! Siehe zu, ob du ihm widerstehst.
Gib Antwort: Wo kommst du her? Bist du Hiob, Meinem Knecht begegnet?“ „Seinetwegen klage ich. Des Friedens wegen nahm ich seine Grenzverletzung hin; nun wird mir‘s zuviel. Er bringt jene von mir ab, die ich geschaffen habe, über die Du nicht verfügen darfst. Nimm ihn weg! Ist er tot — ha, ich überlasse ihn Dir gern; er ist ein Querulant und passt nicht in meine Reihen.“
„Wieso ein Querulant? Ich meine, er sei gut und fromm.“ „In Deinem Sinn! Mir hält er Widerpart.“ „Das ist sein freies Recht“, entgegnet Gott. „Oho, und mein freies Recht? Das zerbrichst Du nicht, wenn Deine Mannschaft bei mir rebelliert?“ „Du siehst das an, wie es in deine Federn passt; ob wahr, ob falsch, das ist dir einerlei. Mein treuer Knecht lebt nur zu deinem Nutzen.“
„Zu Deinem“, wütet Luzifer. „Hast ihn gut ausgestattet, und sein Dank ist eine leichte Gabe. Er ist ein Reichster unter allen Reichen auf der Welt. Mich wundert nur“, höhnt er, „dass sein Weib und seine Kinder Dir nicht dienen. Sie leben herrlich und in Freuden, feiern Feste aus dem Säckel Deines Knechts.“
„Satan, wie ist das möglich? Du durchziehst das Land und hast es wahrgenommen.“ Die Frage ist Befehl. Luzifer krümmt sich: „Was geht mich‘s an? Sein Stand ist ungesegnet, sonst müsste aus ihm Gleiches kommen, wie in ihm selber ist.“ „Dein Hohn hilft nicht, die Wahrheit zu verschleiern. Gestehe ein: Wo kommt des Weibes Seele, wo das Gemüt der armen Kinder her?“
„Ist Dir bang um Hiob, weil ich ihm Knüppel legte? Es sind meine Seelen, die ihn verderben sollen. Auch betrügt er Dich, wenn seine Söhne mit den Töchtern auf den Lagern liegen, und die Großen seines Landes sind dabei. Er opfert, lässt den Bösen aber ihre Lust. Was nützen Opfertiere und Gebet? Statt Händefalten sollte er die Seinen hüten, dass sie auch zur Tugend kämen.“
„Bist du der Tugend Spiegel?“, fragt Gott streng. „Auf Hiobs Händen ruht viel Glück.“ „Hm, der Reichtum mehrt sich alle Tage, und dadurch wird er Dir ein Sohn.“ „Nein, das bindet Hiob nicht an Mich; sein Geist steht unentwegt im Licht. Auch ist er Mir ein Sohn von Anfang an, wie Ich von seines Lebens Anfang an ein VATER!“ „Vater? Du warst es nicht! Du wärest nie der Einsamkeit entronnen, wenn nicht die Raummacht Kinder werden ließ. Du wurdest nur ein Vater durch die Kinder, nicht aber diese, was sie sind, durch Dich!“
„Dein Erkenntnishorizont ist eng, und schwerlich lässt er sich erweitern.“ „Ich sehe weit genug; das Unrecht auch, das Du verübst! Die Geschöpfe lösten Dich aus Deiner Einsamkeit; und Du dankst es ihnen, indem Du Dich den Schöpfer nennst, der alle obendrein erlösen müsste. Welch Widersinn!“
„Satan, sei nicht dumm! Wäre nur ein Kind vom Raum geworden, den du in falscher Einsicht von dem UR-Sein trennst, wo wäre daran etwas wahr? Ehe nur ein Kind den ersten Lebensodem saugte, legte ICH es hütend in den Vaterschoß, Ich war nie einsam, Meine Werke waren ja bei Mir! Nicht mal eine Selbsterlösung wäre es, dass ICH Mir Kinder schuf, mit denen Ich vertraut verkehre. Sie waren rein; und die Getreuen sind es noch, auch wenn sie in des Falles Tiefe gehen, um Verlorene zu retten helfen.
Alaniel reißt ein breites Tor, durch das sich Meine Gott-Geduld ergießt bis hin zu dir, du Widerpart! Dich aus den Fesseln deiner Übeltaten mitzulösen, darum suchen die Getreuen die Materie auf, die Ich dir als Höhle schuf. Sonst triebe dich noch immer Meines Zornes Heiligkeit im Feuer vor Mir her! Oder meinst du, diese Treuen fielen ab, dürftest du mit ihnen machen, was du willst?“
„Ja“, erwidert Luzifer, zwar in großer Angst. Aber deckt Gott nur ein Fünklein zu, so ist sein Trotz noch größer als die Angst. „Recke wider Hiob Deine Hand, und Du sollst sehen, wie er von Deinem Rocke Fällt. Dann ist‘s vorbei mit der Geduld, dem Widerlichsten, was mir je begegnete! Hätte ich ihn in der Hand, ich wüsste ihn zu schlagen, damit er die Geduld noch mit sich selbst verliert!“ Da fällt ein breites Lichtband auf den Weg, Flammen schlagen hoch, die Luzifer verwirren und auch schmerzen.
„Satan, merke auf: Ich, der Schöpfer, überlasse dir den Träger der Geduld, bis du ihn überwunden hast. Sein Leben aber liegt in Meiner Hand, das kannst du nicht zerstören! Deine Seelen magst du nehmen, Weib und Kind und alle seine Habe. Und wenn du so zum Siege kommst, dann bleibe dir das Land ohne Opfer unter deinen Füßen, bis — du die Geduld an dir selbst verlierst! Denn der Gerechtigkeit Gesetz bindet dich an deinen Willen!
Nun fahre hin, führe deine Bosheit aus, bis eines siegt: Meine Geduld oder deine Ungeduld!“
Sankt Sanktuarium schließt seine Pforten und der Böse stürzt in seine Tiefe.
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