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Kapitel 2

Kapitel 2

Es ist zum Beginn des zweiten Lehramtsjahres Jesu. Immer mehr Leute, weit und breit, werden auf Ihn aufmerksam. Die einen spottend, manch anderer verwundert, doch schon viele eng mit Ihm verbunden, nicht zuletzt auch hohe Römer, die immer wieder Seine Nähe suchen. Das will Maradju gerade nicht gefallen. Wie kann ein echter Jude sich mit diesen „Unterdrückern“, den Ausbeutern des Volkes, auf eine Stufe stellen? Dabei schießt Maradju übers Ziel hinaus. Er weiß und gibt zu, daß die Römer gute Ordnung schaffen, manches Übel abzustellen wissen. Doch die Wut des obersten Zeloten streicht das Gute einfach aus.

Er hat also wieder alle seine Leute auf den Hügel südlich Semes hinbestellt. Der späte Abend, schon beinah Nacht, hat die Landschaft eingedunkelt. Die Gestalten huschen durch die schmalen Täler ihrem Ziele zu. Erst horcht Maradju die andern Männer aus, was sie erkunden konnten, doch kommt nicht viel dabei heraus. Immerhin, Stein an Stein gefügt ergibt einmal ein Haus. Selber hat er manches aufgedeckt, was ihnen helfen kann, wenn — —

Oh, immer wieder dieses „Wenn“, mit dem der Mensch so wenig anzufangen weiß, sich darauf stützend und ist so leicht zerborsten. So eben jetzt der Gedanke: Wenn jener Sonderbare einzureihen wäre, etwa einer aus der eigenen Schar, die Ihn fast stets umgibt, dann — — Weshalb die bei Ihm bleiben, mit Ihm die Wege pilgern, jetzt schon fast durchs ganze Land, hin zum Süden, dann zum Norden, ebenso zum Osten und zum Westen, in Jerusalem und in viele anderen Städte, das hat der Zelot und seine Leute bisher nicht erforschen können. Jetzt spricht er aber und kennt sich selber nicht genau:

„Meine lieben Brüder, mir kommt vor, als ob wir unserm Ziele näher rücken, wenngleich es nicht den Anschein hat. Tatsache ist, was ich erst nicht glauben wollte, weil so etwas noch nie geschah: der sonderbare Mann aus Nazareth tut wirklich Wunder. Ich war dabei, als er mehrere Kranke heilte, allein durch ein Wort. Auf einem Berg, wo Hunderte versammelt waren, hielt Er eine große Predigt. Und ist auch vieles neu daran, gab es mir dennoch sehr zu denken, wie Ihm das möglich ist, reden aus dem Stegreif (Matt. K. 4 u. 5).

Das kann nicht einmal ein Kaiphas. Der, wie mir mal ein Templer zugeflüstert hat, schrieb sich vorher meistens alles auf, damit er vor der Hörerschaft bestehen könne und — nun wissen wir ja, vieles ist doch seicht und leer, und helfen — ? Hat er das schon mal getan — ?

Aber lassen wir das jetzt; der Hohe ist uns niemals eine Hilfe; doch auch zweifelhaft, ob wir auch den „Wundermann“ gewinnen könnten. Allein — dieses Nazareners nie gesehene Wundertaten — ?‚ wären die einzuflechten — Denn wenn es jemandem gelingt, tatsächlich mit bloß einem Wort Aussätzige zu heilen? Zweifelt nicht“, unterdrückt Maradju murmelndes Dawider, „ich hab‘ es selbst gesehen. Und das glaubt und wißt ihr auch von mir: Ich lasse mich von nichts verblüffen und halte meine Augen, meine Ohren offen. Da könnte es vielleicht geschehen, daß Er nur Seine Hände auszustrecken braucht und die ganze Herrlichkeit der Römer sinkt in Schutt und Asche!

Nun, es sei dahingestellt, auch wenn ich es von Herzen wünschte, wir könnten Ihn in unsere Sielen spannen; wir müssen ernstlich Ihn erprüfen. Einer aus der Schar, die Ihn stets umgibt, ist mir besonders aufgefallen. Denn wie ich mehrmals merkte, trägt er einen Beutel, wohinein gar manche Gabe fällt.

