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Kap 30 – Der Himmelsfahrer

30. Kapitel

Ella und Elisa gehen wortlos dahin. Der Jüngere forscht im Gesicht des Älteren. Noch sieht er nicht, spürt aber den ‚letzten Weg‘. Von Abel-Mehola ließ man sie ungern fort; zumal Obadja hat das Scheiden arg betroffen. Wird er den guten Freund noch einmal sehen? Ihre Liebe war so groß, wie selten zwischen zweien, von denen einer dem ewigen König, der andere einem bösen Weltherrn dient. Doch um so enger waren sie vereint, je mehr man sie zu trennen suchte. Obadja reist umher, den Armen — wo immer möglich — ihr Recht zu schaffen. Er will den Schmerz betäuben. Erst als er das Letzte durch Elisa hört, wird sein Herz, das auf die Heimfahrt wartet, wieder ruhig.

Die Propheten kämen über Thirza, Ophra und Silo nach Gilgal. Über Nacht blieben sie bei einem Zimmerer, der an den Prophetenschulen baut, die Obadjas außerordentlichen Schutz genießen. Die kranke Frau des Zimmermannes macht Elia aus Gottes Geist gesund. Er wird bestürmt, dazubleiben. Elia aber treibt es mächtig weiter. O, irdisch blutet auch sein Herz, alle Freunde zu verlassen; und die Trennung wird ihm schwer. Wäre es nicht besser, er ginge nun allein? Elisas Schmerz wäre dadurch zu verkürzen.

„Bleibe doch zurück“, redet er Elisa zu. „Der Herr ruft mich nach Beth-El, und du könntest später folgen. So wäre wenigstens einer bei unsern guten Herbergsleuten.“ Des Lehrers Hand umklammernd, widerspricht Elisa: „So wahr der HERR lebt und deine Seele, verlasse ich Dich nicht! Du möchtest mein Leid auf dich nehmen. Erwählte mich der Herr durch dich, so bleibe ich bei dir, solange ER mir diese Gnade schenkt.“ Die Anhänglichkeit rührt Elia. Er segnet die Gilgaler und wandert mit Elisa auf Beth-El zu.

Manchmal bleibt Elia stehen und schaut sich länger um, als wären viele hinter ihm, obwohl ihnen schon seit Tagen sonderbarerweise kein Mensch begegnet ist. Elisa merkt, wie das helle Gesicht des Thisbiters allmählich sich verändert; es wird ihm fremd und — — ja, immer mehr ähnelt es dem ‚Schönen‘.

Am Stadtrand von Beth-El stehen endlich ein paar Männer, die auf die Propheten warten. Sie berichten ihnen, daß schon vor Tagen Ruben-Heskaels Sohn — der ehrwürdige Oberpriester sei indessen heimgeschieden — an alle Schulen Nachricht gegeben habe, daß der ‚Mann Gottes‘, der Elia für die Glaubensvollen ist, — für die Ungläubigen blieb er nur ‚der Thisbiter‘ —‚ vom Herrn heimgerufen worden sei. Wer ihm noch begegne, solle sich und seine Schule segnen lassen. Elia kehrt bei ihnen ein, während Elisa sich müde und traurig unter eine Akazie setzt. Sein Gefühl ist ihm bestätigt worden.

Jungen und Mädchen der Schule sammeln sich teils neugierig, teils mitfühlend um Elisa. Ein zutraulicher Knabe faßt nach seiner Hand und sagt: „Ich kenne deine Trauer. Heute nimmt der HERR deinen Herrn von deinem Haupt.“ „Ja, Kind.“ Kummervoll bedeckt Elisa seinen kahlen Kopf; er vergaß ganz, dies zu tun. „Aber schweigt nur still, liebes Kind“, mahnt er leise. Elia hört die Rede. Am Rücken des Gebeugten sieht er dessen Harm. Das tut weh; das willige Wesen von Saphats Sohn lernte er hoch schätzen. Er setzt sich neben Elisa, der mit hastiger Bewegung über seine Augen wischt.

„Elisa, höre zu! Der Leiter der Beth-El-Schule, der Oberpriester Malacho, wünscht es sich sehr, daß einer von uns beiden eine Weile bleiben und die Kinder lehren helfen möge. Du verstehst mit Kindern prachtvoll umzugehen; und dein Wissen ist in vielem Nützlichen nicht klein zu nennen. Mich rief der Herr im Haus nach Jericho, wohin ich alsbald eilen muß. So bleibe du doch hier.“

„Weder dein Herz noch deine Lippen täuschen mich, Elia. So wahr der HERR lebt und deine Seele, verlasse ich dich nicht! Willst du mich von dir treiben?“ „Hat dir etwas von mir widerstanden?“ „Nein! Doch du willst mich nicht dein Letztes miterleben lassen. Sieh, die Schulen bleiben mir. Doch ich ließ mich zu sehr gehen und habe dir zu deiner Mühe meine Tränen aufgebürdet. Verzeih dem Jungen, der die Last noch nicht mit Gottes Gnade ausgeglichen hat.“

„O du!“ Elia umarmt herzlich seinen Jünger. „So wollen wir die Straße ziehen, die Gott vorgesehen hat.“ — Die ganze Schule schaut den Propheten lange nach. — Malacho weilte damals mit in Abel-Mehola. Mit gutem Gedächtnis begabt, hatte er fast wörtlich des Herrn Rede aufgeschrieben und sie Ruben-Heskael vorgelesen, der unmittelbar nach ihrer Rückkehr die Welt verlassen hatte. Nun gebt er, als Elia nicht mehr zu sehen ist, in sein Gemach und vertieft sich in das ‚Wort an die Abel-Gemeinde‘, wie er die Rolle überschieb.

