Hingabe an Gott. Das Zweierlei in einem Grad. Eine Offenbarung an Naemi. Wissen und Gewißheit. Die kleine Abrechnung
9. Kapitel
Auf Naemis Scheitel legt sich eine Hand. Verwundert blickt sie hoch. Wie lange sie inmitten ihrer Trümmer saß, versunken, betend, weinend — sie weiß es nicht. Niemand hatte sie gestört. Knecht und Magd sind unter Mithilfe ihrer Nachbarn auf den Äckern, eine mühevolle Arbeit. Felder, zehn Jahre ohne Pflege, ohne Pflug, müssen erst gerodet werden.
Leib und Seele waren so bedrückt, manch Seufzer stahl sich über ihre Lippen. Dann — o, daß sie aufwärts sehen kann, in des blanken Himmels Höhe, und ihr Dank, ihr Flehen steigen auf. „Herr, Du hast mir viel genommen von der Welt, doch ich weiß, daß Deine Hände damit Gutes taten, wenn ich auch ins Seufzen kam ob aller Last. Du gabst mir Deinen Engel bei, den lieben Jüngling, und hast durch ihn mir Deine Hilfe hergebracht. Mag das Weltliche versinken, mag ich arm und elend bleiben, wenn nur mein Herz dich loben, mein Geist dich preisen kann und Gemüt und Seele stille wird in Dir, dem Vater der Barmherzigkeit!
Mose sagte ja zum Volk als letztes Liebewort von Dir: ‚Ist Er nicht dein Vater und dein Herr?‘ (5. Mo. 32, 6) So weiß ich, daß Du allezeit mir VATER bist und bleibst! Nur wegen des mir anvertrauten Kindes, das aus der Fremde mit in meine Öde ging, da wollest du mir helfen, daß ich es noch richten mag und sie eine Heimstatt findet auf der Welt. Ich aber — ?‚ ich erwarte Deinen Ruf. Denn hier — ?“ Naemi spreizt die Finger — „ohne Welt bin ich in diese Welt gekommen, ich will sie ohne Welt verlassen. Dazu hilf mir aus, mein treuer Gott!“
Die Hingabe in den Willen Gottes, aus tiefstem Herzen kommend, ist beendet, als die Hand sie leicht berührt. Deshalb ist Naemi nicht erschrocken, sie hatte nur den Sinn für ihre Zeit verloren, ja sie hatte nicht einmal die Traurigkeit bedrückt. Nicht mehr, nach dem Gebet, dem Höchsten dargebracht. Es steigt ein leises Freuen in ihr auf, als sie ‚ihren‘ Jüngling sieht, der sie auf dem Weg vor aller Unbill schützte. Längst ahnte sie, daß er von Ar-Moab an schon bei ihr war, nicht zu sehen, bis über ihn des Vaters Führung offenbar geworden war. Sie kann sich nicht des Augennaß erwehren, als sie sagt, indem sie sich erhebt:
„Nächst dem Herrn danke ich auch dir für alle Hilfe, die mir durch dich geworden ist. Nimmst du Abschied, weil ich nun zu Hause bin?“ Verständlich, daß sich bei dem ‚zu Hause‘ eine große Träne löst und auf des Jünglings Hände fällt. Er führt sie an den Mund, trinkt die Träne, dabei sagend:
„Die trage ich hinauf zum Vater-Gott, wo sie eine Perle wird. Dein Gebet ist auch hinaufgestiegen und ist eingeschrieben worden in dein Lebensbuch. Das sei kein Lob, wie sich die Weltlichen gern loben lassen; es ist nur ein Hinweis, was die Barmherzigkeit mit solchen Tränen und Gebeten tut.
Wer viel zu tragen hat, darf weinen, wenn er sich der Allmacht Gottes beugt. Nichts kommt aus Gottes Händen, was des Lebens Weg beschwert. Denke nicht, manch Reicher lebe herrlich und in Freuden, wie Elimelech nie getan. Merke auf: solche Reiche sind die Ärmsten unter Armen! Sie sammeln nichts für ihre Seele, ihr Herz bleibt liebeleer. So kommen sie in ihre Kammer (Grab), in welcher alle Habe dieser Welt für sie zum Plunder wird, zu einem Staub, der durch verdorrte Finger rinnt.
Du hast dich bei Gott angeklagt und glaubenslos genannt. Das bist du nicht! Er läßt dir verkünden: ‚Du bist Mir nicht nur eine liebe Tochter, du sollst ein Zeichen sein für viele, die in fernen Zeiten von dir hören werden, jetzt schon lernt manch Sohn von dir. Du bist nicht umhergelaufen, hast gebettelt und gejammert, weil dir der böse Richter die gesamte Habe nahm.
Viele lernen aus dem Unglück nicht, es als einen unbekannten Segen anzusehen, von MIR gegeben. Das Unbekannte an dem Segen hängt damit zusammen, weil Ich weiß, wie ein Mensch beschaffen ist, ob er aus einem Unglück lernen will. Den Hadernden, weltlich nur berechtigt — vor MIR aber nicht! — überkommt der unbekannte Segen; denn Ich rechne ihre Lasten aus Erbarmung an, im Ausgleich allen Unrechts, das ein Oberster an ihnen tut.
Das jedoch, Naemi, wird erst offenbar, wenn solche Seelen ihre Welt verlassen haben. Dann wird ihre Last im Urteilsspruch zu ihrem Gunsten auch mit angerechnet; denn
GOTT, der Herr, ist der einzig wahre Richter!
Er richtet nicht allein nach Soll und Haben, Er gedenkt der Schwäche auf dem Weltenweg und zwar zweierlei in einem Grad, ist Er ja der eine Gott und Schöpfer, Vater aller Lebenskinder!
Die freiwillig der Materie ihr Opfer bringen, sind ‚lastenfreie Lastenträger‘. Jene, die einst mit dem ersten Himmelskind gefallen sind, tragen ihre Last als Bürde, selbst im Fallen aufgeladen. Denen rechnet Gott aus Seinem einen Gnadengrad das Zweite an: teilweise die Befreiung aus Erbarmung, aus Seinem Schöpfer-Willen, daß kein Kindgeschöpf verloren gehen soll.
Wird das Letzte heimgeholt, durch ein Opfer, das nie nur deinem Volke gilt, nicht bloß dieser Welt, sondern der Gesamt-Materie, in welcher all das Abgestürzte bis zur letzten Heimholung die finstere Behausung ist, wie sonach sollten andere keine Gnade und Vergebung haben? Denke nicht, es wäre etwa nicht ganz recht, wenn die Treuen keinen anderen Platz bekämen als die Ungetreuen! Was weißt du von Gottes Vaterherzen? — ?!“
„Nichts!“ schluchzt Naemi, die sich ob des Gedankens sündig wähnt. „Beruhige dich!“ Der Helle druckt sie sich ans Herz. „Du weißt ja, wer und was ich bin und ist‘s ganz recht zu glauben, daß wir, im Lichte wohnend, Gottes Vaterherz ergründet hätten. Nun — in etwa schon, dahingehend, daß wir uns durch Seinen Willen leiten lassen und uns Mühe geben, Ihm zur Freude jede Arbeit auszuführen. Allein das sei bekannt:
Auch nicht die Fürsten vor dem Allmachtsstuhl vermögen Gottes Herzenstiefe auszuloten. Niemand greift in Seine Höhe, keiner mißt die hehre Weite Seiner Herrschaftsherrlichkeiten aus, ebenso auch niemals das Geheime Seiner Lichtgedanken! Das obendrein zu unser aller höchsten Seligkeit!
