Kapitel 7
Wie nicht überall gegeben, stimmen Meremoth und sein Vater, der Altrat Sereboa, bestens überein. Letzterer ist ein hochachtbarer kluger Mann mit echter Herzensgüte, mit der er manches Ungut schon bereinigt hat. Widerwillig wird er vom Synedrium anerkannt, man muß mit ihm rechnen. Er hat auch bei Pilatus einen guten Ruf. Nun eben ist er einverstanden, als Meremoth bittet, ihn längere Zeit freizugeben, er wolle jenem sonderbaren Nazarener einmal folgen und sehn, was hinter Ihm verborgen ist.
Sereboa weiß zwar nicht aus eigener Schau, aus eigenem Hören, aber doch von guten Zeugen, daß der Sonderbare viele Wunder tut. O ja, Er hat im Volke viele Namen, aus Demut, Dank, Achtbarkeit, und von Widerlichen auch aus Haß und Niedertracht. Wo Demut, Dank und Liebe einen Namen prägen, nimmt das „Licht“ sie an, ob sie nun treffen oder nicht. Bei den anderen — wieviel an Heilsgüte aufgewendet wird — kein Mensch wird dies je erfahren. Denn das Heiligste bleibt im Heiligtum, in Gottes hehrem Sanktuarium!
Seit dem letzten Treffen der Zeloten sind wieder Wochen hingegangen, in denen Meremoth dem Heiland folgte. Ihn bedrückt das eine, weil sein Vater noch nicht weiß, den Zeloten anzugehören. Für den Vater steht Glaubenstreue mit an erster Stelle; jedoch Fanatismus, Übereifer lehnt er kategorisch ab. Selbst sinnt Meremoth des öfteren auf diesen Wegen, kreuz und quer durchs Land, wie es überhaupt gekommen war, bei jener Gruppe Eiferer dabei zu sein.
Wiederholt hat er den Herrn gesehen und gehört und war immer tief beeindruckt von der Kraft der Rede, von den Taten, von Ihm Selbst. Dann wieder hält sich Meremoth zurück. Noch hat er eine große Scheu, offen vor den Meister hinzutreten und zu bitten: Nimm mich auch mit auf! Ja, wohin? Zu was? Und was müßte er dann tun?
Fragen über Fragen, die seine junge Seele nicht bewältigt. Das „Ziehen“ aber bleibt: hin zu Ihm, uneingestanden und manchmal abgelehnt, aus alter Überzeugung. Diese ist jedoch schon brüchig, wird bloß noch hervorgezogen und sinkt ins Nichts, sobald er IHN, den er lieben lernte, näher sieht und hört.
Mit Thomas hat er auch noch nicht Kontakt bekommen und hat sich paarmal schon herangeschlängelt. Es kommt ihm vor, als ob jemand wie einen Strich gezogen hätte, wie eine Mauer aufgebaut. Meremoth weiß ja nicht, daß der HERR, der alles sieht und weiß, sein Herz zu Sich zieht, ohne einen Mittelsmann, den ER nicht braucht. Selbst ist Er der Mittler! Er allein vermittelt, und Er allein gibt Seine Gnade her — unausschöpflich.
Nach ein paar Tagen geht der Meister ziemlich rasch mit Seinen Jüngern und allerlei Gefolge aus dem Volke nach Bethanien, wohl wissend, was vorgefallen war und was geschehen würde. Diesmal, so nur der Leute wegen, gibt Er Sich beinah wie ein Mensch, der erst erfahren muß, was Seiner wartet. In Bethanien, wo der Herr wie oft mit Seinen Jüngern und manchem Anhang weilte, war vor Tagen Lazarus gestorben, dem das große Anwesen eigen war. Tief trauerten die Schwestern, Martha und Maria (Joh. K. 11).
Bei vielerlei Gerede, das Meremoth mit zu Ohren kommt, denkt er: ‚Was soll man denn in einem Trauerhaus? Bei Verlust eines lieben Menschen ist Trost meist billig. Nun ja, vielleicht hat Er einen extra großen Trost, weil Er stets so herrlich reden kann, und Seine Freundlichkeit ist nicht zu überbieten.‘
Schon will Meremoth sich wenden; noch ist er jung und geht nicht gern zu Trauernden, um während dieser Zeit seinen Vater aufzusuchen und heimlich seine Brüder, die Zeloten. Da sieht er eine Trauernde, scheint eine Schwester des Verstorbenen zu sein, eilig kommen und stürzt förmlich auf den Heiland zu. Er hört sie reden.
