In aller Frühe trabt Obadja polternd durch die teils gehärteten Gassen Samariens. Er hat es eilig. Die Wächter starren ihm wie einem Geiste nach. Wie ein Lauffeuer ging es durch alle Hof-Instanzen, er sei tot. Als Ahab nun von Obadjas Rückkehr hört ruft er ihn zu sich, ehe er sein Menschliches mit dem Mantel seiner Herrscherwürde voll bedeckt. „Obadja!“ Aufrichtig ist die Freude, die des Dieners Dienste nährt. „Wir dachten, du bist am ‚Bösen Strich“, so hieß die gefährliche Stelle, über die Elia mit dem Hofmann ging, „ertrunken oder der verkappte Gesandte hätte dich geschnappt.“ „Ich?“ Obadja ist das Fragezeichen selbst. „Woher weiß mein König, daß ich am ‚Bösen Strich‘ den weißen Mantelträger suchte?“
Verraten! Ahab beißt sich auf die Lippen. Doch mit blitzartigem Geschick meistert er die Lage: „Ich war um dich besorgt. Überall konnten Fänger lauern und ich hätte meinen unentbehrlichen Hofmarschall verloren.“ Obadja kniet vor soviel Gnade nieder, doch nur um seine Augen zu verbergen, in denen es verdächtig glimmt. Alsbald aber bricht sein neues Wesen durch. Sich erhebend, sieht er Ahab starken Blickes an und berichtet sein Erlebnis. Nur Gottes Aufgabe gibt er nicht preis, weil sie sonst nicht mehr zu erfüllen wäre; wenigstens nicht am Hofe zu Samaria.
Erst lacht Ahab, laut und immer lauter, nennt Obadja einen Toren, der den Spion im Hirtenmanne nicht erkennt und hält lächerliche Widerreden. Als er jedoch vom Übergang am Bösen Striche hört, was sich mit den Berichten seiner Späher deckt, da vergeht ihm sein Gelächter. Angstvoll forscht er in Obadjas Augen, denn nur zu gut merkt er die Veränderung an dem Vasallen.
„Glaubst du wirklich, er sei ein Prophet? ein großer?“ Ahab, der alle Schlechtigkeiten schlechter Könige des ausgesuchten Volkes übertrumpft, zehrt an einer Pest: Angst vor Gott!, den er gleichfalls nur vom Rücken her betrachtet, richtiger: dem er sich Rücken gegen Rücken stellt. Dem Hofmeister wird Ahabs seelisches Geschwür im Augenblick erkenntlich. „Unbedingt“, entgegnet er deshalb mit großem Nachdruck. „Außer Mose war in Israel noch kein Prophet, wie der Thisbiter einer ist! Wir“, er betont die Zusammengehörigkeit absichtlich und zeigt dabei auf Ahab und auf sich, „müssen mit ihm rechnen. Ich denke, er tritt alsbald in Samaria auf, nachdem schon viele Fremde seine Kräfte würdigen.“
„Geht er denn ins Ausland?“ „Ja! Er ist ein angesehener Gast bei Benhadad und . . .“ Ahab schellt bei Nennung dieses Namens unköniglich von seinem Throne hoch. „Was haben Israelen, vor allein ein Prophet, bei fremden Königen zu suchen?“ Der Hofmann sieht den hinter Zorn versteckten Schreck des Herrschers. Er verbirgt sein Lächeln nicht, als er erwidert:
„König, du warst oft in Syrien.“ „Das ist was anderes! Ein König muß zu Königen die Straße offen halten.“ „Richtig! Und ein Prophet muß zu vielen Herzen Gottes Gnadenstraße offen halten.“ „Deren gäbe es in Israel genug, zumal . . .“ „. . . zu seinem König, der ihn scheint‘s wohlwollend bedenkt.“ Obadja fürchtete sich nie, Ahab in das Wort zu fallen, wenn er dessen offenbare Lügen sah. Bisher war ihm das auch nie verübelt worden, weil der Hofmann wirklich unentbehrlich ist. Jetzt trifft Obadja zum ersten Mal ein niederschmetternder Blick aus unbeherrschten Herrscheraugen. Zu jeder andern Zeit wäre jener klugerweise ausgewichen. Heute hebt er sein Haupt höher, dem König furchtlos entgegen.
„Mein König, hatte der Prophet schon Zutritt zu Samarias Hof? Die Fremden holen sich seit Jahren bei ihm Rat. Benhadad fragte an, ob es gut sei, eine jüdische Prinzessin zu seiner Königin zu machen.“ „Hat — hat das der Thisbiter dir gesagt?“ Ahab fürchtet sich, daß der Syrier verriet, auf welche Weise er des Schwagers Tochter angeboten hatte. So unwürdig! Obadja nützt den Umstand aus. „Ja; der Prophet erzählte, wie Benhadad über diese Sache denkt. Da ihm ein guter Stern verheißen ward, nahm er Judith um so lieber, weil er sie schon liebte, ohne dieses zu verraten. Judith wird weder Kebsweib noch Sklavin!“ Der Hieb sitzt. Aschfahl im Gesicht dreht sich Ahab um. Er ringt nach Fassung. Doch seine Schlechtigkeit beschwichtigt sogar seine Angst: er wendet sich Obadja wieder zu und sagt hoheitsvoll:
„Hast du Gelegenheit, so sag‘ dem Thisbiter: König Ahab hat keine Verwendung für einen den Heiden dienenden Propheten, weder bald noch später. Wir sind Israeliten!“ Er reißt förmlich aus, so der Antwort seines Obersten entgehend. Ein Diener kann kaum schnell genug den Vorhang raffen. Obadja begibt sich ruhigen Gemüts an seine Pflicht, die er den Burginsassen gegenüber wie üblich erfüllt, bei Fremden und Hilfe suchenden jedoch ganz anders als bisher, so daß er zu seiner eigenen Verwunderung im Land bald viele Freunde hat.
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