Und stehen wir vor Seinem Angesicht, in Seiner Nähe, so wie du an meinem Herzen ruhst, oh, keiner von uns Lichtkindgeistern wird das Heiligste der Gottesnähe je erfassen! Verspüren — ja; das kann auch jedes heimgekehrte Kind, das das Erste aus dem einen Gnaden grad des Richterrechts erhält. Bloß hinzugegeben wird‘s den Heimgeführten, die aus ihrer selbstgewählten Ferne einmal durch des Lichtes Tore gehen dürfen.
Aber was empfunden werden kann, ist viel, und es reicht in jene Tiefe Gottes, die Er für uns aufgeschlossen hat. Das genügt in alle Ewigkeit, um uns steigernd zu beseligen. Daher gilt, wird GOTTES Opferwille offenbar, sogar auf dieser Welt die ‚Löse aus dem Opfer“ allen Kindern, wenn auch verschieden dargebracht. Ich will es dir erklären, soweit für diese Zeit es wichtig ist.
Die Treuen, die ihre Wege gingen und noch gehen werden, tragen an der Last der Armen mit; und solang die Lasten währen, solange bleibt das Höchste ihrer Seligkeiten aus! Du und Elimelech habt geweint, wenn einem Freunde etwas widerfuhr, habt manchesmal nicht essen mögen, obwohl der Tisch nie leer gewesen ist. Ihr konntet dann nie fröhlich sein. Und nicht anders ist im Licht, zu dem die Wanderer gehören.
Mit den Gestürzten trauern wir. Solang der Abfall währt, bleibt’s wie eine Nebeldecke über unsrer Freude. Sind die Abgewichenen der Trauer würdig und wie kann man sie denn Freunde heißen? Weltlich gilt die Frage; jedoch einmal — dir jetzt voraus gesagt — wird der höchste Opferträger sprechen:
‚Niemand hat größere Liebe, denn das er sein Leben läßt für seine Freunde!
Ein Freund denen sein, die nackt vor Gottes Schöpferaugen stehen!
Einem Bettler gabst du nie ein böses Wort, wenn einer für die Gabe mäßig dankte. Wenn du schon also handelst und weißt es nicht, woher du kamst, wohin du gehst (vom Licht ins Licht), so sage mir, ob unser Vater-Gott wohl weniger tut als du?, oder wir? Viele von uns sind durch die Materie gegangen, deren Vorzeit du nicht wissen kannst und mußte jeder seine Lasten tragen.
Gott ist der höchste Freund, der Sein Leben gibt für alle, die das Opfer aus Erbarmung brauchen.“ Fragt Naemi: „Gott kann doch nicht sterben? Da müßten alle Schöpfungen vergehn. Wäre Er schon tot aus eigenem Willen, wer soll regieren?, wer die Welt erhalten, wer die Sonne, Sterne, Mond, das ganze Firmament?“
„Ganz recht, wenn es auch nicht völlig stimmt. Das Leben, das der Schöpfer Selber ist, wird niemals sterben, wird nicht den armen Freunden aufgeopfert, weil da jede Schöpfung untergehen müßte. Es gäbe dann ein Nichts im Nichts! Aber so ist es gemeint und, wenn nicht anders möglich, vorgesehen:
Der Herr gibt einen Teil aus Seinem Wesen her, der wie ein Mensch zur dunklen Tiefe geht: für die Gesamtmaterie. In dieser Teilung braucht Gott nicht Sein Opfer überall zu wiederholen. Er tut alle Dinge nur einmal! Das durchstrahlt erst Seine Tiefe, Seine Höhe, Weite und die Nähe, Sein Inneres und Äußeres, das Lichtgefilde ohne Schau und was wir sehen dürfen, was besagt, daß Sein eines Tun für die UR-Ewigkeit zu gelten hat!
Eben dieser eine Teil — erschrecke nicht, Naemi — wird menschlich wandeln, ohne wirklich Mensch zu sein und wird doch das Menschtum völlig an sich ziehen. Diesen Teil unterstellt Er aus Sich Selbst den Lebens- und den Weltgesetzen, daß — wie etwa möglich wird, was wir wissen, nur noch nicht zu künden ist —‚ derselbe ‚Menschteil‘ sterben kann, im Opfertod für alle Freunde: für die treuen und die ungetreuen! Denn GOTT ist der höchste Freund und niemand ist, der neben Ihm im gleichen Range steht!
Du bist über dieses kommende ‚Entsetzen‘ tief erschüttert, das geschehen kann, weil du, vom Geiste her begabt, es ‚siehst‘, was im Volke deines Mannes vor sich gehen wird. Ich löse diese Last; sie ist keine Gnadenbürde — jetzt noch nicht, Naemi. Die Späteren werden Last und Bürde tragen müssen, die Menschen und die Wesen aus der Finsternis.“
Das Licht nimmt das klein gewordene Weiblein auf den Schoß, und es ruht für eine Weile wie ein müdes Kind an einem Herzen, das die Freundschaft von dem höchsten Freund für sie hernieder trug. Und sie schlummert ein. Die Männer, an der Öffnung stehend, hörten alles, nun gehn sie mit dem zweiten Jüngling still zurück.
Der Richter hat sie sehr bedrückt, trotz des Lichtes Hilfe. Wenn diese nicht gewesen wäre, ‚da wäre alles schief gegangen‘, denkt Fürst Pereztha. Der zweite Helle sagt entlastend: „In einem hast du recht; doch den ‚großen Anschnitt‘ hättet ihr erreicht. Es war bloß besser und vom Vater-Gott bestimmt, daß der ‚ganze Schnitt‘ geschah. Dir vorher gesagt: man wird dich wählen als Ersten über allem Volk, bis die Stämme sich zusammenfinden, um ein geeintes Regiment zu bilden.“
„Ich protestiere gegen einen König“, erklärt Laban. „Ich auch“, nickt Selemech, „Man sieht es an den Heidenvölkern, was ein König mit sich bringt. Sie sind im eigenen Bereich nicht einig, nicht eines mit dem anderen. Was also hätte denn ein König dieser Welt für einen Zweck?“ Sagt der Jüngling:
„Ein solcher führt nicht weiter, als ein Volk, von Dunkelheit befangen, stecken bleibt. Es sei nicht euch zur Last gelegt“, zeigt er rundum, „auch euer Israel ist in Finsternis verstrickt. Dagegen hilft kein äußeres Regime, es mag heißen wie es will. Da hilft nur die Willensbeugung an den Schöpfer aller Lebensdinge! Ob das je ein Volk erreicht? — Ihr seid gewiß der Hilfe, doch auch im Ungewissen kann die Hoffnung existieren, die zur positiven Schwingung führt, selbst wenn sie sich allein aufs Geistige verlagern läßt. Im weltlich absoluten Wissen, das ein Ding verneint, gibt es keine Hoffnung und bleibt demnach schwingungsarm.
