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4 — an URs Hand

4 — an URs Hand

. . .  A N  U R s  H A N D  . . .

. . . auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Matt. 5, 45

Gottes Gnade läßt Perutam beim Lebensbaum verweilen. Weniger für ihn; seine Treue soll die Gnade denen übergeben, die ihm ungesehen folgen. Er will gerade weitergehen. Da kommt eine herrliche Gestalt daher, ihm ähnlich, etwas kleiner, fraulicher. Kurz durchzuckt es ihn: Begiana? Nein, die lebt noch auf der Erde, auf sie hat er zu warten.

„Wundere dich nicht“, sagt die Gestalt, „obwohl das echte Wundern einer unsrer Seligkeiten ist. Du folgtest Mose, der als Uraniel die heilige Gesetzesordnung brachte, ohne welche keine andere Eigenschaft hinabzutragen ist. Ging hier der Ordnung gleich die Liebe nach, du, der dritte Wächterengel, so darum nur, weil nach hehrem Rechte aus den UR-Gesetzen die Erlösung kommt, deren Trägertum die LIEBE ist, der ‚Liebe Sohn‘!“

„O“, ruft Perutam, „Urea, die Mitträgerin der Ordnung? Dich hat unser Vater UR gesandt? Wahrlich, da kann ich mich verwundern ob der Güte, die mir widerfährt!“ „Das auch, Perutam; doch die dein Lichtstrahl lockte, sollten Anteil an der Güte haben, aus der ihr Heimfindweg erleichtert wird.

Jeder Lichtgeist hat den Anteil, weil sich sonst die Seligkeiten nicht bewahren ließen; wir könnten ohne sie nicht wirken. Dienstbar sein und bleiben ist unsere größte Seligkeit, solange unser Leben währt. Da es aus dem Lebensborn der Gottheit kam, von Ihm genährt, so wird ja unser aller Leben nicht verlöschen, wie URs Lebensquelle nie versiegt.

Herrlich, Heilig, Hehr, Erhaben, heißt der Herr, der ungezählte Namen hat. Und du bist im Heiligtum des Herrn.“ Ja ja, dem Herzen nach, und aus seiner Sehnsucht ist er dort, wo er sich niederneigen möchte, bis seine Stirn den weißen Teppichrand berührt im heiligen Geviert der Herrschaftssäulen. Aber sonst— ? Noch muß er manche Schritte gehen. Urea lächelt.

„Ich kam nicht, dich zu belehren; ich bringe dir des Heiligtumes Strahl. Du hattest ja den stärksten Ast ergriffen, wie des Vaters starke Hand. Nun fällt die letzte Bindung an das Rückwärts ab, was bloß der Ausdruck deiner Demut ist — von der Erde her bedacht: ‚Ist der Herr mit mir zufrieden? Kann Er Sich ein wenig freuen, wenn Er meine Arbeit sieht?‘

Das hast du Mose abgelauscht. Aber nicht, daß es allein von Mose stammt. Auch du, belastet von den Weltlichen, brachtest diese Frage vor den Gnadenstuhl des Herrn. Jetzt läßt Er sagen: ‚Es gibt kein Hemmnis mehr, das zwischen Mir und dir noch eine fußbreit Spanne schiebt.‘“

„Ah!“ Ein Ausruf und ein weiter Widerhall. „Aber Vater UR hatte mir gesagt, daß ER mich führen wolle, sobald ich Seinem Lebensbaume alles anvertraute. Sei gewiß, Urea, ich bin höchst beglückt, mit dir ins Heiligtum zu gehen. Denn wen die Ordnung leitet, der kommt ordentlich nach Haus. Also sei es! Laß uns nicht verweilen, führe mich zu Vater UR.“

„Des bedarf es nicht.“ Urea lächelt lieb. „Vielmehr ist es wieder eine Seligkeit, die dir köstlich werden soll. Du sollst im zweiten Lichtwegteil von einer Tochter den Willkomm des Vaters haben, weil Begiana ihre Seele im Gebet dir nachgesendet hat. Nicht immer wird ein Sohn von einer Tochter, sie von einem Sohne abgeholt. Denn was geschieht, ist jedem Kinde zubereitet, dem einen dies, dem andern das. Sieh dich aber einmal um.“

Freudiges Erschrecken, auch im Licht. Eine lange Reihe Wanderer folgt hinterdrein — nicht alle in Person; Letztere sind noch nicht reif, den Höhenraum des Lichtes zu betreten, sind jedoch auf seiner Spur. Die nahe folgen, sind vom Reich, nicht wenige, und sie gehen hinterher. Sie winken — dankbar, freudig, ohne das Verlangen, neben ihm zu wandeln.

