Kapitel 20
Ein treuer Mönch; Die Liebe leidet, der Glaube macht stark; Wieder Gottesworte; Zwei Himmelskinder kehren heim.
Langsam kommt der Frühling in das Land, nachdem zuletzt der Winter streng regierte. So langsam, aber merklich, geht die Pest zurück. Neue Kranke gibt‘s nicht mehr; von den letzten, dreihundert etwa, ist mancher noch dahingegangen. Viele wurden auch gesund. Und man dankt! Für die Heimgegangenen, nun sie die Erlösung fanden; für die Gesunden, weil sie wieder schaffen können.
Auf dem Weg zum Lager trifft der Arzt den jungen Mönch, der einst beim Pfarrer Hilfe suchte (S. 165, 5 – 169). Ab und zu hat der Doktor mit dem stillen Mann gesprochen; man war freilich noch bedrückt, welche zeigten sich sehr lange freundlich, und dann öffneten sie ihr Visier: die Verkappten, die jeden meldeten, von dem sie — das ungerecht — glaubten, der, jener, diese seien Renegaten, die dem Inquisitor vorzuführen wären. Deshalb hatte man auch bei dem jungen Mönch die Vorsicht walten lassen.
Nur Beate war ihm lieb begegnet, hat ab und zu ein Wort mit ihm gewechselt und Sinkmann anvertraut, er wäre rein, womit sie meinte, er sei kein Betrüger. Jener hatte still gelächelt. Das ‚Kind‘, wie sie allseits hieß, hat noch keine Welterfahrung, dachte er, sieht das Gute in den Menschen. Immerhin — in der langen bitterschweren Zeit war der Mönch seinen selbstgewählten Pflichten nachgekommen, hatte selten mal ein Wort geredet, hat wie oft bedacht: hier gibt es echte Christenliebe, wird kein Mensch geplagt, geschlagen, allen wird geholfen, fraglos wer und was er ist. Gerade das hatte ihn auf seinen Umkehrweg gebracht.
Die Gedanken unterbricht der Medicus. „Junger Helfer“, sagt er freundlich, „nimm es mir nicht übel, wenn ich in der schweren Zeit mich kaum um dich gekümmert habe. Heute will ich es bekennen: hab‘ mich immer über dich gefreut, hast Tag und Nacht gedient, ohne dich hervorzuheben. Das verstehst du sicherlich: deine anderen Gesellen waren ‚Fänger‘‚ auf Menschen angesetzt. Du, einer von der Gruppe, hattest dich gelöst; wir wußten aber nicht trotz Bekenntnis, das echt geklungen hatte — war bei den Bösen auch der Fall —‚ ob du es wirklich ehrlich meintest.
Längst wissen wir es ganz genau. Ich bin froh, daß dich die Pest nicht überfallen hat; hast dich niemals richtig abgeschützt. Sehe ich als Zeichen deiner Ehrlichkeit und Wahrheit an. Nimm meinen Dank“, der Arzt gibt ihm die Hand. „Warst mir eine große Hilfe. Hm, hatte unser Pfarrer also recht, er glaubte dir. Mehr noch unsere Beate; die stand dir treu zur Seite.“
„Wenn ich etwas sagen darf?“ Schüchtern vorgebracht. „Nur heraus damit!“ Jener nickt, streicht sich erst mal über beide Augen und dann: „Ihr sagt zu dem holden Mädchen ‚Kind‘. Sehr richtig! Sie ist ein Gotteskind. Gott hat sie in die trübe Zeit geschickt — oh, Zeit? Trübe, abgesunkene Menschheit muß es heißen.“ — „Genau!“ — „Sie hat mit mir besonders lieb gesprochen, himmlisch, muß ich‘s nennen. Durch das Kind, wenn ich auch den guten Umkehrwillen hatte, kam die Kraft, das Ernste über mich.
In den bangen Wochen habe ich erkannt: Wo man hilft, wo man nicht verfolgt, auch dem Ärmsten freundlich zu begegnen weiß, da — da ist GOTT! Ich kam als Knabe in ein strenges Kloster, ach, alle waren streng. Man hat nichts anderes gelehrt, als auszuüben war. Brauche nichts zu sagen.“ Strauber fegt mit beiden Händen durch die Luft: haben wir gemerkt! „Wie sollte ich den anders werden, ich wie auch die anderen, die wir gezwungen worden sind?“
„Hast recht. Sag‘ mal, wie heißt du eigentlich? Na ja, in diesen Monden voller Not fiel alles Äußerliche ab.“ — „Das ist mir längstens klar geworden“, wird erwidert. „Was gelten mir die hohen Namen, die man bekommt, ohne Eigenwillen? Sicher, ist man jung und unerfahren, freut man sich darüber. Wird‘s allmählich darin hell“, der Mönch tippt sich an die Stirn, „sieht das meiste anders aus. Mich nannte man bei der Weihe ‚Augustin‘. War stolz darauf. Hier bei euch wurde mir bewußt, daß ich alles andere wäre, bloß keiner, der den Namen auch verdient. Die Eltern nannten mich erst ‚Gustl‘, könnte also Gustav heißen. Ist ja Nebensache.“
„Schön, nennen wir dich Gustav; ist ein netter Name. Doch jetzt komm, es gibt noch immer viel zu tun.“ Sie gehen durch die zehn Baracken, in denen es bereits viel leere Plätze gibt. „Heute legen wir die letzten Kranken in die vier ersten Hütten, dann brauchen wir auch nicht so arg zu laufen.“ — „Und die leeren?“ — „Später brennen wir das Lager ab, wenn der Schwarze Tod ganz abgeklungen ist, und wenn es hierorts keine von den Kranken gibt.“
Verwunderlich mag‘s sein: kein Helfer wurde krank, obwohl sie Tag für Tag, länger als ein halbes Jahr, hunderte von Pestbefallenen zu pflegen hatten, Salbe auf die Wunden legten, verbinden mußten, Betten richten, Trank und Speise reichen, die Toten zu den Gruben tragen und was vieles mehr. „Gnade Gottes“, flüstert es der junge Mönch sich selber zu. „Fragt die Welt, fragt ein Großer nach der Tat, die hier verrichtet wird? Sie wedeln mit verbrämten Kleidern, auch manch weltlich Hoher. Und nichts, gar nichts steckt dahinter! Fassaden sind‘s und weiter nichts.“
Da kommt Beate, die Strauber nachgegangen war, sie möchte ihm noch helfen bis zum letzten Fall. Nun nimmt sie ohne Scheu die Hand des Mönches. Hören konnte sie es nicht, was er leise zu sich selber sprach, deckt aber wieder einmal auf.
„Du denkst richtig, lieber Bruder“, sie hat ihn so genannt, was ihm geheime Freude war. „Die weltlich Großen, wozu die Verbrämten mit gehören — der Heiland hat sie so genannt —‚ denken nur an sich. Oh, es gibt Gute unter ihnen, man darf nicht alle mit dem gleichen Leisten messen. Allgemein jedoch — du weißt Bescheid. Wenn wir auch die Unbekannten sind und bleiben, so bleibt doch das, was wir aus Gottes Gnade wirken durften, nicht für immer unbekannt.