Anders gilt‘s bei denen, deren Geist — soweit hier möglich — eine Vorherrschaft besitzt und die Seele sich zu Gott erheben läßt. Da gilt sogar das absolute Wissen, nämlich die Gewißheit, daß Gott im Regimente sitzt, obwohl die Weltlichen sich ganz verkehren; das hilft den Weg bezwingen, das Äußere überwinden, womit sich alles regeln läßt. Ihr werdet es erfahren, daß über jeder Weltkluft Gottes ‚Gnadenbogen‘ steht! Jetzt ruht aus, es wird an diesem Tag noch allerlei geschehen, daran ihr merkt, daß auch größte Finsternis die GÜTE GOTTES nicht verschlingen kann.“
Ruth und Hanea hörten fleißig zu. Nun sagt Hanea: „Ich will nach meiner Freundin sehen, sie ist im Morgengrauen in ihr Haus gegangen und niemand hat sie mehr gesehen. Die Trümmer müssen sie doch so bedrücken, je länger sie in ihnen weilt,“ Auch Ruth ängstigt sich um die Naemi-Mutter.
Boas zieht die Frauen an den Tisch zurück. „Wo des Vaters lieber Helfer wirkt, da sagt, was unsere kleine Hand vermag. Ihr meint es gut; besser aber hilft der Herr in aller Trübsal, die Naemi seit zehn Jahren trägt. Zwar ist das letzte Stück das Schwerste, das auf ihrer Seele lastet; aber laßt den Himmelsfreunden über, was für uns zum Besten zu geschehen hat. “
„Recht gesprochen“, sagt Pereztha. „Ein Zeichen echter Liebe! Es ist nicht ganz so leicht zu unterscheiden: wo soll man den Höchsten Selber wirken lassen, wo dürfen wir die Hände rühren. Ja ja, euch Himmelsboten fällt‘s nicht schwer, während bei uns Menschen manches Wirrnis sich ergibt.“
„Darüber sei einiges gesagt, dann werdet ihr erkennen, ob uns die Unterscheidung leichter fällt. Leichter dahingehend: Seht, wenn Gott Seine Engel sendet, daß sie sichtbar kommen sollen, dann sind es solche, die bereits den Beihilfsweg durch die Materie gegangen sind. Diese haben den Kontakt mit euch, weil einen Weltweg selbst erlebt. Insofern ist es leicht, den Unterschied herauszuschälen: wo steht GOTT allein im Helferstand, wo dürfen wir aus unserer Erkenntnis handeln.
Lichtkindgeister, die noch keinen Weltweg gingen — sie tun es noch — ‚ kommen unsichtbar ins Weltenall. Glaubt aber nicht, daß darum deren Hilfe weniger kräftig wäre als die unsere. Nur steht im Vordergrund bei ihnen Gottes Führung; über uns, die Sichtbaren, zeigt sie sich geheim, weil wir durch den Beihilfweg in manchem selber handeln können.
Macht keine Unterschiede zwischen uns. In der TREUE, die wir dem Schöpfer-Gott bewahren, stehen wir auf gleicher Stufe. In Hinsicht einer offenen und geheimen Hilfe ist nur für euch Menschen solcher Unterschied gegeben. Das habt ihr verstanden und so warten wir, bis mein Bruder die Naemi bringt.“
Hanea hatte für die Männer Matten ausgebreitet, selber zieht sie sich mit Ruth in ihr Gemach zurück. Ach ja, sie ist nicht mehr die Jüngste und die Arbeit samt der Sorge zehrt an ihrer Kraft. So geht eine gute Stunde um. Die Schläfer werden wach, als sich am Hause Schritte hören lassen.
Es ist der Führer, der die schlafende Naemi bringt. Hanea will sie in ein Zimmer tragen. „Mir fällt es leichter“, sagt der Helle, „richte eine Liege, Naemi ist erschöpft.“ „Ich pflege sie“, ruft Ruth. Im Oberteil des Hauses öffnet Hanea die hellste Kammer, und bald ist die müde, kranke Frau gebettet. Ruth weint leise vor sich hin, sie hat Naemi lieb.
Der Helle streichelt ihre braunen Wangen. „Sie ist nicht schwer erkrankt, nur erschöpft. In wenig Tagen ist Naemi wieder auf.“ „Ich bin so dankbar“, flüstert Ruth, „daß ich zu ihrem Glauben kam, dem Herrn zu danken weiß und auch dir, der du uns geholfen hast. ‚Jetzt wieder.“ Sie küßt die helle Hand. Er läßt‘s geschehen mit so liebem Lächeln, daß Ruth es weiß: In Liebe umgewandelt für den Herrn! Ein paar Tage lang — vorausgesagt — bleibt Ruth auch nachts bei ihrer Mutter. So erfährt sie es erst später, was sich indessen zugetragen hat. — Der nächste Tag.
Am Horizont verglüht die Sonne, als ein Zug von Männern vor dem Haus erscheint. Knechte eilen, um die Tiere abzunehmen, Boas tritt mit einem Hellen vor die Pforte, um zu sehen, wer die Leute wären. Er erkennt einige der Ältesten von Jerusalem, die mit beim Richter waren; die meisten sind ihm unbekannt. Der Kleidung nach sind sie Höhere des Volkes. Was sie wohl wollen? Die Hellen hatten nichts verlauten lassen.
Einer stellt sich vor. „Ich bin Sinehas von Emmaus. In der Frühe kamen drei Jerusalemer Älteste, mir die Richtersache darzutun, Gott unsrer Väter sei gedankt: der Schakal kam zur Strecke! Wir holten nahe alle Ältesten zusammen. Fürst Pereztha soll nun Richter sein und wir bemühen uns, daß das Volk die Wahl bestätigt, bis Friede werde unter den zwölf Stämmen.“.
„Tretet ein“, bittet Boas. „Du bist der Sohn des Hauses?“ fragt Sinehas. „Wer ist der Junge? Ich meine . . .“ „Es ist nicht des Vaters Brudersohn“, fällt Boas in die Rede, „der — kommt er wieder heim — der eigentliche Erbe ist. Sie waren ausgewandert und bis jetzt ist von der Sippschaft niemand heimgekehrt. Immerhin ich muß warten, bis . . .“
„Gehen wir hinein!“ Sinehas Blick fällt sonderbar auf Gottes Sendling und der sagt: „Du wirst mit mir zufrieden sein, auch wenn ich jung erscheine.“ Ist‘s ein Schreck, der ihn überfällt? Pah — die Fürstensache ist zu wichtig, als daß man sie um eines Jungen willen auf die Seite schiebt.