Die noch viel abzulegen haben, recken ihre Hände aus. Sie stehn in einem Vorraum, so wie oft das Volk auf Erden ins Gehege kommen durfte, sobald es Mose öffnete — am Berge Sinai, vor Gottes Hütte in der Wüste. Manche weilen noch in Harmagedon, jenem Zwischenland der finstersten Materie und jener Sphäre, die das Eingangstor zum Empyreum ist. Bittend, zweifelnd, ängstlich sehen sie empor, und er hört ihr lautes Rufen: „Josua, komm; Josua, hilf!“ Sie kennen ihn nicht anders.

Hier ein Lästerer, dort der Böse, der jedes Wort und jede Tat als Scheinheiligkeit bezeichnete. Die Frau, deren Zunge ihm viel Kummer machte; und da — und dort — im letzten Augenblick ihr Unrecht noch beweinend, manche erst im Jenseits sich gewendet. Sie stehen auf der tiefsten Vorhofstufe.

Wieder ist es eine Last, die ihn rückwärts ziehen will, während er voll Sehnsucht brennt. In sein Erwägen sagt Urea: „Du bist im Vaterhaus, bloß Sankt Sanktuarium wartet deiner noch. Aber wo des Vaters Liebe wohnt, da ist ER SELBST, ist man zu Hause, sogar dort auf jener armen Welt.“ Urea zeigt in weite Ferne, in welcher die Materieplaneten schweben.

„Das erleichtert ja“, erwidert Perutam, „bleibt aber eine halbe Freude, weil all die Armen erst noch meine Hilfe brauchen.“ „Oder Meine!“ tönt es neben ihm. Eine jähe Wendung, und der Wächterengel kniet sich nieder. „Vater UR! Vater UR!“ Tränenperlen fallen auf den Kleidsaum Gottes.

„DICH brauchen sie, DEINE Hilfe, DEINE Hände ganz allein! Und solange sie“, er wendet das Gesicht den armen Wesen zu, „nicht DICH begehren, solange tut sich keine Türe auf, die für sie ins Reich des Lichtes führt. Vater UR, hilf, wenn sie auch versehentlich zu mir heraufgerufen haben. Sie meinten . . .“ ,,Mich?“ „Ja, Vater, DICH meinten sie.“

„Als Josua hast du recht geredet; als ein Perutam kannst du noch weiter blicken. Oder nicht?“ „O, ich sehe es genau. Doch sie tun mir leid.“ „Meinst du, Ich empfinde weniger für sie?“ „Herr!“ Eine Anrufung, wie Josua so oft auf Erden rief und war immer eine Bitte an das Vaterherz.

„Keine Sorge!“ Mild ist die Sprache, lind die Hand, die auf dem Gelock des Wächters liegt. „Meine Liebe fragte so. Du hast deine Himmelsaugen offen, dein Herz schlägt jubelnd Mir entgegen; daher kann‘s nicht fehlen, daß Ich dich, wie zugesagt, Selbst weiterleite. Komm, der Tisch ist vorbereitet, an dem die Brüder und die Schwestern warten.“

Wer weiß es, welche Wonne Perutam durchströmt? Er legt eine Hand in Gottes linke Hand, Urea steht an der andern Seite URs. Rufe der Geduld und Freude hinter ihm: „Wir dürfen auch bald folgen“, hemmen nicht den Fuß; aber jene Klage: „Nun geht er fort und denkt nicht mehr an uns.“

Der Wächter ist erschüttert. Kein Unrecht ist‘s, wenn er mit dem Vater weitergeht; es könnte für die armen Rufer eine Lehre sein, um die eigene Gasse zu erkennen. Oder ist es jene letzte Prüfung? ein letztes Samenkorn, das noch einzuheimsen ist? Der Gedanke gibt den Ausschlag.

