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Kap 1 – Bei Gabriel wohnt auch der Ernst. Gottes große Freundlichkeit


Bei Gabriel wohnt auch der Ernst. Gottes große Freundlichkeit. Trennung und Einheit der sieben Geister

Karmatha hatte sich das Leben im Hause der Barmherzigkeit leichter als jenes des Ernstes, der Weisheit, des Willens und vornehmlich der Ordnung vorgestellt und wird nun inne, daß Gabriel und Pura nicht geringere Anforderungen an ihn stellen als jene. Mitunter kommt es ihm schwerer vor. Die Fürsten sehen sein Gefühl und schweigen. Erst als Karmatha die heilige Pflicht des Hauses der Schöpfung gegenüber merkt und ob der Schwere oft verstohlen Gabriel betrachtet, führt der Fürst ihn im Haus der Stadt ins geheiligte Gemach und sagt:

„Karmatha, du spürst unsere Liebe, nur unser Ernst ist dir unverständlich. Wie wichtig der Ernstteil in der Barmherzigkeit ist, wirst du noch erkennen. Du weißt um deine Aufgabe und die Schule, darauf zugeschnitten. So magst du leicht ersehen, daß jeder Urstrahl sich dir zeigen muß wie allen mit besonderer Mission betrauten Kindern. Größere Arbeit fordert größere Reife, die nur durch größere Lasten ausgeglichen wird. Nur gute Lastenträger sind gute Kräfteträger!

Du meinst, die Kraft, um Lasten zu tragen, stünde im Vorfeld vom Schöpfer überkommen. Sofern du an den Aufbau denkst, wo die Kraft zuerst gegeben wird, soll daran das Werk als Selbstträger erstarken, hast du recht. Immer aber, wenn im UR-Lebensprinzip so verankert, erhält man nur den Kraftkern, dessen Ausdehnungsfähigkeit umso weniger ein Kind ermißt, je mehr es sich seiner selbständig bedient. Der Kraftzufluß enthüllt sich mit seiner Verwendung! Je mehr du dich betätigst, um so mehr nehmen deine Kräfte zu. Du denkst, ich müßte ‚des Vaters Kraft’ sagen. Nun, das ist für uns Erste ganz selbstverständlich und ist diese Erkenntnis unser ganzes Grundvermögen, mit dem wir ‚wuchern’ dürfen. Die Verzinsung ist unser Anteil. Darum reden wir nicht über diese Tatsache, sondern wir handeln aus ihr.

Als wir dir vor etlicher Zeit ein Freudenmahl zurichten wollten, batest du, es nicht zu tun; du wolltest dich auf ernste Arbeit vorbereiten. Da die Bitte zu deinem Besten war, erfüllten wir sie nur zu gern. Nun ist dir in der Folge manches schwerer geworden als du dachtest und du fragst geheim, wo die Sanftmut bliebe, das Gewand der Barmherzigkeit. Es ginge bei mir strenger zu als bei Uraniel. Geschieht aber etwas anderes als die Erfüllung deiner Bitte? Jede Eigenschaft besitzt die übrigen zum schöpfungsgerechten Anteil, der ein ganzes Tagwerk und noch mehr vollenden kann als die Grundeigenschaft selbst. Waltet also bei mir auch der Ernst, so darfst du dich glücklich preisen, durch die Barmherzigkeit noch tiefer in ihn einzudringen. In meinem Hause werden alle Strahlen in heiliger Vereinigung noch einmal überholt; es ist wie eine Schlußprüfung.

In dieser Hinsicht tagt es nun in dir und wir wollen noch ein Tieferes an die Betrachtung knüpfen. Dem Vater zur Freude wolltest du nur an dein Vorwärtsgehen denken. Ich zeigte dir die Freude des Nehmens und des Gebens als köstlich schönes Ziel. Daran hieltest du auch fest, spürtest aber keine rechte Freude mehr. Im Gegenteil schien sie am Verschwinden und die Last des Ernstes trat hervor. O Karmatha, nun du reifer bist, kann ich dir mehr darüber sagen. Die Freude aus der Barmherzigkeit ist nur in letzter Konsequenz der Arbeitsleistung zu erlangen, nur im erreichten Ziel! Sie, eines der kostbarsten Edelgüter, liegt nicht am Weg! Sie läßt ihr schönstes Licht erst dann erstrahlen, hat man sie mit freudiger Mühe sich erkämpft.

