Im Buschwerk einer Anhöhe versteckt, sieht Obadja dem Heerwurm nach. Als eine Bodenwelle die Nachhut schluckt, atmet er erleichtert auf. Er springt von seinem Rappen und führt ihn unterhalb des für ihn heilig gewordenen Berges auf einer Weide, die dem erschöpften Tier Futter, Wasser und Schatten spendet. Die eigene Ermattung, die ihn nach aller Mühsal überfällt, wirft er von sich ab. Droben warten die Propheten; alles andere ist Nebensache. Er denkt gar nicht daran, daß der verdiente Jubel ihm entgeht.
Atemschwer steigt er auf, manche Stelle kürzend. Droben sagt Gott freundlich: „Obadja hat es eilig, euch zu sehen.“ „Herr“, erwidert Elisa, „wüßte er, daß DU hier oben bist, keinen einzigen Gedanken würde er an uns verschwenden. „Schon recht, Elisa, und Elia hat Mich schief genug betrachtet, weil Ich solches sagte. Doch wenn Meine Kinder, sich, so herzlich liebend, in Sehnsucht zueinander eilen, so ist das jener Liebe Grund, der Mich zutiefst erfreut.“
„O, Dein Wort ist ein Beweis der Liebe, deren Du — scheint’s — immer eine ganze Handvoll bei Dir hast. Du streust sie aus, und wir stehen unter dieser goldnen Saat.‘ Elia legt die Rechte in seines Vaters Hände. „Doch nicht vorwurfsvoll blickte ich Dich an; ich dachte nur, daß . . .“ „. . . alle Ehre, Liebe, alles Sehnen MIR allein zu gelten habe! Du möchtest aller Menschen höhere Gedanken, die sich auf Mich beziehen lassen, Mir, dem Herrn der Schöpfung, übergeben.“
Welch einen Strahl zwischen Kind und Vater, ja zwischen Schöpfer und Geschöpf prägt das Gespräch. Auch Elisa schiebt seine Finger in Gottes linke Hand. So sitzend erwarten sie den Mann, der auf Erden mehr als viel am Halse hat; den die Sorgen aufzufressen drohen, und der dennoch GOTT vertraut; der den Armen hilft; Bedrohte rettet; Gefangene tröstet; kurzum — der das Liebewerk der Barmherzigkeit erfüllt; dem Gottes Gnade die alleinige Kraft bedeutet, mit der er seine vielen Bürden schleppt.
Die Rüstung klebt Obadja am Leib, das Wehrgehäng schleift nach; er achtet‘s nicht. Nur den Helm hängt er an den Gürtel, „Elisa, hilf deinem Bruder das Rüstzeug tragen.“ In langen Sätzen läuft Elisa abwärts. Tief aufatmend bleibt der Kämpfer stehen. Der Wind streicht kühlend vom Hermon her. Elisa mahnt, er möge oben rasten, sie hätten einen guten Platz. Das ‚gut‘ betont er außerordentlich. Obadja horcht auch gleich verwundert auf.
„Droben sind die Winde steifer als unterhalb des Kegels“, meint er, „doch wenn du es sagst, Elisa, wird’s wohl stimmen.“ Auch wo sich Gegenteiliges erwarten läßt, ist Obadja glaubensfroh. Elisa geht voraus, stellt das Rüstzeug an die Zeder und setzt sich wieder neben Gott. Dem Marschall zeigt sich dieses Bild, als er zitternden Fußes das Plateau betritt. Es bleibt unbeschreiblich, was in Blitzeseile ihn durchfährt. Er erkennt sofort den Herrn, ist aber unfähig, sich zu rühren. Auch fordert der erschöpfte Leib sein Recht. Ihm wird nur bewußt: ‚Der HERR hat auf mich gewartet — auf mich — —‘ Demut begräbt seine Seele im Lichtstrahl väterlicher Güte.
