Der Zorn, in Gnadenzeiten eingehüllt. Ein heiliger Sämann. Mackarat — der Luther
In anbetendem Schweigen umgeben die Ersten Gottes Gnadenstuhl und Heiligen Herd, an dessen Ecken die vier Wächter stehen. Aller Angesichter leuchten in erhabenem Ernst als Abglanz des ureigenen Glanzes Gottes. Er trägt das Gewand als Hochpriester Melchisedek, das die Engel stets demütig erschauern läßt. Dennoch stehen sie hochaufgerichtet im Widerschein der UR-Sonne, der Fackeln und der Leuchter, bereit, Schöpferbefehle im Augenblick vollgültig auszuführen. Karmatha fühlt sich als Nichts in dieser Himmels-Herrlichkeit, die ihn einfach überwältigt. Uraniel und Gabriel, zwischen denen er vor dem Gnadenstuhle steht, legen ihre Hände auf seine Schultern, damit trotz unverminderter Demut das Geschehen auf ihn wirken kann. Alsbald bricht der Heilige das Schweigen und spricht:
Kinder Meiner Liebe und Wahrheit! Eine Werkwende steht bevor, die ihr im Fackelfeuer seht. Ich habe Meinen Weg auf Erden so vollendet, daß der Grund von Golgatha sein ungeschmälertes Hochziel haben wird. Meine heilige Fackel zündete Ich an Meinem Blute an; nie mehr wird sie ausgelöscht! Doch die Freiheit, auf Erden und im Bannort wider alle Gnade angewendet, ruft auf Erden Tränen, Todesleiden und Verfolgungen hervor, wie es Meinem Kreuzleiden zu vergleichen ist. Und in Meinem Namen wird Mein Evangelium um Geld verkauft, und Gebete kosten Wucherpreise! Mein hehres Liebe-Wort ist unter köstlichen Gewändern in Todestücher eingehüllt, und was Ich predigte verleumdeten sie mit ihrem Tun. Doch sie sollen sich nicht irren! Wenn Meine Liebe im Gesetze schlägt, wird man von Meiner Sanftmut nichts verspüren!!
Mein Schöpfungskind ist durch Golgatha bezwungen worden, doch die Materie braucht zum Ausgleich Raum und Zeit. Für sie zieht das strenge Gesetz Meiner Liebe immer größere Freiheitskreise, in deren Uferlosigkeit sie sich am besten an ihre Grenze stößt! In dieser Freiheit vergeudet sie die Kraft und ihr Vermögen und glaubt dabei, die Erde würde niemals arm. O nein! Auch der zweite Babel-Turmbau wird sein Ende finden; denn Meine heiligen Bedingungen sammeln alles Verschleuderte wieder ein. Wird der Turm zerstört, so müssen die Materieseelen ihrer Armut Bitternis erkennen!
Soll Meine Liebe nur gesetzlich wirken? Der Rest der Hölle wäre aufzugeben, wenn ihr nicht wäret, Kinder Meines Reiches, die ihr für sie zur Brücke wurdet zwischen Meiner Heiligkeit und Barmherzigkeit. Doch im Ur-Opfer errichtete Ich im Vorhinein Meinen Kreuzweg als Gnadenpfeiler, ohne welchen keine Brücke möglich wäre. Nun besteht sie längst, und so ist selbst im Gesetz die Tiefe zu befreien. Also trägt die Barmherzigkeit immer wieder über euch das Licht zur Erde, das die Finsternis erhellt. Jetzt trage Ich ein großes Licht, danach ein größeres und noch ein Letztes auf die Erde, wenn auch nun nicht als Menschensohn, so aber doch durch treue Kinder.
