Weitere himmlische Worte. Brüder oder Diener? Kann man Gott helfen? Ein Wort über Micha 5, 1
8. Kapitel
Boas kehrt nach Bethlehem zurück. Er sieht versunken vor sich hin. Selemech, Laban und der Fürst schließen sich ihm an. Es ist Naemis Sache nachzuprüfen. Die drei Männer sprechen über das, was mit dem Volk geschehen soll. Ob die Hellen sie beraten? Der Erste sagt auf eine solche Frage:
„Weltliches sollt ihr selbst erwägen: was ist gut zum Heil und Nutzen, auch für alle Menschen, soweit sie zu erfassen sind.“ „Es war beim Unhold Weltliches, was auszutragen war.“ „Teils“, meint der Zweite, „doch lag die Rettung einer armen Seele in des Himmels Hand und . . .“ Der Fürst unterbricht.
„Verzeih, nach der ersten Überprüfung sind‘s schon über hundert Fälle, die Beraba zur Last zu legen sind. Was Ungeklärtes wird noch kommen? Und da — natürlich weiß ich nicht, wie GOTT darüber denkt. Vom Verstande her muß die Rettung erst den Unterdrückten gelten und nicht einem — “ Zorn geht wieder mit dem Fürsten durch. Ein Heller greift nach seiner Zügelhand.
„Vom Verstande her, da hast du recht! Glaubst du etwa, daß der Heilige, der große Wunder tut, all die Bedrückten nicht beachtet, die Gemordeten vergißt und am Verbrecher Milde übt?“ „Nein“, ruft der Fürst beschämt, „ich meinte bloß, daß man eben die Bedrückten erst bedenkt, hernach den Unterdrücker, falls diesem eine Gnade gelten darf.“
„Du hast heute Gottes Recht erkannt; bloß sieht manches anders aus. Gottes Tiefe, Seine Höhe sind nicht auszuschöpfen; nicht zu übersehen ist die Weite Seiner Werke. Und wenn du denkst, es wäre Seine Gottesnähe zu erkennen, so sag‘ ich dir: aus dieser gehen alle Werke, geht Sein Licht hervor samt allen Lebensdingen, die kein Geschöpf ermessen kann und auch nicht braucht!
Was zu erfassen, festzuhalten ist, sind Barmherzigkeit, Güte und die Liebe und was uns Gottes Gnade schenkt. Eben diese Gnade gilt doch jedem Kind. Ob es — wie in eurem Falle — die Bedrückten oder die Bedrücker sind, bleibt sich in Hinsicht Seines ‚Retterwillens‘ gleich, nicht aber in der Art, wie er jeder Seele zuzukommen hat. Ort und Zeit sind gleichfalls unterschiedlich.
Gott erlöst! Er senkt erst die Unterdrückten in die Gnade, zumal, wer sein Ungemach ertragen lernt. Bösen wird die ‚Schnur‘ gelegt, darauf kannst du dich verlassen! Die arme Seele aber ist wie alle andern auch des Reiches Eigentum, und da frage nur, welcher Mensch der Gnade nicht bedarf.
Sind die Gewichte unterschiedlich, Reu- und Bußezeiten lang und kurz, kann mancher seine Himmelsleiter leicht besteigen, andere hingegen mühsam klimmen erst die Abrechnung, dann die Gnade, die Erlösung, am Ende heimgekehrt und heimgeführt zu Gott! Verstehst du, was dir jetzt zu sagen war?“
„Hast ein gutes Licht mir angesteckt.“ Dankbar drückt der Fürst des Sprechers Hand. „Nun weiß ich es, daß ihr Himmlischen euch um das Weltliche nicht kümmert, sofern — wie hier gesagt — wir selbst entscheiden können. Wer verspürt jedoch in sich ganz klar, welche Richtung einzuschlagen ist? Oft passiert mir, daß ich nach bestem Denken handelte, hernach erwiesen sich die Fehler.“ Unwillkürlich seufzt der Fürst.
„Seufze nicht! Gott sieht den Willen an. Ist er brauchbar, so ist er dem zum Segen, dem dieser Wille gilt. Geht er fehl, macht Er aus Spreu noch immer einen Weizen. Wie das vor sich geht, erahnt ihr nicht. Hilft der gute Wille diesem oder jenem nicht oder nur sehr mäßig, dann hat der Betreffende ihn nicht verdient. Das muß nicht die Zeit betreffen, in der die Hilfe hergegeben wird. Gott rechnet ab nach Seinem Maß! Ihr kennt ein Wort:
Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich fein;
was an Langmut Er versäumt, holt durch Schärf’ Er wieder ein! So wird manche alte Schuld, die der Mensch verdeckt, hervorgeholt — von GOTT!, und diese Abrechnung, wer es nur erkennen will, ist die gnadenreichste bei dem Herrn. Da gibt‘s nichts mehr noch weniger an gnadenvollem Tun.