Hanea, die an der Fensteröffnung stand, beauftragt ihre Mägde, ein Mahl zu richten. Und im Saal die Lagerstätten. Selbst bleibt sie im Hintergrund, als die Männer eingetreten sind und die Anwesenden begrüßen. Nicht gleich stürmt man aufs Ziel. Verwundert sind die vierundzwanzig, als sie einen ‚Bruder‘ jenes Jungen mit am Tische sitzend finden.
Daß sie nicht zu Israel gehören, sieht man auf den ersten Blick. Sie sind von der Beratung auszuschießen. Offensichtlich sind der Fürst, Boas, Selemech und Laban von den Jungen eingenommen. Das wundert alle sehr, denn der Fürst ist unbestechlich und ein großer Menschenkenner. Er hat schon manchem Mann das Innerste zum Äußeren gekehrt, wenn im Inneren was ‚faul‘ gewesen war. Läßt er sich von Knaben täuschen —
Pereztha lächelt vor sich hin. Wie wenn er den Gedanken wie ein Wort vernommen hätte, so spiegelt sich‘s in ihn. Nachdem das Mahl verzehrt und ein Wein getrunken wurde, rückt Sinehas als Sprecher für die anderen mit seinem Plan heraus. Er rollt erst das Bild der letzten Zeiten auf, wie unsicher man durch Uneinigkeit der Stämme unter sich gewesen sei, die kleinen und die großen Fehden, und daß das Recht aus den Gesetzen nichts mehr gilt. Er vergißt dabei zu sagen: ‚Die Gott-Gebote‘!
„Eben darum“, sagt er hastig weiter, „sind wir überein gekommen, daß über das gesamte Volk ein Fürst zu setzen sei. Wenn die andern Stämme hören, was sich zugetragen hat und sich die Nachbarvölker unsere Uneinigkeit zu nutze machen, da werden alle unsern Vorschlag akzeptieren,“ Er erfaßt des Fürsten Hände, „Du sollst das Oberhaupt des Volkes sein!
Nimm an!“ fleht er, als der Fürst verneint, weil im letzten großen Rat gefordert ward: jeder Stamm für sich! Dieser Wahn wird Israel zerstören, früher oder später, denn die Uneinigkeit wurzelt allzu tief. Immerhin — muß man für das Volk nicht Opfer bringen? Ja, es würde eine Last, um es zu erhalten, die den einzelnen — eben ihn — zermalmen kann.
Da sieht Pereztha in den hellen Augen einen Funken, wie ein ‚ja, nimm trotzdem an‘. Der Fürst ist gläubig, nicht so im Gebrauch der äußerlichen Satzung, von der er nicht viel hält. Nein — an seinem Gott hängt seine Seele. Oft hat er erlebt, daß GOTT noch stets zu helfen wußte. Wie letzthin auch und — durch die Jungen. Er sagt jedoch bedächtig:
„Erst prüfen, ob ich des Amtes würdig sowie fähig bin. Es kommt darauf an, ob das ganze Volk die Vorwahl anerkennt.“ „Nun“, meldet Laban sich, „daran glaube ich. Daß du würdig bist“, er sieht den Fürsten herzlich an, „braucht nicht geprüft zu werden. Wie jeder Stamm entscheidet, ist abzuwarten. Aber wie die Dinge liegen, bin ich überzeugt, daß jeder freudig mit beschließt; denn die Angst sitzt allen in den Knochen.“
Sagt der erste Jüngling: „Aus Angst zu wählen, das hat keinerlei Bestand. Sobald die Angst vorüber ist, stellt jeder seine Eigensucht vors Haus. Eure Wahl ist zwar auch Gottes Wahl, weil, . . .“ „Erlaube mal“, wird Sinehas heiß, „wo hast du deine Weisheit her?“ Er lacht so spöttisch, daß Boas mit den Fäusten fuchtelt, so ärgert ihn die Ironie.
„Du sprichst vom ‚Gott unsrer Väter‘, als ob . . .“ „Ist er nicht dein Gott?“ fragt der zweite Helle. „Komm‘ mir nicht mit solchen Reden“, schimpft Sinehas. „Selbstredend ist der Gott unserer Väter auch der meine!“ „Da solltest du so sprechen“, rügt der Erste, „und Gott nicht in eine Zeit verbannen, die du gar nicht kennst. Ob wir beide“, deutet er auf sich und seinen Bruder, „unserem Gott sehr nahe stehen, wirst du allzu bald erleben!“
„Mit der Jugend ist‘s ein Kreuz!“ Sinehas wischt sich den Schweiß von seiner Stirn. „Sie will die erste Zimbel spielen und ist grün hinter beiden Ohren!“ „Abwarten“, lacht Selemech, „wer am grünsten ist — ich meine nur in Punkto Gott-Erkenntnis. Aber laßt uns erst das Wichtigste bereinigen.“ Die drei Jerusalemer Ältesten, die die Hellen kennen, schmunzeln auch in sich hinein.
„Ich rate dir, Pereztha“, sagt Selemech, „anzunehmen. Nicht von ungefähr, daß des Lichtes Boten bei uns sind.“ Er deutet zur Verwunderung der Räte, die die Hellen noch nicht kennen, was ‚er selbst von diesen hält. Ach, denken sie, hier wirkt ein Asmodi, einer, der uns ganz verwirren will.
Schade, man hatte auf Pereztha so gehofft. Nun ist er samt den andern in ein Wespennest geraten. Daß es ‚böse Geister‘ gibt, steht fest für sie, aber nicht, daß sie den Hohen Geist nicht wirklich kennen. Sinehas gibt der Gruppe einen Wink, um aufzubrechen, obwohl die Nacht bereits den Himmel überzieht. Da hält der erste Jüngling ihn zurück, ernst mahnend:
„Prüfst du nicht, was es für Bewandtnis mit uns hat? Oder glaubst du, nur ihr Alten wäret weise? Wo ist denn deine Weisheit, wenn du das Prüfen unterläßt? Die Gasse in die Nacht hinein kann gefährlich werden. Nicht für dich persönlich! Die Sache ist gemeint, die schon beim ersten kleinen Sturm gekentert ist.
Brause nicht gleich auf, weil das ein ‚Knabe‘ sagt. Du hast still für dich gefleht, Gott möge eure Not bedenken und dir zur Ehre angefügt — auch die Glaubensnot hast du gemeint. Denn wenn bei euch so böse Richter lange Zeit regieren können, gern zum Schaden eurer Nachbarn, ist das noch der Glaube aus der Lehre Gottes, die euch der treue Mose hinterlassen hat?!
