Das Volk drängt sich in dichten Knäueln auf den Gassen Jesreels. Händler bieten Waren feil. Es ist Fasten, von dem keiner mehr viel hält. Isebel gestaltet es zu ihrem Nutzen, wobei es drunter und drüber geht. Im großen Stadthaus wird ungleich Recht und Unrecht ausgesprochen, wie es kommt. Zwischen den Oberen hockt Naboth. Er kam ungern, denn vor Tagen bedrängte Ahab ihn aufs neue wegen des Berges. Flackernden Blickes sitzt er im Rat und vermag nicht, seine Hände noch weniger sein Herz still zu halten.
Simalah drohte, ihn zu verlassen, wenn er nicht den ‚Fraß‘ dem König vor die Füße werfen würde. Sie weiß nicht, daß Naboth Rebekka heimzulocken und unterwegs nach Samaria zu verschleppen suchte. Das sollte gestern glücken; so war‘s mit Ahab abgemacht. Die Knechte kamen ohne Mädchen und berichteten, daß tags zuvor der Thisbiter es fortgebracht habe. Selbst Saphat wisse nicht wohin.
In Wut begeifert Naboth den Prophet. Nutzen hat er davon nicht. Die letzte von Ahab gestellte Frist ist abgelaufen. Ihm kommt kein rettender Gedanke, sich den Weinberg zu erhalten; und das einzig richtige Gefühl hat er totgedrückt. Dabei merkt er plötzlich, wie die Richter von ihm abzurücken sich bemühen. Sie tun es wie ohne Absicht. Aber Naboth wittert die Gefahr wie ein Wild die Falle.
Eben wurden zwei Männer aus Dothan abgeurteilt, angeblich, weil sie Elia beim Altarbau geholfen hätten. Wegen Karmel war es lange ruhig; Ahab sah ja ein, daß nicht allen der Prozeß zu machen sei, die an jenem hochbedeutsamen Gottestag versammelt waren. Nun beginnt man neuerlich? Kalter Schweiß bricht Naboth aus. Die Verhandlung ist ein Vorwand zu einem Einzelakt, und dieser Einzelakt . . .
„Naboth“, wendet der Stadthauptmann sich diesem zu, „hier, eine Schrift aus Samaria, die dich betrifft.“ „Mich?“ Der Bauer heuchelt Staunen. „Ich wüßte nicht, wer von dort mir Botschaft zuzusenden hätte.“ Aller Augen richteten sich auf ihn. Es ist auch viel Volks im Saale, um zu hören, über wen und was man urteilt. Stimmen werden laut; eine lobt, die andere tadelt ihn. Langsam steht der Jesreeler vom Altensitze auf und begibt sich vor den Richtertisch, wo jeder Angeklagte stehen muß. „Ich glaube“, lacht er bitter, „es ist wohl besser, den Klagplatz selber einzunehmen, der mir zugedacht worden ist.“ „Du scheinst schlechten Gewissens zu sein.“ Der sidonische Oberrichter setzt sich grinzend auf Naboths Stuhl.
Der Zorn färbt Naboth das Gesicht. „Es braucht kein schlechtes Gewissen, liegt voraus ein Urteil fest.“ „Du meinst, hier besteht kein ordnungsmäßiges Gericht? Dann bist du strafbar, denn du saßest ja im Rat.“ „Ach so! Darum sollte ich auf einmal Stadtältester mit sein? Nun ist‘s mir klar.“ „Ich nehme eher an, die Klarheit kommt erst noch“, entgegnet hämisch der Sidonier.
„Zur Sache! König Ahab und Königin Isebel — Baal-Sebub zu Ekron möge sie sechsfach krönen — gaben dir Gelegenheit, dein Verbrechen, an achthundert Priestern Sidons verübt, zu sühnen. Ein Billiges war gefordert: Der Jesreeler Weinberg, der sich ungünstig in des Königs Gärten schiebt. Du solltest sogar entschädigt werden, obwohl die königliche Huld ganz fehl am Platze ist. Du schlugst es aus.
