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Kap 10 – Abrams Heimritt mit den treuen Verbündeten. Das Königsfeld und wie…

Kapitel 10

Abrams Heimritt mit den treuen Verbündeten. Das Königsfeld und wie der Sodomite schleicht. Der Heilig-Hohe-Priester Melchisedek. Die Geburtsgrotte Bethlehem und Gottes heiliges Mahl. Melchisedeks Segen an die Männer. Ein Vater findet sein verlorenes Kind.

In Hebron ist alles auf den Beinen. Man erwartet den Gottesherrn, der die Könige schlug. Die Kunde dringt bis nach Ägypten, bis ins tiefe Chaldäa, ja bis nach Persien. Von überall strömen reich geschmückte Fremde mit kostbaren Geschenken herbei. Pharao sendet vier Fürsten mit Gefolge. Die meisten Gefangenen, die sich gut halten, brachte der Jüngling im Hain Mamre unter; die Rebellen wandern in den Turm. Er und seine weiße Schar wird bestaunt; nur mit gewisser Furcht kommt man ihnen nahe, obwohl sie die Freundlichkeit und Güte selber sind. Aber woher stammen sie? Auf die neugierige Frage eines Hebroner Oberen wird ihm der Bescheid: „Wir kommen vom Wasser Ulai.“ „Wo liegt das?“ fragt der Hebroner. „In weiter Ferne“, deutet der Jüngling an. „Schwer gelangt ein Mensch da hin. Wer es erreichen will, muß übers letzte Gebirge und darf sich nicht zu dem umwenden, was hinter ihm versinkt.“ Der Oberste versteht. Tief neigt er sein graues Haupt vor dem hellen Gelock des Jungen. — —

Inzwischen hat Abram seinen Sitz unter Jubisats Leitung bestens vorgefunden. Nun gelangt er mit seinem Gefolge bei Je-Ru auf das große Königsfeld (das spätere Bethlehem). Dort wird die letzte Rast gehalten. Ehe am nächsten Morgen die Sterne bleichen, will er in Hebron sein. Die Sonne steht noch ziemlich hoch. Wie erstaunt Abram, als der Sodomiter mit ein paar Oberen ihm entgegentritt.

Bevor der Patriarch von seinem Schimmel springt, beugt Bera beide Knie. „Höre mich an, König Abram“, ruft er. „Laß mich nicht umsonst gegangen sein, daß ich mich unterwürfig mache. Ich will mit dir ein Bündnis haben, das ich nicht breche, wie Kedor tat.“ Abram, hoch erfreut, daß Bera den weiten Weg bis zum Königsfeld nicht scheute, fängt ein verstohlen lauerndes Funkeln im Blick des Sodomiten auf.

„Erhebe dich“, sagt er ruhig. „Die Unterwürfigkeit der Verlierer war in Golan angebracht; jetzt erniedrigt sie den Sieger. Wer ein wahres Bündnis schließen will, braucht sein Haupt nicht in den Sand zu legen. Auch ist mir dieser Acker heilig, weil ich hier zum ersten Mal den König sah, der Schöpfer heißt, als ich auf dem Wege nach Ägypten war. Darum nannte ich den Acker ‚Königsfeld‘. Gehe vor mir her nach Hebron, morgen will ich dein Wort hören.“ „Du wirst mit mir das Bündnis schließen?“ fragt aufstehend Bera. Das geheime Augenspiel entgeht dem Patriarchen nicht. Er winkt ab; und indem er seinen Fuß zur Seite wendet, sagt er ernst und eindringlich:

„Um Frieden zu erhalten, gehe ich jedes Bündnis ein, wenn dessen Grund Gerechtigkeit und Wahrheit ist.“ „So eile ich“, sagt Bera, dem es nicht ganz geheuer ist. Soll das an dem Felde liegen? Das fragt er sich, als er es schon hinter sich gelassen hat. Ach, der Chaldäer hat zwar große Kraft und noch größeren Reichtum, aber — er ist einfältig. Mit überlegenem Lächeln wendet sich der Sodomiter um. Da sieht er über dem Acker einen hellen Schein, den nicht die Sonne gibt, die schon rote Abendflügel hat. Bestürzt treibt er sein Pferd vorwärts, bestürzt folgen seine Oberen. Keiner schaut zurück. Erst in Hebron schüttelt Bera das Erlebnis ab. „Luftspiegelung“ sagt er zu den Seinen, „wie es in der Wüste oft vorkommt.“ Sarais Gastfreundschaft aber nehmen sie an; den Weißen weichen sie aus.