„Herr, wärest DU hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ So können Weiber reden, ohne Einsicht und Verstand, murmelt Meremoth vor sich hin. Ist die Uhr des Menschen abgelaufen, dann hört sie eben auf zu schlagen. Das ist GOTTES Sache! Noch jeder Mensch hat diese Welt verlassen müssen. Gut, habe viel gesehen, was der Sonderbare kann.
Gegen die Gewalt des Todes ist kein Kraut gewachsen, keines Menschen Kraft hält sie auf. Bin aber doch gespannt, was sich diesmal tut. Meremoth drückt sich wieder näher hin, damit ihm nichts entgeht. Es ist sicher wichtig, was er hernach den Brüdern melden kann. Er hört den Dialog zwischen dieser Trauernden und dem Meister, wie er Ihn, zwar heimlich, auch so nennt — noch uneingestanden, dennoch wie ein Licht in seiner Seele brennt.
Was? „Dein Bruder soll auferstehen!“ Oh, in der Frau hat er sich doch getäuscht. Die weiß Bescheid, daß es eine Auferstehung gibt, am sogenannten „jüngsten Tag“. Was man sich darunter vorzustellen hat, ist allerdings noch nicht verkündet worden. So viel er weiß, haben selbst die Pharisäer, die davon gesprochen, nie es aufgeklärt. Jahve, welche Übertreibung von dem „Mann aus Nazareth“! ER sei die Auferstehung und das Leben! Und wer an IHN glaubt, der würde leben, ob er gleich stürbe?! Entweder ist Er irre oder weiß nicht, wie Er gegen den Allmächtigen frevelt.
Es kommt eine zweite Frau gelaufen, weinend, und spricht laut den Meister an, wie es zuvor die Erste tat. Muß die jüngere Schwester sein. Die ist ja noch klüger, denkt Meremoth. Die bleibt gar nicht stehen, sondern eilt zurück. Indessen geht die ganze Gruppe aber weiter. Durch die vielen Leute war man nicht in Bethanien angekommen, wo der Verstorbene begraben lag.
Menschlich ist Er doch, gehen Meremoths Gedanken weiter. Er ist sogar betrübt. Über was freilich? Scheint geheimnisvoll zu sein. Schau an, da sind sogar Pharisäer, die sich durch die Menge drängen. Werden Spitzel sein, wie so oft bemerkt. Zornig ballt Meremoth die Fäuste. Wenn er bisher auch noch wenig weiß von dem, was heiligwahr geschieht: GOTTES Liebeweg für eine ganze Schöpfung, ahnt er doch, daß herzlich wenig Pharisäer gut und ehrlich sind. ER, der so viel Gutes tut, wird schwer verfolgt. Warum eigentlich —?
Nun sind sie bei dem Felsengrabe angelangt. Ein ziemlich schwerer Plattenstein ist in den Eingang eingefügt. O weh, das geht böse aus! Wie kommt der Mann dazu, zu gebieten, diesen Stein hinwegzuheben, obendrein, als die Frau (Martha) zu bedenken gibt: „Herr, er stinkt schon; denn er ist vier Tage gelegen.“ Und — „Du sollst die Herrlichkeit Gottes sehen!“
Wo? Etwa hier auf dieser Welt? Wo ist denn eine Herrlichkeit, wo sich die irren Völker gegenseitig unterdrücken? Auch oft der Mensch gegen Mensch!? Gottes Herrlichkeit ist in Seinem Himmel, sonst nirgendwo! Hast wirklich recht gedacht, junger Meremoth, weil du selber bisher Gottes Herrlichkeit noch nicht erlebtest. Außer — hm, sind die Wunder nicht auch Teile einer Gottesherrlichkeit? Die Leute drängen weiter vor, sie drängen auch zurück, als die Frau tatsächlich Dienern anbefiehlt, den schweren Stein hinwegzurücken. Neugier und Angst prallen aufeinander.