Freilich — Geld braucht ein jeder, wie sollte man sonst richtig leben können? Wiederholt jedoch bemerkte ich und ich bin mit Absicht hie und da gefolgt, niemals hat ER den Beutel in Seiner Hand gehabt, nie danach gesehen noch gefragt, was die Leute gaben. Mir kam es sogar vor, als ob Er dies nur duldete, doch nicht wünschte, weil Er mal sagte: „Umsonst habt ihr empfangen und umsonst sollt ihr geben“ (Matt. 10, 8).

Na, junge Leute! Für so was bin ich nicht. Für jede Ware zahlt man den gerechten Preis“, „und oftmals ungerechten“, fällt einer ein. „Seid doch jetzt mit solchen Zwischenrufen still, Brüder, das führt zu nichts. Hört mir lieber weiter zu. Laßt uns eben von uns einen wählen, der sich so bald als möglich diesem Beutelträger an die Fersen heftet. Unauffällig, sowieso!

Der Mann hat tiefschwarzes Haar, ist nicht besonders groß und von den andern leicht zu unterscheiden. Mehrere sind schon älter, drei noch ziemlich jung, und die kann man ungeschoren lassen. Ich halte sie für nicht sehr reif. Die Älteren — hm, die würden uns die Seele aus dem Leibe fragen, zumal alle scheinbar standhaft im Gefolge bleiben. Der Beutelträger auch. Bloß kommt mir vor, daß er mehr als alle anderen weltbewandert ist und sich hm hm — bestechen lassen kann. Dazu gehört allerdings die größte Vorsicht. Da tastet man sich an ihn ‘ran, wie an die Höhle eines Löwen.

Vielleicht läßt sich über ihn jener Wundermann gewinnen und da — dann — Ah, wenn wir mit Seinen Kräften Rom verjagen könnten — Aber hört, ich habe noch was anderes im Schmiedefeuer: Syrer, angesehene Leute, die äußerst klug und weitsichtig sind und die außerdem ganz andere Verbindung haben, als wir. Nicht nur wir, Freunde, Judäa, schmachten unter Romas Fuchtel. Rundum im weiten Land bis hoch nach Norden gärt und brodelt es. Nicht umsonst haben wir gemerkt, daß immer neue Truppen kommen und unentwegt die letzten Winkel aufzustöbern wissen.“

„Du hast gewiß in allem recht, Maradju“, meldet sich ein junger Mann, der zwar fest bei den Zeloten sitzt, doch sehr offenen Gemüts das Gute sieht, was schließlich überall zu finden ist, wenn man es ehrlich anerkennen will. „Wir wollen nicht das Kind mit seinem Bad verschütten. Ohne anderes Schwere zu entschuldigen, steht es doch fest, daß wir durch Rom‘s Besatzung anderwärts nicht angegriffen werden, wie in früheren Jahrhunderten — unsere Geschichte hat dies ja bewiesen — allzu oft geschah.

Glaube nicht, Maradju, auch ihr andern alle: als Junger wäre ich noch nicht imstande, klar und logisch unser Ziel mit anzustreben. Durch meinen Vater, und gerade du, Maradju, weißt es auch: er ist schon weitgereist — habe ich von ihm von anderen Völkern viel erfahren. Mein Vater darf nicht wissen, daß ich mich euch angeschlossen habe. Doch ich liebe unser Volk, unser wertes Juda, es soll und muß zur letzten Freiheit kommen; und für die Freiheit opfere ich mich auf, wenn — wenn es nicht anders möglich ist, die Unterdrücker fortzutreiben! Allein eben das:

Es ist auch manches Gute über uns gekommen. Vor allem hebe ich hervor: den Glauben unserer alten Väter hat kein Pontius jemals abgeschafft. Wir können unsere Tempelfeste feiern und sind darin niemals je behelligt worden. Oder könnt ihr anderes beweisen? Daß bei Massen, die zusammenkommen, etwa wie bei unserem Passah-Fest — nun, da ist es doch verständlich, daß die Besatzung ganz besonders wacht und kontrolliert. Sonst jedoch — —