Unsere Namen brauchen nichts zu gelten, bloß die Tat. Wollen wir es bittend glauben: bei Dir, Vater-Gott, ist‘s aufgeschrieben! Das genügt für alle Ewigkeit.“ Der Mönch hört begierig zu. Wie kann man solches auserwähltes Mädchen eine Hexe nennen, verfolgen, ächten, und das — o weh! — ‚Im Namen Gottes‘? — So klug ist der Mönch, daß er sich sagt: Die Verfolger sind im Strudel mitgerissen worden, sind überzeugt, recht zu tun. Manche allerdings, wie der große Inquisitor, haben selber mit Bedacht das Leid Unzähliger heraufbeschworen. Sie haben die Verantwortung zu tragen. Wo, vor wem — ?! Er streicht jetzt die Gedanken aus, drückt die schmale kleine Hand und sagt:
„Schwesterchen, so darf ich dich ja nennen, du bist —“ — „Pst“, tut sie schelmisch, „wir sind aus Gottes Güte Seine Kinder.“ — „Ich muß es erst noch werden“, bekennt der junge Mann. Beate nennt ihn nunmehr Gustl, das klingt so lieb, sagt sie. „Komm, Gustl, Doktor Strauber wartet. Zwar sind nicht mehr viele in den Hütten, und die meisten können noch gesunden, die Seuche flieht.“ Hand in Hand laufen sie dem Doktor nach.
Dieses Jahr ist Ostern spät. Ist es ein ‚Zeichen Gottes‘, weil die Letzten in der Osterwoche noch zu Grab getragen werden, während mehr als hundert ihre ‚Auferstehung‘ haben? Am Charfreitag sammelt sich die ganze Stadt — mehr als ein Drittel wurde weggerafft — samt den gesunden Fremden auf dem Markt, wo sonst die Bauern ihre Dinge feilgeboten hatten. Es weiß keiner, wer das Lutherlied, es war ganz neu umhergetragen worden, ein wenig zaghaft angestimmt, von einem, der es rasch erlernte, gleich mehrere kräftig singen:
Mitten wir im Leben sind, mit dem Tod umfangen. Wen suchen wir, der Hilfe tut, daß wir die Gnad‘ erlangen? Das bist Du, Herr, allein. Uns reuet unsere Missetat, die Dich, o Herr, erzürnet hat. Heiliger Herr Gott, heiliger starker Gott, heiliger, barmherziger Heiland, Du ewiger Gott; hast uns nicht versinken lassen in des bitteren Todes Not.
Kyrie — Eleison! (15,24)
Oh, sie sind errettet worden, die nun leben dürfen. Mindestens für längere Zeit ist auch die Inquisition stark reduziert. Man hat das Lager abgebrannt, die Gruben, in die alle Toten — Heimgegangenen — gebettet wurden, mit schönem Strauchwerk überpflanzt. Die leeren Häuser werden armen Fremden überlassen, die sich fürchten, in ihren alten Heimatort zurückzukehren.
„Was finden wir?“ fragt eine Frau den Stadtrat Schöber, der mit allen sprach. „Meine Leute sind dahin, ich blieb übrig. Durch meine Krankheit bin ich alt geworden. Mir genügt ein Stübchen, wenn ich‘s haben darf.“ — „Das bekommst du ganz bestimmt! Da ist ein Ehepaar, noch nicht so alt wie du, das möchte gern ein Häuschen haben. Zu denen wirst du ziehen, das ordne ich für dich.“
Angeregt von den treuen Leuten dieser Stadt, für die unentwegte Hilfe, die sie hier erhalten hatten, wurden manche harten Herzen weich. Manche bleiben ihrer Kirche treu; das erkennt man an. Man nimmt sie einfach in die Stadtgemeinde auf, während es den meisten doch zu denken gibt, mit welcher ‚Christenliebe‘ man hier diente. Kommt es darauf an, ob man dieser oder jener Kirche angehört? Von nun an gilt, was der HERR geboten hat: ‚Liebe deinen Nächsten!‘ Vorausgesagt: diese Stadt bleibt lang auf diesem guten Weg. Noch einmal kehrt tiefes Leid bei ihren Bürgern ein (30 jähr. Krieg). Das ganze deutsche Land und vieles mehr wird heimgesucht.
Kurz nach Ostern trifft man sich bei Schöber. Es ist ein milder Abend. Gustav, man nennt ihn nicht mehr Mönch, sitzt in der Runde. Er ist ein offenes Gefäß, in das alles fließt, des Lichtes Schatz. Ist jede Gottesoffenbarung nicht das höchste, reinste Gut, das die Weltmenschheit nicht kennt, oft nicht kennen will — ?
Heute ist‘s bei jedem wie ein inwendiges Hingeben an ein Außerirdisches, das man nicht sieht. Aber etwas kennt man ganz genau: das WORT! Gottes Königstum! Es kommt so den Menschen vor, jedesmal, wenn das ‚Licht‘ zu ihnen kam. Noch ein Flüstern hin und her, ein Erwarten, dennoch überhaucht von großer, banger Sorge.
Man hat es festgestellt, wie schmal Beate wurde. Kein Wunder, sie hat sich wie die Männer völlig ihrem Dienst ergeben, ihre Kraft verausgabt, Weinende und Sterbende getröstet, anders, als ein junger Mund vermag. Der Mutter stand sie bei, hat dem Brüderchen geholfen, ging dem Vater oft zur Hand. Wohl, alle hier im ‚Himmelseinsatz‘ handelten desgleichen; sie waren vollstens ausgelastet.
Zu ihnen gehört der Pfarrer Sinkmann mit an erster Stelle, hebt man einen Unterschied hervor. Ohne Überhebung hat man ihn und Beate in den Vordergrund gestellt. Meurer und die noch lebenden Freunde haben nie vergessen, wie er sie einst Nacht um Nacht aus finsteren Krallen rettete, selbst gefährdet; und bei Beate — oh, das Kind war ihnen wie ein Licht geworden. Oft brauchte sie nur da zu sein, und schon spürte man in allem Leid, in Not und Sorge einen Schutz, ein Einfließen aus der wunderbaren Höhe Gottes.
Nun steht sie da, einem Engel gleich. Immer war Beates Angesicht verändert, wenn eine Lichtbotschaft vom Himmel kam. Heute — ach wie unnennbar, wie sich die Gestalt, das Gesicht gewandelt hat. Nicht selbst erlebt, und man könnte es nicht glauben. Sicher, durch die viele Arbeit, durch Dienst an siechen Menschen, kann jeder ätherisch erscheinen. Bei dem jungen Menschenkind wirkt es aber anders. Unverkennbar ist‘s das Fremde, Überirdische, das sich manifestiert mit jenen Worten:
„Freunde auf der Erde! So wie bisher und heute werdet ihr das letztemal ein Gnadenwort vernehmen; ist aber nicht der letzte Segen eueres Gottes, des Vaters der Barmherzigkeit. Kann es nicht still und leise in euch fließen? Muß man Gottes Offenbarung hören? Oder sind die Gnadenwege, die Er euch gehen ließ und ferner gehen läßt, nicht auch ein ‚hehres Wort aus Seinem Mund‘?!
Was immer ihr an Gottes Willensherrlichkeit erlebt, ist stets Sein Evangelium! Seht an, was in alten Zeiten schon geschah, soweit ihr wissen könnt; nehmt die Lehre und die Taten Jesu, eueres Heilandes und Erlösers; fügt hinzu, was euch widerfahren ist — alles war, ist und bleibt Sein Gütezeichen, Seinen Kindern aufgeprägt.
Dazu gehören die Getreuen, die im Lichte wandeln, Menschen, die sich Mühe geben, die Gebote Gottes einzuhalten; mit gerechnet, die nie wie ihr vom Schöpfer etwas hörten, aber eines lieben Herzens sind. Jene auch, die nicht wie ihr die Führungen, das direkte Wort erhielten. Wo nur ein Fünklein echte Liebe loht, da ist Gottes Segen offenbar, da steht das Kind in seines Schöpfers Hand!