Als ein Fürst, im Verein mit einsichtsvollen Ältesten, wirst du in naher Zukunft schwer zu tragen haben, und nicht alles geht nach deinen Wünschen aus. Dann denke an mein Wort und schau aufs ganze Volk, nicht auf einen Einzelnen. So wirst du merken, daß es mit ihm abwärts geht — für diese Welt, in welches Abwärts sich noch jedes Menschenvolk begeben wird.
Ihr denkt betrübt, was hätte das bewußte Erdenleben da für einen Zweck? So sieht es aus, schaut man niederwärts, statt hinauf, von woher jede Hilfe kommt. Wäre diese Hilfe nützlich, wenn es doch mit allem abwärts geht? Oh — Gottes Heilsverfahren bleibt nie ohne Zweck und wird trotz Materie erreichen, was Sein Herrschaftswille aus Äonen vorgesehen hat.
Israel kann ein Beispiel sein für alle Völker, die vergangen sind, die da kommen werden. Welchen Samen trug ein Abraham vom Reich zur Welt, er, der Fürst des Ernstes vor dem Stuhl des Herrn! Hat Israel den Samen ausgestreut, wie Abraham es bei den sieben Heidenstämmen tat? Hat es Gottes Führung über Mose anerkannt und auch bewahrt? Wo ist der Weizen aus der Offenbarung Sinais? — ?
Ihr könnt die Fragen nicht bejahen, weil das Licht die Wahrheit spricht. Seht: überall gibt‘s gute Seelen, die die Erhalter dessen sind, was Gott als Segen hergegeben hat. Geht auch dies und jenes Volk zugrunde, bleiben wenig übrig, die den nationalen Namen tragen oder nicht, — was von oben dominiert, wird aus Gottes Schöpferhänden die Erhalter sein und bleiben, bis die Materie einmal aufzulösen ist, weil ausgedient.
Auch bei euch erhält der Höchste Sich die Lichter; und aus Seiner Güte, die Er den Getreuen schenkt, dürfen sie die Miterhalter sein all derer, die sich an ihre Finsternis verloren haben. Ihr glaubt an einen Asmodi (Satan); allein — ihr könnt tagsüber gehen oder nachts, das steht euch frei. Die Menschen sind befähigt, sich dem Lichte zuzukehren oder abzuwenden. Wer das Licht vermeidet, wandelt in der Finsternis. —
Doch seht, Bethlehem kommt in Sicht. Heute helfen wir, soweit es nötig ist.“ „Und später?“ fragt Boas, der sich aus der Versunkenheit längst aufgerichtet hat und dem Gespräch der Hellen eifrig folgte. Er hat ein offenes, weltlich unbeschriebenes Gemüt und er hat die wunderbare Lehre bestens aufgenommen. „Ach ja“, fügt er an, „euere Hilfe wäre immer nötig.“
„Schon recht“, wird ihm bestätigt, „doch stelle ich die Frage, ob Gott bloß in der Nähe wirken kann oder nicht auch aus der Ferne,“ „Natürlich beides, dessen bin ich ganz gewiß“, erwidert Boas. „Ich dachte nur, daß eure liebe Nähe schon ein Segen sei. Für Naemi“, er wagt Ruth nicht zu erwähnen, „ist‘s so bitter schwer geworden und sie benötigt euch.“
„Euch! Aus hoher Weisheit ist es für die Menschen gut, einander beizustehen. Kommt die Hilfe obendrein aus vollem Herzen, so geht sie stets durch Gottes Hand. Es spielt keine Rolle, sichtbar oder unsichtbar. Letzteres ist nicht geringer, als wenn vom Gnadenakte her die Sichtbarkeit geschieht.
Hier ist äußerlich nicht alles auszugleichen, nicht sofort; ihr sollt euch bewähren, sollt tragen. Dann wird es sich ergeben, daß Leid und manche Sorge schwinden.“ „Es ist gut“, sagt Selemech, „daß ihr heute bei uns seid. Wir“, zeigt er in die Runde, „wollen immer an euch denken, also wird des Lichtes Hilfe allzeit bei uns sein.“ Das bestätigt jeder gern.