Wie mein Vater — und er hat es mir erzählt — von einem Pharisäer einmal hörte, der in der Volksgeschichte gut bewandert ist, mußten unsre Vorderen in der 70-jährigen babylonischen Gefangenschaft die Götzen grüßen, sich vor deren Bildern tief verneigen. Das hat Rom noch nie getan! Die haben wieviel Götter, aber keinen haben sie je bei uns aufgestellt.“

„Schön und gut“, läßt sich Feodar vernehmen, „das wäre auch das Letzte, mit dem sie uns belasten könnten. Das führt auch zu nichts, Meremoth“, wendet er sich an den Jungen. „Nur das kommt in Frage: wie und wie bald können wir den Adler Rom‘s zerbrechen? Allein, das weiß ich auch, bringen wir es nicht zustande. Wir müssen unseren Arm verlängern, und ich würde bis wie weit, bis nach Ägypten greifen, wenn wir davon eine Unterstützung hätten.

Wir sind waffenlos, das ist unser Übel; aber selbst mit Waffen wäre es uns nie möglich, Rom zu schlagen. Die haben jetzt noch zwölf Legionen, bestens ausgerüstet; und selbst mit mehreren Verbündeten könnten wir nichts richten. Bloß eines ist uns möglich —“ Feodar hängt eine lange Pause an, bis Churus ungeduldig ruft: „Heraus mit dem Plan!“ „Nicht so laut“, warnt Maradju, „in der Nacht geht jeder Laut wer weiß wie weit.“

„Kommt ihr nicht selbst dahinter?“ fragt Feodar. „Römer sind gegen Römer auszuspielen. Wird wohl eine Weile dauern. Haben wir in Rom Pilatus angeschwärzt, dann zieht das selber seine Kreise. Da spricht einer über viele andere, um sich selbst zu retten. In Rom müßten wir den Sitz ergattern, geheim und langsam, das sei gemerkt. Haben wir das Joch nun über hundert Jahre über uns ergehen lassen müssen, alsdann kommt‘s auf ein oder zwei Dezenien auch nicht an. Bin jedoch der Überzeugung, wir erreichen früher unser Ziel.“

Dem Plan stimmen alle zu. Bloß der junge Meremoth denkt anders, wenngleich auch er sein Juda mit befreien will. Er hat recht, der Junge, wenn er es auch gar nicht ahnen kann. Nichts wird den Zeloten helfen, noch anderen Bewegungen; und mit dem noch ganz fälschlich eingestuften „Nazarener“ werden sie sich alle irren. Doch man glaubt so gern ans selbstgezimmerte Idol, und wird bleiben, solang es eine Welt und ihre Menschen gibt.

Dem Hin und Her, was eine Weile folgt, setzt Maradju ein Ende. Er hat die Fäden fest in seiner Hand; man gehorcht ihm auch. Schon allzu oft hat er bewiesen, am rechten Strang zu ziehen — ihrer Meinung nach. „Laßt uns jetzt bestimmen, wer vielleicht in Rom einen Hemmblock bilden kann und wer sich an den Beutelträger hängt, der scheinbar wie die anderen dem Nazarener treulich folgt. Na ja, schon hat Geld gar manchen Treuen umgeworfen; also sollt‘ mich es nicht wundern, wenn der Genannte (Judas) gleichfalls zu den Wankenden gehört.“

„Ohne weiteres geht niemand gern von uns in ein Wespennest“, Rom gemeint. „Außerdem gehört dazu ein großes Wissen, man muß das römische Gebaren kennenlernen, als es bisher uns gelungen ist. Bei dem Beutelträger wird es nicht so schwer. Ich halte diesen Nazarener bloß für einen Schwärmer und will erst selber prüfen, ob Er wirklich so viel mehr vermag als ein gewöhnlich Sterblicher.“

„Gehe Ihm mal nach“, rät Maradju, „ist sogar gut, wenn sich einige von uns mit Ihm befassen. Hm, fällt mir eben etwas ein: einer müßte Ihm mit folgen, wie die kleine Schar, die ständig um Ihn ist. Wie wäre es mit dir, Meremoth? Du bist jung und habe ich gemerkt, daß der Nazarener junge Leute und sogar die Kinder lieber um Sich sammelt, als alte Leute, die oft störrisch sind.“