„Vater UR, es gäbe einen dunklen Fleck, würde ich die Klage nicht beachten. Laß mich sie noch einmal belehren, DICH zu bitten. Auch neben Dir müßte ich die Klage immer hören. Denn an mich allein zu denken, hingegen sie — — Das ist über Deines Heiligtumes Schwelle nicht zu bringen.“ Ist es nicht, als würde selbst der helle Himmel heller? die Straße breiter, auf der der Ewige mit Seinem Wächter steht? das Tor, schon nahe, auch viel höher, und das Licht äonfach mehr? — ? UR spricht:

„Hole diese Ähre, die du in die Ernte mengen magst (S. 238, 2). Das war der letzte Akt der Freiheitsprobe, den Hingestürzten stets zu helfen. Ich schuf die Straße für den ganzen Fall, die ICH begehe bis zum letzten ärmsten Kind. Wer am Ende eines Beihilfweges solche letzte Probe leistet, im Licht begonnen und im Licht vollendet, der gelangt auf Meiner Straße und auf Meiner Bahn zu seinem Stuhl im Reich.“ (OJ. 4, 4; Dan. 7, 9) — —

„Er kommt!“ Man drängt sich vor, man will der Erste sein. Einigen kommt die Erkenntnis, daß Josua ein Opfer bringt. Halb verklungene Lehren werden wieder wach. Müßte Perutam, den man bloß mit seinem Erdennamen kennt, sich nicht zu denen wenden? Nein — er geht zum Widerlichsten aus der Schar.

Er redet, wie sie es verstehen können. „Ach sieh da, der reiche Harim, der nichts zum Goldenen Kalb, geschweige was zur Gotteshütte gab! Hatte Mose dich nicht dazu angehalten?“ „Nein“, lügt Harim, „ich wußte nicht, wofür er Gold und Silber haben wollte. Mein aus Ägypten mühevoll Gerettetes — ah, sollte ich‘s verwüsten, ohne Zins daraus zu ziehen?“

Perutam zeigt auf eine Wolke, wie sie Israel geleitet hatte. „Im Angesichte dieses Zeichens wiederhole, was du sagtest!“ Der Lügner windet sich. O, kein Höllenfeuer, wie man glaubt, — Gewissenspein zwingt ihn ins Knie. „Ich — weiß nicht, wie es damals war. Und — die Meinen sprachen nicht mit mir, sahen mich nicht an, nichts konnte ich in meine Hände nehmen. Da merkte ich, daß ich gestorben sei, O Josua, erlöse mich!“

„Du weißt, was Gott durch Mose sprach: ‚ICH bin der Herr, dein Arzt‘ (2. M. 15, 26), ‚der schlagen und auch heilen kann‘ (5. M. 32, 39)! ‚ICH will euch erlösen durch ausgereckten Arm und große Gerichte‘ (2. M. 6, 6). Das bezog man auf Ägypten und nicht auf die Erlösung von den Sünden. Nun lüge abermals im Angesicht der Weißen Wolke!“ Das klingt sehr streng.

Nicht nur Harim, der sich windet. Er ist für alle ein Exempel. Er ergreift den Kleidsaum Josuas: „O hilf, hilf! Ich dachte, daß, ich dann in Kanaan viel Land erwerben könne und . . ‚“ „Bist du mit nach Kanaan gekommen?“ „Nein“, keucht Harim, „ich ging ja mit der Rotte Korah unter.“ (4. Mo. 16, 31-32)

„War das Gottes Zorn?“ „Ja“, seufzt jener. „Nein; es war heilige Erbarmung, daß ihr nicht mehr sündigen konntet.“ „Erbarmung?“ Ein Weib sagt: „Ich erkenne: Erbarmen hat der Herr an uns erzeigt. Er kann uns erlösen. Aber du, Josua, bitte du für uns, daß wir Gottes Weißer Wolke folgen dürfen. In der Wüste taten wir dies mehr aus Zwang, weil uns nichts anderes übrig blieb. Wir dachten dabei kaum an Gottes hehres Ziel.“