Das Erkämpfte ist die Krone der Barmherzigkeit, den Siegern zugeteilt. Und dieser Siegerpreis ist kein billiges Findegut! Sein hellster Edelstein, der Kristall, ist die Freude an der Freude anderer! Sich höchst uneigennützig an erreichten Zielen anderer Kinder zu erfreuen ist der Hauptwesensanteil der Barmherzigkeit. Im gleichen Maß bezieht sich das auf eine Herzenstrauer mit jenen, die den weg der Wahrheit nicht erkennen, oder nur sehr mühsam vorwärtskommen.

Die empfangende Freude liegt in der Liebe; denn wer Liebe schenkt, wird Liebe ernten. Aus gebender und nehmender Liebe wird die Freundlichkeit geboren, die Geber und Empfänger eint. Diese öffnet alle Wege zur hohen Uneigennützigkeit, die gibt, ohne an Empfang zu denken. Wer so gibt, gibt doppelt; und dieses Geben ist die Wurzel der Barmherzigkeit! Auf Erden gibt es wenig Freundlichkeit, und heilige Freude geht spärlich einher. Den Erdkindern ist der Gottesdienst ein schweres Ding. Viele haben ihn aus selbstgestelltem Muß in halsstarrige Strenge umgewandelt. Das ist weder dem Vater wohlgefällig, noch dient es Seinem heiligen Werk. Hier fehlt alle Herzensfreude und Gottes Freundlichkeit! Die ‚sogenannte Freude’ am Dienst des Herrn unterliegt dem gleichen Trug wie ihre Strenge und ihr Muß. —

Nun sollst du die Freundlichkeit meiner Eigenschaft erleben und einen recht bedeutenden Anteil mit zur Erde nehmen. Pura wird dir am freien Ausblick etwas zeigen und wenn ich rufe, so mögt ihr Beide kommen.“ Gabriel geht einigemale hin und her, auch zur großen Haupthalle, und hörbar fällt jedesmal der kostbare Türteppich zusammen. Karmathas Herz kann kaum schneller schlagen. Endlich ist es so weit.

Im geheiligten Gemach ist eine kleine Tafel aufgestellt, an deren oberen Platz der Vater sitzt, zur Rechten Gabriel, zur Linken setzt sich Pura hin, und dem Vater gegenüber ist ein Platz frei. Ja, gilt denn dieses Gemach nicht nur ernster Sammlung? Zum Kräfteholen aus der Verbindung mit dem Schöpfer-Vater? Dem Gebetsringen zum heiligen Priester? Der Vollhingabe an Gott? Nie noch erlebte Karmatha ein Mahl in den Geheiligten Gemächern. Zögernd folgt er der freundlichen Einladung des Vaters, es kann das Mahl nicht seinetwegen angerichtet sein. Warum es aber geschieht, ist ihm verborgen. Pura reicht die goldenen Schalen zuerst dem Vater, hernach Gabriel und Karmatha; selbst nimmt sie sich zuletzt von aller Köstlichkeit. Nach dem Mahle wendet Sich der Vater an Karmatha und spricht:

„Mein Sohn Karmatha, nicht du allein bist erstaunt; selbst Mein großer Gabriel, Verkünder aller frohen Botschaft, war es ein wenig, als er Mein Wort im Herzen hörte. Du hast wohl recht, daß Ich Selbst die inneren Gemächer zur Sammlung heiligte. Aber eines ist dir aufgefallen, Ich sprach nicht während des Mahles und Meine Fürsten schwiegen. Du hast Mir zur Freude handeln wollen. Muß das nicht den Widerhall erwecken, indem Ich dir nun auch mit Freundlichkeit begegne?! Du meinst, Ich sei doch jederzeit der zuerst gebende Teil. Die Erkenntnis liegt in deiner Mir wohlgefälligen Kinddemut; doch geht ihr noch ein Teil des Lichtes ab, das sie sogar in hohe Freude verwandeln kann. Gabriel gab dir schon davon einen guten Strahl.