Es ist wie ein Drang, aus einer Seelentiefe kommend, die der junge Meremoth noch gar nicht kennen kann, als er sagt: „Ich will es tun, für uns und unser Ziel.“ Dabei hat er mehrmals schon gespürt, daß wohl das Ziel vergeblich wäre. Oh, gegen Rom bestimmt. Gegen jenen „Schwärmer“ — — Wer kann das vorher wissen? „Wenn ich also nicht beim nächsten Mal mit hier versammelt bin, dann wißt ihr, wo ich weile. Möglich ist, daß es Wochen dauern kann, bevor ich einen Hinweis finde, der uns wirklich dienlich wäre.“

„Bleib‘ nur, solang du kannst, ohne aufzufallen“, bestimmt Maradju. „Du mußt eben manchmal wie von ungefähr Ihn treffen. Vielleicht kannst du Ihn mal etwas fragen. Sprich aber nie von unserem Befreiungsziel. Weiß man, wie die Leute um Ihn denken, zumal die Römer?“ „Wo denkst du hin, Maradju!, dann wäre leicht, ins Tribunat zu gehen und zu sagen: „Verlaßt unser Land, wir sind freie Juden!“ „Hm, wenn wir erst soweit wären“, in Überspanntheit lacht Churus, „hernach opfere ich zwei Widder und ernähre sieben Wochen lang zwei Witwen samt ihren Kinder.“

„Löblich, Churus, und ich glaube: ein jeder von uns würde tief in seinen Säckel greifen vor übergroßer Freude In ihrer Vorstellung, daß es so kommt, bald, ergehen sich die Männer in Zukunftsträumerei und jeder hat schon einen Plan bereit, was alles umzustürzen, was umzuändern, aufzubauen wäre und daß dann Maradju der Oberste des Volkes wird. Der streicht sich seinen Bart und ist stolz, weil man ihn schon jetzt erkoren hat.

Keiner achtet auf den jungen Meremoth, den man ohnedies im Kreise mehr geduldet hat als anerkannt; seines Vaters wegen ist er bestens einzureihen. Letzterer ist schon weit gereist, nicht bloß über nahe Grenzen. Viel hat er seinem Sohne mitgeteilt. Dieser senkt jetzt seinen Blick. Ihm kommt vor: die Alten, die doch klug sein müßten, gehen in die Irre. Rom auf diese Weise auszuschalten — weh, ganz vergeblich! Sein Vater war in Rom; und was dieser da erfahren hat, bringt Juda keine Friedenstaube. Doch er schweigt; er will ja selber gern sein Vaterland befreit zu wissen. Nur die Mittel müßten anders sein. Ob er bei dem Nazarener etwas richtet? Vielleicht — —

Indessen meldet sich Jedatja, der bisher meist geschwiegen hat. Er ist vierzig Jahre alt, hat auch einen etwas weiten Blick, doch wie alle bloß das eine Ziel: frei von Rom und die alte Lehre ihrer alten Väter allen Heiden aufzuzwingen. Absolut nicht bös gemeint. Nur die „Sicht“ fehlt ihnen.

„Es tagt“, mahnt Maradju. „Laßt uns durch die Gräben auseinander gehen. Feodar, sieh zu, ob du Anschluß an die Römer findest, etwa mit nach Rom genommen wirst. Kannst ja heucheln, zu unserem besten Zweck, möchtest ihre wunderbare Stadt gerne kennenlernen. Jedatja hängt sich jenem Beutelträger an, der ist sicherlich für Geld zu haben. Meremoth umschleicht den Nazarener.

Wenn Er so ist, wie ich Ihn betrachtet habe, kann für uns was zu gewinnen sein. Schließlich ist ER auch in unserm Volk geboren worden und gehört zu uns. Wie sollte Er denn unser Juda nicht bald frei und ledig wissen wollen? Ihr andern findet euch im nächsten Neumond wieder bei mir ein. Wer aber von euch dreien“, gemeint sind Feodar, Jedatja und Meremoth, „schon was erkundet hat, dann würden wir uns freuen, schon recht bald etwas zu hören. Allein bei Feodar wird‘s länger dauern; da ist größte Vorsicht anzuwenden.“

Stumm geht man auseinander, nach und nach, in kleinen Gruppen.

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