← Zurück zu „Die Unbekannten“

Kap. 1 – Eine dunkle Menschenwelle bricht herein

Eine dunkle Menschenwelle bricht herein

Kapitel 1

. . . denn wo ist noch ein solcher Gott wie Du?

„Vater, ich habe . . .“ Der Mann, bittend angesprochen, hält seinem Kind die Lippen zu. Ein zehnjähriges Mädchen, hellen Auges und mit hellem Haar geschmückt. Ängstlich sieht der Mann sich um, doch sie sind allein im armselig kleinen Raum. „Weshalb darf ich nicht . . .“

— „Still, Beate, nicht hier! Wir gehen auf die Wiese, es ist das Heu hereinzuholen, was man uns . . .“ Auch er, der leicht gebückte Mann, dem Leid und Sorge tiefe Runen ins Gesicht gegraben haben, schweigt still. Er ist erst vierzig Jahre alt.

Seine auch verhärmte Frau, an der Hand ein kleines Bübchen, tritt herein. Ein Blick. So lieb ist das Mädchen, doch sie hat etwas; und seit die Hispanier gekommen sind, ist man seines Lebens nicht mehr sicher, zumal solche, die eine lichtgeprägte Seele haben. Man macht keinen Unterschied zwischen alt und jung, höchstens zwischen reich und arm. Wer alles opfert, wird geschont. Was können Arme opfern, denen man, wie hier dem kleinen Bauern, seine karge Ernte mindert, indem man viel als ‚Abgabe‘ einkassiert?

„Komm“, sagt der Vater barsch, „du mußt mir helfen, vielleicht blieb etwas liegen.“ Beate ist zu klug, um nicht die groben Worte zu verstehen. Vom Schuppen nimmt sie einen Rechen mit. Auf dem Weg durchs Dorf kommt ein anderer. Er hüstelt, hält die Hand vor seinen Mund und flüstert: „Hab‘ acht, die nächste Messe hält ein Dunkler. Laß dein Kind zu Hause.“ Er wirft einen Blick auf Beate, die schon unbekümmert weiterging.

Berthold Meurer, so heißt der Mann, nickt kaum merklich, in den Augen liegt sein Dank, und — weicht rasch aus; denn von ferne sieht man eine dunkle Kutte stehen. Er, Berthold, würde gern mit Frau und Kind das Dorf verlassen. In Gedanken seufzend: ‚Herr, wir glauben fest an Dich. Seit ein Neues, Gutes ausgebreitet wird, da müßte man noch fester an Dich glauben; denn . . . wo ist noch ein solcher Gott wie Du?‘ Allein, in ihrem Land, im Süden, wird das gute Neue nicht geduldet. Man rottet es mit Foltern und mit Scheiterhaufen aus — die Menschen; Das Neue auch — ?

Berthold Meurer bleibt bekümmert stehen. Mehr als die Hälfte von dem Schnitt, den er gestern mähte, ist verschwunden. Ah, ‚etwas sei von der reichen Ernte abzugeben‘. So reich war der Graswuchs nicht, immerhin, für Kuh und Ziege hätte es den Winter über doch gelangt. Ein karger Trost — so geht‘s ihm nicht allein; den Ärmsten wird das meiste weggerafft. Und erwischt man sie, daß sie heimlich von den Wegesrändern mit der Sichel etwas schneiden, alsdann — wie bereits geschehen — nimmt man ihnen alles ab. Einem Nachbarn hatte man sogar dafür die Daumen abgeschnitten.

Indessen hat Beate schon das Wenige vom Heu gemustert. Sie sieht hinauf zum blanken Himmel. Noch ist sie zu jung, um allen Kummer zu verstehen, mitzutragen; denn sie weiß noch nichts von dem, was nun durch die Lande rollt: die Inquisition. Sie trägt die Häufchen an den Rand, wo der Vater traurig bei der Karre steht. Wahrlich, man braucht nicht mal einen Esel, um diese Ernte heimzufahren, am wenigsten die Kuh.

„Vater“, fängt Beate wieder an, „ich wollte dir den Traum erzählen; er war wunderbar.“ Nach beiden Seiten schielt der Mann. Keine Lauscher. Er setzt sich an die Karre und sieht sein Kind mit tiefer Sorge an. „Sprich“, flüstert er, „leise, es darf uns keiner hören.“ — „Weshalb nicht“, fragt das Mädchen. „Ist‘s nicht herrlich, wenn ein Engel mir so vieles aus dem Himmel bringt? Ich meine, was er zu sagen hat, und streicht mir freundlich über das Gesicht. Du glaubst nicht, Vater, wie hold er lächeln kann.“

‚Glaub‘ ich gern‘, zieht‘s dem Vater durchs Gemüt. ‚Im Himmel gibt es keine Armut, keine Qual, keinen martervollen Tod, wie die . . .’ Er hört sogar mit den Gedanken auf aus Angst, selbst die könnte so ein Dunkler sehen. Kürzlich hat er es gehört, vom Nachbardorf, auch ein Mädchen, siebzehn Jahre alt, lieb und freundlich. Und nur weil sie sagte, sie hätte vor den Dunklen Angst, hat man sie geholt. Was nach Hause kam, war ein Menschenwrack. Man ballt insgeheim die Fäuste und fragt, wo denn Gott geblieben wäre, der diesen Greueln steuern müßte. Wie lange soll man das denn noch erdulden! „Und?“ fragt er unvermittelt seine Tochter.

