Die Partner Gottes
„. . . und so sage ich euch allen, die wir die einzig wahre Gemeinde Christi sind: wir sind die Partner Gottes!“
Das klingt dem Wanderer unaufhörlich nach, der einsam seine ihm ganz unbekannte Straße zieht. Mit ihm war etwas vorgegangen. Aber was? Viele strahlende Gesichter waren zu ihm hoch erhoben, als er die Verkündung sprach. Er spürte aber auch, wie einige Hörer stutzig wurden. Doch ihm war das nebensächlich; er hatte sich und die Gemeinde bis zu Gottes Stuhl erhoben, als Partner sich neben Ihn gesetzt. Welch ein Hochgefühl! Und nun — —
Nun war in ihm eine Leere; er krampfte seine Finger aus, um wieder einzunehmen, von dem er deutlich wußte, nicht aber zugestand, daß Vergangenes nicht festzuhalten war. Mit sich uneins, sah er auf den Weg, den er mühsam einzuhalten hatte. Dicke graue Nebel wogten hin und her, kalte Schauer gingen nieder, es war ‚Watte‘, durch die er schritt — nein — kroch; jeder Schritt war sauer zu erkämpfen.
Wie lang er so gegangen war, er weiß es nicht, er hat auch keine Uhr bei sich. Wie dumm, die hat er sicherlich zu Haus gelassen. Ein unverzeihlicher Fehler. Oder — Wie milchiger der Nebel wird, so auch die Gedanken. Kaum hat er einen angefangen, erflattert er ihm wie ein Stück Papier im Sturm. Endlich — da taucht doch etwas auf? O, eine Mauer! Nun, da kommt er sicherlich nach Haus. Die Seinen sind bestimmt um ihn besorgt, und die Gemeinde.
Halt!, die Stadt, in der er wohnt, hat gar keine Mauer. Das gab es einst im Mittelalter, wo man Gott noch gar nicht kannte, wenigstens nicht richtig. Erst sie, die Gemeinde Gottes, die zu Seiner Partnerschaft geworden war, erst sie konnten Gott der Menschheit näherbringen. Wie dem jetzt sei — er ist froh, etwas Greifbares anzutreffen, und sei es gleich bloß eine Mauer.
„O Gott, stets hab‘ ich Dir mit Herz und Mund gedient; ich habe die Gemeinde angehalten, Dir zu dienen, Dir zu opfern; also führe mich zurück.“ Da lichtet sich an einer Stelle dieses dumpfe schwere Grau; es zeigt sich ihm ein Tor. Groß, sehr breit, außen wie von altem Holz gefügt, ganz verwittert. Egal, er klopft an mit beiden Fäusten. „Brüder macht mir auf!“
Ein kleiner Schieber wird zurückgezogen, ein ehrwürdiges Gesicht zeigt sich ihm. „Wer bist du und was willst du hier?“ Unbewußt und doch nicht ganz vorbeigegangen ist dem Wanderer, als ob das Tor von innen golden wäre, wenigstens sehr hell. Einzelheiten sind bedeckt. „Laß mich ein“, sagt er mehr befehlend, als im Tone einer Bitte. Die zweite Frage schreckt: „Wer bist du und wo kommst du her?“
„Ich komme nirgends her, ich führe die Gemeinde Gottes, ich hab‘ mich in dem Nebelgrau verirrt. Laß mich eiligst ein, damit ich mich erholen kann. Dann zeige mir den Weg zurück in meine Stadt, zu den Meinen; die Gemeinde wartet ja auf mich.“ „Zurück gibt‘s für dich keinen Weg. Nun frag‘ ich dich zum dritten- und zum letzten Mal: „Wer bist du denn?
„Ich bin der einzig wahre Partner Gottes, das heißt: wir, unsere Gemeinde. Da ich aber die Gemeinde führe, stehe ich in dieser hohen Partnerschaft vorndran. Ja, gelt, da staunst du sehr? Es ist ein heiliges Geheimnis, das die andern Christen, die nicht so mit Gott verbunden sind wie wir, weder kennen noch verstehen, am wenigsten besitzen. Ich will es dir erklären, wenn du willst.“ „Ich höre“, sagt der Ehrwürdige, und seine Augen glühen dunkel auf. „Du wirst es sicher nicht begreifen; weil ich aber aus dem Nebel kam — von Gott selbst geführt — es sei!