Elia und Elisa fangen den Wankenden rasch auf und führen ihn an Gottes rechte Seite. Liebevoll legt der Allmächtige Seinen Arm um den Geschwächten, den mehr das heilige Geschehen als seine völlige Erschöpfung umgeworfen hat. Alsbald durchströmt ihn eine wonnesame Stärkung. Der Herr hält ein Brot bereit und spricht:
„Iß, Mein Sohn, der Körper will das Seine haben.“ In Verwirrung, die des Hofmanns große Liebe um so deutlicher erkennen läßt, sagt er: „O Heiliger, Du bist wahrhaftig allen Geschöpfen ewig nur der VATER! Wie könntest Du sonst milde meine Armseligkeit bedenken, mit der ich bei Dir sitzen darf? Du kannst mich auch mit Deinen Worten stärken nach der schweren Schlacht, die Menschen heraufbeschworen haben, um Menschen zu töten. O — wie grauenvoll — —
Herr, Dir danke ich von Herzen, daß meine Hand heute keine Feinde tötete. Aber sieh, ich schäme mich jetzt nicht zu sagen: Der Durst ist größer als der Hunger. Hast Du, liebevoller Vater, nichts zu trinken?“ Während dieser Reden haben die Propheten Elias syrischen Mantel an der Zeder zum weiteren Schutze gegen Wind und Sonne aufgehängt. Der Herr sagt zu Obadja:
„Ich habe auch zu trinken, zuerst den Segenstrunk, weil du Mich so liebst. Doch irdisch sollst du erst das trockene Brot verzehren, daß die Dämpfe deines heißen Körpers dir nicht schaden können. Wir leisten dir dabei Gesellschaft.“ Der Herr bricht ein Brot in vier Teile, bricht Sein Stück abermals entzwei und reicht die hälfte zusätzlich Obadja dar. Jeder spürt die Gnade dieses Tuns, mit dem Gott etwas Großes kündet.
Dankbar nehmen Elia und Elisa ihren Anteil in Empfang, ganz von reinster Freude beseelt, daß Obadja mehr bekam. Der hingegen denkt in Demut: ‚Weil mir noch so viel vom Geiste fehlt.‘ Gütig sieht der Vater Seine dienstbereiten Söhne an, und Er segnet sie insgeheim. Nach dem Brot läßt Er Obadja aus einem goldnen Kelche trinken, dann die Propheten und trinkt Selbst zuletzt. Als der Müde seiner klaren Gedanken wieder mächtig ist, möchte er zur Seite rücken; er fühlt sich unwürdig, so dicht am Arm des Herrn zu lehnen. Doch Elia sitzt an seiner andern Seite. Der Herr sagt lächelnd:
„Unser Freund fühlt sich wieder stark; Ich bedarf Elia, um ihn bei Mir festzuhalten.“ Mit jähem Ruck dreht Obadja sich dem Vater zu und bettet sein Haupt in Dessen Schoß. Wie Kinder schluchzt er laut: „O Vater, großmächtige Barmherzigkeit! Das am wenigsten habe ich verdient! Wie soll ich sagen, was mich bewegt? All-Heiliger, Du weißt alle Dinge, Du weißt auch, daß ich Dich liebe. Rückte ich ein wenig ab, so nur, weil ich in Demut vor Dir bleiben will. Doch Dein freundlichgutes Wort läßt mich folgendes erkennen:
Die Demut ist Dir wohlgefällig, ist sie ja der Gnadenweg, der zu Dir führt. Ohne diese wird ein Kind Dir ewig ferne sein. Sie muß zum Grund der LIEBE werden. Denn zwei Hände gabst Du uns, unsre Arbeit zu vollbringen. Ach — daß ich ewiglich mein Haupt in Deinem Schoße liegen lassen dürfte! Vater, wundersame Gnadenliebe, ich bin, ja nur ein Körnlein für Dein Schöpfungsfeld.“
„Das bist du!“ So herzlich spricht der Herr, wie stets zu Seinen Kindern, die gewillt sind, ihr kleines Ich in GOTTES ICH zu stellen. „Dir kann Ich sagen, daß du ein goldenes Körnlein bist, da deine Demut den ganzen Menschen wie auch das Himmelskind in dir erfaßt. Daraus ist Mir eine Liebe aufgewachsen, wie sie ein Mann in deinem Stand, mit deinen Gaben selten erwirbt, weil der Glanz der Welt verlockt, während das Himmelslicht — von Mir ausgehend — kaum erkenntlich werden will. Geschieht es aber wirklich, so wird das Erkannte aus falscher Scham eingesargt und hält schwer, zur wahren Auferstehung durchzudringen.