Wo ist der Glaube an die Zehn Gebote?, wo der gute Wille, sie zu halten?! Ah, man hat Weltgesetze formuliert und stellt sie über die Gebote Gottes! Kannst du mir mein Wissen widerlegen, dann sorge ich dafür — und sei gewiß, um dich zu bekehren, gibt GOTT Sein ‚Ja‘ dazu —‚ daß du der Erste wirst und Israel regierst!“
„Das kann ich nicht, dazu fehlen mir die Gaben. Aber woher weißt du, was ich morgens sprach? Niemand hörte mich als — “ „ — GOTT!“ Jetzt ist‘s kalter Schweiß, der Sinehas am Rücken nieder rinnt. Die noch unwissenden Männer ziehen sich bis an die Wand zurück. „Ja ja, als Gott allein“, murmelt Sinehas.
„Wenn du das nun weißt, wer bist du denn? Bist du — ach, Gott zeigt sich nicht als Blättchen, das erst wachsen muß. Und ich bin auch nicht würdig, Ihn wie Abraham und Mose zu erleben.“ „Um der Demut willen stimmt‘s. Gott würde Sich auch anders zeigen, als wir beide es jetzt tun.
Weißt du aus eurer Frühgeschichte nicht, daß Gott manchmal Engel sandte, wie zu Sodom und Gomorra, auch zur ungetreuen Hagar in die Wüste?“ Man weiß es wohl; doch diese Gnadenzeit ist längst versunken wie — der echte Glaube auch versunken ist. Wir sind nicht reif, daß uns Engel in den armen Weltendingen helfen. Fragen, die das Herz erschüttern, das Erkenntnisziel nicht sehen lassen. Laban holt die Männer wieder an den Tisch zurück.
„Hört zu, liebe Brüder! Hernach entscheidet selbst, ob das, was sich bei uns zugetragen hat, die Wahrheit ist. Niemand außer Gott hörte das Gebet des Sinehas, wurde aber offenbart. So muß ein Bote Gottes bei uns sein oder ein Prophet.“ Laban hängt absichtlich eine kleine Atempause an.
Pereztha, Selemech und Boas nicken, so daß es Sinehas entfährt: „Wenn das, der Gedanke, wenn . . .“ Er stottert eine Weile, bis Hanea sagt: „Es soll dich nicht als einer von den Ältesten betrüben, wenn ich als Frau bekenne: ich habe es sofort gemerkt, daß die ‚lichten Freunde‘ nicht von dieser Erde sind. Ob es Engel wären, hab‘ ich nicht erwogen, doch als ‚Boten Gottes‘ habe ich sie gleich erkannt. Kann denn der Höchste nicht durch liebe Menschen wirken, wie durch einen Engel?“
„Können schon“, gibt ein Ältester zu, „nur bedenke, daß — soweit wir von den Völkern rundum wissen — keines unsern Ein-Gott-Glauben hat. Daher sind sie nicht mit Ihm verbunden und Gott kann durch sie nicht wirken. Und Engel — ? Ich weiß nicht, ob das heutzutag noch möglich ist.“
„Ich muß dir deine Fehler stechen“, sagt ein Heller. „Einmal gibst du zu, Gott könnte, zum anderen verneinst du es. Ob Gott kann, das streiche, weil Er allzeit tut! Im Ja, im Nein, verhüllt, offen, das überlasse Ihm, dem ‚Heiligen von Israel‘, wie ihr gern betont. Von Israel, das gilt, nämlich von, dem himmlischen! Er könnte wohl für euch der Heilige sein, befolgte man die heiligen Gebote. Dann wäre dieses Volk ein guter Abglanz jenes himmlischen, zu dem der gute Mensch gehören darf.
Was nun die Völker anbelangt, nennt ihr sie zwar Heiden, weil sie Kräfte ‚Götter‘ nennen. Natürlich ist es falsch, allein bedenkt: sie glauben an die Überlieferungen ohne wahres Wissen. Es gibt da Menschen, die sich mit eueren Guten durchaus messen können, Naemi wird euch das bestätigen. Sollten also diese, nur weil sie völkisch anders sind als ihr, nicht eben auch die innere Verbindung mit der Gottheit haben? Kommt es denn aufs völkische oder auf die Seelen an, die geläutert sind? Könnte daher Gott sie nicht verwenden, daß Sein Wille auf der Welt geschieht?
Ist‘s nicht Hochmut, denkt ihr nur von euch erhaben und auf alle andern wird herabgeblickt? Ist‘s mit dem Gebot der Nächstenliebe zu vereinigen? O, wenn ihr reuig werdet, könnt ihr gute Samensträger sein und entsprechend mit zum Botendienst Verwendung finden. Und das möchtet ihr doch gern?“
„Wäre es uns möglich“, sagt ein Ältester, „ich rief: ‚Herr, ich bin bereit!‘ Mir ist es nunmehr klar geworden, daß ihr“, er meint die Hellen, „Gottes Boten seid und will nicht fragen: Engel oder Mensch. Eins von beiden seid ihr ganz gewiß! Doch verzeih, daß ich unterbrach. Du wolltest noch von andern Völkern uns verkünden. Wir hören gern.“ Der Helle lehrt:
„Es ist kein Schade, weil ihr, der Zeit gemäß, die Gott der Welt diktiert, im Verhältnis wenig wißt von eben eurer Welt, wie groß sie ist und was auf ihr geschieht. Das heut‘ zu deuten führt zu weit und nützt euch nichts. Aber das: Fernab gibt es Völker, kleine und auch größere, die an eine Allmacht glauben, ganz gleich, wie sie es bezeichnen. Der äußerliche Name, der aus eines Volkes Sprachschatz steigt, ist für Gott belanglos. Er kennt ja Seine Erdenkinder ebenso wie die vom Licht.
In den euch noch unbekannten Völkergruppen herrscht ein besseres Leben als bei euch und rundum vor. Manchem dieser Menschen ist es möglich, sich in somnambulen Zustand zu begeben, wobei der Geist in der wie körperlichen Manifestation erscheint, unter Gottes Führung oder eines Engels, der dazu beauftragt wird. So ist einzusehen, daß überall es Menschen gibt, die in Hinsicht eines Ein-Gott-Glaubens mit euch auf der gleichen Stufe stehen, ja sogar in ihrem Dasein weiter sind als ihr, geist-seelisch und auch in den naturbedingten Lebensäußerungen dieser Welt.“
„O halte ein!“ ruft der Älteste Herias. „Kann man denn so blöde sein? Ihr beide waret mit beim Richter, wie unsere Jerusalemer es erzählten. Da muß ich um Verzeihung bitten und“, der Israele beugt sich bis zur Erde, „müssen wir uns vor euch neigen. Hattet ihr, die mit zugegen waren, jetzt gleichfalls einen Isis-Schleier, wie ich eben selbst?“ Herias lacht verlegen.