Natürlich weiß ich, daß die anderen Gemeinden deren es so viele gibt, von sich in Hochmut glauben, jeder für sich selbst natürlich, sie wären ganz allein die echten Christen. Das wirst du wissen, du wohnst ja auch auf unsrer Erdenwelt, obgleich ich denke, daß dein Städtchen irgendwo am Rande eines Landes liegt. Schön, ich gönne es den andern, wenn sie so nebenher zu Gott gehören. Aber wir, die einzig wahren Partner Gottes, sind die vermittelnde Station, weil Gott Selbst Sich um die anderen nicht kümmern kann. Oder so gesagt: sie stehn Ihm ferner, weil sie nicht zu uns gehören. Er leitet also einen Gnadenstrahl auch auf die anderen, über uns, über mich, den Führer unserer Gemeinde.
Sag‘ mal, lachst du etwa über mich?“ Es ist wie ein Zorn, der ihn überfällt. „Hierbei gibt es wahrlich nichts zu lachen; wer das tut, ist ewiglich verdammt. Das merke dir, mein Alter, und sei gescheit! Nun öffne endlich; erlabe mich und zeige mir in christlich echter Liebe meinen Weg.“
Das ehrwürdige Gesicht hat sich verändert. O, es ist das gleiche, wie es war und bleibt; doch tiefer Ernst, gepaart mit sonderbarem Zug um Mund und Augen, vom wetterharten Holz umrahmt, dahinter jener Schein, den der Wanderer sieht und dennoch nicht erkennen kann, wird offenbar. „Für dich bleibt das Tor geschlossen, weil es nämlich bei Mir keine Partner gibt. Die ‚Kinder Gottes‘ werden eingelassen, und sie bleiben stets bei Mir. Du wandere weiter!“ Der kleine Riegel klirrt, die Öffnung wird geschlossen, und dem Wanderer ist‘s, als ob donnerndes Gebrause von dem Mauersims in all den graudichten Nebel fällt.
„Das ist ein harter Mann. Bei dem sollen Gottes Kinder wohnen? Faselei und Überheblichkeit, weiter nichts! Natürlich sind wir die echten Kinder Gottes, weil wir Seine Partner sind. Es ist gut, daß ich nicht hineingegangen bin; etwa wäre ich verloren und hätte nie nach Haus gefunden.“
Er sucht den Weg, kann aber wiederum nur einen Fuß vor den andern setzen, Schritt für Schritt. Etwas blieb zurück, vage: als ob die Mauer ganz in seiner Nähe wäre. Pah, Hirngespinst, er muß eine andere Richtung wählen. Wohin — ? Da schiebt ihn jemand vorwärts; sich umwendend sieht er niemand. Nichts ist zu greifen, und doch, da ist jemand — hinter ihm.
„Satan, hebe dich hinweg, du hast keinen Teil an mir!“ Der Nebel verschluckt seine barsche Stimme. Bloß der Druck in seinem Rücken bleibt, er kann sich nicht dagegen wehren. Und so oft er rückwärts greift, greift er ins Leere. Unmutig geht er weiter. „Wenn ich nur wüßte, was das zu bedeuten hat, wo ich hingeraten bin. Ich ging nach Haus, das weiß ich noch. Wie bin ich auf den falschen Weg geraten?“ Er hastet weiter, so gut es geht, und kommt an eine neue Maueröffnung. Eine schmale Tür ist scheinbar angelehnt. Er drückt sie auf, sieht zu seinem Schrecken — nichts. Finsternis gähnt ihm entgegen. Doch da, es rumort. Er nimmt an, der Alte sei ihm an der Innenseite dieser Mauer nachgegangen und wolle ihn jetzt foppen.
„Mach‘ mal Licht!“ ruft er hinein. Da sagt eine Stimme, es ist nicht die gleiche aus dem großen Tor: „Du kommst aus der Finsternis und findest sie. Hier ist kein Platz für dich!“ „Ich will nicht zu dir, ich will heim, brauche aber eine Hilfe. Einer hinter eurer Mauer hat sie mir verwehrt, was absolut nicht christlich ist.“ „Hilfe? Du brauchst Hilfe? Wieso denn das?“
„Rede nicht und komm‘ heraus, zeige mir den Weg!“ „Den kann ich dir nicht zeigen, weil du ihn längst verloren hast. Geh weiter!“ Die kleine Türe fällt ins Schloß. Vergeblich pocht der Wanderer. Er stapft mühsam weiter. Noch hört er einmal eine Stimme hinter sich „Partner Gottes brauchen keine Hilfe; denn als solche sind sie so allmächtig wie der Herr!“
Wie lang er voller Plage vorwärts wankt er weiß es nicht. Oft fragt er sich, wie das kommen konnte. Hat er nicht alles gut gemacht?, die Gemeinde treu geleitet?, hoch geführt, wo keine andere steht? Warum verläßt ihn jetzt der Herr? Wieder blickt er rückwärts und da ist‘s, als schwebe weit, unendlich weit ein Stern vorbei, die Erde, auf der er nach der Auferstehung mit den Seinen ewig leben kann, nebst Gott, als dessen rechte Hand oder mindestens als die beste, deren sich der Herr bedient.