Ich bin der Gebende als Erster und als Letzter! Alles gegenseitige Geben und Nehmen liegt zwischendrin eingebettet. — Hier, nimm einen Ring und trage ihn an deiner rechten Hand; er stellt den Bund Meiner Freundlichkeit mit dir dar.“ Der Vater reicht auf silberner Schale einen goldenen Reif, der das Zeichen des Kreuzes trägt.

„Karmatha, suche am Ring einen Anfang. Wäre nicht das Kreuz darauf, würdest du nie wissen, wo er beginnt und wo er endet. Das hat zweierlei Bedeutung. Der aufrechte Stab des Kreuzes bin Ich Selbst; und der eingefügte Querstab ist Mein Kinderwerk, das Ich mit Mir verbunden habe. Querholz wird stets am großen aufrechten Holz befestigt, nicht umgekehrt. An diesem heiligen Zeichen ist aller Dinge Anfang und Ende zu erkennen, zugleich Meine Endlosigkeit, Mein A und O !! Doch vom Kreuz aus bis wieder hin zum Kreuz ist eine glatte Bahn für jedes Kind, das diesen Weg frei wandelt. Dabei ist nicht immer offensichtlich, wann Ich und das Kind gebend oder nehmend sind. Jetzt warst du der Gebende und so erfolgte ganz gerecht Mein Widerhall. In ihm jedoch eine neue Stufe zu erschauen, auf der du wieder nehmend wirst, geht deiner Erkenntnis noch ein wenig ab. Du siehst, eine Trennung zwischen Geben und Nehmen wird dir nicht leicht gelingen. Und das macht Meine große Freundlichkeit zu allen Meinen Kindern!!

Dasselbe bezieht sich auf die sieben Eigenschaften. Jede hat ihren Macht- und Wirkungskreis, ihr Strahlfeld und wird von einem Fürsten bestätigt. Ihre Trennung ist durch die Träger und die Schöpfungsformung schon gegeben. Nun hast du aber im Hause der Barmherzigkeit alle vorgefunden, vornehmlich den Ernst, so daß du nicht recht weißt, wie jede Eigenschaft allein in ihrer Wesenheit beschaffen ist. Keine Eigenschaft ist von der anderen zu trennen, weil im geeinten Lichtausfluß Mein Wesen sich der Schöpfung offenbart. Bin Ich Eins in Mir Selbst, wie könnte ein oder der andere Teil für sich gesondert wirken? Ich offenbare Mich in mannigfacher Weise  und liegt dabei keine Wesens- oder Eigenschaftstrennung vor! Seht ihr Mich in irgend einer Form, so ist das Übrige der UR-Wesenheit nur zugedeckt. Aber selbst die zugedeckten Wesensteile wirken vollgültig in der Einheit Meiner Offenbarung mit, nur zum Heile Meiner Kinder nicht zu sehen.

Du hast die Einheit der Grundstrahlen kaum erkannt, geschweige ihre schöpfungsgerechte Trennung. Du meinst, das Unterschiedliche der Fürstenhäuser müßte darauf schließen. Nun, die Trennung lag wohl vor, nicht aber in den Eigenschaften, sondern nur in jeder Führung. Die Erdkinder bilden gerne Unterschiede, um sich entweder bei Mir bitter zu beklagen oder über Arme hochmütig hinwegzusehen. Den Unterschied des Wesenhaften erkennen sie nicht an. Die große Wechselwirkung, bedingt durch beide Fundamentsgesetze, gleicht sich auch hierin aus. Denn die Einheit erheischt der Wesenszüge Trennung, wie die wesenhafte Trennung zur lebensspendenden Einheit führt. Eine trennhafte Darstellung ist niemals Meine persönliche UR-Sache, sondern Meine schöpferische für das Werk!