Im Hof des Boas tritt die Mutter aus der Tür. Sie kennt Pereztha, Selemech und Laban, bloß der zweite Jüngling ist ihr fremd. Doch sieht sie gleich die Ähnlichkeit der beiden Hellen. ‚Also auch von oben‘, murmelt sie und heißt alle auf das herzlichste willkommen. Ein Mahl wird angerichtet, zu dem sie auch Naemi rufen möchte und natürlich Ruth. Der Fürst winkt ab.
„Wir wollen uns erst vergewissern, ob noch vom Geraubten einiges vorhanden ist.“ „Nein, Beraba hat Stück um Stück verkauft; Ich weiß es von der Muhme in Jerusalem. Die Flur liegt ganz danieder. Gern hätte es mein Mann erhalten; aber da er selber angekreidet war und Beraba uns mit dem Tod bedrohte, rührten wir nur einen Finger an, war leider unsere Hilfe abgeschnürt. Es kostet Jahre, bevor hier wieder etwas wächst.“
„Ich war lange nicht in Bethlehem“, beschuldigt sich der Fürst, „das ist mir unbekannt geblieben. Die Hilfe kommt zu spät.“ „Ein Einzelner“, tröstet ihn ein Jüngling, „kann nicht in jedem Winkel sein; also trägst du keine Schuld. Und selbst als Fürst — ihr wißt, welche Macht der böse Wicht sich angeeignet hatte — hättest du dem Elimelech einst nicht helfen können, wie auch nicht anderen. Wir besuchen dann Naemi.“
Das Städtchen ist um diese Tageszeit wie ausgestorben, als man sich auf den Weg begibt. Die Jerusalemer sind erschüttert, als sie die Gebäude sehen, die einzustürzen drohen. Und rundum die kahlen Acker, einer Wüste gleich. Der eine Brunnen in der Nähe ist ganz ausgetrocknet, weiter ab erst sieht man einen Wasserquell. „Ja, wie kommt denn das?“ fragt Laban. „Der Brunnen war einst tief und mit gutem Wasser angefüllt.“
„Ein Zeichen“, sagt ein Heller. „Bedenkt, nicht alles Sichtbare ist innerlich vorhanden. Jemand, der so fest im Gottvertrauen steht wie die Naemi, ist ein wahrer Brunnen und trägt die Last, wissend, was sie zu bedeuten hat, Überdies“, lacht er, was auch der andere Hellgelockte hören läßt, „handelt ihr und helft. Wem?“ „Natürlich unserer Naemi“, ruft der Fürst spontan. Wieder jenes liebe, leise Himmelslachen.
„Von euerem Standpunkt aus gesehen ist es recht bedacht. Denkt aber auch an euch.“ „Ich meine“, wagt Selemech den Widerspruch, „die Hauptpflicht liegt stets darin, erst den Nächsten zu bedenken und dann erst sich. Mose lehrte schon die Nächstenliebe (3. Mo. 19, 18). Vordringlich ist sie sicher bei Naemi angebracht, wobei das Unsere zurückzustehen hat.“
„Meinst du, lieber Bruder, wir dächten anders?“ Selemech wehrt mit beiden Händen ab. Er rutscht dabei auf einem glatten Felsstein ab, so daß er beinah hingefallen wäre. Boas rettet ihn vor einem Sturz. Das Licht belehrt: „Selbstredend ist das Bedenken für Naemi recht; zwar aus eurem hilfsbereiten Willen her, steigt es doch aus Gottes hehrem Willen auf, einer Tochter, die Er liebt, zu helfen — über euch, wohlgemerkt! Nicht ihr selbst vermöget es.
Weil der Höchste alle Kinder liebt, die guten, bösen, fernen und die nahen, gilt eben Seine Hilfe euch, daß ihr aus dem Begebnis lernen sollt. Da könnt ihr von der schwergeprüften Frau und Mutter lernen, für euch, aus dem weitere Lichtgedanken steigen, über euch für eure Umwelt mit. Jetzt versteht ihr unsere Frage, die GOTT an euch gerichtet hat.“
Da halten die vier Männer ihre Schritte an. Laban sagt verhalten: „Ihr nennt uns ‚Brüder‘ und wir können doch nur eure Diener sein. Denn diese Lehre kam von Gott, über euch, wie ihr so fein gedeutet habt. Doch wie wenig wir die Brüder Gottes wären, so wenig auch die eueren, die ihr turmhoch in der Liebe, in der Weisheit über uns, über allen Menschen steht. Also ziemt es uns, sich im Dienst vor euch zu neigen.“
Sagt der zweite Helle: „Das, lieber Laban, kam aus reinem Herzen und ist zu Gott hinaufgestiegen. Nimmst du noch eine weitere Lehre an?“ „Soviel, wie ihr zu geben wißt! Möge mein Gemüt es fassen und bewahren!“ In Letzteres stimmen auch die andern Männer ein. „Also höret zu.