Nah‘ bei Meremoth stehen ein paar Templer. Einer wuchtelt wild mit beiden Armen: „Wenn die Bethanierin die Grube öffnen läßt, ist die geliefert, vor allem dieser — dieser — Beelzebub, der Nazarener! Die Leichenpest kommt über uns. Mich wundert, daß eben ‚seine vielgeliebten Römer‘, unbändiger Haß klirrt förmlich auf, „nicht zugegen sind. Die würden anderes tun als wir vermögen.“
Sagt ein Zweiter, der sein Gesicht in bittere Falten zieht: „Die Hände sind uns zwar gebunden, aber unser Weg ist nicht mehr aufzuhalten.“ Ganz leise: „In Rom haben wir schon einen guten Sitz; und Pilatus wird sich wundern, wenn ihm die Decke weggezogen wird.“
„Still“, warnt der Dritte. „Hört zu, was es gibt.“ Ja, noch hat Martha einen Augenblick gezögert; sie weiß, was auf dem Spiele steht. Doch in die guten Augen sehend, die so tief leuchten können, ganz anders als ein Menschenauge es vermag, kommt der feste Glaube über sie. Daß der Heiland Ungeheures vermag — oftmals hat sie es erlebt. Sie befiehlt ein paar Dienern aus dem Hause ihres Bruders, den Stein vom Grabe wegzuheben.
Diese kennen gut den Herrn, zumal einer unter ihnen, mit einem Brustleiden behaftet, gesund geworden war. Sie sind keine Freunde jener Templer, die bei Lazarus wie oft den ‚guten Helfer‘ stark belästigten. Sie sehen sie ja stehen, angefüllt mit Gift und Galle. Wäre dieser Nazarener bloß im Tempel, alsdann würden sie Ihn hoch erheben. Würde Er Sich nicht mit niederem Volk befassen, würde Er — geheim glauben sie daran — mit Seiner unfaßbaren Kraft die stolzen Römer brechen, dann — ja dann wäre Er ihr Mann!
Vier Burschen rücken an dem großen Stein; und sieh, er ist wegzuheben. Heraus tritt, mit Leichentüchern fest umhüllt, die Gestalt, löst selbst die Bänder und die Tücher und Lazarus steht da, erst genau noch sichtbar, daß er in der Tat gestorben war. Aber bald verwandelt sich der Tote in den Lebenden. Als er den Herrn, seinen Gott erblickt, fällt er betend vor ihm nieder.
„Das gibt‘s doch nicht“, flüstern die vier Templer. „Das gibt‘s doch nicht“, sagt Meremoth ziemlich laut. Er sah die Wandlung, sah sie genau. Kein Zweifel — ein größtes Wunder, wie nie zuvor gewesen ist und wohl bis ans Weltenende, von dem der Heiland auch gesprochen hat, jemals wieder geben wird. Noch einer ist ganz fassungslos: Jedatja. Er hatte sich weit vorgedrängelt und — mag es Zufall sein?, oder doch ein Weg? — er steht auf einmal neben Judas.
Jesu Jünger sind durch die allzu große Menge vom Herrn abgekommen; vergeblich hatten sie versucht, sich neben Ihn zu stellen, sind aber nah genug, um das Wunder ganz genau zu sehen, ebenso zu hören, was Unerhörtes vor sich ging. Alle, Judas auch, sind hoch beglückt, weil ‚ihr Meister‘ diese Tat vollbrachte.
Gewiß, Er hatte schon einmal zwei Tote auferweckt: des Jairus Töchterlein, den Jüngling zu Nain. Allein — beide waren ja noch Kinder, eben erst verstorben und nicht, wie Lazarus, vier volle Tage schon in einem Grab gelegen. Immerhin, beides waren gleichfalls weittragende Ereignisse gewesen.
In die Gedanken, die Judas überkommen, stößt ihn einer an, nicht grob, nur gerade so, daß er es merken soll. Jedatja, ganz außer sich von dem Geschehen, will unbedingt die Verbindung haben, schön, zuerst mit dem Beutelträger (Judas), über diesen aber mit dem Wundermann. Wenn DER in ihren Reihen ist, dann sieh zu, du stolzes Rom, was aus dir wird!
Da brauchen wir gar keine Waffen, kein Kriegsgerät, keinerlei Verbündete, die meist fragwürdige Helfer sind; wir brauchen nur — O ihr kleinen armen Menschen, was ihr euch zusammenreimt. Ganz gewiß braucht der Allmächtige weder Schwert noch Schild, noch sonst etwas, wenn Sein allweiser heilsgewohnter Wille über Seine Schöpfungswerke streicht, mit einem Hauch, mit Seiner Zeit, wie es zum Heile Seiner Kinder dienlich ist.