Sieh das Wesenhafte der Ordnung und des Willens. Jeder Strahl hat seine eigene Funktion. Würden sie jedoch im Ausfluß ihrer Innerheit getrennt, müßte alsbald das kosmische wie auch das Kind-Werk in sich zusammenbrechen. Dasselbe gilt der Verbindung alle Eigenschaften. Aus dem Siebenstern auch nur einen Grundstrahl gelöst, brächte jedem Werk den Verfall! Mein heiliges UR-Ich, wohnend im unzugänglichen Flammenlicht, besitzt die sieben Glieder, wie jedes Kind sie hat. Fehlt dir nur ein Hauptglied, Karmatha, kannst du nur kümmerlich leben ohne Aussicht auf Vollendung. Da Ich aber ewig vollkommen bin, ist auch nicht eines Meiner Wesensgrundglieder auszuschalten. Es müßte sonst Mein Ich zusammenschrumpfen und somit alles Werk.

Die Weisheit verleiht dir Einblick in Schöpfungstiefen. Waltet dabei aber nicht der Ernst, so geht dir das Wesenhafte aus der Schau verloren. Es gibt dann keine körperliche Vorstellung noch Aneignung oder den Kontakt. Eine Eigenschaft bedingt die andere; und fehlt dir auch nur eine, so wirst du kein schöpfungsgesegneter Lebensteil.

Du kannst als ein gutes Lichtkind aus purer Liebe zu Mir manche kleine Zwischenstufe kürzen, um schneller jedes Einzelziel zu erlangen. Das werde Ich um der Liebe willen auch anerkennend segnen. Aber — es fehlt dabei Geduld, die auch das Kleinste sich entwickeln läßt. Ohne Geduld, Karmatha, würde kein Kind selig werden, weil ohne sie Mein Schaffensimpuls durch den Willen ein All mit einem Hauche werden läßt. Denn dieser ist so ungeheuer, daß es darüber keine Offenbarung gibt! Der Kinder höchste Seligkeit liegt in der Freiheit ihrer Wege, die sie langsam oder schneller gehen können. Das schnellere hat nur dann vollwahre reife, wenn keine kleinste Stufe ausgelassen wird. Geduld verlangt die Gründlichkeit und Durchführung des Weges, was sich auf Ordnung und auf Wille stützt, wie auch die richtige Einsicht und das tiefere Erforschen durch Weisheit und durch Ernst erfolgt. In den persönlichen Wesenszügen zeigen sich die Eigenschaften getrennt; aber nur bei einheitlich-gleichmäßiger Anwendung gibt es für die Kinder ein höchstbeseligendes Ziel.

Nun möchtest du noch den Verhalt der Barmherzigkeit erfahren. Darin ist Mein Gabriel ein vorzüglicher Lehrmeister; und da du bei ihm gerade in der Lehre bist, wird er das so enthüllen, daß es dir kein Rätsel bleibt. Doch nun seid gesegnet und Friede sei mit euch.“ Die Gesegneten neigen sich tief und danken mit einem Halleluja. —

Die Fürsten verbleiben noch kurze Zeit im geheiligten, so reich gesegneten Gemach. Danach führen sie Karmatha auf die Urzentralsonne Garapäa in einen wunderbaren weißen Tempel, den Uraniel einst aus einem Stein erbaute. Er ist in vier gleichgroße herrlichst ausgeschmückte Hallen unterteilt. Die erste Halle trägt das leuchtende Wort ‚Barmherzigkeit’, während über den Pforten der anderen drei Hallen ‚Liebe-Geduld’, ‚Ernst-Weisheit’, ‚Wille-Ordnung’ steht. In der ersten Halle, unter einem strahlenden Bogen, der zwei mächtige Öffnungen verbindet, stehen geeignete Ruheplätze. Und hier erhält Karmatha von Gabriel die weitere Belehrung.

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