Wir verhandeln daher nur die Ermordung unserer Priester.“ „Ich protestiere“, ruft Naboth wild. „Ob die Klage zu entkräften ist“, wird er boshaft unterbrochen, „wird sich weisen. Jetzt hast du nur zu reden, wenn man dich fragt. Ich will aber keine Härte üben“, macht der Sidonier dem Volk die Sache mundgerecht, „und frage dich zum letztenmal: Willst du dem König deinen Weinberg überlassen? Wärest du klug gewesen, so hättest du den Berg sofort verkauft. Für das Geld konntest du zwei Gärten haben.“
„Wohl — aber nicht den Grund, da meine Ahnen saßen bis zu Josua hinauf. Meiner Väter Erbe ist mir nicht feil, nicht für den König oder Baal und — nicht für Gott! Zudem weiß König Ahab gut, was für ein Wein in diesem Berge wächst. Er sucht vergeblich einen gleichen weit und breit. Manche Schläuche voll brachte ich ihm jedes Jahr als freie Gabe. Auch schneidet man nirgends solche Trauben von der Größe eines Kindes, deren Beeren wie Apfel sind. Der Berg ist meine Goldgrube. Und selbst mit vier andern Gärten hätte ich zu meinen Ungunsten verkauft. Wer kann das von mir verlangen?“
„Die Einwände gelten nicht. Der gebotene Preis oder Tausch waren hoch genug, dich zu entschädigen. Das Vätertum hat für mich keinen Sinn. Da du keine Ohren hast, gehe ich zur Klage über. Daß du bei dem Priestermord ein Hauptanführer warst, ist bewiesen. Du hast dem Landesmörder Elia von Gilead, genannt ‚Der Thisbiter‘, in die Hand gespielt. Zu der Metzelei hattest du dir Leute angeworben, — übrigens bei deinem Reichtum kein Kunststück —‚ hattest sie auch, wohlweislich unter die Menge verstreut, jedoch so, daß sie bei einem Sturm die ersten waren. Daß bei diesem grauenvollen Massenmord noch fünfzig gerettet wurden, ist dem Feldmarschall Obadja zu verdanken.
Weil das Volk, durch, die naturmäßig gegebenen Trockenjahre allzu aufgeregt, das Blitzwunder glaubte, führte Obadja keine Verhaftungen durch. Nur der Landesmörder ward gesucht, doch er hatte sich den Abzug gut gedeckt. Er hatte von Damaskus, wo er mit dem unserm König feindlich gesinnten Benhadad auf brüderlichem Fuße steht, — er ist also auch Spion —‚ uns unbekannte Feuerkugeln mitgebracht, aus denen jählings Feuerstrahlen sprühten, daß nie sah, woher dieselben kamen. So — das war das ‚Karmel-Wunder‘! Hahaha!