Die drei verneinen es mit freundlichem Gesicht. Sinehas meint: „Merkwürdig ist‘s, doch frage ich, ob ihr jetzt nicht irrt. Wenn Gott Seine Boten sendet, werden sie in ihrer Art und Weise ähnlich sein. Es kommt euch also bloß so vor, als wären es dieselben, die euch — das Wunderbare gebe ich gern zu — bei der heiklen Sache beigesprungen sind,“
„Himmlisch, nicht bloß irdisch“, versetzt der Fürst sarkastisch. „Mir traut ihr nicht zu sagen, ich ließe mich durch Ähnlichkeiten blenden. Dazu bekunde ich: unsere lieben Brüder aus dem Licht sind jene, die uns geholfen haben. Außerdem — frage Laban, Selemech und Boas; und wenn vier Zeugen vor dir stehn, mein Sinehas, das mag dir wohl genügen. Oder nicht?“
Der fährt sich durch den etwas wirren Bart. „Hm, ich rede nicht dawider, weil ich nichts bezeugen kann. Ohne Kränkung sage ich, daß wir, die das Volk zu leiten haben, uns niemals bis zur Erde beugen brauchen, auch wenn . . .“ „. . . es Gottes Boten sind?“ fragt Selemech. „Oder meinst du, weil die Helfer keine grauen Bärte tragen, wäre das nicht angebracht?“
Sinehas schüttelt es. Hier müssen Kräfte wirken, die — — Genau so hatte er gedacht. Ob es wirklich solche — — Der erste Helle setzt sich neben ihn, für Sinehas nicht zur reinen Freude. Gern rückte er ein wenig ab, allein an seiner andern Seite sitzt Herias. Das Licht lächelt.
„Darf ich dir erklären, was du nicht weißt?“ Ha, sind dem Schöpfer Seine Menschen kümmerlich geraten, daß reife Männer von der Jugend sich belehren lassen sollen? Das Licht ‚spießt‘ den Gedanken auch mit auf. Der Fürst sagt ernst dazwischen:
„Ich wäre dankbar, würde sich das Licht um mich bemühen, damit in vielen Dingen in mir helle wird! Ich verstehe aber Sinehas. Er ist durch das Erlebnis, das in nichts ins weltliche Gefüge paßt, erschüttert und fürchtet, sein Prestige als Ältester des Volkes zu verlieren. Ich bekenne jedoch frei:
Mein Rang ist vor dem Lichte null und nichtig. Ich vergeb‘ mir nichts, wenn ich meine Himmelsbrüder bitte, mich zu lehren.“ Manche ducken ihre Köpfe und der Emmauser gibt klein bei: „Ich höre, was mir zu erklären ist.“
„Das macht dich reifer, als du ahnst“, wird ihm erwidert. „Ich stelle eine Frage: Was war vor der Welt? Das Lichtreich oder die Materie? Wurden sie zugleich erschaffen, von denen eure Erde einem Sandkorn gleicht? Kannst du diese Frage lösen?“
„Nein! Wir wissen nur aus alten Bilderschriften, daß unsere Welt viel später ward als andere. Ob es sich bei früheren Gebilden um jenes Reich gehandelt hat, das als Gottes Lichtreich anzusehen ist, hat — soweit ich weiß — noch niemand lösen können. Vielleicht wußte Mose mancherlei davon.
Unser Unwissen wird den Glauben nicht verringern, wenn wir da im Dunkeln tappen. Ah — ein Strahl, der mir sozusagen eingeschossen ist“, prüfend sieht er auf den Jüngling. „Gott, der Erschaffer aller Dinge, ist Geist, Licht, Heiligkeit, Reinheit und noch mehr, was allgemein uns Menschen fehlt. Wird also sicherlich das Reich zuerst gegründet worden sein.“
„Es stimmt! Es fällt den Wanderern durch die Materie schwer, ein Problem zu lösen, das das Übersinnliche betrifft. So nennt man das, was der Weltverstand verneint. Übersinnlich — über eng begrenzte Sinne gehend! O ja — über allen Dingen der Materie schwebt Gottes SINN! Denn Er hat ‚besonnen‘, Seine Innerwerke, die Er aus Seinen Fertigkeiten hob, ins Äußere zu stellen, geistig — wohlgemerkt, um danach ein Kindervolk zu schaffen, das in und auf den Werken lebend sich entwickeln konnte.
Aus der Kardinalsfrage und der Antwort“, folgt die Erläuterung, „läßt sich eine Himmelsleiter zimmern, auf der auch Irdisches zur Sprache kommen kann, weil ihr für das Volkswohl einzustehen habt. Nun könnt ihr wissen, daß das Reich zuerst erstand und wir, seine Bürger, es als unser Vaterland betrachten, ewig-unvergänglich! Durch den Hinfall eines Kindes, euch in vollem Ausmaß nicht bekannt, ward es nötig, ihm und seinem Anhang einen Ort zu schaffen, der allerdings — vom Schöpfer aus gesehen — längstens vorbereitet war, um einen Hinfall aufzufangen. Dieser Ort ward zur Materie, zu der auch eure kleine Welt gehört.
Um wieviel wichtiger ist der Sinn über aller Welt! Aus dem GEIST nimmt man die Kraft zum Regiment. Nachher ist es kein Problem, die Welt in sich zu überwinden. Aus dem ‚Über-Sinn‘ ist jede Last zu tragen, eigene und fremde. Wer sich so vom Licht regieren läßt, kann ein guter König seines Volkes sein. Nicht wie eure Nachbarn haben. Nein — König aus dem Geist und Können, das ist ein Regent, den Gott für seine Arbeit extra segnet.“
Sagt Boas: „Mir wäre sehr zuwider, würden wir uns mit den Heiden auf die gleiche Stufe stellen, ich meine nur in dieser Hinsicht. Sonst — überall gibt‘s gute Leute. Ich erkenne nur den Schöpfer als den KÖNIG aller Völker an. Der Glanz der Welt ist Herbstspinnweben, den ein leiser Hauch verweht. Und wer weiß, ob nicht GOTT in diesem Hauche wirkt.“
„Hast mir aus dem Sinn gesprochen“, sagt Pereztha. „Daß ich Fürst geworden bin, ist nur ein Erbe meiner Ahnen. Mich bei meinem Namen nennen, ist mir lieber. Eine Frage“, wendet er sich an den Jüngling. „Frage, andere haben dein Bedenken auch.“
„Ein Bedenken ist‘s zwar nicht, weil sich bei Gottes Segen nichts bedenken läßt außer: hat man ihn verdient? Du sprachst von einem Extra-Segen und vom einen Gott, Der alle Dinge einmal tut (Hebr. 9, 12 pp). Demnach müßte auch Sein Segen ohne Unterschiede fließen und nicht dem einen mehr, dem andern minder überkommen. Dürfte es nicht heißen: Gleiches Recht für alle?“
„Gottes Recht heißt GERECHTIGKEIT! Aber so: ein Kindlein kann nur wenig essen, ein größeres schon mehr, ein Erwachsener viel. So ist es mit der Seele, dem Gefäß, in das Segen, Gnade und — Gerechtigkeit zu gießen sind. In der Gerechtigkeit liegt das ‚Gericht‘, was meist fälschlich angesehen wird. Nun, wie groß das Gefäß der Seele ist, soviel nur kann es fassen, mehr nicht, weil es bei dem Herrn kein ‚überfließen‘ gibt.