Kennt ihr einen Turm, der keine Stufen hat?“ „Wenn es solche gäbe“, entgegnet Boas, „was wären sie uns nütze?“ „Eben! Doch erst besehen wir die ‚Brüder‘, worin des Himmels und der Erde Schwestern auch mit eingeschlossen sind, und nicht, wie viele törichtdumme Männer bei euch denken, nur sie wären auserwählt vor Gott, während Frauen dienen müßten.
Dieser ‚Dienst‘, vom Höchsten anders angesehen als vom Menschen, ist ein ewiges Prädikat, das Er Sich Selber vorbehielt. In diesem sind die Dienenden mit eingeschlossen, während die pur Herrschenden außerhalb des Gnadenringes stehen, solang sie ihrem Herrscherwahn verfallen sind. Dazu gehören alle Überheblichen, aber nicht bloß Weltregenten, von denen manche wirklich dienen.
Der eine Gott, der alle Kindgeschöpfe schuf, stellte sie auf eine Stufe: auf die der Kinder. Ihr Männer“, der Sprecher sieht die drei älteren an, „habt Söhne und auch Töchter. Frage: sind die Töchter nicht auch eure Kinder?“ Das wird stumm bejaht. „Genau so ist‘s bei unserem Vater! Wir sind, zwar mit verschiedenen Gaben ausgerüstet, alle Seine Kinder und somit unter uns Geschwister. Wie also wäret ihr nicht unsere Brüder?“
„Wohl“, nickt der Fürst. „Ihr seid uns in argen Weltgeschäften beigesprungen; so können wir, die Menschen, eure Diener sein. Und da“, ein feiner Augenblitz, eine himmlische Parade, „stünden wir, die Söhne, auch nicht außerhalb des Gnadenringes, in dem da etwa nur die Töchter wären.“
„Gut gemerkt!“ wird der Fürst belobt. Fragt Selemech: „Müßten wir als Söhne Gott nicht dienend helfen?“ „Die beiden letzten Worte trennen wir. Gott gilt allein das Dienen im Gehorsam, in Erfüllung der Gebote, in der — für Menschen wichtig — demutsvollen Hingebung, daß man sich stets erprüft: Was ist gut, was nicht?, was darf ich tun, was muß ich meiden?
Selemech hat das ‚helfen’ gut gemeint. Diesen Falles wäre es auch angebracht, wenn . . . Auf dieses ‚Wenn’ kommt’s an! Glaubt ihr an den Gott der Herrlichkeit in aller Seiner Allmacht?, Der alles tut und alles kann?“ Eine ernste Frage, die man gern bejahen würde. Es ist jedoch zu prüfen, ob man stets an Gottes Tun und Können glaubt. Ja, glauben schon! Doch immer einbeziehen in die Dinge dieser Welt? Ist man nicht oft ungewiß? Da hapert es, was der Fürst bekennt, mit Trauer in der Stimme.
„Denke ich daran, was ich als Oberster des Volkes auszugleichen habe, so wird mir bang, ob Gott es lenken möchte. Ein zwiespältig Ja muß ich bekennen. Ihr Himmelsbrüder seht, wie so vieles bei mir mangelt. Dem Wissen nach, Gott tut und kann alles, daß wir Menschen Ihm in Seinen Allmachtsdingen gar nicht helfen können, ach ja, so will ich sagen. Aber was hinkt hinterdrein?“ Der Fürst ergreift die Hände beider Hellen. „Belehrt uns bitte, dann ersparen wir viel Zeit und unnötiges Gefrage.“
„Rasten wir“, gibt der zweite Helle an. „Es ist gut, wenn Naemi noch ein Weilchen denkt und — betet. Ich bestätige das zweigeteilte Ja. Vom Glauben her, von Kindheit in euch eingeprägt, wißt ihr von des Schöpfers Allmacht und der Herrlichkeit und das
‚Ihm ist kein Ding unmöglich!‘
Ob Er stets mit Seiner Wunderherrlichkeit hausieren geht, ist der Brennpunkt einer Frage, der noch nach tausenden von Jahren viele Gläubige im dunklen Wahn erstarren läßt. Gott aber läßt Sein Licht von Zeit zu Zeit wie eine Morgenröte flammen, und das genügt, um das Menschenvolk entsprechend zu erwecken. Er sendet Lichter aus, weniger, wie Er uns diesmal sandte, sondern in den Menschen, deren Geist und Himmelsseele auch von Gott herniedersteigt.