Nun, was geht‘s mich an, ob ihr dummen Israelen glaubt, es habe dieses euer unsichtbarer Gott getan? Unsichtbare Götter gibt es für uns nicht. Aber — — sichtbar war, daß du unsere Priester in Reihen vom Kisonfelsen stürztest. Je jammervoller jedes Opfer schrie, um so gefühlloser würgtest du sie ab samt deinen Knechten. Was hast du darauf zu sagen?“
Naboth trocknet seine Stirne. „Ich kam zu spät zum Karmel und ging unterhalb Megiddo durch die Schlucht, um den Weg zu kürzen. Da vernahm ich Hilferufe. Denen ging ich nach, und da begegnete mir der Thisbiter. Verrucht sei der Tag, da ich ihn traf! Er hielt mich an und sagte, was geschehen sei, was nicht in seiner Absicht läge und übertrug mir die nach seiner Aussage von ihm geretteten fünfzig Baalpriester mit der Weisung, sie zu betreuen, bis Saphat sie holen würde. Jeder bekam ein Brot und kostenlos einen Becher Jesreeler Wein. Übrigens — sie wohnen heute noch bei Saphat; wäre es nicht leicht, sie um die Wahrheit zu betragen?“
„Unmöglich! Mir gegenüber wären sie befangen. Verteidigten sie dich aber, so darum, um bei Saphat zu verbleiben. Denn da sie, zwar damals nur aus Angst, Landarbeiter wurden, steht ihnen in Sidon nie wieder der Weg zum Priesterstande offen. Unecht wäre deshalb jeder Eid. In dieser Sache werden nur noch Zeugen vernommen, weil König Ahab in übergroßer Nachsicht solches wünscht, damit Israel nicht sage, hier herrsche ein ihm fremdes, sidonisch Gericht.“
„Ich bin unschuldig“, kämpft Naboth verzweifelt. „Ich glaubte wie alle, auf Karmel sei wirklich ein Gotteswerk passiert. Daraufhin vertraute ich dem Thisbiter, als er mir die Priester übergab, die nur wenige Stunden gänzlich unangetastet bei mir weilten. Ist das etwa eine Schuld? Hätte ich mich an dem Massenmord beteiligt, der mich auf das heftigste erregte, wie leicht konnte ich die übrigen fünfzig in meinem Hause umbringen lassen. Der Tumult hielt ja viele Tage an.“
„Deine Rederei ist plump, Bauer. Da du wußtest, daß Obadja der Retter war, wäre dir der Kragen gleich zu eng geworden.“ „Ich wußte es bis heute nicht.“ „Du lügst! Hüte dich!“ „Ich lüge nicht! Heute wundert es mich freilich sehr, daß ich dem Thisbiter so vertraute. Aber das ist keine Schuld.“ „Schweig, du Weinsäufer, und wasche dich nicht rein! Ich mache kurzen Prozeß mit dir und rufe zwei von vielen Zeugen auf, die den Marschall damals unterrichteten.“
Naboth wankt, als man die Buben vor die Richter bringt. Jemand schiebt ihm einen Hocker zu. O er kennt die zwei, die ihn oft genug bestahlen, bis er Bluthunde kaufte. Seitdem sind die Männer seine Feinde. Der letzte Akt spielt sich so rasch ab, daß Naboth erst wieder zur Besinnung kommt, als er — stehend — das Urteil vernehmen muß: Steinigung in Samaria im Angesicht der königlichen Burg.
Er bäumt sich auf, schneeblaß. Laut flucht er wider Gott, verflucht Elia, Ahab, das Gericht und Israel. Grinsen sagt der Oberrichter: „Naboth, wenn du meinst, du seiest sidonisch gerichtet worden, so füge ich dem Urteil bei, daß du deinem Gotte fluchtest. Darauf steht die hebräische Steinigung. Mit Recht erleidest du diesen Tod, der eurem Gesetz zu Grunde liegt!“ Der Sidonier zerbricht den schwarzen Büttelstab und wirft die Teile Naboth vor die Füße.
Söldner fesseln ihn. Ein Ehrwürdiger drängt sich vor und Sagt ohne Angst: „Herr, jedes Urteil muß der König unterzeichnen. Der Gefangene ist zu verwahren, nicht zur Richtstätte abzuführen.“ Mit bösfunkelndem Blick fletscht der Sidonier: „Du? wenn du den Weg mit Naboth teilen willst, du brauchst es nur zu sagen. Überdies — sieh her“, er öffnet Naboths Urteilsrolle, um das Volk zu täuschen, „hier ist des Königs Siegel beigedrückt.“
Niemand merkt vor Aufregung, daß Ahab wider alles Recht ein noch gar nicht formuliertes Urteil unterschrieb. Nur der Alte nimmt es wahr. Doch das Menschenraubtier hat sein Herz zu sehr erschreckt. Schweigend eilt er aus dem Richterraum.
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