Kapitel 3
„Sag‘ mal, lieber Freund, ich hab‘ dich oft bei meinen Wegen bei einem Mann gesehen, der mich äußerst interessiert. Zwar kommt Er mir nicht völkisch vor, wenn du es verstehst, was ich damit meine. Dennoch hinterließ Er bei mir einen sonderbaren Eindruck. Gehört hab‘ ich Ihn noch nicht, konnte leider niemals wegen vieler Leute nahekommen. Trotzdem macht er auf mich einen guten Eindruck. Wie heißt er denn? Und wieso sind es immer eine Anzahl Männer, die Ihm ständig folgen? Gehörst du auch dazu?“
Das sagt Jedatja, der ganz wie von ungefähr auf Judas Ischariot gestoßen war. Weltklug hat er einmal abgepaßt, als Judas sich auf einem Markt um Speise kümmerte. Sein Sack ist nicht sehr angefüllt und Jedatja zeigt darauf. „Ist das für dich allein, da mag‘s wohl reichen; hast du für andere mit eingekauft, wird euer Essen mager sein. Nun, mir kommt es auf ein paar Silberlinge eben grad nicht an, solltest du noch etwas brauchen.
Judas machte große Augen. Das hat er bisher nicht erlebt; scheint ein reicher Mann zu sein. „Nun ja“, zögert er ein wenig, „wir sind allerdings nicht reich, ich, die Gefährten und der Meister.“ „Wie? Meister? Wer ist denn das?“ Jedatja weiß es zwar, daß man den Nazarener „Meister“ nennt, auch daß Er JESU heißt. Will er aber viel erfahren, muß er tun, als ob er jetzt ein Lichtlein brauchen würde. Judas, noch jetzt guten Sinnes, soweit sein Wesen es vermag, hängt am Herrn, er ist stolz, zu Dessen Jüngern mit zu zählen.
„Ah ja, du würdest staunen“, sagt er daher, „wenn du Ihn, unsern Meister, einmal nahe kennenlernst. Wenn du willst, kann ich das vermitteln.“ „Wirklich?“ tut Jedatja, als wäre es das Höchste, was ihm widerfahren könnte. „Da wäre ich dir sehr zu Dank verpflichtet. Und hier — nimm noch drei Silberlinge, kauf‘ genügend ein.“ Dabei will Jedatja weniger den Heiland kennenlernen, an den sich Meremoth zu hängen hat. Judas, den man Beutelträger nennt, diesen will er fangen, wie es eben geht. Davon merkt Judas nichts; erst an seines Lebens Ende wird er dieses Spiel durchschauen. Dann — oh, dann — hier vorausgesagt — ist‘s für ihn zu spät.
Ehrlich freut er sich, mit den Silberlingen einzukaufen, was der Meister und die Brüder dringend brauchen. Weiß er denn noch immer nicht, daß der HERR, der nur jetzt Sein Schöpfertum, Sein Allmachtswesen deckt, solang dies nötig ist, all des Äußeren nicht bedarf, Er allein der Menschen wegen eben „menschlich wirkt“? Judas ist‘s noch längst nicht anzurechnen, wie keinem seiner Brüder, wie keinem all der Leute, die teils gläubig, oder viele nur als Spitzel Seinen Füßen folgen.
