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Kap 9 – Eine irdische und himmlische Abrechnung. Der letzte Zehnt. Hohe Lehre…

Kapitel 9

Eine irdische und himmlische Abrechnung. Der letzte Zehnt. Hohe Lehre über einen hohen Geist.

Im großen Garten außerhalb von Golan führen Abrams Knechte die gefangenen Könige herbei; die Jünglinge umstellen den Hain, damit niemand hindurch kann außer beim Sitz Abrams, wo das Gehege offen ist. Kedor-Laomor beugt verdrossen seine Knie, obwohl er einsieht, daß das Recht bei Abram steht. Und die ‚Weißen‘ sind ihm ein Dorn im Auge. Deutlich spürt er, daß die Erde nicht ihr Lebensträger ist. In der Verhandlung macht er daher bittere Vorwürfe, Abram halte es mit überirdischen Mächten und sein Gewinn sei so kein Wunder.

„Du brauchst dich doch nicht zu wundern“, sagt Abram, „weil dir Kämpfer gegenüberstanden, denen du nicht gewachsen warst? Du selber hast sie ja herausgefordert! „Ich? Seit wann bedient der Patriarch sich einer Lüge?“ Abram hebt sein Schwert. „Gelogen hast du, Kedor! Unsern Bund hast du zerbrochen und andere Bündnisse aus deiner Macht erzwungen. Hunderte von Flecken hast du ausgerottet, in Rama alle Menschen umgebracht und Kedes eingeäschert. Du hast die Schlacht verloren; die Last liegt nur auf dir. Und weil du mich der Lüge zeihst, sollst du nicht froh von hinnen gehn. Was dünkt euch“, fragt Abram seine Ratgeber, „was uns Kedor schuldet?“ Die Männer treten in den Richtring ein, in dem Abram und die Hauptjünglinge sitzen, während der Verlierer vor der Schnur verharrt. Hummar-Karbo spricht zuerst.

„Ich bin frei vom Streit und kann zu Recht und Wahrheit reden. Doch habe ich am Kampfe teilgenommen und gesehn, was Elam tat. Viel Schaden ist dem Lande zugefügt. Kedor hat Abram den Zehnt von seiner Habe zu entrichten ohne die Gefangenen, die allesamt dem Gottesherrn gehören und über die er frei verfügen kann. Je ein Zehnt gehören Mamre, Eskol und Aners; je ein weiterer geht an Kedes und an Rama. Für die verdorbenen Örter hat Kedor aufzukommen. Ich rechne, daß dafür drei Zehnt genügen werden. Seine Verbündeten haben an Abram je ein Zehnt zu geben und vier für alle Lasten. Das Jordantal im Osten kann Abram nach seinem Recht verteilen. Die Mitverlierer mögen sich an Kedor wenden, ihre Verluste auszugleichen.“

Der Elamiter braust auf. „Ich sah dich nie, Hummar-Karbo; doch die Rechnung kündet den Chaldäer! Hast du mir wirklich einen Zehnt zurückgelassen?“ In Wut setzt er hinzu: „Es wunderte mich nicht, wenn der Weiße“, er deutet mit schlecht verhehlter Angst auf den Jüngling, der neben Abram sitzt, „auch den letzten Zehnten frißt, nachdem er und die Jungen weder Korn noch Rebe, weder Öl noch Vieh mir übrig ließ!“

„Du hast recht!“ Der Jüngling, dessen Harnisch silbern funkelt, dessen Schwert nicht im Gehänge ruht, tritt zur Schnur. „Auch dieser Zehnt soll dir nicht bleiben, weil du das Licht der Lüge zeihst! Verberge nur das Zittern deiner Hände; es soll noch das Herz dir zittern: Der letzte Zehnt gehört dem Himmel!“

Todbleich weicht Kedor-Laomor zurück. Trotzdem schreit er in zügelloser Wut: „Was tut der Himmel mit dem Irdischen? Da schaut es traurig aus bei eurem Gott, wenn Er des Goldes dieser Welt bedarf!“ Abram springt auf, weniger erzürnt als tief erschreckt. „Elamiter, nun hast du dich zum Tod versündigt! Wehe dir! Armer Sohn, du hast das Kostbarste von dir geschleudert: die Liebe des Allmächtigen! Und nun wagst du Ihn noch herauszufordern?! Doch selbst will ich vor Gott hintreten, um dich wie der mit dem Höchsten auszugleichen.“ Abram greift nach des Jünglings Hand:

„Laß ab vom letzten Zehnt; der mir gebührt, den will ich gern dem Himmel opfern, damit des armen Bruders Herz nicht völlig ohne Habe bleibe!“ „Abram!“ Der Jüngling verneigt sich tief. „Gott wird mit dir darüber reden. Doch es sei! So bleibe Kedor-Laomor der letzte Same; er sehe zu, daß er ihm zum Aufbau eines guten Ackers dient.“ Ganz benommen sieht Kedor drein. Er merkt genau, daß nicht das Irdische gilt, um das der Gottesherr zu seinen Gunsten mit dem Himmel kämpft und daß ihm jetzt kein anderer geholfen hätte außer Abram. Getroffen beugt er seine Knie am Richterring. „Du ließest mir den letzten Zehnt; so laß mir nun auch eine Stadt, damit ich mir aufs neue eine Hütte baue.“ Abram streckt schon die Hand nach Kedor aus: „Du willst Frieden machen? auch mit meinem Gott?“ „Mit deinem Gott? Ich weiß nicht; Er ist mir fremd.“ Der Patriarch läßt langsam seine Rechte sinken. „Du weißt es nicht? Du beugst dich nur dem Sieger, weil dir nichts andres übrig bleibt? Nun — trotzdem: Wenn du das Gott-Licht wieder suchst, so steht in Hebron dir die Pforte offen. Dann kehre ein! Jetzt aber sei der Spruch gerecht, den Hummar Karbo, Fürst von Hazor, sprach. Wer anders will, der trete vor.“

Keiner regt sich. Abrams Freunde wissen, um was es wirklich geht und daß die irdische Entscheidung nur der Spiegel ist. Die Feinde müssen sich ergeben. Vom Ostjordan erhält Mamre Ramoth-Gilead Stadt und Land; Eskol wird in Bozra eingesetzt und Hesbon fällt dem Aners zu. Bera von Sodom bekommt das Seine weniger geschmälert wieder, und Gomora bleibt dem Knaben. Was vom Lande übrig ist, wird den Mitverlierern überlassen. Abram fragt Lot, ob er wieder mit ihm ziehen wolle; doch Lot verlangt das Land zwischen Ar-Moab und Beth-Haram in schräger Linie bis zum Süßmeer. Die Fürsten billigen es ihm zu. Kedor erhält die Stadt Bezer. Der Chaldäer sorgt dafür, daß jener nicht zu sehr beschnitten wird, daß er nicht unversöhnlich aus dem Richtring geht. Doch außer Königen und Hohen führt Abram zunächst alle Gefangenen mit sich. Ohne Mannen kehren die Besiegten heim. —

Abram bricht mit Hummar-Karbo nach Beth-El auf. Er bittet seine treuen Fürsten, ihn zu begleiten, während seine Knechte die Gefangenen nach Hebron bringen. Bei einer Rast am Jordan wird der Plan besprochen. Die Hälfte der Jungen blieb auf der Straße zurück. Abram wandte sich des öfteren nach ihnen um. Nun vermißt er sie ganz.

„Bruder“, fragt er den Jüngling, „wo bleiben deine Jungen? Sie fehlen mir.“ „Wieso? Die Schlacht ist aus; für deine persönliche Aufgabe bedarfst du nur des Herrn.“ „Das wohl“, entgegnet Abram, „doch du siehst ja meine Gedanken und also wirst du wissen, daß sie meinem Herzen fehlen. Ich will mit euch in Mamre einziehen; ihr sollt vor mir hergehen bis zur Altarflamme. Kommen sie nicht wieder?“

„Nein, Bruder, sie gingen heim; und wir andern folgen bald. Nur will ich deinen Knechten noch bis Hebron helfen und mit einigen aus meiner Schar dort auf dich warten. Unser Werk ist getan.“ „Schade!“ Abram sitzt am Ufer und sieht dem Wasser nach. Ist das Leben nicht gleich einem Fluß, auf dem Sonne und Wolken sich spiegeln, der bald schnell, bald träge seine Wellen treibt? „Ich habe noch eine Frage.“ „Rede“, sagte der Jüngling, „gern gebe ich dir Antwort.“