Kennt ihr Gottes Ordnungswaage? Nein, ihr ahnt und wisset nur, daß sie sicher ein gerechtes Lichtgewicht besitzt. Das allerdings! Kann der Herr, der ewig Liebe und Erbarmung ist, nicht aus einem Gramm, ja aus einem Teilchen, das ihr Quentlein nennt, eine Sonne machen?, aus jener Nachsicht und Geduld, weil Er weiß, was ‚für ein Gemächte‘ die Menschen sind? (Ps. 103, 14; Jes. 29,16).
Kann Er nicht bei denen, die sich damit brüsten: ‚Herr, das alles habe ich gehalten von jugend auf‘ (Matt. 19, 20), die sich wie Sonnen leuchten sehn, das Falsche löschen, so weniger davon übrig bleibt, als vom Quentlein eines an sich treuen Kindes? O ja, Er kann, und Er wird! Dessen seid gewiß!
Jetzt ist für euch ein schwerer Lebensteil vorüber und der Vater sieht euch freundlich an. Jeder hat nach seinem Maß das Beste hergegeben, bescheiden in der Stille, oder öffentlich, wie es dringend nötig war. Glaubet es: eine einzige Handreichung, aus voller Hingebung getan, ist ein guter Griff ins Himmelsreich! Ja, da habt ihr das Gewicht: groß und klein, in der Stille oder offenbar — das gilt vor dem Schöpfer-Vater einerlei; denn
ER kennt bloß ein Gewicht, das Seiner Gnade!
Wer sich in sie begibt, hat die Fülle, wie es Jesu Jünger schrieb: ‚Von seiner (Jesu) Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade! (‘Joh. 1, 16). Das, was euch in der Lehre vorenthalten wurde (damals), was aber noch den Gläubigen gegeben wird, ‚wir alle‘, hat dieser Jünger noch am Ende seiner Schrift vermerkt:
‚Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit allen!‘ (OJ. 22, 21) Mit Allen! Das ist ein Trost, den bloß der Himmel gibt. In ihn, dem Trost, sind alle eingeschlossen.
Dabei gibt es keine Einzelzahl, Wenige, oder wie die Törichten sich denken: nur wir, die Auserwählten!, womit sie wirklich aus sich nämlich weggewählt, durch ihre Überheblichkeit eingehandelt haben. Habt ihr denn je gespürt, ihr wäret vorgesehen, dies und jenes zu vollbringen?, habt selber euch die Kraft gegeben, all die Werke auszuführen?!
O nein, keiner unter euch hatte jemals dran gedacht, sein doch so menschlich kleines Ich voranzusetzen. Der Dienst hat euch zum Tun getrieben und solcher Trieb kommt einzig und allein vom Licht. In diesem wurzelt jeder Liebesdrang, sei es nur, daß man einem müden Wanderer einen Becher Wasser gibt. Nichts ist vor dem Höchsten so gering, als daß Er nicht das Gute in des Menschen Himmelsbüchlein schreibt! Ihr fragt mich nicht — sehr gut —‚ ob euere Mühe, euere Plage eingeschrieben worden ist; denn . . .“ Aufstehend unterbricht Pfarrer Sinkmann:
„Lichter Bote, uns von Gott gesandt, Er sieht‘s und du gewißlich auch: wir haben nie daran gedacht, daß wir, daß ich . . .“ Ihn übermannt das Gefühl und nicht allein, alle sind von Gottes ungeheurer Güte wie hinweggehoben, nicht mehr auf der Welt. „Verzeih“, stottert er, „ich durfte dich nicht unterbrechen.“
„Doch, Bruder, du durftest es, sprachst für deine Freunde aus, was jeder in sich trug und fühlte. Auch eine Gabe, dem Herrn der Liebe dargebracht. Ihr braucht es jetzt noch nicht zu wissen, ob und was ins Himmelsbüchlein eingeschrieben worden ist. Da wäre euer bester Teil der Seligkeit vorweggenommen, die erst das Leben in des Vaters Haus vergibt. Vorweggenommenes ist schnell verbraucht und bleibt dann nichts zurück als ungestilltes Sehnen, mit dem oft Gesagten: ‚Ach, hätte ich . . .“
Arme Menschenworte, wobei das Geistige fast nie im Vordergrunde steht. Für Weltliches wird das ‚ach‘ gejammert. Ihr aber, schon gut lichterfüllt, habt das ‚Seufzer-ach‘ allein für euer Herz bedacht, seit dem der Himmel offenbar zu euch gekommen ist. Du“, ein Finger zeigt auf Hauptmann Scharfner, „hast besonders in der letzten Zeit das ‚Ach‘ gebraucht, im besten Sinn. Sei getrost: du hast früher kaum ein wahres Gotteswort vernommen, bist zu weltlich argem Tun erzogen worden und hast aus dir selber oftmals gut gehandelt, hast manchem ‚Feind‘, wie ihr die Gegner nennt, wieder aufgeholfen und manch verfolgtes Weib versteckt.
Du bist erstaunt? Das wußte keiner der Kumpanen, war nirgendwo ans Tageslicht gekommen. Nun, das freilich nicht. Der Allmächtige, der alles schuf, alles SICH erhält, wie sollte Er nicht das geheime Handeln eines Menschen sehen?, gut und böse? Darum bist du hierher gekommen, geführt von einem Boten aus dem Licht, den der HERR für dich entsendet hat. Du hast dein Herz geöffnet, willst immer in der Huld des Vaters bleiben und fragst mich bangend, wie du das zuwege bringen sollst, wenn du doch . . .
Ja, wenn du ein Waffenträger bleibst. Warte ab! Sollte sich der Weg nicht wenden? Alsdann wirst du deinem Herrgott danken, Seine Wunder sehen, die ganz anders sind, als es weltlich Großgemachtes lehren. Ordnung, aus des Schöpfers Grundgesetzen, bleibt ewiglich bestehen, weil Er Seine Ordnung niemals umzuändern braucht! Ein Berg bleibt solang Berg, als er — hier materiell — in seiner Art zu dienen hat, wie ein Bächlein seinen kleinen Lauf behält, ebenfalls im Dienst, solange dies im Segen nötig ist.
Nicht anders, allein gnadenreicher, unendlich herrlicher, geht ein Weg des Kindgeschöpfes. Hat es einen großen Dienst, einem Berge gleich, wird es darin bleiben, bis für es ein anderes Dienen sich ergibt. Ebenso der kleine Bach, die ‚Menge der Kinder, die niemand zählen kann‘ (Dan. 7, 10; OJ. 7, 9), und münden allesamt ins Gottesmeer der Ewigkeit und ihrer eigenen Seligkeit!
Seid im vorhinein getröstet, wie man voraus zu danken hat, ob man das Was und Wie nicht kennt, aber inne ist, daß Gottes Vatergüte ewig währt, wie Er Selber ewig ist. Denn solang ihr Menschen euere Beihilfswege geht, solang wird sich manches Schwere zeigen, unter dem man sich zu beugen hat. Von euch wird erwartet, daß ihr es ohne Seufzen tut. Traurig könnt ihr sein, weil die Liebe trauern darf. Den Unterschied zwischen Trauern oder Seufzen werdet ihr alsbald erkennen. Wohl dann einem jeden unter euch, wenn ihr das Trauern euerem Vater in die Hände legt!