Freilich, für das Geld hat Judas noch viel übrig; jetzt aber aus der Freude um der guten Gabe willen faßt er eilig nach dem Mantel des Jedatja und zerrt ihn förmlich mit sich fort: „Komme mit“, sagt er, „der Meister ist bei einem Mann, den er gestern heilte. Doch Er will noch heute weitergehen, ich nehme an bis weit hinauf zum See Genezareth.“
„Ich käm‘ gern mit“, lügt Jedatja ohne Augenzwinkern, „ich habe aber einen Weg zu einem Freund, der auf mich wartet. Doch wir treffen uns bestimmt mal wieder, zumal ich auch viel reise.“ „Was tust du denn?“ fragt Judas. „So allerlei; weißt, man muß für liebe Freunde manches tun, um ihnen beizustehen, im Handel oder auch in anderen Dingen. Zudem bin ich vom Tempelrat mit eingesetzt, Synagogen und die Rabbis da zu überprüfen, Mängel abzustellen und zu sehen, daß nach unserem Glauben alles gut und rechtlich ist.“
„Viel Verantwortung, kein leichter Dienst“, meint Judas echt bedauernd. „Da ist es freilich möglich, daß wir uns begegnen. Der Meister geht ja durch das ganze Land. Manchmal ist es uns zuviel, die wir alle zeit Ihm folgen und tun es es aber gern. Lehren kann Er wunderbar und viel wundersamste Taten haben wir gesehen: Blinde, Taube, Aussätzige und was mehr, alle kann Er heilen. Aber manchmal ist Er auch sehr streng.“
„Streng? Warum geht ihr Ihm dann nach? Ich meine . . .“ Absichtlich hängt Jedatja eine Pause an. Er hat sich nicht verrechnet und Judas richtig eingeschätzt. Der zieht Jedatja etwas auf die Seite, mit vorgehaltener Hand flüsternd: „Wie die Unterdrücker sind.“ „Meinst du die Römer?“ „Wen denn sonst“, faucht Judas auf. „Lang genug ist unser Volk gequält. Oder denkst du etwa anders?“ Judas zieht erschrocken seinen Kopf zurück. Wenn der andere ein Spitzel Rom‘s — Nicht allein an sich gedacht, nein, jetzt noch an den hochgeliebten Meister, dem niemand nur ein Tröpfchen Wasser reichen kann.
„Keine Sorge“, beruhigt ihn Jedatja schnell, der leicht erkennt, wie es in Judas heftig gärt, aus ganz großer Angst. Und die wäre ja berechtigt. Denn wenn er, Jedatja, in der Tat ein Spitzel wäre — „Ich denke so wie du. Unser Juda hat die Knechtschaft wirklich lang genug ertragen. Aber wie uns befreien!? Hast du etwa einen Rat?“, lockt er den Jünger Jesu in die Falle.
„Mit Waffen sicher nicht! Und wie das ganze Volk auf einen Nenner bringen — da hapert es.“ „Der Lauen gibt‘s genug, nicht bloß in der Liebe und im Opfer für das Vaterland. Ach nein, auch der Glaube unserer alten Väter wackelt mehr und mehr. Ich denke, daß allein im Glauben etwas zu erreichen ist. Haben unsere Propheten, die wir heute bitter nötig hätten, nicht schon im Gebet oft viel erreicht? Kennst du die Geschichte des Elia?“
„Ist mir allgemein bekannt. Du hast ganz recht: so einer brauchte bloß die Hände auszustrecken und aller Ruhm und Glanz der Römer — ah! Doch wir brauchen den Elia nicht; wir haben Einen unter uns, der mehr vermag als alle unsere Propheten, stünden sie auf einem Haufen!“ „So? Meinst du etwa eueren Meister?“
„Eben den! Du hast keine Ahnung, was ER alles kann! Glaube mir: ich lebe nicht auf Wolken, laß keinen Sand mir in die Augen streuen; aber wenn man selbst erlebt, was Er kann, dann, Freund, dann kommt man an den rechten Glauben: wir haben Jenen unter uns, der eben vorsichtig gesagt — alles kann, was Er will!
Denk‘ mal an, aus der Ferne sogar hat er einen Knecht geheilt. (Matt. 8, 8). Zuerst war es uns gar nicht recht, weil es der Knecht eines hohen Römers war. Der, ein Hauptmann, hängt aber wirklich an dem Meister und folgt Ihm sehr oft nach. Nun ja, es mag auch unter Römern gute Menschen geben, wie es auch leider Dunkelmänner bei uns gibt. Habe ich darin nicht recht?“ „Genau“, bestätigt es Jedatja, lenkt aber von dem Thema ab.
„Du wolltest mir von euerm Meister sagen, was Er alles kann. Wirst sicherlich verstehen, daß ich skeptisch bin, Welcher Mensch kann alles? Ich weiß mir keinen.“ „Sprichst du von einem allgemeinen Menschen, gebe ich dir recht. Doch der Meister — weißt, wir selber rätseln über Ihn, weil Er manchmal ist wie unsereiner, dann wieder beinah unnahbar, erhaben und mit einer unsagbaren Kraft befähigt, die über alles Denken geht.