„Du hast es recht erkannt. Und dir, Harim, sage ich“, Perutam wendet sich ihm wieder zu: „Stehe auf! Wohl wäre es ein Demutsakt, vor Gott, wärest du bereit, dich ganz vom Übel abzuwenden. Du warst mit Abiram befreundet, dem übelsten von Korahs übler Schar. Um dich anzurühren — andere auch —‚ sahest du die Schaurigkeit, wo die Rotte Korah hausen muß. Was dich aus diesem Elend rettete, das war deine letzte Tat, als du ein armes Kind in deine Zelte nahmst. Sonst lebtest du im Land des Nebels, wie dein übler Freund. Was dachtest du, als du ihn sahest?“

„Das erlasse mir, Josua! Ich sank hier bis zum letzten Rand; nur mühsam kam ich wieder etwas hoch.“ „Du sollst nicht mir die Schuld bekennen, sondern DEM, Der in der Wolke wohnt.“ Da murmelt Harim: „Gott meiner Väter, dachte ich, hab‘ Dank, daß ich nicht so böse war wie Abiram oder gar wie Korah. Ich habe mich nicht so befleckt wie sie.“ (Luk. 18, 11)

„Und jetzt?“ Mühsam richtet sich das Wesen auf. Doch wie stark ist eines Lichtkindgeistes Hilfe, aus der hohen Hilfe Gottes. Noch merken es die Wesen nicht, nur die Hoffnung, die allmählich in den Kümmerlichen wächst. Gott sieht es gnädig an, sobald ein Fünklein der Erkenntnis flackert.

„Ich bin genauso böse — eigentlich noch ärger. Sie lebten ihrem Wahn, obwohl sie wissen konnten, daß ihr Bestreben gegen Gott und Mose ging: ein Reich der Macht, der Welt. Hierfür gab ich manchen Schatz, während Mose für die Gotteshütte nur den unbedingten Zehnt bekam. Und den noch hatte ich verengt. Niemand wußte es, wie groß mein Reichtum war. Ich habe mich zutiefst an Gott versündigt — auch an Mose.“

„Und an mir?“ Harim ächzt: „Ich stach manch Oberen, daß man nach Mose dich nicht wählen solle und . . .“ „Weiter brauchst du nichts zu sagen. Nun höre, was Gott dir künden läßt: ‚In Gnaden will Ich dich erretten, tust du ohne Murren, was mit dir geschieht, um dich von deinen Übeln reinzuwaschen!‘“

Ach, jeder möchte sich der ‚strafenden Erbarmung‘ beugen. Wie oft sah Harim, daß Mose bittend beide Hände reckte — für das Volk; und ebenso hebt er sie auch: „Herr, ich unterordne mich; nur hilf und erlöse —“ Wollte er nicht wieder an sich selber denken? „— erlöse bitte alle. Erlöse mich von meinen Sünden, wasche mich von meinen Übeln rein.“

Noch erträgt die arme Herde nicht den Strahl, der sich hinter Gottes Weißer Wolke bildet; nur ein Segen fällt hernieder. Perutam fängt ihn mit seinem Herzen auf und breitet ihn über diese dunkle Schar. Auch er hebt seine Hände hoch, was anders als die Gebärde Harims anzusehen ist.

„Herr Gott“, bittet er, für die Wesen abgestimmt, „Du bist unser Nothelfer und Erlöser (Jes. 41, 14; Jer. 50, 34; Dan. 6, 28 u.a.). Du bist erbarmungsvoll und sammelst die Verlorenen ein. Laß Dein Recht der Heiligkeit und Deinen Willen walten. Geleite uns zum Rande Deiner Herrlichkeit. Mehr bedarf es nicht, mehr ertragen wir auch nicht. Herr Zebaoth, erlöse uns!“

Da hebt ein Weinen an, ein Flehn und Bitten. Keine Seele, die nicht erkennen würde, nicht des Wächters Worte leise nachgesprochen hätte. Sie sind ein wüstes Land, durch das zum erstenmal der Pflug gezogen wird, zum erstenmal die Pflugschar duldet. Jetzt kann der Hohe Sämann kommen, ob Selbst, ob treue Knechte oder Mägde — SEINE Saat wird diesem Acker zugetragen. Wie leuchten jetzt des Wächters Augen, wie spiegeln sie des Himmels Glanz! Er breitet seine Arme aus, als wolle er sie alle auf einmal umfassen. Danach teilt er sie in Gruppen ein. Zum erkenntnisvollen Weib sagt er:

„Pherida, du führst die erste Gruppe, die zweite Osnie, der eher zur Erkenntnis kam. Die dritte?“ Sein Blick fällt auf Harim. Dem stockt das Herz, was im Jenseits durchaus möglich ist, sagt indessen rasch: „Nicht ich, ich muß mich als der Letzte führen lassen; denn du sprachst mit mir aus Gottes hehrer Absicht, zu mir, dem Ärgsten unter allen diesen Argen.“

‚O UR‘, dankt Perutam, ‚welch reiche Ähre durfte ich durch Deine herzliche Erbarmung sammeln. Diese kann ich in des Lichtes Ernte mengen. Nimm Dank, Lob, Preis und Ehre an, Dir in aller Ehrfurcht, Liebe und in Anbetung gebracht.‘ Sich an die Wesen wendend, winkt er ihnen zu:

„Wisset, daß ihr GOTT zu folgen habt. Ich führe euch zum letzten Vorhofteil, der in des Lichtes Vorhof mündet (Jer. 36, 10). Da wartet euer Lehrer; er führt den Auftrag Gottes aus. Ihn Selbst könnt ihr noch nicht ertragen, nicht das, was euch noch verborgen bleiben muß.“ Das ist ihre Herkunft, einst mit Sadhana gefallen. Zu ihrem Heil bleibt es jetzt zugedeckt. An der besagten Pforte warten sie und sehen zu, wie Josua sich rasch entfernt und ihren Blicken bald entschwindet. — —

Und als Wächter — ? Er kommt am Lebensbaum vorbei. Da bemerkt er erst, daß er eine dicke Garbe trägt. Wonnen überschauern ihn. Dem Lebensbaum vertraut er an: „Deine Ähren, Vater UR!“, und geht eilig weiter. An der Stelle, wo er zuvor mit UR gesprochen hatte und Urea ihn begrüßte, steht ER da, Sein hehres, wundersames Antlitz ihm entgegen richtend.

Sind es rasche Füße? sind es Flügel, die so eilen lassen? Perutam umschlingt den Vater, und Er drückt Seinen Sohn an Sich. Die Garbe liegt zu Gottes Füßen. Er sagt: „Behilflich sein durch Meine Hilfe ist ein Dienst, der jedem Kind zum Schmuck gereicht. Die Garbe zeigt, wie wacker du geholfen hast mit deiner Lehre, daß das Helfen nur vom HELFER kommt.“

Perutam schmiegt sich in seines Vaters Kleid. „O, das Herrlichste von allen Herrlichkeiten: Du bist allein der Helfer! Auf Erden sah ich es, nur empfand ich‘s nicht so stark wie in diesem Augenblick. Ich war da in meinem Tun und Lassen oft gering, immer aber hast Du mich getröstet; oft fühlte ich mich klein vor Deinem Angesicht, Du aber standest neben mir mit Deiner Kraft. Für dieses alles lasse mich an dieser Stelle danken.“

„Angenommen, Mein Perutam! Was aber willst du dann im Heiligtume danken? Man legt den Abschlußdank auf Meinen Heiligen Herd, wo er als Abschlußhaben in die Bücher eingetragen wird — in Mein großes und in eure kleinen (OJ. 20, 12).“ „Vater, besteht der Dank allein im Wort? Kann ihm keiner mehr in Taten folgen?“

„O ja, doch das echte Dankwort ist wie eine Tat, wie der ganze Mithilfsdienst gewesen ist. Wie gleichst du das noch aus?“ „Oh!“ Strahlender wird Perutams Gesicht. „Vater“, erwidert er mit ernstem Lächeln, „diese Garbe“, er hebt sie hoch, „trage ich Dir nach und lege sie als Dank auf deinen Herd. Am Lebensbaume dachte ich: von DIR geführt, nicht bloß durch die stete Hilfe, sondern wirklich lebensnah, wäre wohl der Gipfel hehrer Freude. Danach könnte keine Steigerung mehr folgen. Und jetzt —“