Heute habt ihr, in Hinsicht eures Lebens so für euch gesagt, ein großes Himmelslicht erhalten, den vollen Segen, wie ein Mensch ihn tragen und verwerten kann. Und wenn ihr fernerhin auch nicht mehr solche Worte hört, wie durch das Kind geschah — es bleibt GOTTES WORT euch immer offenbar. Erinnert ihr euch alles dessen, was ihr empfangen habt, dann ist‘s die gleiche segensvolle Güte, wie es an diesem Tag geschieht.
Aus Gott-Vaters ewigem Gnadenland trage ich das Heil herab; denn ER spricht: „Seid gesegnet, die ihr den Armen opferfreudig dientet; um eurer Liebe willen, auch das Leben eingesetzt, habe Ich euch in die Heilshut Meiner Güte eingeschlossen, aus MEINER EWIGKEIT getan, weder vorher oder heute; denn Ich habe euch von je und je geliebt, habe euch zu Mir gezogen aus lauter Güte!“ (Jer. 31, 3)
Das Heilige bewahret fest, liebe Brüder, liebe Schwestern; noch darf ich ungesehen bei euch sein, bis jeder seinen letzten Schritt auf dieser Welt getan, bis dann des Geistes Auge Gott und Seine Gnadensonne sehen. Des Vaters Friede ist und bleibt bei euch!“
Unbeschreibbar, was die Menschen seligst überbraust. Nach langer Zeit kommt erst ein Amen, von Pfarrer Sinkmann und Pater Angermann wie aus einem Mund gesprochen. Jeder neigt sich in dem ‚Amen‘. Nach jeder Offenbarung, die sie unverdienter Maßen, sagen alle — lange schon erhalten haben, durch den reifen Mann, durch das Kind, war es still; man wagte oftmals kaum zu atmen. Heute — ? Wie ein hehres Wehen geht es durch den Raum, allein auch wie ein schweres Ahnen: ‚Das letzte Herrliche ist es gewesen.‘
O wir Toren, denkt Pater Angermann, als ob jemals Gottes Güte und Barmherzigkeit vergehen kann. ER ist immer da, ob wir es merken, etwas sehen, hören, oder bloß ein kleines Herzensahnen haben — all das ist SEINE Offenbarung. Er spricht es aus, der auch Getreue; er weiß ja, wieviel seiner Kirchenbrüder, freilicher mehr die Kleinen und Bescheidenen, die keine hohen Würdenträger sind, von denen gibt es auch schon etliche, die ‚wach‘ geworden sind, sich nach der Lehre Christi richten: ‚Verdammet nicht, sondern helft!‘, als den Inbegriff des Jesulebens.
Er war stets bemüht, des Herrn Beispiel nachzueifern, obwohl ihm seine Hände und der Mund gebunden waren. Nun ist er frei, nun dient er so am besten seinen Nächsten und auch seiner Kirche. Ein gutes Licht, das ihr durch treue Männer wird. Allmählich kommt, wie man sagt, wieder Leben in die Runde, erst flüsternd, scheu, um des Himmels Strahl nicht zu vertreiben. Allein die Freude bricht sich Bahn, wenn gleich die unbestimmte Sorge nicht zu bannen ist. Kein Wunder; das Leben war für sie sehr schwer, materiell, glaubensmäßig und hat jeder seine echte Garbe aufgehoben. Bloß weiß man es noch nicht, daß man sie besitzt, daß man sie dem Vater einstens bringen darf. Gut ist das, sehr gut.
„Heute haben wir erhalten“, fängt der Pater wieder an, „als ob das hehre Wort ein Schluß gewesen wäre. Ich meine so“, begütigt er, als jeder bangfragend auf ihn blickt, „das ist wie mit dem Leben. Einmal kommt das Ende — für diese Welt. Wir wissen, liebe Freunde: unser Leibestod ist der Eingang in das ewigwahre Leben, das es bei Gott, dem Vater, gibt. Dort für immerdar! Und ewig bleiben Wort und Offenbarung in und unter uns.
Wir hörten ja, daß das Erinnern an die Gnadengaben gleichfalls eine Offenbarung ist. Wir Menschen brauchen oft die Wiederholung, weil wir leicht vergeßlich sind, dürfen sogar vor dem allgeliebten Herrn es klagen: ‚Sieh, Vater, unser Weltliches drückt schwer, es steht so stark im Vordergrund und, weil wir, als Menschen, auch das Äußere bedenken müssen. Wer könnte es wohl besser wissen als DU, unser Heiland und Erlöser?!‘
Es bläst mich eben wie ein Odem an, es wäre so, der Vater würde all die Last des Lebens auf der Ordnungswaage wiegen. Niemand ist ja so gerecht wie ER! Darum laßt uns in der Zukunft treu beisammen bleiben, uns von dem besprechen, was in höchster Liebe und Erbarmung Gott, der Herr, gegeben hat. Einiges habe ich, nach der Erinnerung, mir aufgeschrieben; daran können wir uns lange noch erfreuen. Oder nicht?“ Sagt Berthold Meurer:
„Ich hab‘ manches mir vermerkt,.Sonderbar floß das mir förmlich ein, was mich stark beschäftigt hat. Ich meine, es ist . . .“ Darf er sagen, daß die Gnade ihm, dem armen Mann, dabei geholfen hat? Der Zeit gemäß konnten wenige des Volkes schreiben, wie viele nicht mal lesen. Kein Ungut, weil Angermann es fragt: „Du kannst schreiben? Nun ja, obwohl mir alle deine Freunde, aus dem armen Bauernstand hervorgegangen, klug und offen vorgekommen sind, du besonders, ist es für mich dennoch ein Verwundern, daß du richtig schreiben kannst. Verzeih“, bittet Angermann.
„Gibt nichts zu verzeihen“, erwidert Meurer ruhig. „Es wäre gut, das Volk würde lernen dürfen, was den Hohen vorbehalten bleibt; da könnte manches besser werden, nutzbar der Nation. Vielleicht wird es noch?“ Ein wenig bitter klingt die Frage, ist auch der Gedanke: Oh, das Volk würde bald erwachen, die Hohen könnten es nicht länger unterdrücken, wie es zur Zeit geschieht. Hat recht, der aufgeweckte Mann. Das Thema wird nicht ausgeweitet; denn das ‚Wort vom Reich‘ hat unter ihnen immer ersten Rang.
Mit diesem Segen geht man auseinander, ein Händedruck genügt, um ‚Gute Nacht‘ zu wünschen. Meurer hat beide Frauen, wie er gern zu Weib und Tochter sagt, die Arme angeboten, wie er es im Elternhaus gesehen hat: der Vater führte seine Mutter durch den Garten. Ebenso geleitet er sie heim. Aber er und auch Helene blicken bangend auf die Tochter. Heute war sie nach der Rede schwach geworden, weniger dem Körper nach. ‚Himmelsfern‘ sah das Gesichtlein aus, als ob sie nicht mehr dieser Welt gehörte. Die Sorge um das Kind, nie gebannt, tritt wieder stärker in den Vordergrund.