Das bedingungslose ‚Ja‘ fordert Gott vom Menschen niemals bis zum letzten Scherf, weil — von der Materie beengt — das Himmlische nie völlig zu erringen ist. Wo es hie und da geschieht (z.B. Elia), hat ein Geist auf Erden ausgedient. Im Licht ist der Kontakt zu bilden zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Kind und Vater. Das jetzt Gesagte reicht für euch bis ans Ende eurer Tage auf der Welt. Wenn ihr immer daraus schöpft, werden euere Seelen allzeit vollgefüllt, so daß ihr — auch in eurer Stille — bloß noch danken, jubeln und Gott preisen könnt.
Gut erfaßt“, der Helle drückt des Fürsten Hand, „daß ihr GOTT nicht helfen könnt und auch nicht braucht. Und sei gewiß: sogar wir Himmlischen, stehend an dem Herrschaftsstuhl des Herrn, können Ihm in gar nichts helfen, weil das ganz unmöglich ist. Nur dienen — ja; das tuen wir in Ehrfurcht und in Anbetung und wohin zur Hilfe uns der Höchste für die Kinder in der Ferne sendet; für die ‚lieben Wanderer‘, wie ihr nun welche seid, kurzum für jene alle, die eine Hilfsstellung benötigen.
In allen Lebensdingen ist der Herr der Helfer ganz allein!
Wenn ihr, soweit in der Materie möglich — und mehr verlangt der Vater nicht! —‚ zu jenem zweiten ‚Ja‘ gelangt, dem geistigen, daß ihr vollstens an die Allmacht glaubt, erst recht dann, wenn es den Anschein hat, als hätte Gott des Himmels Türen und die Fenster fest verschlossen, so habt ihr euch geholfen. Hierin darf der Wanderer durch die Materie erst sich betrachten. Mit leeren Beuteln kann man niemand speisen, und aus einem leeren Krug kann niemand trinken! Das besagt:
Wer nicht des Himmels Anteil in sich trägt, den ein Kind von Gott erhält, gleichgültig, ob es Gottes Anteil gut verwahrt oder ihn verschleudert, wie will er einem Nächsten helfen, wenn man arm und lichtlos ist! Das könnte jeder Mensch, weil jeder einen Geistanteil erhalten hat. Dieser ist das königliche Erbe, das von Gottes Warte aus nicht erst nach einem Weltentod, sondern jedem mit auf seinen Wanderweg gegeben wird. Ohne dieses Erbe könnte man in der Materie niemals existieren.
Aber ob ein Kind das Erbe anerkennt, bewahrt, und durch ‚Dienst am Nächsten‘ für sich selbst vermehrt, was bedeutet: es wird ganz des Kindes Eigentum, — seht, das liegt an jedem selbst. Da streckt Gott bloß geheim die Hände aus, weil ohne die ‚geheime Führung‘ niemand leben, nicht sich selber vorwärts bilden kann. Es ist des Kindes Sache, zu erwerben, was das Licht ihm als Geschenk mit auf die Lebensgasse gibt.
Ihr habt viel gehört; ihr werdet es bewahren und damit wuchern, ohne diese Kostbarkeiten zu verschleudern. So gemeint, weil unser jugendlicher Boas sich gleich vorgenommen hat, er wolle diese Lehre in ganz Bethlehem verkünden, damit aus seiner Vaterstadt das Licht hinausstrahle übers ganze Volk. Man gibt der Tierwelt das gewohnte Futter, aber keine Perlen, mit denen sie nichts anzufangen weiß als höchstens zu zertreten. Das bedeutet wieder:
Ihr könnt manch Wörtlein fallen lassen; wer sich davon berühren läßt, wird Fragen stellen, an denen ihr erkennt, wie tief der erste Same eingedrungen ist. Dann könnt ihr weiter Körnlein streuen. Wo gleich beim ersten Wort die Ungläubigkeit zu sehen ist, da haltet euch zurück. Denn solche Seelen sind nicht reif genug, das Tiefste zu erfassen. Belehren, soweit der allgemeine Glaube es ergibt, das könnt ihr überall, zu jeder Zeit.