Stünde nicht auf Meinem Opferpfeiler die aus ungezählten Kindopfern hergestellte Gnadenbrücke, wahrlich, Meine zornige Heiligkeit ließe keinen Dämon oder bösen Menschen dem Kerker seiner Schuld entrinnen! Mein Liebe-Opfer wird verhöhnt; ein Zerrbild der UR-Wesenheit kennt man noch auf Erden, nicht aber Mich!! Und Meine treuen Kinder können ihren Glauben nur sehr schwer bewahren. — Sind sie nicht alle freudig hingegangen? Keines hat die Opferung gescheut um der Verlorenen willen! Weh den Übeltätern! Wer die letzte Frist verstreichen läßt, muß Gerechtigkeit erleiden: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Wieviel Leiden ihre Hände werfen, soviel wird ihnen zugemessen! Noch sollen erst die Gnadenlichter brennen um der Hilfe willen.
Nun sagt an, ihr Großen: Wie ist das böse Treiben aufzuhalten? Eure treue habt ihr Mir bewahrt, deren Kraft ihr aus Meiner Treue schöpftet. Eure Wege waren stets bedeutsam und große Steine brachtet ihr zurück. Doch ihr wißt, daß Mir nicht allein das Große gilt, sondern das Ganze eines Weges! Ist der kleinen Lieblinge Weg weniger zu achten, weil entsprechend ihrer kleinen Seele ihr Rückbringegut geringer ist? O, eure größte Freude ist es ja, wenn ein Kindlein sein kleines Bauholz bringt. Denn auch das ist und bleibt ein ganzes Stück! Und darum kommt es an! Darum sehe Ich die großen Wege als Schöpfer, aber die Wege aller Kindlein als Vater an.
Jetzt spreche Ich zu euch als Vater, Gott und Priester Melchisedek; doch Meine Frage stelle ich als Schöpfer, weil ihr große Mittätige seid auf dem weiten Schöpfungsfeld selbstbewußter Verantwortung. Ich achte eurer Rede und der Wahrheit eurer Herzen.“ Die Fürsten treten vor. Uraniel hebt seine Rechte hoch und sagt:
„Ewigheilige Gottheit! Vater! Deine Barmherzigkeit, die höher ist als alle Werke, möge aus dem Schoße nimmermüder Liebe kommen, getragen durch Geduld. Kröne sie mit Deinem Ernst und mit der Weisheit schmücke sie. Nichtig ist das Tun der Dunklen! Deine UR-Sonne zeugt das Leben, das ewiglich als ‚Tat’ geboren wird. Laß im Willen der Barmherzigkeit die bösen Böcke friedsam werden, bis sie auf einer Weide mit den guten Lämmern gehn. Und herrlich sichert Deine Ordnung das Heils-Recht Deinem Hochziel zu! Denn auch die armen Seelen hast Du zu Kindern Dir erkoren. Darum zünde aus Deinem ewigen Brand die neue Fackel für die Erde an!“ Und Gott spricht:
„Du hast recht geredet, Ordnungsträger. Doch Meine Fackel Sadhana, am Brand urewigen Lichtes angezündet, kann nicht ihr Träger sein; denn noch ist sie fern, wenngleich auf großem Umkehrweg begriffen. Zwar kann nicht der volle Wahrheitsstrahl die Erde treffen, sie ertrüge ihn auch nicht. Doch der Fackelträger muß in seiner Art vollkommen sein, weil nur durch einen solchen Mein Licht zu leiten ist, wenn auch die Ausstrahlung auf Erden ihre Mängel haben wird. — Nun, wer will, wer soll Fackelträger sein?“ Der erste Wächter vom Heiligen Herd, Orytam (Adam), nimmt die Waage vom Hochaltar und sagt:
„Heilighohe Liebe! Dir sei Preis und Ehre! Die Finsternis hat ihr Maß erreicht. Doch Du, Vater der Barmherzigkeit, wähle den Getreuen, der Dir dienstbar sei! — Wir können uns nicht selbst ernennen, das kannst nur Du, Ewig-Heiliger! Wiege aber erst die Menschen und die Hölle. Wiegt diese über, so schone jene noch, denn die Verführungen sind groß. Zieht aber die Menschheit nieder, so verwirft sie vor Deinem Angesicht. Scheide die Kinder des Lichts von ihr und laß sie Deine Göttlichkeit verspüren. Denn heilig ist Dein Gericht!“