„Jetzt, Perutam? Jedes Ding hat wie den Anfang so das Ende; oder alles ginge wie im Kreis, vielleicht in variabler Wiederholung, aber in der Gleichheit des Geschehens. War das nicht auch so auf allen Lichtstationen? Kommen, Bleiben, Gehen, abgesehen in der Abwandlung des Einzel? Selbst die Stufen der Stationen haben wie den Anfang ebenfalls den Schluß.“

„Vater, darauf hätte ich in der Materie keinen Spruch gewußt, und selbst hier ist es nicht leicht, volle Klarheit zu erkennen. Doch gerade das, weil nur DU die volle Klarheit weißt, ergibt, daß im Anfang schon ein Ende, in diesem stets der neue Anfang ruht, geheim in Deinem Quell der Mitternacht, aus welchem für die Kinder alle Steigerungen kommen.

Übersehe ich die Licht- und Weltstationen, so erkenne ich: Unser kindgeschöpfliches Leben ist ein wunderbarer Ring[VH64], der die Kreise formt. Das Leben — nur als solches — zeigt die Wiederkehr vom Anfang bis zum Ende der Epochen; die Kreise aber, Deiner heiligen Allmächtigkeit enthoben, sind weder Varianten, noch weniger irgend eine Wiederholung.

Das Empyreum hat sein eigenes Lichtgesetz; in einer Hinsicht die Materiewelten auch, die ja Schulen für die armen Wesen sind. Die Art der Empyreumslichter ähnelt sich, aber welche Mannigfaltigkeiten bieten sie dem Kindervolk! Dazu: Du führst jedes Kind durch viele Gruppen, von denen jede ihre eigenen Gesetze hat. Doch nicht eine, die außerhalb des Lichtgesetzes stünde, welches Du dem ganzen Volke einheitlich gegeben hast.

Aus diesem und unendlich vielem mehr gibt es im Schöpfer-URtum keine Wiederholung, gerade durch die hohen Grund-Gesetze in der Schaffung Deiner Tage, Deiner Nächte, Deiner für uns unbegreiflich hehren Jahre, die wir erleben dürfen, deren Zeitbegriff kein Kind ergründen kann.

Dein geheimer Vorbehalt gibt aus Deiner Schöpferherrlichkeit in Raum und Zeit die Fülle, ohne Anfang, ohne Ende! Die Gabe Deiner Güte, jenes unmeßbare GUT, aus dem die dritte UR-Herzkammer sich enthüllt: GOTT, an dessen Strom und Türe ich ein Wächter bin. Gib ferner Deines guten Geistes Kraft, um auch im Licht als Wächter treu zu wachen.“

„Deine Bitte braucht nicht erst erhört zu werden“, sagt UR. „Und wenn du meinst, es wäre größere Freude, Mir die Garbe nachzutragen, anstatt an Meiner Hand zu wandern, so will Ich gern willfahren, was dir Freude macht.“ „O, immer reicher offenbarst Du Dich als guter Gott“, jubelt Perutam.

„Auch meinte ich —“ ein kleines Stocken, welches Gott mit einem Lächeln streicht, „— ich bin Dein Sohn und wäre es nicht immer nötig, fest an Deiner Hand zu gehn. Noch vom letzten Hauch der Welt betroffen, wähnte ich, ewig müßte ich mich leiten lassen, wie es kleine Kinder brauchen. Nun hat Dein Licht mich eingehüllt, und als Wächter kann ich selber gehen.“

„Eben! Sohn und Tochter brauchen keine unentwegte Aufsicht. In Meinem Heiligtum wirst du ein Wort empfangen, das das früher schon Gegebene weiterhin erhellt. Für jetzt bleibt noch die eine Frage offen: Das Selbergehen ist gerecht, ganz in Meinem Willen; und ewig gut, wer Mir folgt oder wer an Meiner Seite wandelt. Wäre es nicht auch gerecht, wenn ein treuer Sohn, eine liebe Tochter MIR den Weg bereitet (Jes. 40, 3; Matt. 3, 3)? wenn man die Straße räumte, auf der ICH gehen will?“

„Das ist wieder schwer. Gut wäre schon, wenn Du jemand sendest (Mal. 3, 1). Aber niemand könnte DIR die Bahn bereiten, die Straße räumen, die Du — wie gesagt — bis zum letzten ärmsten Kind begehst (S. 248, 2). Bleibt nun das DEIN hohes Recht, wie könnte ein Geschöpf Dir Deine Straße räumen? Du bereitest unsere Pfade, Wege, Gassen, bis sie in Deine Straße münden und so unsere Straße wird. Die Bahn jedoch ist ewig Dir allein, selbst wenn wir unsre kleinen Füße auf sie setzen dürfen.