In Jericho geschieht es wie in Beth-El. Auch Elia fällt es immer schwerer, die lieben Freunde hinter sich zu lassen. Fünfzig Lehrer und Priester, von denen ein älterer tags zuvor ein Gesicht erhalten hatte, das der Botschaft über Henochs Heimgang (1. Mo. 5, 24.)ähnelte, folgen heimlich nach. Man will unbedingt erkunden, ob die ‚Schau des Geistes‘ richtig war und sich nun bestätigt.

Das Jordantal öffnet sich. Es ist Mittag. „Elisa“, gebietet der Thisbiter, „schaue nach, wo die fünfzig Jerichoer stehen.“ Elisa erklimmt einen Hügel. „Ich sehe niemand“, ruft er hinab. „Es sollte ja auch keiner folgen.“ „Sie sind so hartnäckig wie du.“ Bescheiden erwidert Elisa: „Ich weiß, mein Geist kam aus deinem Geist. Nennst du aber meine Liebe hartnäckig? Oder ist an mir noch etwas, das ich überwinden müßte, solange du noch bei mir bist?“

„Nichts ist da, das der Reinigung bedarf, als daß du Gottes Kraft vertraust. Gott hat dich für treu befunden. Doch die Männer stehen hinter uns. Laß sie bleiben; sie sehen nur von ferne, was dir nah beschieden ist.“ Elia teilt mit seinem weißen Mantel, den Elisa wie eine Rolle trug, das Wasser wie damals, als er mit Obadja durch den Jordan ging. Hinter ihnen steigt die Flut, so daß die nacheilenden Jerichoer am Uferrand verharren müssen. Betrübt, jedoch andächtig blicken sie gen Osten, wohin die Propheten sich gewendet haben. Auf einer Uferhöhe sind sie deutlich auszumachen.

Elia zeigt nach Norden, Süden, Osten und Westen; und siehe, vier Wolken, gleich Rädern, rollen rasch aus des Himmels Raum herzu. Elia umarmt Elisa fest. „Grüße alle Freunde und sprich: Es gibt kein Scheiden, auch wenn der Leibestod uns trennt! Der Weg scheint lang zu sein; aber ach — wie kurz ist er geworden, wenn man an seinem Ende steht. — Ich brachte es nur wenig über sechzig Jahre; du wirst meine halbe Zeit länger bleiben und vieles tun aus des Höchsten Hand und aus dem Geist, den ich dir geben durfte.

Tue eine Bitte, die dir geschehen soll, ehe ich von dir genommen werde.“ Elisa wirft sich nieder. Ein ‚Mann Gottes‘ steht vor ihm. Er ist so demütig, daß er für sich das gleiche Wort nicht anzuwenden wagt, obwohl er manches Wunder tat. Er erfaßt Elias Stab und den Mantel, der von dessen Schultern hängt und bittet: „Daß mir werde ein zweifacher Teil von deinem Geist! Denn du bist groß; ich aber bin noch klein und muß erst unter Gottes Güte wachsen.“

„Du hast Hartes sehr viel gebeten“, sagt Elia, den Knienden an seine Brust ziehend. „Bedenke nur, Elisa: Es genügt eines Geistes Kraft, jene unseres Herrn und gnadenvollen Vaters! Deine große Demut konnte sich nicht anders äußern. Daher komme auf dich nun der Geist der Rede und der Geist der Tat! Bin ich dir genommen, so bleibe Gottes kleiner Knecht. Doch deines Glaubens Kraft wird eine Leiter sein, auf der Wort und Tat herniedersteigen. Sei gesegnet aus dem HERRN!“

Indessen sind des Himmels sonderbare Räder aufeinander zugerollt, und wie eine Feuerlohe zucken sie herab. Vom Jordan her jagen vier zügellose weiße Rosse; an ihrem funkelnden Geschirr hängt ein Wagen mit vier Rudern. Das Weiß des Bildes ist so gleißend hell, als wenn die Sonne einen ihrer Feuerschlünde öffnet. Nur einen Augenblick stehen Pferd und Wagen still. Elia schwingt sich auf und ist doch so, als höbe eine unsichtbare Hand ihn hoch.

Elisa ist erstarrt. Trotz unheimlicher Schnelligkeit, mit der das Bildnis vor sich geht, erkennt er einen großen Mann, überherrlich anzusehen. Der wirkt jetzt den Rossen Zügel über, und wie ein Blitz fährt der Wagen ab. Gellend schreit Elisa: „Mein Vater, mein Vater, Wagen Israels und seine Reiter!“ Zusammenbrechend murmelt er: ‚Das war GOTT, wie Er Sich den höchsten Engeln zeigt; aber — es war auch der gute VATER, wie Er nach Abel-Mehola kam.“

Jenseits des Jordans stürzen die fünfzig Männer hin. Sie sahen, wie auf den Wellen die Räder zum Wagen samt den Pferden wurden. Doch vom Herrn sahen sie nur das Licht. Jetzt beobachten sie, wie Elisa des Himmelsfahrers Stab und Mantel an sich nimmt und zum Jordan eilt. Er muß zu Menschen, denen er die Kräfte geben kann, die ihn förmlich überschüttet haben. Mit dem Mantel teilt er wiederum das Wasser, er geht hindurch und kehrt mit den Männern nach Jericho zurück.

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