Zu Hause wird sie von der Mutter in das Bett gebracht. Der Vater sorgt für einen Trunk, und schon schläft Beate selig ein. Peter, er ist ein strammer Bub geworden, schläft wie unter Engelsflügeln, hört nicht das Kommen seiner Schwester, die mit ihm die Kammer teilt. Die Eltern küssen ihren Jungen auf die Stirn. Es fährt Meurer wie ein Blitz durch seine Seele:
‚Gott hat mir die Kinder und mein Weib erhalten; doch Beate — er wird nur den Knaben um sich haben und —‘ —‚. . . dein Weib‘, ist‘s wieder wie ein Hauch, der zu ihm spricht. Ach Gott, wie sehr muß ich Dir danken, und Du sieht‘s gewiß, daß Dich meine Seele lobt ob der großen Güte, mir stets zuteil geworden, trotz des Tributs, den die Weltlichen von mir verlangten. Brauchst auch DU jetzt den Tribut? Habe ich DIR zu bezahlen, mit dem Gelübde durch mein Kind — ?
Er liegt auf seinem Lager, als auf die bange Herzensfrage eine Antwort folgt. Er hört sie nicht und hört sie doch, wie ein Echo hallt des Lichtes Sprache wider: „Wer mit dem Gelübde den Tribut erbringt, willig, der steht dem Höchsten nahe. Das Herz darf weinen, die Seele sich betrüben; doch der Geist, von GOTT gegeben, kann im Leid dem Vater danken, mit und ohne Worte. Auch im Gefühl kann sich jemand unter Gottes Willen neigen. Du hast‘s gekonnt und wirst es wieder können, wirst tragen helfen, wo das Leid die armen Schultern niederdrückt. Sei getrost!“
War es ein Wort? War es ein Traum? Ist er solcher unaussprechlich hohen Gnade würdig? Wie bald muß er beweisen können, was gerade die Barmherzigkeit verlangt, jenes alles krönende Prinzip! Am Morgen liegt Beate noch im Schlaf, lächelnd, daß es dem Mutterherzen wehe tut. ‚So sieht nur ein Engel aus; und Engel leben nicht auf dieser Welt. Sie kommen mal herab, dann und wann, und wenn schon, ist ihr Wanderweg sehr kurz.‘
Das Gleiche denkt der Vater, als er neben seinem Kinde steht. Das Peterle wird geweckt. „Halt‘ dich still, Beate ist noch müde. Komme in die Küche und sei jetzt nicht laut.“ Die Jungen gehen nicht auf Zehen spitzen, und mit Beate hat er gern gespielt, laut und lustig. Er gehorcht. Die Schwester geht ihm nächst den Eltern über alles; es gilt auch da die Bindung aus dem Licht.
Am Abend dieses Tages stürzt Meira Bartels, die Höckerin, bei dem Ratsherrn Schöber in die Stube, tränenüberströmt. Sie hat vergebens ihre Wasserbäche abgewischt. Den ganzen Tag hat sie gebraucht, um sich zu beruhigen. Der Traum, das ‚Gesicht‘, das auch ihr geworden war — O Gott! Nein nein, lasse uns doch unseren Engel! Und hatte es gewußt, der hehre Gotteswille würde sich erfüllen.
„Was ist los?“ Schöber schiebt ihr einen Schemel zu. „Setze dich und sage, was dich außer Fassung bringt.“ — „Ihr verliert die Ruhe auch, wenn ich . . .“ Endlich kann sie ihren Traum berichten. „Ach, Ratsherr, die lange Zeit, die Pest — Was jetzt geschieht, das wird unsere höchste Prüfung sein. Denn Menschen an die Grube abzugeben, treue Vielgeliebte, die einem Gutes brachten, das ist gewiß das Bitterste im Leben.“
„Muß ich Knechte alarmieren? Was kommt auf uns zu?“ — „Die Knechte helfen nicht. Uns — uns hilft allein der Herr! Möge Er mit Seiner Gnade bei uns sein! Diese Nacht sah ich den Pfarrherrn mit Beate Hand in Hand. Sie gingen einen wundervollen Weg, wie man ihn auf Erden nirgends finden wird. Sie werden uns genommen, die sind — sie haben —“ Neue Tränen stürzen aus den rotgeweinten Augen.
„Beruhige dich erst mal. Du weißt wie ich und alle: Sinkmann und Beate waren ausersehen, durch Worte oder Träume viel zu offenbaren, was uns der Herr bescheren wollte. Deshalb sahest du sie Hand in Hand. Der Weg — ? Ja ja, durch beide kam das Licht des Herrn. War ja unsere Tröstung in der Zeit der Trübsal und der Not. Hast also völlig recht geträumt.“
„Es war auch eine Stimme und die sprach: ‚Beide waren vor dem Weg zur Erde eine Einheit in dem Licht, etwa wie die Ehe auf der Welt, bloß himmlisch rein, wie es im Vaterhause ist. Nun haben sie ihr Tagewerk vollbracht. Wie sie aus dem Lichte zur Materie gingen, so kehren sie gemeinsam heim. Der Altersunterschied der Erde ist das äußerlich Vergängliche. Sie gehörten stets zusammen, wie es irdisch seltenst möglich ist.
Gönnt ihnen ihren Heimkehrweg. Nach und nach werdet ihr geholt und werdet geistig herzfroh sein, wenn sich jedermann des Lichtes Türe öffnet.‘ Genau so habe ich‘s vernommen und deshalb — ach ist schwer, die Trennung zu ertragen.“ Noch ein abgrundtiefer Seufzer und auf einmal strahlen Meiras Augen sonnenhell. Bloß zwei letzte Tränen perlen nieder. „Man denkt zu sehr an den eigenen Verlust; Freud‘ und Leid des anderen stehen oft im Hintergrund. Immerhin . . .“ Frau Bartels schweigt.
Der Stadtrat hat die Stirne aufgestützt. Ihm geht es wie der Frau. Zwei dicke Tropfen kollern in den Bart. Sie werden fehlen, Sinkmann und Beate, ihm, den anderen. Oh, er hat viel Geistiges gelernt, ist nicht verwunderlich, wenn er nun denkt: ‚Eine Offenbarung gilt der ganzen Welt, selbst wenn erst wenige Leute sie vernehmen. Es kommt doch auf den SEGEN an, der damit verbunden ist. Der Herrgott tut niemals etwas nur für Wenige. IHM gilt ja stets Sein ganzes Werk.‘ Aus diesem Sinnen sagt er jetzt verhalten:
„Meira, sei stark, ich auch; den meisten Trost brauchen dann die Eltern. Ein blühend schönes Mädchen an den Tod verlieren? So sagte man. Nun weiß ich längst: Nichts verlieren wir, weil Gottes Segen bei uns bleibt! Lasse dir nichts merken und hab‘ Dank, weil du zu mir gekommen bist. Warten wir, bis wir eine Kunde hören. Ich rate dir, deinen Traum, erst zu erzählen, wenn das erste Herzweh sich ein wenig legt. Da du ihn mir gleich berichtet hast, wird man später daraus Trost und Gnade schöpfen.“
„Hätte es nie übers Herz gebracht, den Eltern zu berichten. Aber jemand mußte es erfahren. Nicht darum, daß man mir später glaubt. Habt recht, Herr. Vielleicht gelingt‘s uns allen, daraus Kraft zu schöpfen. Gehabt euch wohl.“ An der Türe wendet sich die Höckerin noch einmal um. „Bei unseren Beiden werde ich am Grab nicht beten; wenn sie die Augen schließen, dann sind beide nimmer auf der Welt und — und — — Für uns legen sie ihr erstes Lichtgebet dem Vater in die Hand — vor seinem Thron.“ Schon ist sie enteilt.