„Du?“ fragt Judas leise, weil nahebei noch ein paar andere Templer stehen, und denen sagt er nichts ‚ins Ohr‘. Daß die meisten von den Pharisäern bei dem Volke zwar gefürchtet, aber vielmals unbeliebt gewesen sind, zumal in dieser Zeit, war nicht verwunderlich. Rom nahm schon hohe Steuern; der Tempel- und der Mosezins wurden trotzdem nicht verringert, oder gar einmal erlassen, wo die Armut in den Hütten herrschte. Doch die wenig Guten kannte man, und gegen die erhob sich nie ein böses Wort.
Bei Judas war der Ärger ganz verständlich; nicht bloß, daß ‚Sein Meister‘ die Hohen das Otterngezüchte nannte (Matt. 3, 7 u.a.), sondern weil er selber gern ein Geld im Beutel sammeln mochte. Jetzt, er weiß nicht, wie falsch sein Denken ist. Ach ja, in einer Hinsicht gut, er bläht sich förmlich auf. Ha, da sollen sie nur kommen, die Großgemachten, ob Römer oder Templer — nachmachen sollen sie, was hier vor sich ging, was der Meister alles kann!
„Hast du gesehen, was hier geschah? Siehst du ein, daß ich dir von unserem Meister keineswegs zuviel versprochen habe? Das kennt die Weltgeschichte nicht, so eine Tat! Aber merke auf, Jedatja, was diese“, heimlich zeigt er auf die Templer, „daraus machen!“ „Wieso? Sie sehen es doch selbst, daß — es ist wirklich kaum zu glauben, und meine Brüder, wenn die das hören, schütteln auch zuerst die Köpfe — ah ja, daß dort ein Auferstandener steht. Man sieht das Grab ihm an, obwohl er aufrecht steht. Hab‘ gesehen, wie er seine Leichentücher selber von sich löste. Wohl, ein Diener hat auch mitgeholfen, aber sonst — ? Unerhört, ganz unerhört!“
„Ich will Ihn dazu bringen“, glüht der dunkle Blick des Judas, „daß ER dem Volke hilft. Er muß unser König werden!“ „Es wäre wunderbar“, stößt Jedatja in das gleiche Horn. „Irgendwie mußt du es schaffen, daß Er zu meinen Brüdern kommt. Sei nur gewiß: wenn wir geheim auch nur erst Wenige sind, an die hundert, aber unterm Volke haben wir schon längst gewirkt. Es braucht nur einen Ruf, und deinem — na ja, könnte etwa sagen: unserm König läuft das Volk mit Jauchzen nach (Palmsonntag). Erst mal nehme ich dich mit zu unserer Beratung; wenn wir beide davon zeugen, was in Bethanien geschah, alsdann wachen sie erst richtig auf.“
„Wann“, giert Judas. Mit an einer Spitze stehen — von Kindheit an war das sein Traum. Zwei Stimmen herrschen in ihm vor: dem Heiland ehrlich nachzufolgen aus dem Glauben, weil viele ehrbare Männer immer um Ihn sind, im Lauf der Zeit, als immer mehr an Wundern sich erfüllten. Dann trat bei ihm jene andere Stimme in den Vordergrund: neben diesem hohen Wundermann den Anteil daran haben, auch Bewunderungen einzuheimsen und was mehr.
Keiner von den beiden ahnt, daß der junge Meremoth noch näher steht und jedes Wort vernommen hat, vom Herrn, von Martha, von anderen, trotz Geschrei und viel Gedränge einer großen Masse, die kaum das Geschehen einzustufen weiß.