Ich war dabei, als Er des Römers Knecht von ferne heilte, hernach gleich einen Aussätzigen, der nah‘ des Todes war, die Schwiegermutter unseres Ältesten, Petrus ist sein Name, andere Kranke, viele, wurden gleich gesund. Dann noch was Außerordentliches, das mir bis heute unverständlich ist. Frage: kannst du auf dem Meer, wenn es tobt, der Sturm die Wellen haushoch peitscht, mit einem einzigen Wort die Flut besänftigen (Matt. 8, 26)?“ „Schneide bloß nicht auf!“ Jedatja zürnt. Ihm solch ein Märchen vorzusetzen, da müßte Sich der sonderbare Meister andere suchen, um das zu glauben, nicht ihn.
„Sei nicht ungehalten.“ Die beiden Männer gehen auf dem Feldweg, wohin sie sich zurückgezogen hatten, auf und ab. „Es ist weder eine Lüge, noch Übertreibung; und Hunderte, die am Ufer standen, können dir bezeugen, daß dieses Wunder stimmt. Wenn du uns, den Anhängern, dies nicht glaubst, wäre das nicht nachzutragen. Sogar Pharisäer, und die sind Seine Feinde, haben es bestätigt, daß der Meister bloß mit einem Wort den Sturm besänftigt hat.
Kannst wirklich staunen: Er hob die Hand, Sein Wort übertönte Sturm und Donnergrollen. Gleich — wie mit einem Hauch — war bei des weggewischt! Unbeschadet kamen wir am Ufer an.“ „Hm, kannst du mir einen Pharisäer nennen, der dabei gewesen ist?“ „Schon; bloß die meisten würden es niemals bestätigen, sie hassen Ihn ja sehr. Aber frag‘ sie mal, warum! Höchstens — ah, einer heißt Nikodemus, dieser war mal nachts bei Ihm (Joh. K. 3). Seither geht er oft dem Meister heimlich nach. Der würde dir die Wahrheit sagen.“
„Schade, den kenn‘ ich nicht. Muß ihn mir mal suchen. Sei nicht arg“, sucht Jedatja Judas zu besänftigen, weil der sich ungut angestoßen fühlt. Er lügt doch nicht? „Schau, es geht um unser Volk, da muß man alles prüfen, sonst kommen wir vom Regen in die Traufe.“
„Hast recht“, beruhigt sich Ischariot, „nur was den Meister anbelangt, auf Ihn lasse ich nichts kommen! Und“, wie frohlockend, als ob er, Judas, seinen Anteil daran hätte, „mit solcher Kraft, wie viel Leute es beweisen — sollte ER nicht Rom zerbrechen können? Es genügte ja, sie aus unserm Jordanland zu jagen.“
„Der Meinung bin ich auch“, gibt Jedatja zu, jedoch ohne Überzeugung. Selber will er sehen, was der Sonderbare kann; vor allem, ob Er auch im festen Glauben steht, jenen, den alle Welt erfahren soll. Jedatja wie die meisten seiner Gruppe ist ein eingefleischter Eiferer. Nur hat er einen guten Sinn und weiß rechts und links zu unterscheiden. Darin horcht er Judas aus.