Sinnend bleibt der Ratsherr sitzen. „Hätte nie gedacht“, sagt er zu sich selbst, „daß sie so tief veranlagt ist. Als gutes Weiblein hab‘ ich sie geachtet, nur halt ein bißchen — na ja, sie wäre nicht ganz richtig. Herr gott im Himmel, ist eine Bürde. Doch DU wirst die Last in Deiner Güte tragen helfen. Ja, hilf mir, immer eingedenk zu bleiben: Dein Segen hört in Ewigkeit nicht auf!“
Er geht, sich bezwingend, wie beiläufig zu den Meurers. Als er an die Türe klopft, kommt‘s ihm vor, als sei es drinnen still und wäre niemand da. Nach einer Weile öffnet sich die Pforte. Heraus tritt Berthold Meurer. Man sieht‘s ihm an, daß ihn bitterste Sorge quält. Das Verwundern unterbleibt, weil der Ratsherr heute noch so spät gekommen ist.
„Komm herein, Freund Schöber, bloß sei bitte leise, wir haben unsern Arzt geholt. Zwei Kranke sind im Haus.“ — „Doch etwa keine Pest?“ Der Städter fragt‘s mit großem Bangen. Es kam vor, daß schon die schwarze Seuche abgegangen war und hinterher schlüpfte sie auf einmal wieder in ein Haus. „Nein nein“, wehrt Berthold ab, „unser Strauber weiß sich jetzt noch keinen Rat. Der Pfarrherr ist bloß müde, zudem sehr schwach.
Die Schwäche kam ganz plötzlich über ihn. Er sieht verändert aus und — ach Freund Schöber — schier bricht es meiner Frau und mir das Herz entzwei. Ganz genau so geht es unserer Beate. Sie liegt müde da, lächelt, schläft, hebt ab und zu die Lider, die Augen glänzen anders als bisher. Fragen wir, was sie haben möchte, schüttelt sie ihr liebes Haupt.“
Eben kommt der Doktor von Beate. Man merkt ihm die Bedrückung an. Er kann nicht helfen und ist doch, für diese Zeit gesagt, ein guter Arzt. Er hat auch untersagt, daß der Anger, wo die armen Seuchenmenschen lagen, für das Vieh ein Jahr lang nicht als Weide dienen darf. Streng hatte er gedroht:
„Bedenkt es, liebe Leute, die Tiere können durch das verseuchte Gras erkranken. Die Todeskeime würden auf euch übertragen werden, wie schon passiert. Die zweite Pest in kurzer Folge würde dann weit größere Opfer fordern als jene, die eben erst vorüber ist.“ Da hatte man gemurrt, wo die Tiere denn ein ganzes Jahr hindurch verbleiben sollten; doch Stadtrat Schöber im Verein mit Einsichtsvollen gaben Strauber recht. Der Anger ist gesperrt. Der nächste Winter kann ihn wieder sauber machen.
Bang fragt der Vater, wie es um Beate steht. Wie gut, die Frau sucht ihren Peter, sieht also nicht das hoffnungslose Schulterheben von dem Arzt. Dann sagt er aber: „Es ist ein Herzversagen. Der Puls ist matt, zu langsam, setzt öfter aus, wie bei unserm Pfarrherrn. Eigenartig, daß der viel ältere Mann und die junge Maid die gleiche Krankheit haben.“
Schober weiß nun durch die Höckerin, wie das zusammenhängt. Als er dann mit Strauber durch die stillen Gassen geht, erzählt er das ‚Gesicht‘ der Frau. „Hier hilft weder Tee noch sonst etwas, es sei denn, ein Wunder fiele auf uns nieder. Kaum zwei Tage und sie sind dahin.“ Jäh schlingt Strauber einen Arm um Schöber. „Ich bin nicht schwach“, dabei verschluckt er seine Rührung, „aber unser Sinkmann — wenn ihr dabei gewesen wäret, wie er acht Nächte lang uns geleitet hat, stand selbst in bitterster Gefahr —‚ und ihr würdet mich verstehen „daß ich — daß wir . . .“
„Ich versteh‘ es trotzdem gut. Erst nicht gern aufgenommen, was damals verständlich war, und dann die lichten Worte, das erstemal in unserer Kirche, ah, da hab‘ ich aufgehorcht und mich gefreut! Mir geht‘s wie allen, glaub‘ es mir, Strauber. Und das Kind — ? Da sind wir alle überfragt.“ Stumm wandern sie dem Stadthaus zu, in welchem Schöber seine Wohnung hat.
Nun kommt der Tag, der nicht allein den Freunden bitteres Weinen bringt, nein, die ganze Stadt nimmt Anteil an der Trauer. Kaum die schrecknisreiche Zeit mit aller Müh‘ und Plage hinter sich, da ist es zu verstehen, wenn ein Gläubiger fragt: ‚Herr, warum?‘ Obwohl die Leute nichts vom hohen Wundersamen wissen, was gnädig zu den Freunden kam, hat man Pfarrer Sinkmann doch verehrt. Er ging sehr gern von Haus zu Haus, wie es Doktor Strauber tat. Da wurde nicht erst groß gefragt: was für ein Gläubiger bist du?, oder überhaupt, ob einer glaubt —‚ die Hilfe, die in jedem Hause nötig war, wurde fraglos dargebracht.
Und Beate, das Flüchtlingskind? Man sah sie immer froh, freundlich grüßend. Half hingefallenen Kindern wieder auf, trug mancher alten Frau ihr Säckchen heim und vieles mehr. Immer war sie wie der Wind davon, ehe denn ein Dank gegeben werden konnte. Wie sollte man dies sonnige Gemüt nicht lieben? Wie ein Schlag, so geht es fragend durch die Stadt, als man erfährt, was sich in der Frühe zugetragen hat. Und am andern Tag noch mehr.
Noch steht die Sonne nicht am Himmel, langsam weicht das Nachtgrau aus dem weiten Tal, in dem das Städtchen eingebettet war, als die Mutter an das Lager ihres kranken Kindes tritt. Noch leuchteten die Augen wie aus innerem Schein erhellt, lächelte der blasse Mund, streckte sich die Hand dem Mütterlein entgegen; doch Helene, allzu tiefst erschüttert, weckt ihren Mann.
„Komm, ich glaube —“ Der Vater ahnte schon am Abend ihres Kindes Ende. Dennoch hatte er gehofft, Gevatter Tod möge warten. Er hörte aber dann im Traum des Lichtes Stimme: „Es ist der Lebensengel, der heute zweimal zu dir kommt. Gottes Trost und Kraft wird bei dir sein.“ Im Nu ist er in seinen Kleidern. Peter, den man zu den Eltern um-gebettet hatte, schläft noch fest.
Nun steht das Ehepaar vor ihres Kindes Bett. Einer klammert sich am andern fest. Gestern Nacht, als der Ratsherr mit Doktor Strauber weggegangen war, hatte Meurer sein Haus nicht verschlossen, damit der Doktor sofort Einlaß fände. Er kommt, bleibt zu Füßen ‚dieses Himmelskindes‘, muß er denken, stehn. Trotz Trauer winkt er seiner kleinen Helferin ermunternd zu, als sie auch ihn mit einem Lächeln grüßt. Kostet Kraft, der starke Mann spürt‘s bis zum letzten Nerv. Oh, die bedauernswerten Eltern — —
Er hält sich jetzt zurück; die letzten Erdminuten sind den Eltern vorbehalten. Da wird es hell, gewiß der erste Sonnenstrahl, der die Menschen aus dem hohen Himmel trifft. Sie ist aufgegangen, eines jeden Tages Licht, wenn man auch die Sonne nicht mal sieht. Denkt Strauber: ist es mit Gott. Man sieht Ihn nicht oder selten; aber ER ist da!, wie die Sonne mit und ohne Wolken.