Diese Klarheit schenkst Du her: Du sendest keinen Sohn und keine Tochter Deinetwegen aus. Jede Sendung vor Dir her, jedes heilige „Macht Bahn!“ gilt einzig Deiner Gnade, die voraus die Strahlung schickt, um die Kinder anzurufen, die armen Seelen aufzuwecken, daß keines stumm und schlafend bleibt, wenn dann Dein Licht, Du Selbst vorübergehst. Nur so sendest Du die Engel aus, nur so dürfen Kinder Dir den Weg bereiten, — wahrlich hier ein Weg auf Deiner Straße und auf Deiner Bahn!

Deine Herrlichkeit läßt Du zu Haus, Deine Heiligkeit bedeckt ein langes Kleid (OJ. 1, 13), zumal der armen Seelen wegen. Sie ertragen nicht Dein Licht, nicht den Glanz der Heiligkeit. Deshalb gehen die Gesandten vor Dir her[VH65], die ein Wort, ein Licht verstreuen, die die starren Herzen rühren, die Schlafenden erwecken sollen.

Und sendest Du im Empyreum Deine Boten aus, dann ist es auch ein hehrer Zweck, der mit Deiner Offenbarung, mit Dir Selbst verbunden ist. Würdest Du gebieten: ‚Wächter, geh‘ voraus!‘, so wäre das ein Himmelsglück, schier unfaßbar, Allein — das führte mich bloß bis zur dritten Pforte Deines Heiligtums; dort hätte ich zu warten, um das Tor zu öffnen. Doch ich bitte: Lasse mich Dir folgen, schenke mir die Köstlichkeit.“

„Du sollst sie haben. Wer Mir folgt, geht Mir zur Seite; wen ICH führe, der folgt Mir auch nach! Da überkreuzen sich das Innere und Äußere, sichtbar und unsichtbar. Ein Ausdruck beider Schöpfungsfundamente, was deinen beiden Lichtstationen gleicht.“ „Vater, ich bin erst auf der zweiten; die dritte, zurück ins Vaterhaus, ist ja erst Dein Heiligtum.“

Ein feierlicher Strahl. „Nein, Mein Sohn; das Heiligtum ist keine Wegstation, es ist das sichtbare UR-Zentrum. Alle Heimkehrkinder wandeln hier durch zwei Stationen, entsprechend beider Fundamente. Sie können freilich eine ganze Reihe Sonnen- oder Sternenstraßen (Lichtinkarnationen und Lichtwanderungen) bilden.

Aber jeder kann nach seiner Einkehr in das Heiligtum die Sphären weiterhin besuchen, um hie und da zu lehren, den Heimfindkindern dabei helfend, wie du getan. Außerdem ist keines dienstbefreit, bis eben unser letztes ärmstes Kind, einst die liebliche Sadhana, das Vaterhaus betreten kann. Solange sind die Söhne und die Töchter für den Mithilfsdienst bereit.

Aber sieh, Perutam“, wiederum ein feines Lächeln, „Mir kommt es vor, als wenn wir Meinem hohen Heiligtum recht nahe wären. Wie sind wir denn hierher gekommen? Ebenso gingst du nicht hinter drein.“ Ein himmlisch maßloses Staunen (Ps. 126, 1) prägt sich auf des Wächters Antlitz aus. „Vater! Vater UR, das bewirkte Deine Güte! Im Herzen durfte ich Dir folgen, als Sohn an Deiner Seite sein. Aber in Dein Heiligtum gehe DU voran.“

„Ja, Wächter Perutam; denn das Sanktuarium ist Meine Stätte, wo das

GLORIA in JUBILATE

allen zubereitet ist!“

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