Du bist schon auferstanden, obwohl der Tod noch vor dir liegt. Er kommt sanft zu dir, und dir wird sein wie eben jetzt, wo du dich wie träumend fühlst.“ Obadjas Dank fließt über in Tränen, Freude und in Anbetung. Am liebsten möchte er immer so verweilen. Der Herr erwidert lehrend: „Ein äußeres Verbleiben an Meiner Seite hat zwar außerordentlichen Segen; doch auf dieser Erde gilt‘s, die Probe zu vollenden und die Dienstbarkeit zum Opfer bringen. Auch ihr seid dienstbar geworden, sonst könntet ihr im Erdenleben Mich nicht so personhaft nahe haben, wie es heute euch geworden ist.
Bleibet in der Demut, die die Liebe nährt. Wo die Demut stirbt, da verdorrt der Liebe Baum! Wer ob seiner Mängel sich zerschlagen fühlt, wer Mir sein Ungenügend bringt, dem bestrahlt Mein Leuchter seinen Pfad. Und auch ungesehen bin Ich jederzeit bei euch. Meine Stimme ist die Glocke eurer Herzen!“ Den Propheten gebietet er:
„Bleibt im Lande, denn die Schäflein brauchen euch; und Ahab ist bald reif zur Mahd. Er wird seinen Becher stürzen, ihm selbst zum Gift, dem Baalweib zum Verderben. Seid auch nicht erschrocken, wenn einer, der sich dem Geld verschrieb vom Geld gefressen wird; doch seine Seele will Ich retten. Dann sollst du, Elia, den boshaften Throninsassen ihre Strafe vorverkünden, die dann unabwendbar ist. —
Elisa geht noch einmal heim, wo man ihn eben braucht. Obadja hat Ahab zu bewachen bis ans Ende seines Maßes. Die nächste Schlacht gewinnst du noch. Dann wird der Böse einen andern wählen. Das gibt ihm den Rest. Ich befreie dich vom üblen Tun der Menschen, die nicht begreifen wollen, wie Abraham mit den Königen stritt. Dir wird noch manches Friedenswerk gelingen; dann sende ich dir einen, der dich zu Mir führt. — Nun gehe jeder seinen Pfad, und es bleibe allzeit Meine Bahn, die unter euren Füßen ist. Mit Meinem Segen begleite ich euch, mit Meinem Frieden decke Ich euch.“
Die Männer haben ihrem Gott die Hände anvertraut. Die Sonne sendet zwischen den Hermonspitzen ein letztes Gold zur Welt und hüllt ihren Schöpfer und Seine Kinder glanzvoll ein. Mit ihrem Scheiden scheidet auch der Herr. Wie ein Mensch geht Er dahin und fährt dann wie ein Blitz zur Höhe. Auch die Dämmerung versinkt, während der die Freunde betend auf dem Pharpharkopf verweilen. Sie mögen sich von Gottes Platz nicht trennen. Ein Sternenheer übervölkert den samtdunklen Himmelsdom, als sie endlich zum Abstieg rüsten.
Bis Akon wandern sie zu dritt; Obadja will nicht eher von den Freunden gehen als es nötig ist. Darum nimmt er in Akon gute Pferde und gemeinsam traben sie geradenwegs auf Abel-Mehola zu.
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