Die 24 Ältesten gießen ihre Schalen je zur Hälfte in die rechte und linke Waagschale; und siehe, an der Menschenschale fehlt nicht viel. Der vierte Wächter Rayutam (Abel) gießt sie über die Finsternis aus. Gott gibt die gefüllte linke Schale Orytam und die Engel nehmen sie nacheinander in die rechte Hand. Bei welchem sich ein Lichtkreuz zeigt, soll der Erwählte sein. Mackarat (Elisa), der zweite Wächter, erhält das Zeichen. Ein heiliges Halleluja wird zum mächtigen Brausen, das im Dome widerhallt und sich am Rande aller Schöpfung bricht. Melchisedek segnet Seine Kinder, beruft Mackarat zu sich, legt ihm die Hände auf und sagt:
„Mackarat, unser Aller Liebe hat dich ausersehen! Willst du als Meine Fackel tragen, was das Erlösungswerk dir auferlegt?“ Feierlich beugt sich Mackarat; Ehrfurcht erfüllt sein Herz und Demut seine Seele. Den Blick in Gottes Augen senkend antwortet er: „Ich will!“ Da wird er von unsichtbarer Hand gehoben und kniet auf einmal neben UR, dicht am Gnadenstuhl. Er birgt sein Angesicht in des Vaters Schoß und unsagbarer Friede hüllt ihn ein. Der Herr aber spricht:
„Mackarat, abermals wird dein Weg ein schwerer sein, innerlich und äußerlich. Dein Menschen-Ich muß du bezwingen lernen und unsichtbare Waffen wider deine Feinde führen. Wenig Freunde werden ahnen, wer in dir zu Hause ist und die Welt nennt dich Beelzebub. Fürsten und Gewaltigen mußt du widerstehen, wie allein unter Rudeln schwarzer Menschenwölfe. Dein Leib wird krank und die Seele oft verzagt; doch dein Herz trägt Michaels Schwert wie einstens des Elias Mantel. Und dein mit Mir verbundener Geist setzt Widerpart, soweit die Zeit der Erde es erlaubt. Nun prüfe dich, getreuer Wächter.“ Mackarat schaut noch einmal tief ins Gottesauge, steigt zur ersten Thronstufe nieder und sagt: „Ich prüfe mich, heiliger Schöpfer-Vater! Was fragt der von Dir berufene Wächter auf hoher Zinne nach der Finsternis und den Erdlingen, ob sie seinen Weg erkennen oder nicht? Nach Leib und Gut? Ich sehe nur den Pfad, von Deiner Barmherzigkeit wiederum beleuchtet zum Segen Deiner Kinder, zur Hilfe der Verirrten!
Was ich als Mensch auf Erden fehlen werde, das wolltest Du, o gnadenreicher Vater, mir vergeben. Man wird mir manche Falle stellen. Dennoch gehe ich den Weg aus der Freiheit des Entschlusses; und auch als Mensch führt er mich in dein Vaterherz. Deine Güte stelle mir zur Seite; Deine Gnade möge mich beschützen; Dein Licht mir leuchten; und Dein Wille walte über mir. Amen.“ Ein ‚Amen’ erschallt als Bitte für Mackarat und ein ‚Halleluja’ als Dankpreis für den Vater.
„Amen! Sei gesegnet, Mackarat! Meine Rechte wird dich leiten und die Linke deine Stütze sein, der Weidstab für die Lämmer und der Treibstock für die Böcke! Ein sehr Getreuer soll dein Schutzengel sein, Zuriel, Mein Weisheitsträger.“ Zuriel tritt zum Gnadenstuhl und Hand in Hand mit Mackarat danken beide mit dem Liebebrand im Herzen. — Danach beruft Gott Karmatha zu Sich und sagt:
„Mein Karmatha! Wenn auch nicht ganz verständlich, so erkenne doch, daß dein Weg ohne Mackarat nicht möglich wäre. Er ist der Wegbahner für deine Erdmission. Großen Sendlingen gehen große Boten voraus, hier sogar ein Stärkerer als du selber bist. Auch Mir ging Mein starker Fürst Michael voraus, zwar nicht inkarniert, weil andere Gesetze bei Meinem Edenwege wirken mußten. Auch hätte Michaels Geist niemals gefragt, ob Ich Derjenige sei, Der kommen solle. Doch auch Pagriel (der 2. der 24 Ältesten, aber der 1. aus dem Michael-Haus), der Täufer, der jetzt leuchtenden Blickes sein Haupt neigt, hat nicht aus sich gefragt; es kam durch ihn die Stimme aller Wartenden, die gläubig und zaghaft zugleich auf die Erlösung hofften.