Abram schlingt seinen Arm um des andern Schultern. „Du ließest nicht geschehen, daß ich mich vor dir verbeugte, selbst hast du dich in Golan tief vor mir geneigt, was mich bedrückt.“ „Bedrücken braucht es dich nicht“, spricht der Helle herzlich. „Du hast gehandelt, wie es im höchsten Licht geschieht, hast vor gerechte Rache die Barmherzigkeit gestellt. Darum neigte ich mich, und — weil dein Tun den Menschen unvergessen bleiben sollte. Nicht jeder handelt so wie du.“

„Ach — mir fehlt noch viel, sonst hätte mir der Herr den Erben längst gegeben. Ich bin alt, und Sarai wird bald nicht mehr gebären können. Fremde nehmen meinen Reichtum. Zum Unglück wird, was ich zum Segen häufte. Ich dachte schon, du wärest der Kundebringer, daß mich der Herr erhöret hat, weil du einige Jungen meine Söhne nanntest. Nicht ganz verstehe ich, was das bedeutet. Doch konnte nun nicht einer bei mir bleiben und auch auf Erden mir den Sohn ersetzen?“

„Abram, hast du Geduld?“ „Geduld?“ Gedehnt fragt es der Patriarch. „Ich werde neunzig, und Sarai bald achtzig. Seit langem warten wir auf Gottes Gnade!“ „Vor Gott gilt nicht die Zeit, die man erwartet, sondern das gefügige Herz!“ Fast streng spricht es der Himmlische. Abrams Blick ruht in der Ferne des aufsteigenden Abends. „Der Vater sieht, ob mein Herz gefügig ist und ob mein Bitten in den Schalen der Geduld und Hoffnung liegt.“

„Soweit auf Erden möglich, hast du in Geduld dich gut erprobt. Ja noch mehr: Heilig-ernst hast du dich Gott hingegeben. Der Ernst ist deines Geistes Strahl; und alles was du tust, geht unter seinem Wesen. Doch merke, Abram: Der Mensch kann niemals ganz sein eigen Herz erforschen. Und das ist gut! Du wunderst dich? Sieh, die Kinder aus dem Himmel gehen gern zur Erde, um heim zu tragen, was verloren ist. Das Verlorenste jedoch, Gottes erstes Kind, hält sich weit fern von aller Heilung. Im Gegenteil, wo es boshaft zu zerstören weiß, da läßt es alle Kraft aus seiner Hölle los.

Kann ein hoher Geist auf Erden die letzte Binde von sich streifen, höchst frei des Heiligen Erbarmungswerk erkennend, da flüstert ihm der Böse ein: ‚Du hast es erreicht, du stehst über allen Menschen. Rein bist du und siehst des Geistes hohes Licht! Merke: Der Böse bedient sich unbedingter Wahrheit, wenn er die Wahrheit schlagen will! Nicht sicherer kann er den hohen Geist auf Erden stürzen, als wenn er ihm die Wahrheit über seinen Stand verrät. Darum soll der Mensch in Demut sich bemühen, seine Seele von der Welt zu lösen. In Erkenntnis eigener Mängel bleibt jedes Lichtkind vor dem Sturz bewahrt. Aus dem hohen Mut des Himmels wird der Hochmut dieser Erde abgeleitet. Wer sich vollkommen wähnt, ist schon gefallen! So ist dein kleiner Mangel dir der beste Schutz. — Doch wer vor Gott sein Ungenügend zuzudecken sucht, hebt nicht die Sünde auf.

Erreicht ein hoher Geist das Ziel auf Erden, so ist er als Mensch an seines Lebens Ende angelangt, und er hat sein ‚freies Soll dem Höchsten aufgeopfert. Äußere Opfer gelten vor dem Herrn nur dann etwas, wenn die Opferflamme aus dem Geist die Nahrung hat. Was aber die Geduld betrifft, so will der Vater dich noch prüfen. Und einer deiner weißen Jungen wird dein Sohn.“

„Ich will es freudig glauben“, beugt Abram sich, „doch mache ich aus meinem Herzen auch kein Hehl. Die Naturgesetze, aus Gottes Hand gekommen, hebt Er nicht auf, um mich in Geduld zu prüfen. Der Herr kennt meinen Sinn; Er weiß, daß Seine Gnade mir genügt. Doch kommt nicht bald ein Kind, dann sehe ich es nimmer.“ „Warte ab!“ Freundlich, mit leisem Lächeln, hilft der Jüngling Abram beim Aufstehen. „Laß uns zur Ruhe gehen“, sagt er, „und morgen früh uns trennen. In Hebron sehen wir uns wieder.“ Beide kehren in das Lager zurück.

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