Ob das nicht der Extra-Segen wäre? Nein! Was im Menschen wachsen soll, ist nicht der Geist, nicht einmal die Seele; denn beide sind das ‚Wesen‘, wie der Schöpfer es erschuf. Aber die Erkenntnis, aus dem Suchen nach den Gottesdingen kommend, die muß wachsen. Logisch, daß dann aus Gottes Segen mehr hineingegeben wird. Bei Gott gibt‘s nur die vollen und die leeren Herzen. Eine Halbscheid kennt Er nicht! Allein — Sein Segen bleibt sogar auf einem leeren Herzen, weil es ihn so bitter nötig braucht. —
Nun kommt der liebe Heißsporn an die Reihe, er kann sich an den Weltenkönigen nicht erwärmen. Immerhin — sind die meisten arm und brüchig, so darf bei denen, die wirkliche Regenten sind, das Wort ‚König‘ auch mit gelten. Nennen wir es einen kleinsten Abglanz von der ganzen Herrlichkeit des Königs Zebaoth.
Keiner von euch wird es noch erleben, daß gerade hier, wo unser Boas sitzt, ein Knabe seine Heimstatt hat, der der zweite König (David) eueres Volkes wird. Was sich ergibt, braucht nicht voraus gesagt zu werden; die Leute jener Zeit müssen die Probleme selber lösen. Weltlich aber hat Freund Boas recht; denn was Menschen sich zusammenschmieden, ist ein Bruchstück in des Höchsten Hand! Er kann‘s zusammenfügen, Er kann‘s zerstäuben und wird beiderlei Sein Segen sein.“
Sinehas stellt eine neue Frage. „Von Mose wissen wir, daß zwei Zeugen gelten sollen (4. Mo. 35, 30). Auch spielt die ‚Zwei‘ in vielen Dingen eine Rolle. Etwa dies: ‚Gott machte zwei Lichter, ein großes und ein kleines‘ (1. Mo. 1, 16). Im Zusammenhang damit, weil der Fürst von vier Zeugen sprach. Was hat das zu bedeuten?“ Der zweite Helle nickt ihm zu.
„Du hast den Strahl in dich hineingesenkt, den dir mein Bruder leuchten ließ. Und du hast die Frage, wer wir sind, schon über Bord geworfen und dein Erkenntnisschiff hat flotte Fahrt gefunden. Die vier Zeugen haben eine tiefere Bewandtnis, als ihr es ahnt. Nun, ein Licht sei aufgesteckt, das Weltliche sei nebenher erwähnt. Die Vier ist nebst der Eins, Zwei und Sieben Gottes höchste Schöpferzahl. In diesen Zahlen offenbaren sich die Werke, enthüllt sich überall Sein heilig-hohes Manifest.
Die ‚1‘ ist ER, der Eine! Die ’2‘ sind Er und Seine Werke, zumal der Vater und das Kindervolk gemeint. Da Er allein der Höchste und jedes Werk, zwar Seiner UR-Vollkommenheit entnommen, das ‚zweite‘ ist, gilt nach Mose auch das große Licht der Gottheit, das kleine ihrem Volk. Dazu der Über-Sinn:
Das große Licht regiert den Tag, Gottes Offenbarung in Wort und Schau; das kleine in der Nacht zeigt an, daß die Kinder erst aus Gottes Lehre helle werden, wie euer Mond sein Licht sich von der Sonne borgt. Wie wunderbar: allgemein besitzt der Tag, das große Licht, sechzehn Stunden Regiment, pro Anteil eurer Welt, das kleine nur die Hälfte, was mit besagt: Gott schließt das Kleine in Sein ewig Großes ein.
Nun noch die ‚4‘, von der alte Schriften Zeugen. Es genügt ein Bild. Eden, inmitten Gottes Quell. Er inmitten jene segenspendende Labe. Ohne Wasser kann man keine Wüstenei durchqueren, ohne Gottes Segensquell existiert kein Kind. Und vier Ströme gingen aus vom Quell, aus GOTT hervor!
Die ‚7‘ kennt ihr als die sieben Gotteskräfte. Die ‚4‘ zeigt sich in allem, und ihr uns nicht kanntet, durch die vier Zeugen mit. Von Gottes Tiefst-Geistigem sei es jetzt genug, doch was noch zu erklären ist, steht nahebei. Betrachten wir des Herias ‚Beugen bis zur Erde‘.
Daß das für uns nicht nötig ist, könnt ihr wissen. Herias dachte dabei mehr an Gottes Offenbarung. Davor erstens hat er sich geneigt und vor uns, weil wir Gottes Gabe brachten. Insofern ist das Beugen auch gerecht. Da wir Gottes Söhne, Seine Töchter sind, brauchen wir uns gegenseitig nicht zu ehren, was so von Weltlichen als Ehrung angesehen wird.
Ein angemessener Respekt vor denen, die in guter Lebenskenntnis ihre Völker führen, gilt auch vor Gott. Doch in Angst und Schrecken sich verneigen und den Hochmut stärken, ist dem Herrn ein Greuel. Nackt kommt jeder Mensch zur Welt und ohne Habe werden sie zu Grab getragen. Pereztha gibt uns da ein gutes Beispiel ab. Es sei kein Lob“, wendet er sich an den Fürsten, der leicht errötete. „Was das Licht enthüllt, ist immer eine Wahrheit, manchmal schwer, manchem auch zur Freude.
Gern gehn die Bittenden zu ihm, und nie kehrt er sein Fürstenamt hervor. Leutselig bis ins letzte, spricht er mit den Ärmsten, den Bedrängten. Darum haben viele ihn vor einem Tod bewahrt, den der Richter plante. Niemand hatte es erfahren, die guten Helfer blieben still. Hunderte hatten sich des nachts ums Haus geschart und des Richters Knechte zogen wieder ab.“
„Ich weiß nichts davon“, ruft der Fürst. Nachträglich sind die Ältesten entsetzt. Pereztha war von jeher aller Halt. „Nenne mir die lieben Leute, ich möchte ihnen danken.“ „Tu es nicht“, rät der erste Helle. „Sie sind glücklich über ihre Tat, und wenn sie sich begegnen, nicken sie einander heimlich zu. Diese Herzensfreude ist geheiligt, und das bewahre still.“ „Ja, dafür will ich um so mehr dem Schöpfer danken und Ihn bitten, meine ‚lieben Leute‘ allesamt zu segnen — mit dem Extra-Segen.“
„Wähnst du, Gott täte es erst dann, wenn du Ihn bittest?“ „Wenn nicht, hat die Bitte keinen Wert.“ „Im Gegenteil! Die stille Tat war schon gesegnet. Gott wartet nicht erst ab, bis einer kommt; Er weiß alles im voraus. Trotzdem sind die Bitten nie vergeblich. Wie ewig Seine Quelle fließt, so nimmt Er jede Bitte in den Segensfluß hinein. Mit einem Rückstrahl für den Bittenden. — Nun noch Sinehas geheime Frage, ob dem Schöpfer Seine Menschen kümmerlich geraten wären, daß reife Männer sich von uns belehren lassen sollten. Da er nicht wußte, wer wir sind, war die Frage mit am Platz — von der Weltsicht her betrachtet. Wir werden sehen, wie sich dieses Rätsel lösen läßt.