Weil Boas einen echten Wunsch im Herzen trägt, deshalb sei euch noch gesagt, was ihr still in euch behalten sollt; denn es vergehen nahezu zwölfhundert Jahre, ehe es geschieht, was ihr nun noch hören dürft.
In Bethlehem wird zur letzten Welt-Epoche, die man die ‚halbe‘ nennt, GOTT erscheinen. Von hier aus werden jene heiß gewünschten Strahlen im gesamten äußerlichen All sich zeigen, und bleibt doch im Licht die ewige Stätte der Unendlichkeit. Aus Boas Haus ergeht ein Strahl zu einer Tochter, in deren Schoß das Licht sich legt — zur Löse für den ganzen armen Fall, der einst geschah. Ein Prophet wird einmal künden:
‚Und du Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten Judas,
aus dir soll mir kommen, der in Israel HERR sei,
dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist!‘
(Micha 5, 1)
Dieses Wort sei noch erklärt, dann soll Naemi nicht mehr länger auf uns warten. Höret also zu!
Bethlehem ist der Materie wegen diese kleine Stadt“, der Jüngling zeigt voraus. „Aber Ephrata bedeutet sinngemäß das ‚Maß des Herrn‘, das Er in Seiner Rechtshand hält. Es bedeutet auch der ‚Himmelsort‘, daher nicht von der Materie, was das Weitere beweist: ‚Klein unter den Städten Juda‘. Nicht anerkannt und nicht hervorgehoben. O, die Jerusalemer und auch andere sehen scheel auf solchen kleinen Ort, wie Bethlehem es ist.
So wird man ‚scheel und haßerfüllt‘ auf JENEN blicken, der wie arm durch eure Lande geht. Deshalb kommt der Höchste Herr als GOTT und als ERLÖSER aus dem ‚Ephrata des Lichts‘, aus Seinem Maß, das Er in Voll-Erbarmung der Materie, dem Falle angedeihen läßt! Also heißt es richtig: ‚Er sei ein Herr in Israel‘, man sollte ihn als solchen anerkennen. Weil das aber kaum geschehen wird, daher sagt hier der Prophet sehr recht vom ‚sei‘!
Daß der Herr es ist, besagt: Israel ist weltlich ein geborgter, hergeschenkter Name. Wie Ephrata als Lichtmaß und als ‚Licht-Stadt‘ anzusehen ist, so Israel, das Volk des Lichts und nicht von dieser Welt. In diesem ist der Herr! Wunderbar gesagt: Er, dessen Ausgang stets aus Seinem Lichte kommt, wie von Anfang an Sich vorgenommen, den Hinfall zu erlösen, ebenso auch das
‚von Ewigkeit gewesen ist‘!
Dieses Herrliche als Offenbarung kann die Materie bloß hie und da erhalten und bleibt die Gabe aus dem Licht — für das Reich, nämlich so: das Hingefallene wird durch den Erlöser, von Ewigkeit und so vom Opfer-Anfang her, wieder aufgerichtet und nach dem VOLLBRACHT, jeglicher nach seiner Art und Zeit, auch heimgebracht. Das ist der
‚Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her — !’
Noch ist Ephrata ein weiteres Zeichen. Wie die Gesamt-Materie gegenüber der UR-Ewigkeit das Kleine ist, Esau‘s Linsensuppe, für die er seine Erstgeburt vergab, ebenso ist diese Welt das Kleine im Kranze aller Himmelskörper. Doch das vom Hinsturz sich Verkümmerte wird in den Kreuzpunkt aller Herrlichkeit und Gnade aufgerichtet. Ins Kleine kommt der HOHE für die Kleinen; daher ist symbolhaft Bethlehem der Ort, Israel das Land, die Welt der Klein- Planet und die Materie jenes Ephrata, das sich der Herr als ‚Spiegel Seines lichtgemäßen Ephrata‘ erkoren hat. — Das war schwere Kost, doch kommen Stunden, wo ihr euch besprechen werdet. Der Geist, von jenem Ausgang her uns überkommen, als wir aus den Schöpferhänden unser Leben nahmen, wird euch weiterleiten und wird des Lichtes Stimme in euch sein.“
Keiner der vier Männer wagt ein Wort zu sagen. Ihr Dank, der in ihren Augen glänzt, in ihren Herzen wie ein Feuer glüht, der steigt zum Thron des Höchsten auf, von wo er als ein Segen wieder auf die Menschen niederfällt.
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