Ahab und Elia stehen sich gegenüber. Glaubte aber der König, der Prophet, — durch Hetzreden beim Volk verhöhnt — wäre ohne Anhang, so sieht er sich enttäuscht. Hadad-Rimmon, zwar ein kleines Nest, ganz Megiddo, dazu viele Bergbauern des Karmel, soweit sie in der Nacht zusammenlaufen konnten, stehn geschlossen hinter ihm. Ein Wort, am Vorabend dieses denkwürdigen Tages gesprochen, brachte Elia einen unanfechtbaren Sieg. Finstere Gesichter richten sich auf Ahab, und drohend heben sich geballte Fäuste.
Die Streitwagen fahren hinter Ahab auf, während das Fußvolk als schwacher Gürtel die weite Fläche vor dem Tor umgibt. Ahabs Zorn kennt kaum noch Grenzen. Ja — sieht es nicht so aus, als ob Obadja ihm die böse Falle stellte? Warum zehn Fechtwagen statt siebenhundert?, nur eine Lanzenschar statt zehn? Sollte er Elia nicht allein begegnen? Dessen Schar ist dreimal stärker als die eigene. Und daß die Bauern Waffen tragen, braucht niemand erst zu untersuchen.
Knirschend vor Wut pfeift der König Obadja an. Dieser fühlt sich aber ohne Schuld und unter Gottes Schutz. Furchtlos sagt er: „Zieh dein Schwert und töte mich an dieser Stelle, wenn ich dich in eine Falle trieb! Wie ich den Thisbiter kenne, ist‘s ihm nicht recht, daß das Volk sich sammelte. Schau hin, er heißt sie alle zum Babarhügel gehen, aber . . .“ Ahab winkt ab; voll Schadenfreude läßt er die Menge aus dem Kordon heraus.
Lubbar flüstert Chraboth zu: „Der König schafft sich selber heute einen Unglückstag. Läßt man denn Bewaffnete aus dem eignen Wehrring schlüpfen? Sind‘s auch ungeübte Leute, — doch im Zorn sind das die Tapfersten. Vom Babar können sie das Ganze prachtvoll übersehen und lawinenartig unsre kleine Schar begraben.“ „Hm, wenn Elia nicht ihr Feldherr wäre! Doch höre, was es gibt.“ Elia steht einen Steinwurf weit vor dem Königswagen. Er hebt seine Hand.
„Ahab, der HERR rief dich und du bist gekommen. So höre auch Sein Wort! Doch damit du merkst, daß weder Obadja noch ich dir eine Falle stellten, sondern GOTTES MACHT erkennen sollst, so gebiete deinen Kriegern, sich zur Babarhöhe umzuwenden. Die Gefühle sind nicht angenehm, den Feind im Rücken auf einem Berg zu wissen.“ Ahab läuft blaurot an. Das muß er sich von einem hergelaufenen Propheten sagen lassen?! „Obadja, freue dich; ich habe dies und vieles mit dir abzurechnen!“ zischt er zitternden Mundes seinem Marschall zu.
Gelassen entgegnet dieser: „König, du entzogst mir für heute die Befehlsgewalt.“ „Mit andern Worten: Eine Schlappe verdreckt meinen Königsschild?!“ Obadja verschluckt das Ja. „Du befiehlst; Ruhm und Verlust sind dein.“ Ah, wenn man diesen Burschen nicht so nötig brauchte, weil der Syrier zweiunddreißig Könige unter seinen Hut gebracht, — auf der Stelle würde er ihn richten. Der Thisbiter bucht für sich ein Doppel: Den beispiellosen Mut, sich allein im Wehrring zu befinden und — die vortreffliche Stellung seiner Truppe.
Es kostet Ahab seine halbe Ehre, Obadja die Befehlsgewalt zurückzugeben. Das wäre gar nicht nötig, würde er GOTT anerkennen. Der Staatsmann weiß den armen Glanz zu retten. „König Ahab, in mancher Schlacht fochten wir zusammen. Als Ritter kämpfst du tapfer, wenn die Verantwortung auf andern Schultern ruht. Heute bedarf es dessen nicht; heute hat sich nur das Herz vor dem Ewig-Heiligen zu beugen. Tust du das, so kommt Gnade über dich und Israel.“
Inzwischen ist Elia vor die acht Rosse hingetreten. „Ahab, zeige an, wessen Wille in dir wirkt.“ „Was geht dich mein Wille an, du Meuchelmörder, du Landestöter? Bist du es nicht allein, der Israel verwirrt?“ „Nein, ich verwirre nicht, sondern du und deines Vaters Haus! Wer GOTT verläßt, tötet Volk, Sippe und Familie! Omri und die Vergangenen hinkten vor dem Herrn; du aber gehst auf Krücken! Zeige nicht höhnisch deine Füße vor, denn du tust Schlimmeres, als alle bisherigen Herrscher insgemein. Sie ließen Baal ins Land; du jedoch handelst wider jede Wahrheit, jedes Recht!