„Der Engel setzte sich auf meine Schütte Stroh, und da wurde mir so wonnig leicht. Ganz hell war es im Kämmerle. Er sprach, es würde nicht mehr lange dauern, Gott käme bald, man brauche sich nicht mehr zu ängstigen.“ Jetzt — es weht das Kind ein Frosthauch an.

Ein Seufzer, der Mund bewegt sich kaum. „O Gott, wir warten schon so lang auf Dich! Warum läßt Du Deine Menschen jagen, martern und das — das ‚im Namen Gottes‘? Was haben wir verbrochen, da wir an Dich glauben, und man nimmt das Leben, Hab und Gut?“

„Bringen uns die Dunklen so viel Unheil her?“ fragt Beate. „Ich fürchte mich vor ihnen, obwohl der Engel sagte, ich brauchte keine Angst zu haben. Gott führte uns hinweg. Wann, wohin, hatte er verschwiegen.“ Schwer liegen Bertholds Hände auf dem Lichtgelock des Kindes. „Versprich mir das: Was immer du auch Sonderbares bei der Nacht erlebst, siehst oder träumst — niemand darfst du etwas davon sagen, auch nicht — nicht deiner Mutter!“

„Ich verstand es nicht, Vater, weil du mir das gleich verboten hast, als ich das erstemal den Engel sah. Sollte ich denn Mutterle nicht auch damit beglücken?“ — „Beglücken —?“ Ein Weib — wie leicht ist‘s zu verdrehen. Nein, nicht verdrehen, sondern in die Schraube böser Fragen nehmen, bis sie nicht mehr wissen, was sie sagen, weil Schmerz und Qual nicht zu ertragen sind. Dann — kommt zumeist das Unheil auf das ganze Haus.

„Es ist so“, sucht er seiner Tochter klarzumachen, „die Mutter ist ein bissel ängstlich und könnte einer Nachbarin erzählen, was du träumst und siehst. Ich — hm — ich glaube dir, Beate, und wer weiß, warum gerade du von Gott ersehen bist, dies alles zu erleben. Doch die anderen? Die verstehen das nicht und schreien, auf unserem Dachfirst säß‘ der Teufel.“ Todweiß vor Schreck ergreift das Kind des Vaters Hände. „Das, das wäre gar nicht wahr! Der wunderfeine Engel, der kann kein Teufel sein. Dazu die lieben Worte, der Segen, den er jedesmal zu uns herunterbringt? Das versteh‘ ich nicht.“ Sie fängt bitterlich zu weinen an.

„Weine nicht, es soll niemand wissen, was wir miteinander hier geredet haben. Laß uns gehen, sonst wird noch ausgerechnet, warum wir mit dem halben Karren so viel Zeit vertrödelt hätten. Auch so was . . .“ ‚— kann verderben‘, verschluckt der Bauer es. Auf dem Weg, wo Büsche stehen, heißt er Beate aufzupassen, daß niemand kommt. Langsam gehend, nimmt er mit der Sichel hie und da ein Fleckchen Gras, achtsam, daß man die kahlen Stellen nicht gleich sieht, gibt das ‚Geraubte‘ unter seine Wiesenmahd. Man hat‘s gelernt, bis ins kleinste achtzugeben. Denn um sich selbst zu schützen, hat mancher Nachbar seinen Nächsten angezeigt.

Zu Hause angekommen, besieht die Frau die Karre. Wie schwer und düster ist das Leben. Daß man von der Wiese kaum die Hälfte übrig ließ, ist nicht zu übersehen. Wieder dieses ‚Still‘ des Bauern, als sich ihre Lippen öffnen. Es kommt einer von den Nachbarn, den man lieber gehen als kommen sieht. Aber freundlich wird gefragt: „Was gibt‘s, Huber-Bauer? Kann ich dir was helfen?“

„Mir nicht.“ Dabei mustert jener ungeniert das Heu. Ist‘s etwa auch des Lichtes Führung, weil Beate schon die Deichsel nimmt? „Ich bring‘s hinein, es ist Futterzeit.“ — „Hast ein braves Dirndel, ist allweil fleißig und geschickt.“ Wie unecht diese Worte klingen, ist ohne Mühe festzustellen. Helene Meurer wendet sich ins Haus. „Ich koch‘ die Mittagssuppe, komm‘ bald nach, Berthold.“ Er nickt und fragt noch einmal, was der Nachbar wolle.

„Der Kieslutz fragt, ob du helfen kannst. Ein Stück Stallmauer ist herabgebrochen; aber er mit den verkrümmten Händen“, die hatte er sich mal als Kind gebrochen, „kann das nicht alleine tun.“ Der Kieslutz, wie man ihn nennt, weil auf seinem Grund mehr Kies als Hafer wächst, ist mit einer von den Ärmsten, sonst jedoch ein guter Mensch. Bisher blieb er unbehelligt; und sogar Neider, die überall zu finden sind, lassen ihn in Ruhe.

„Kommst du vorbei“, sagt Meurer, „dann richt‘ ihm aus, ich käme nachmittags vorbei.“ Er grüßt und geht ins Haus. Viel muß man in der Kehle stecken lassen, und obwohl nie gern getan, ihm ist Heuchelei ein Greuel, muß man zum Schutze der Familie oftmals freundlich sein, wo man am liebsten — .

← Zurück zu „Die Unbekannten“