Schon ist der Stern bedeckt. Unsinn! Ah, jetzt weiß er es, er hat das nur geträumt; denn die Welt als einen fernen Stern erblicken, ist ein Traum. Vergeblich reibt er sich die Augen, fühlt nach dem Bett, nach dem Schalter und — vergeblich ruft er jemanden herbei. Nichts, nichts! Eine dritte Öffnung an der Mauer, mehr ein kleiner Bruch, durch den kein Mensch sich Zwängen kann. Ermattet sinkt er nieder. Er kann nicht mehr.
Ein kleines Licht, wie eine Puppenkerze. Er möchte jauchzen, faßt danach, kann es aber nicht ergreifen. Jemand setzt sich ungesehen neben ihn und spricht: „Bevor du viele Fragen stellst, zeige ich dir deinen Weg; denn ich kenne dich.“ „Wenn so, bist du auch ein Partner Gottes?“ „Nein, ich bin ein Kind des Vaters, des Schöpfers, des einzig Wahren, Heiligen, und es gibt niemand neben Ihm, der von sich aus an den Hoheitsrechten einen Anteil hätte. Da ist keiner!
Du hast die Welt von fern gesehen und bedachtest einen Traum. Oh, du lebst nicht mehr auf eurer Welt! Nach deren Zeitrechnung bist du schon lang gestorben. Was ihr euch erdachtet, alleinig mit im Regiment des Herrn zu sitzen, daß ihr die Besten wäret, kein andrer würdig sei, mit euch gemeinsam vor das Angesicht des Herrn zu treten und so viele Überheblichkeiten mehr, die letzte größte: ihr wäret Partner Gottes, das hat euch vom wahren Weg getrieben. An dir hat sich‘s erfüllt, im Jenseits, Freund; denn niemand bleibt in einem Grabe liegen, und eine Herrschaft ohne Ende auf der Erde gibt es nie! GOTTES ERDE ist das Licht!
Das große Tor sah außen hart und dunkel aus, ein Zeichen deiner Seele. Innen — aber nichts von dir — war es hell, was du nicht erkennen wolltest. Der ‚Alte‘ war der Herr! Du hast Ihn nicht gekannt und willst Sein Partner sein? Sag‘ mir doch, was kannst du aus dir selber schaffen? Eine Mücke, einen Grashalm, eine Krume von dem Brot? ! Kannst du das nicht, — was bist du dann?
Die zweite Maueröffnung zeigte dir, wie du deinen Geist so klein gehalten hast. Du ließest ihn nicht wirken, darum deine Seele gar sehr finster ist. Diese zweite Stimme gehörte deinem Führerengel, der dich deinem Schicksal überlassen sollte, um dich — allein aus GOTTES GNADE —weiterhin zu führen, bis hierher! Der schmale Spalt, durch den du dich nicht zwängen kannst, ist symbolisch dein Gemüt. O ja, auf der Erde warst du absolut nicht schlecht, hast manches gute Wort gefunden, hast auch geholfen, freilich meistens aus den Gaben der Gemeinde, der dir Anvertrauten.
‘Die Gemeindeglieder waren deine Knechte und die Mägde; sie mußten dir gehorchen. Deshalb, und weil du dich so hoch vor Gott erhoben hast, andere recht gern Verdammte nanntest und hast nicht an deine eigene Brust geschlagen, deshalb noch ist des Himmels Mauer dir verschlossen. Gehst du aber in dich und siehst deine Fehler ein, dann wird nach und nach die Gasse etwas heller werden. Und kommst du an die vierte arme kleine Pforte, so klopfe an, in Demut, merk‘ es dir! Vielleicht wird dir gleich aufgetan.“
Stille, graues Dämmern und ein armselig karger Weg. Der Wanderer geht gebückt dahin — — —
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