Manche jubeln, manche möchten vor dem Heiland niederknien, zumal viele, die gesund geworden sind. Etliche der guten Römer sind auf dem Posten. Vom Volk erwarten sie nichts Böses, wenn auch einer und der andere mit scheelen Augen blickt und manch Widerwort erfolgt. Nein, den Pharisäern gilt die große Wache. Die machen selbst die Fehler und wundern sich hernach, weil einige von ihnen fortgetrieben werden. Denn einer schreit auf einmal laut:
„Welch ein Betrug! Seht, ihr lieben Leute, welch ein Teufel hier am Werke war! Das ist ein Spiel gewesen, und wir vom Tempel wissen ganz genau, daß Lazarus und seine argen Schwestern diesen Nazarener hoch erheben wollen. Wir würden uns nicht wundern, wenn sie Ihn zu ihrem König machen!“ Wie bald das geschieht — keiner weiß es, und daß ein „machen wollen“ keinerlei Erfüllung nach sich zieht. Jetzt höhnt der Templer weiter:
„Was sagt Rom dazu? Hahaha, da wird Er schnellstens abgefertigt sein und geschieht Ihm recht, wenn Er die Justitia kennenlernt!“ Jetzt greift ein hoher Römer ein, er faßt den Templer am Habit, zornig rufend: „Du Heuchler, du Wort- und Tatverdreher! Tausende haben es gesehen, daß der Meister einen Toten, vier Tage lang im Grab gelegen, wieder lebend machte!“
„Bist du ein Römer und läßt dich blenden?“ Der Templer sucht sich zu befreien, wird aber festgehalten. „Das liegt klar auf der Hand: das Grab war vorbereitet worden, der Stein nicht festgefügt, damit genügend Atemluft vorhanden war. Man gab Lazarus Trank und Speise mit, alles nachts getan. Freilich, die Leichentücher mußte er schon tragen, damit es echt geschah, das Wunder!“
‚Jetzt bist du dran“, sagt der Römer. „Ich kenne Lazarus und seine Schwerstern, in denen nie ein Trug gefunden ward. Du und deinesgleichen brauchen nur den Mund zu öffnen und Lug und Trug spritzen einem gleich entgegen. Schau, daß du heil nach Hause kommst, etwa schlägt dein Volk dich nicht noch nieder.“ Hastig rennt der Templer fort, so daß rundum die Leute lachen, ungeniert auch mit den Fingern auf ihn zeigen. Sagt ein anderer Priester, der gleichfalls diese Szene sah und hörte, zu dem Römer:
„Du sprichst meine Brüder unbarmherzig an, allein — diesmal gebe ich dir recht. Auch ich kenne Lazarus. Niemals hätte er sich zu solch unerhörter Tat verleiten lassen. Zudem hatte er den Meister, viel zu lieb und verehrt.“ Leise angefügt: „Wenn auch hart, so habt ihr oft dem Volk geholfen, gegen — Schweigen.
„Wie heißt du denn?“ „Nikodemus. Ich hab‘ Ihn lieben gelernt, Er hat unerhört viel Gutes getan. Ach ja, Unrecht haben manche meiner Brüder, die Ihn verfolgen. Auch heute — diese Tat — gerade jetzt, die wahrlich bloß ein GOTT vermag — ich will nicht prüfen, was das nach sich zieht.“
„Von jenen Templern, über die wir Römer bloß noch lachen, ganz bestimmt nichts Gutes. So wie du, werden unter euch nicht viele sein. Ihr Wenigen werdet also auch nichts richten können. Allein — noch sind wir da“, der Römer zeigt auf seinen Harnisch, auf seine Waffen, „also steht der Meister unter unserem Schutz!“ O ja, ehrlich ist‘s gemeint. Sie werden alles tun, auf den Herrn zu achten. Wer weiß jedoch vom „UR-Heiligen Geschehen“, von der Voll-Erlösung, die der HEILAND auf Sich nimmt — —
Nikodemus seufzt. „Mir wäre recht, Ihr könntet vor den Falschen Ihn bewahren. Manchmal kommt Er mir so vor, als brauche Er die Hilfe, dann wieder ist Er hoch erhaben, so — Schau ich auf ins Firmament — ich kann‘s sehen, aber niemals fassen.“ „Ein herrlicher Vergleich!“ Der Römer klopft Nikodemus auf die Schulter. „Komme mit, wir wollen näher gehn, wer weiß, ob nicht schon jetzt . . .“
Es wäre beinah zum Tumult gekommen; denn viele Szenen spielten sich indessen ab, Hin und Her, Für und Wider, alles läßt sich nicht berichten, was diese Tat hervorgerufen hat. Viel Gutes ist dabei, viel Arges, ein Streit des Himmels und der Hölle. Wer wird Sieger sein? Liebe Menschenkinder: immer bleibt das Licht in seinem Regiment, auch wenn es die Materie verhüllt, wie ungeschehen macht. Die kurze Zeit nach Bethanien wird es lehren.
Meremoth hat sich weggeschlichen. Er hat genug gesehen und viel gehört. Er schiebt das Böse, Arge, was er mit erlebt, weit von sich weg; und — so jung er ist — ihm geht es auf: Niemals wird der Meister für ein Äußerliches zu gewinnen sein. Nie!
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