Sind des Schöpfers Werke innen oder außen voller Mängel? Bei euch Menschen, die ihr durch die Materie wandert, ist von Ihm aus alles gut, wie Er sprach: ‚Und siehe da, es war sehr gut!‘ Demnach sind Ihm auch die Menschen gut geraten, Seine Kindgeschöpfe, die Er die Weltenwege gehen läßt.
Seine Hellen nehmen das verschleuderte ‚Gut‘ vom Fallkind auf, um es durch den Beihilfsweg zurückzubringen. Die Materie verdunkelt Seine Perlen, äußerlich — wohlgemerkt! Und dieses Äußerliche muß gereinigt werden, die Schlacken von dem Golde fallen. Das gilt für das Fallkind durch die Beihilfswege aller Hellen, erstrangig und darin alle Beihilfswege einbezogen — durch das Opfer Gottes, das man ‚Lustrum‘ nennt.
Damit verbunden: wer ist älter, wir oder ihr?“ Sagt Boas rasch: „Ihr beide, sonst hätte Gott euch nicht zu uns geschickt. Ein Kind kann keinem Manne helfen. Es handelt sich doch schließlich um des Geistes Reife oder — nun ja, ihr seid als Lichtkindgeister, wie ihr euch nennt und im Reiche Gottes lebend, älter als wir Menschen. Daß ihr jugendlich erscheint, ist vielleicht ein weiteres Geheimnis, das wir noch nicht kennen. Der Geist altert nicht! Daher seid ihr auch vom Geiste her berechtigt, auf dieser Welt die alten Leute zu belehren.“
Der Fürst, Selemech und Laban lächeln und ersterer sagt: „Seht an, unser Jüngster hat den Kern herausgeschält! Was sagst du jetzt dazu, Sinehas?“ Der schüttelt wunderlich den Kopf. „Komisch, daß die Jugend manchmal weiter ist als wir. Ich gebe Boas recht, und des Lichtes Lehre geht mir ein. Möge Gott mein Unwissen nicht als Unglauben angesehen haben.“
„Mir ging es ebenso wie dir“, bestätigte Herias. „Nun kann durch Gottes Güte unser Glaube auch bestehen. Oder nicht?“ „Wir haben es schon angedeutet: die Materie deckt viel vom Lichte zu, da, wo man nicht allzu tief den Spaten stößt.
Sinehas hat die unbekannte Kraft gespürt, als Selemech die Frage wegen eurer grauen Bärte stellte. Das zeigt an, daß auch zwischen Menschen möglich ist, Gedanken aufzunehmen. Ein Gedanke ist in sich schon eine Kraft. Denn nichts wird ohne sie bewegt, bewußt so wie unbewußt. Ihr merkt es nicht, wenn sich eure Innerkräfte regen, die die Gedanken produzieren.
Ihr fragt manchesmal: wo kommt der Gedanke her? Ihr habt ihn nicht gewollt. Für böse müßt ihr selbst geradestehen, obgleich ihr sie nicht wolltet. Bei guten wird der weiße Mantel präsentiert. Der gute Kraftquell kommt vom Geist, von des Lichtes Existenz, teils dem Menschen unbewußt, denn zu leicht würde der materielle Seelenteil das Gute in das Gegenteil verkehren. Die minderen Gedanken kommen aus dem Dunkelteil der Seele, jenem Kraftanteil, einst vom Fallkind her verdorben.
Dankt ein Mensch dem Herrn für einen Lichtgedanken, alsdann wird er gleich ein Eigentum der Seele sein, wodurch ein finsterer Gedanke auszulöschen ist. Nimmt man sich vor, die finsteren Gedanken, jene ‚woher gekommen‘?, durch ernste Bittgebete auszumerzen, so steht alsobald der Geistteil an der Seelenpforte und treibt den Dunkelteil hinaus.
Noch wälzt Sinehas die Frage, ob Mose davon wußte. Er hat sogar sehr viel gewußt! Als einer von den sieben Fürsten nahm sein Geist viel Licht in euere Welt herab. Aber offenbaren — ? Wem waren die Geheimnisse zu künden? Mit einigen Treuen ließ sich das Himmlische besprechen. Diese sahen hie und da den Herrn, Mose aber oft in der ihm zubereiteten vollen Schau.“
Sagt ein anderer der Männer, ob auf einer Himmelsleiter Irdisches hinaufzutragen sei. Er denke, daß das Weltliche ‚oben‘ nichts zu suchen hätte. „ja, so wie du es meinst“, wird er belehrt, „hast du es getroffen. Was man jedoch als Unrecht vor dem Herrn bekennen muß, geht mit hinauf. Ihr wisset jetzt, daß ihr als Wanderer vom Lichte ausgegangen seid, wie die Materiellen aus der Finsternis. Nicht die Armen einer äußerlichen Habe sind die Materiellen, nein, die einst Mitgefallenen sind gemeint.
Diese kommen aus sich selber selten bis zur Himmelsleiter; und nur kraft einer Hilfe steigen sie empor. Den großen Anteil schafft des Herrn Barmherzigkeit. Er hat sie in Sein Opfer eingeschlossen, ohne dem sie nie ins Licht gelangen würden. Gottes Heilsplan lautet:
Alle retten!
Weltliches läßt sich aufwärts tragen, nämlich was das Dasein oft so mühsam macht, was sich ohne Schuld ergibt. Dazu gehört sogar ein Glaubensschwanken, drückt die Bürde allzu schwer. Wichtig ist, daß man des Feindes Fehler mit zum Aufstieg schleppt, um durch echte Nächstenliebe seinem Feind vor Gott zu helfen.“
„Wunderbar!“ ruft der Älteste. „Ich danke dir, du hast mir eine große Lampe angezündet.“ „Uns allen“, beteuert Selemech. „Hat Jakob seine Weltlast sprossenweis hinaufgebracht?“ „Ja, und es war nicht wenig, was an Eigenschuld mit auszugleichen war. Immerhin — er hatte einen Sonderweg erhalten und trug Esaus Lasten mit hinauf. —
Nun könnt ihr lange von des Himmels Gaben zehren, Euch zum Trost gesagt: es geht nichts verloren.“ Still sitzt man da, aber weil es spät geworden ist, geht man schlafen, mit dankerfüllten Herzen, weil sie diese Herrlichkeit erleben durften.
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