Beate streckt verlangend ihre Hände aus nach etwas, was niemand sieht. ‚Ihr Engel‘, denken beide Männer, ‚der Heiland‘, ahnt die Mut ter. „O Heiland“, flüstert es vom Bette her, „o lieber Engel, ich kehre heim.“ Das Letztere war kaum zu verstehen, war wie ein Hauch. Strauber legt den Körper sachte nieder, schließt die Augen, die lieben Hände, treulich allezeit geholfen, schlingt er auf der Brust, die nie mehr atmet, im Gebet zusammen. Und geht hinaus. Die erste Stunde muß er Meurers lassen, auch wendet er sich, als die Augen nicht mehr nässen, ins Gemach, wo ihr Pfarrherr liegt — auch für seinen letzten Erdentag.
Der Kranke schläft. Die Wandlung, die sich bei ihm zeigt, ist dem Arzt das Zeichen: Heute Abend. Er fühlt vorsichtig nach dem Puls, nickt vor sich hin: recht hat die Meira, diese beiden Seelen sind verwandt, was sich nun in ihrer Todesstunde in beider Antlitz eben spiegelt. Als Sinkmann weiterschläft, geht Strauber zu den Eltern. Weinend stehen beide da, streicheln immer wieder einmal das Gesicht, das überirdisch friedlich wirkt, wie man es wohl seltener bei einem Toten finden kann.
Oh, manch Gläubiger geht im Frieden seinen letzten Gang auf dieser Welt. Hier jedoch, ein Kind — ? „Werdet wie die Kinder“, hat der Heiland einst gesagt. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich gelangen.“ Daß der Arzt die Worte leise spricht? Er hat sich umgewandelt, er als Arzt naturgebunden, nicht an Wunder glaubend, war aber niemals völlig ohne Gott.
Seit er Sinkmann und Beate kennt, ist die Welt von ihm gefallen. Diese Jesu-Worte waren Inhalt einer letzten Predigt. Da war die Kirche voll, wurde wieder nicht gefragt: Bist du katholisch?, bist du evangelisch?, bist du Heide?! Die Herzen wurden aufgetan und des Himmels Worte flossen wie der segensreiche Tau herab. Ja, eben fielen Strauber beide Bibelstellen ein.
Berthold Meurer sieht den Doktor dankbar an. Er führt seine Frau hinaus. „Lasse unsere Tochter schlafen; wir müssen auch an Peter und an Sinkmann denken.“ In der Küche setzt man sich zu Tisch. Nur einen Trunk holt Meurer, währenddes die Mutter Peter weckt. Es wird eine schwere Sache werden. Wie hat der Knabe gestern noch gebetet? „Lieber Gott, mache mir die Schwester wieder heil. Ich liebe sie, und sie ist so gut. Amen.“ O weh!
Es wird anders, als man sorgend dachte. Auf die Frage, ob Beate zum Frühmal käme, vor Peters Platz steht eine Schüssel, mit Milch und Brot gefüllt, sagt Strauber, weil es die Eltern nicht vermögen: „Peterle, mußt tapfer sein. Bist schon ein großer Bub, eine rechte Stütze; denn“, ein Räuspern, „Beate ist im Himmel. Der Heiland und ihr Engel haben sie geholt.“
„Ge — — — storben?“ erzittert es. „Nicht gestorben“, fängt der Vater an. „Weißt, Peter, gute Leute kommen gleich zum Vater in den Himmel. Unsere Beate . . .“ — „. . . war am bravsten“, sagt der Junge unter Tränen. „Sie hat mir aber nicht ‚lebwohl‘ gesagt, dann wäre es mir nicht so — so —“ Schwer will er sagen. Die Mutter streicht ihm die vom Schlaf verwirrten Haare aus der Stirn.
„Du hast fest geschlafen, wir wollten dich nicht wecken. Für alle hat sie noch ‚lebtwohl‘ gesagt.“ Stimmt. Ehe sie den Heiland und den Engel sah, sie hätte sonst die Namen nicht genannt, hat sie es geflüstert. „Sie ist schon beim lieben Gott?“ Noch kullern Tränen, doch kommt es wie ein Trost, der den leidgeprüften Eltern wird. „Da habe ich doch gestern recht gebetet, der Heiland hat die Schwester gleich gesund gemacht, im Himmel, nicht wahr?“
„Genau so ist es, Peter.“ Ein Kind kann das Heiligste erfassen. Sicher nicht bewußt, wie es Erwachsene könnten — wenn sie wollten. Der Knabe hat die Wahrheit aufgenommen. Gesund, ohne Leiden, ohne Schmerzen dieser Welt ist das Mädchen, den Heiland innig hebend, heimgegangen, in das Reich der Ewigkeit. „Darf ich Beate nochmal sehen?“ — „Ganz gewiß.“ Der Vater nimmt ihn bei der Hand, die Mutter und der Doktor folgen hinterdrein.
Wie schlafend liegt Beate da, als müßte sie nun gleich erwachen. Peter streicht ihr über beide Hände, küßt sie auf die Wange, wie er oft getan. „Wie du, Beate, werde ich wohl nicht, so gut, brav und lieb. Doch ich will mir Mühe geben; und bist du nun im Himmel, da kannst du mir noch besser helfen, weil, weil ja . . .“ Ist vorbei mit des Knaben Standhaftigkeit. Strauber hält ihn fest, als sich Peter über seine Schwester werfen will.
„Tu‘ es nicht“, mahnt er gütig, „laß Beate ihren Frieden. Den darf man nicht stören. Was du wünschst, wird sich erfüllen, wie sie dir eine Schwester war“ — jedem wie des Lichtes Schein, denkt er weiter, „also wird sie auf dich niedersehen und dir allzeit helfen. Ich bringe dich zur Meira Bartels, die hat dich gern; denn wir, deine Eltern, haben erst noch viel zu tun.“
Ungern löst der Junge sich vom Totenbett der Schwester; noch ein bittervolller Blick, dann wendet er sich um. Bei der Höckerin wird er wundersam getröstet. Man hat sie oft verspottet, weil sie an Gräbern betete, ob darunter gute oder böse Menschen lagen, das war ihr egal. Sie hat gewußt, was für diesen oder jenen im Liebesdienst zu beten war.
Als der Arzt zu Sinkmann in die Kammer tritt, stehn die Eheleute schon am Lager. Der Kranke ist erwacht. Sehr müde sieht er aus. Er geht auch dahin, weiß Strauber, wo unsere Beate hingegangen ist. Sonderbar, den Traum, den die Meira hatte, erzählt der Pfarrer, ein wenig abgewandelt, sinngemäß aber völlig gleich. Er spricht:
„Vergangene Nacht bekam ich ein herrlichschönes Bild. Unser Herr war gekommen. Bezwingend war Sein Lächeln, Beate führend und sagte mild: „Das Kind hole Ich zuerst; auch du wirst abgeholt — bald! Ihr seid in Meinem Reich zwei Kinder, seit eurer Lichtgeburt vereint und sollt es bleiben in der Liebe Meiner heiligen Lichtwesenheit. Wie aus Meinem Lebensquell herausgehoben, werdet ihr für immerdar die gnadenvolle Einheit sein.