Ich tat dir Gottes billige Forderungen kund: Die Baalhäuser zu zerstören, die erdrückenden Steuern aufzuheben, durch die nur die Baalbuhler herrlich und in Freuden leben. Ihre Bosheit, die durch sie verschuldeten Tränen ließen das Rote Meer überfließen, würde man sie sammeln. Ich sagte: Laß die Höhen wieder friedliche Weiden werden. Nicht einmal vom wirtschaftlichen Standpunkt aus sahest du die Wunde, die du deinem Lande schlugst, indem die besten Weiden die Diener toter Steinfiguren statt lebendige Tiere nähren.
‚Wahrlich’, sagt der Herr, ‚es ist gut, ein Haus zu haben, in dem die Menschen sich zu Meiner Ehre sammeln; doch die Herzen sind der beste Tempel, wo man Mir die Liebe opfern kann!‘ Du nahmst dem Volk viel Lebensraum, der Israel auch irdisch dienstbar war, das Land, das Josua unsern Stämmen gab. Das Brot nahmst du den Kindlein und hast statt dessen Steinen opfern lassen. Nicht ich habe Israel in dieser schrecklich armen Zeit verwirrt, sondern du allein!“
Vom Babarhügel hallt der Bauern Murren nieder; gerade sie verloren gutes Land. Ahab droht, sie durch die Kriegswagen niederwalzen zu lassen. Doch die starken Hirten heben spottend ihre Waffen hoch. „Deine Streitwagen, König, haben auf der Höhe schlechten Raum. Bei vollem Sturm sausen sie in die ‚Tote Schlucht‘ hinab.“ Ahabs Wut verliert die Zügel. Die Leute haben recht, und er ist wehrlos. Auch das hat er dem Thisbiter zu verdanken. O — wenn er könnte! Doch er ist gebunden. Mit beißendem Hohn verdeckt er dies und ruft:
„Ich verlöre gern zehn Wagen, um euch in die Tote Schlucht zu stürzen! Aber du, Thisbiter, sollst tausendmal zur Hölle fahren; du allein hast das große Unglück über mich gebracht!“ „Es gibt keine Hölle, Ahab, in die man hinabfahren kann, als einzig in die gottlose Leere seiner eigenen zerstörten Seele! Deine ist zerborsten, sie wird auf Erden nimmer heil. Was aber meine Seele in sich trägt, das wirst du bald genug erfahren!
GOTT fragt dich nun ein Letztesmal: Willst du dem Volk die Höhen wiedergeben, die Baalhäuser abbrechen, deren Priester aus dem Lande weisen? Rede, und GOTT wird sagen, was geschieht!“ Nur seiner Wut gehorchend, brüllt Ahab ohne Überlegung: „Nein, ich tu‘ es nicht!“ „Auch nicht, wenn der Himmel weiterhin verschlossen bleibt?“ Sogar den rohesten der Söldner klopft in Angst das Herz. Wäre es nicht gut, Ahab sagte ja, nur damit es endlich regnet? Er ist König; er kann später wieder anders handeln, wie er will.
Des Tages gleißende Helle beißt böser in die Augen als ein Frost der Winternächte. Regen! „König“, sagt Obadja tiefernst, „laß Gott walten, richte das Lebendige auf. Hörst du die Lüfte sich bewegen? Kein Wind, keines Menschen Stimme, sondern Gottes heiliger Mund spricht zu dir!“ Die Wut vergeht Ahab, dafür nimmt Ratlosigkeit von ihm Besitz. Aber Gott wurde ihm solch leerer Begriff, die letzte Nebensache von allen menschlichen Nebensachen. Was soll er mit Ihm beginnen? An Ihn glauben —? Er glaubt nur an sich selbst. Hm, die große Not, der wirtschaftliche Standpunkt muß erwogen werden.