Aus solcher ‚vorausgehenden Dienstbarkeit’ ist die schönste Schöpfungsernte einzubringen. Denn aus der Saat des Sämanns findet der Schnitter seine Ernte! Doch auch er muß, will er ein guter Ackersmann auf Meinen Feldern sein, aus seiner Ernte wieder reichsten Samen streuen, damit es keine Brache gibt, sondern von einem Mal zum andern vollere Früchte reifen. Denn Meine Kinder alle sind erst die Schnitter und dann die Säleute; Ich hingegen bin der Erste Sämann und bin der Letzte Schnitter!!
Ich habe einst dem armen Schöpfungsmenschen guten Samen zugedacht, vor allem den der Langmut. Doch Babylon fraß ihn in sich hinein, ohne Gutes dafür zurückzugeben. Die Ernten wurden dadurch weniger, notgedrungen auch stets die neue Aussaat, bis nur noch Halme statt Garben übrig blieben, gleichzusetzen der kümmerlichen Linsensuppe. Da machte Ich Mich Selber auf mit Meiner heiligen Sämannsschürze, neuen kostbaren Samen zur Materie hinabzutragen. Ich streute ihn auf ihr vierfaches Ackerland, dessen einer Teil Mein Lichtteil blieb. Doch Meine zweite schwere Saat konnte nicht auf einmal wachsen, sie benötigt Raum und Zeit, soll der Same bringen, was er in sich birgt.
Ich habe reichlichst ausgestreut, damit Meine Lichtkinder für die Welt und sich gesegnete Ernte und fruchtreife Aussaat halten können, wenngleich es den Anschein hat, als wäre viel verdorben. Da der Urheber der Materie nicht mehr selbst am Werke ist, so mögen seine kleinen Nachfolger ruhig wie wütige Hunde bellen. Ihre Zeit ist gesetzt, wenn Ich als Erster Sämann die letzte Ernte halten werde! —
Bei Meiner zweiten Saat habe Ich die stärkste Stütze aus dem Fall zerbrochen und Meine guten Ackersknechte andere. Legion wird jener Pfeiler sein, den du, Karmatha, zerbrechen kannst; und mit ihm fallen viele! Darum mußt du selbst zur starken Stütze werden, um ein Starkes aus der Finsternis zu stürzen. Ich habe für Mein Schöpfungskind das Tor geöffnet, und Meine Sendlinge haben und sollen für andere Gebundene die Kerkertüren sprengen. Ich brachte dem einen Kind und dadurch freilich allen andern an Stelle des verderblichen Linsengerichts Mein Brot und Mein Wein. Meine guten Mitarbeiter bringen Frucht und Öl den armen Hungernden und Darbenden.
Also siehe zu! Das siebente Engelshaus öffnet sich dir nun. Halte dein Gelübde, wie Meine Liebe ewig Meine Kinder hält!“ In heiliger Handlung wird Karmatha dem Fürstenpaar Gabriel und Pura, Träger der Barmherzigkeit, übergeben. Nach großer Preisanbetung verlassen alle bis auf Mackarat das Heiligtum. Sie begeben sich zum Liebesmahl in Gabriels Sonnenhaus auf die Garapäa. Mackarat empfängt die Wehe. Zuriel tritt wieder ein und führt, ebenfalls gesegnet, Mackarat zur Erde. Dort geht ein großes Licht unter der Christenheit auf, eine befreiende Wende. Braucht sie auch nicht die letzte Hölle auf einmal umzuwenden, so wird doch für das Reich ein weiterer gewaltiger Sieg gewonnen. Mackarats Sendung steht unter dem Erdennamen — Luther —.
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