Du, auf dieser Welt ein Pfarrer, kennst das Wort, das Mose einst empfing: ‚ER, also Ich, schuf sie beide, einen Mann und ein Weib‘ (1. Mo. 1, 27), womit gegeben ist, daß die geschaffene Zweiheit immer vor Mir gültig ist. Wer dagegen frevelt, der zerstört sich viel von seinem Weg! Denn es ist das höchste Zeichen: ICH, der Schöpfer und das Geschöpf; ICH, der Vater und das Kind! Diese Zweiheit habe Ich geprägt, als Meines Lichtes Kinder noch in Meinem Urborn ruhten und entspricht zugleich den beiden Schöpfungsfundamente auf denen alle Werke stehn, die Lebenskinder und das für sie zum Segen durch Meine Macht geschaffene hehre Empyreum!
Die Fundamente, was du noch nicht wußtest, sind die Urbedingung, ohne welche nie ein Werk erhalten werden würde, und der eingesetzte aus der Bedingung für das Kindervolk gegebene freie Wille. Aus und mit diesen beiden Fundamenten — vergleiche hiermit auch die beiden Füße — erhalte Ich Mir Selber eine jede Schaffung: das bewußte — und das unbewußte Lebende.
Bereite dich nun vor, gib Mir dein Erdenleben in die Hand. Was Ich aus diesem dir zu sagen habe, erfährst du nach der Heimkehr in Mein Reich. Sei gesegnet und alle, denen du mit Meiner Hilfe helfen konntest, die durch Meine Lebensworte, die ICH dir sagen ließ, zur guten Umkehr kamen. Ein jeder, für den du deine Hände ineinander legtest — sieh, alle habe Ich bedacht!““
„O Freunde“, haucht der Kranke, „da habe ich verneint und dem Herrn gesagt, ER würde niemals erst bedenken, wenn ein armer Mensch, wie ich es wäre, Ihn um Seinen Gnadensegen bäte. Da kam wie des Lichtes Flut, unermeßlich heilig, und da — da hab‘ ich einmal kurz gespürt, wer und was die Gottheit ist. War ein Blitz, der mich durchzuckte. Mehr würde wohl kein Mensch ertragen und — und wohl auch bloß vor seinem Erdenende. Er aber sprach:
„Nie, merk‘ es dir, werde ICH erst etwas tun, wenn Mich jemand bittet. Doch wieder niemals so, daß ein Bittgebet vergeblich sei, unnütz dargebracht, sondern es ist so: Meine heilige Allwissenheit kennt jedes Kindes Weg und Steg, sie sieht das Auf und Ab, zumal in der Materie. Wenn nun jemand für den andern bittet, nehme Ich in heilsgewohnter Liebe jede Bitte, jederlei Gebet in die Allwissenheit hinein, verflechte sozusagen dies Mein Wissen mit der Bitte, dem Gebet, was in getreuer Liebe Mir in Meine Hände fließt. Um so mehr sind Fürbitten stets gesegnet!
Wenn du im Vaterhause bist, wirst du hell verstehen, wie dies Mein heiliges Gebahren alles ineinanderfügt: Mein Tun, stets zuerst und ewiglich, der Kinder liebes Dienen wie ein Kleinod aufbewahrt, zu ihrer Seligkeit, zur Seelenhilfe für die anderen, denen Bitte und Gebet gegolten hat. Abermals: halte dich bereit!“
Es war dann noch einmal ganz hell, um mich herum viele herrliche Gestalten und unsere Beate, dies holde, liebe Kind, jetzt — meinen Blick konnte ich nicht von ihr lösen. Fröhlich winkte sie mir zu, als ob sie sagen wollte: ‚Ich warte auf dich‘. Dann war die ganze Herrlichkeit verschwunden; doch im Herzen . . . ich kann‘s nicht gut beschreiben, war noch, alles da, war nichts vergangen und ich halte es — mir — fest — bis . . .“
Stockend war die Stimme, wie verweht. Nun sieht man deutlich: das Gesicht überglänzt die Seligkeit empfangener hoher Gnade. Friedlich schläft er bis zum Abend. Die Freunde, Städter und der Pater kommen her, um zu hören, wie es Sinkmann geht. Traurig wendet man sich um, als der Doktor, selber sehr bedrückt, gesteht: „Morgen ist er schon von uns gegangen.“
Berthold hat in Eile aufgeschrieben, was er vom herrlichen Gesicht behalten hat. Er kann das Meiste wörtlich wiedergeben. Später, wenn das schwerste Leid vorüber ist, wird man sich an dem für ihre Zeit letzten hehren Gnadenwort erfreuen. Noch dominiert das weltliche Empfinden; und auch das ist gut, gesegnet, wo die Herzen sich dem Willen Gottes beugen. So bricht der Abend an.
Wie am Morgen Gottes Sonne wundersam die Erde wie mit purem Gold beleuchtete, hüllt sie auch am Abend mit dem letzten Schein die Welt in ihres Lichtes Strahl. Alle sind versammelt, die Freunde aus dem Heimatort, soweit sie noch am Leben sind, die Getreuen aus der Stadt, sogar Scharfner von der Burg, obwohl er es nicht wußte, was indes geschehen war. Seine Trauer, bei dem Schwertmann kaum geahnt, erschüttert ihn. Von Beate nimmt er ganz alleine Abschied und man läßt ihm dieses zu.
Dann sind sie im Kämmerchen versammelt, in welchem ihr geliebter Pfarrer ruht. Er sieht alle an. Ist‘s des Himmels Sonne, die durchs kleine Fenster flutet? Ist es ein fremdes, fernes Licht, das dem Antlitz einen Himmelshauch verleiht?
„Meine Gottgeliebten, nun scheide ich von euch; doch des Vaters Gnade, Liebe und Barmherzigkeit hält uns fest. ER, der Heilige, der wunderbare Gott, hat uns verbunden, ER führt uns einst zusammen, wenn jeder seinen Heimkehrweg beschreitet. Wir hoffen auf die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, glauben an das ewige Leben, das war, ist und bleibt. Vom Licht gekommen, den Wanderweg gegangen, wieder heimgefunden bis zum Gnadenstuhl des Heiligen, dem hochgeliebten Vater-Gott. Laßt uns freuen und fröhlich sein; der HERR ist bei uns immerdar. Amen“ (OJ. 19, 7).
Sachte legt man den entseelten Körper nieder. Mit dem Amen, das der treue Diener Gottes sprach, waren ihm die Augen zugefallen, der letzte Atemzug der Brust entflohen, fanden sich die Hände im Gebet zusammen. Ein Friede füllt den äußerlich so armen Raum, als ob in ihm des Himmels ganze Herrlichkeiten eingezogen wären. Den Menschen ist, als gäbe es jetzt nichts von ihrer Welt. Nur das Licht, spürbar des Friedens Hauch. Der Pater spricht: „Amen; ja, laßt uns freuen und fröhlich sein, der Sohn ist heimgekehrt.“
Man bettet Sinkmann und Beate in ein Grab. Trotz des Friedens und des Lichtes Freude dauert es sehr lang, bis die Trauer, die man auf Erden haben darf, sich im stillen Danken an den Gott der Liebe löst. Losgelöst vom Gebaren ihrer Welt. Sie kommen oft zusammen, reden über die erlebten Gottesworte. Der Pater ist es nun, der die kleine Lichtgemeinde führt und in der Stadt am besten predigt. Es ist, als würde er vom nie vergessenen Pfarrer Sinkmann inspiriert. Das Kind, die Beate – immer ist es so, als wäre sie bei ihnen — unter Gottes höchstem Schutz und Schirm.
ER waltet über allem, ER gibt Seinen Segen, Seinen Frieden, Seine Offenbarung her. Das ist der Glaube:
Gottes Worte hören niemals auf!
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