„Gut“, lenkt er ab, „die Bauern erhalten ihre Weiden wieder.“ Er rechnet damit, daß die Gebirgier zufrieden abziehen und sich einen Deut draus machen, ob noch ein Baalhaus steht, zu dem sie schon aus Arbeit und Bequemlichkeit höchst selten kommen. „Die kostbaren Baalhäuser, mit so vielem Aufwand hergestellt, bleiben; sie sind meine besten Pfründe! Denn die Fremden bestaunen sie und zahlen hohe Eintrittsgelder.“
„Armer Ahab, wahr hast du gesprochen! Das Blut gerechter Männer ist der Grund der Lasterhöhlen, Witwen- und Waisen tränen sind ihr Gemäuer, die Not des Volkes ist das Dach. Wahrlich — der Aufwand ist unerhört! Aus Tränen, Not und Tod hast du den Götzen Gold gemacht! GOTT sagt es dir: So wahr der Himmel über uns ist, so wahr wirst du geächtet sein unter allen Königen auf Erden! Und so wahr Er aus dem Bogen Seines Bundes und der Gnade die Erde segne, so wahr wird sie dich nicht aufnehmen, wenn du heute GOTT nicht anerkennst!“
Kein Mensch rundum, der nicht sein Haupt erschüttert neigt. Ahab friert. Was ist zu tun? Er steht auf einem reich verzierten Fechter, der Thisbiter wie ein Wanderbursch vor seiner Rosse Huf. Soll er dem Lenker sagen, die ohnehin erregten Tiere loszulassen? Schon will er nach den Zügeln greifen, da sieht er sich durchschaut. Elia faßt dem vorderen Leitpferd in den Zaum; da halten die acht Rosse still wie Lämmer und senken ihre fein bemähnten Köpfe.
„Ahab, ausweichen nützt nichts! Hast du keine Antwort, dann auf der Babarhöhe dein Volk.“ „Die paar dreckigen Hirten nennst du mein Volk? Da müßten alle Großen aus ganz Israel beisammenstehen, dann hörten wir des Volkes Wort!“ „Nein! dann hörten wir nur die von dir beschnittenen Zungen!“ Elia wendet sich an die Leute, ihren Zorn besänftigend, der durch Ahabs tolle Rede aufgelodert ist.
„Bauern vom Karmel, Bürger von Megiddo, seid gute Vertreter Israels und bekennt vor unserm Heiligen Gott, was geschehen soll.“ Einmütig donnert es herab: „Nieder mit Baal! Austreibung der Baalischen, Zertrümmerung der Baalhäuser, Baalaltäre und Ascherabilder; und auf den Höhen sollen unsre Herden weiden, die uns Nahrung und Reichtum geben! Nieder mit Baal!“ „Des Volkes Urteil ist auch GOTTES Urteil, Ahab! Willst du dich beugen, so fließt kein Blut; denn der Höchste will ja alle armen Seelen retten. Bist du gegen diesen Spruch, so wirst du allein der Schuldner alles dessen, was geschieht, wie du es bist für jenes, was in der dürren Zeit geschah!“
„Ich kann nicht“, murmelt Ahab. Elia stellt ihn vor dem Volke bloß. War das nicht unter vier Augen abzumachen? Sich aller Würde zu begeben ist unmöglich. Hilflos fragt er Obadja:
„Was soll ich tun?“ „Anerkenne Gott; und deine Ehre wird zum reinen Schild, der deine Bürger glücklich macht.“ Mißgelaunt wendet Ahab sich ab. Mit dieser Antwort kann er nichts beginnen, richtiger: er will sie nicht befolgen. Und wieder zum unbeherrschten Herrscher werdend, ruft er aus: „Nur die Höhen gebe ich frei, damit es regnet!“ „Wer soll regnen lassen?“ Elias Frage zerreißt Ahab ganz. „Wer? Der ihn weggenommen hat!“ „So sprich mit Gott; denn der Allmächtige gibt und nimmt, wie es Ihm wohlgefällt.“ „Ich? Zu was gibt es denn Propheten? Rede du mit ihm, daß es geschieht.“ „Nun hast du mich vor deinen Kriegern und dem Volk als Gottes Sendling anerkannt“, sagt Elia. Ahab erbleicht. Genau das Gegenteil will er. Nie anerkannte er ihn als Prophet; und lieber wäre er gestorben, als es freiwillig zu bekennen. Nun hat jener ihm vor Zeugen das entlockt. Schlappe über Schlappe: soldatisch, politisch, wirtschaftlich und — Mann gegen Mann. Unerhört! Er kann nur noch retten, was zu retten ist, indem er sich Bedenkzeit vorbehält. Sonderbar — der Thisbiter scheint auch den Gedanken abzulesen und kommt dem König gleich entgegen.
„Ahab, heute in acht Tagen sammele dein Volk, die Baalpriester des Baal-Sebub-Hauses und die Ascheradiener von Samaria an dieser Stätte. Wir steigen auf die ‚Obere Trift‘, auf der seit fünf Jahren kein Vieh mehr weiden durfte. Dort, hör es gut, Ahab, entscheidet GOTT! Denn du hast entschieden und das Volk; so ist es billig, daß der Heilige Sein Amen zu dem einen oder andern gibt, um die Macht Seiner Herrlichkeit zu offenbaren, unter derem gnädigen Bund eine jede Gottes-Seele trostvoll leben kann.“
„Ja, ja, so soll‘s geschehen! Bist du gewiß, Elia, daß es: alsdann regnen wird?‘ „Ja, Ahab, wenn du dein Wort hältst!“
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