„Ist euer Meister denn auch glaubenstreu? Du weißt es sicherlich, wie oft unser Volk bei Unterdrückung Heidengötzen ausgeliefert war und ist viel Gutes abgebröckelt. Den Glauben unserer alten Väter müssen wir an erste Stelle rücken; allein mit ihm, des sei gewiß, sind wir zu befreien.“
„Ob unser Meister jenen engen Glauben hat, wie du es meinst und allgemein auch üblich ist, möchte ich nicht unterstreichen. Er ist so ganz anders, man kann es nicht benennen. Von Gott spricht Er immer wunderbar, mit einer Ehrfurcht, die ER nicht braucht, aber in die Menschenherzen säen will. Vor allen spricht Er oft vom ‚Willen des Vaters‘. Diesen lehrt Er mehr als einen strengen Gott, den wir Jahve nennen. Noch hat Er diesen Namen nie gebraucht. Aber wenn Er von ‚dem Vater‘ spricht, dann ist‘s eigenartig. Es geht einem tief ins Herz hinein, und noch immer sind viele Leute, die Seinen Worten lauschen, still nach Haus gegangen.“
„Hm, muß ich mir erst überlegen. Von alters her haben wir es nie gehört, Gott als ‚Vater‘ zu bezeichnen.“ „Da irrst du aber“, widerspricht Judas. „Ich bin nicht ungeschult, habe manche alte Rolle eingesehen. Manches weiß ich wörtlich, wie etwa vom Prophet Jesaja: ‚Du bist doch unser Vater‘ und vom ‚Ewig-Vater‘ ist auch die Rede (Jes. 9, 5; 63, 17). Auch Jeremia hat Ihn ‚lieber Vater‘ genannt, und Gott von Sich Selbst: ‚Ich bin Israels Vater‘ (Jer. 3, 19; 31, 9). Doch sogar in Maleachi stand geschrieben: ‚Haben wir nicht alle einen Vater?‘ (2, 10) und weißt du, was da einer dumm gesprochen hat?“ „Woher soll ich‘s wissen“, lacht Jedatja ungewiß.
„Damit wäre Vater Abraham gemeint! Lächerlich und widerspräche all den Stellen aus den Rollen unserer Schrift. Eine Rolle, die man bloß anerkennt, wenn sie einer äußerlichen Sache dient (wie gut hat Judas noch gedacht), gilt doch nichts. Im Buch Sirach heißt‘s ja auch: ‚Herr Gott, Vater und Herr meines Lebens.‘ An zweiter Stelle: ‚Ich rief an den Herrn, meinen Vater und Herrscher‘ (23, 11; 51, 14). Wenn das nicht gelten soll, dann gilt nichts mehr auf der Welt!“
„Ereifere dich nicht“, dämpft Jedatja den erregten Judas. „Diesen Falles gebe ich dir recht; bin sehr erstaunt, woher du alles weißt und bin doch selbst bewandert. Na ja, man hat nicht so viel Zeit, um Altes auf zustöbern. Die Rollen kommen einem auch nicht leicht zur Hand. Der Tempel hütet sie wie Gold. Doch nun muß ich weiterpilgern, bin vom Weg zu meinem Freunde abgekommen. Es hat mich jedoch nicht gereut, bin froh, mit dir Gedanken ausgetauscht zu haben. Unser gemeinsames Problem. Wenn euer Meister auch so denkt wie wir, dann wäre Er gut zu gebrauchen. Es käme darauf an, ob Er erstens soviel Wunderkraft besitzt, um Roms stolzen Adler zu zerbrechen und zweitens: ob Er das auch will.“
„Die Macht hat er bestimmt“, sagt Judas, „ob er es auch tut — Das weiß ich freilich nicht, jetzt noch nicht. Sieh, noch ist‘s wenig mehr als ein Jahr, wo wir Zwölfe mit Ihm gehen. Mir kommt aber vor, daß Er Seine Kräfte steigert, wie auch Seine Reden sich von mal zu mal als mächtiger erweisen. Mir wäre recht, wir träfen uns des öfteren. In dir erkenne ich einen Mann, der tatkräftig auf des Meisters Seite stehen würde.“ Dazu verkneift Jedatja sich ein Lächeln. O Mann, wo denkst du hin? Ohne weiteres läßt er sich an keine Karre spannen, deren Ladung er nicht kennt. Jedoch freundlich reicht er Judas seine Hand.
„Wird schon werden. Wenn ich wüßte, wo du wohnst . . .“ „Hat keinen Zweck“, unterbricht ihn Judas, „bin fast immer bei dem Meister.“ Stolz hervorgehoben. „Kennte ich dein Zuhause, könnte ich dir leichter eine Nachricht geben.“ „Bin selbst viel unterwegs“, weicht Jedatja aus. Ha, wir — er meint die Zeloten — müssen große Vorsicht walten lassen. Judas denkt nicht weiter darüber nach. Mit einem Händewinken geht er übers brache Feld in Richtung Nazareth, wo ab zu der Meister Einkehr hält.
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