Bera hatte recht gesehen. Über dem Königsfeld der Erde liegt ein Lichtfeld ausgebreitet. Abram sagt zu seinem Gefolge, nach dem Bera weggeritten war: „Bera will täuschen. Seine Rede gilt nicht dem Frieden, sondern einer Macht.“ Der Stadtfürst von Dan fällt ein: „Schließe kein Bündnis mit ihm, er hat den bösen Blick; ich sah es wohl.“ Auch die übrigen Fürsten stimmen bei. Abram schaut gen Osten in die Höhe. Von dort kam einst das helle Licht. Er ist mit seinem Herzen mehr bei jenem heiligen Erlebnis als bei dem, was die Erde augenblicklich von ihm fordert. Dennoch erwidert er freundlich: „Sofern wir Beras Anerbieten weltlich nehmen, habt ihr Getreuen recht. Doch binden wir ihn an den Bund, kann er nicht tun und lassen was er will. Und würde er ihn brechen, so nur zu seinem Schaden. Zu seinem Heile soll das Bündnis ihm die Hände binden.“ „Er sucht dich zu betrügen!“ widerspricht Hummar-Karbo. „Wer weiß“, fällt Mamre ein, „was er im Schilde führt.“ „Nichts Gutes“, ruft Aners aus.

„Wenn man einem Leoparden begegnet“, spricht Abram bedächtig, „so kann man ihn nur fangen oder töten, will man nicht selbst zerrissen werden. Wer wilde Tiere kennt, weiß, daß sie nicht selten im Angriff Fehler machen, weil ihre Gier ihr Fallstrick ist. Auch Bera will, als Lamm verkleidet, unter unsrer Herde weiden. Der böse Wille ist sein Strick am Halse! Doch das Bündnis soll ihn wenden.“ „Nie ward aus einem Panther je ein Lamm“, sagt Eskol. „Das Tier der Wüste nicht, o Freund. Doch der Mensch kann sein dunkles Trachten wenden, wenn er Gott erkennt. Auf dem mir heilig gewordenen Königsfeld gelobe ich’s dem Herrn, daß ich Bera helfen will, obwohl er gegen mich geheim die Waffe zückt. Es gelingt ihm nicht. Gott steht uns bei!“

Kaum hat Abram das gesagt, erscheint über ihnen eine sonderbare Helle. Sie sehn erstaunt empor, Abram klopfenden Herzens. Im Westen loht das Abendrot, vom Osten zieht es wie ein junger Tag herauf. Silberblau ist der hohe Himmelsgrund, über den ein schneller Lichtstrahl zuckt, dessen Anfang niemand kennt noch seinen Niedergang ermißt. Kaum einen Atemzug später kommt aus der Grotte vom Feldrand her eine majestätische Gestalt, deren Augen jedes Herz durchdringen. Der Patriarch beugt sich zur Erde, Hummar-Karbo tut es ihm nach; die übrigen fallen einer nach dem andern auf die Knie. Der Fürst von Dan, einen scheuen Blick auf Abram werfend, dessen Antlitz des Lichtes Abglanz trägt, flüstert Mamre zu: „Mir stockt das Herz; das muß GOTT sein.“ Außer Abram und Hummar Karbo wagt keiner, den Hohen anzusehen. Dennoch spüren alle einen unnennbaren Frieden und sie scharen sich hinter Abram dicht zusammen. Der Hohe spricht:

„Abram, gesegnet sollst du sein und deine Schar dem Schöpfer, Der das Firmament erschuf. Lobe den Allmächtigen. Er beschloß in deine Hand die Feinde. Denn sie waren wider Ihn, die Menschen zu verderben, dazu dich, den der Herr zum Grundstock Seiner Wahrheitsoffenbarung auserkor. Wohl dir, daß du die Feinde Gott zu eigen gibst! Gerecht hast du gehandelt. Denn Geschlagene soll man nicht anders demütigen, als zu ihrer Heilung dienlich ist. Wer schon am Boden liegt, den wirft man nicht noch in die Grube! Der Herr zürnt über nichts so sehr als über Unbarmherzigkeit! So erhebe dich, Abram, denn Ich will ein Siegesmahl mit dir und deinen Männern halten.

Abram macht die Rede ungewiß, wer mit ihm spricht. „Ich will dir dienen, Herr, in Ewigkeit. Laß meine Männer das Mahl richten. Doch sage: Wer bist Du, daß Du so gewaltig vor mir stehst und doch von einem Herrn im Himmel redest?“ „Du wirst es erfahren“, lächelt der Hohe und legt die Hand auf Abrams Schulter. „Doch das Mahl ist schon gerichtet. Folget Mir zu jener Grotte.“ Die Gestalt geht voraus. Keiner wagt ein Wort zu reden, obwohl sie in ihrem Leben niemals solche Kraft und Ruhe spürten wie jetzt auf diesem freien Feld.

An der Grotte sagt der Hohe: „Gehe nicht mit herein; das ist ein Ort, den keines Menschen Fuß betritt bis zu Gottes Zeit auf Erden.“ Bald kommt Er heraus und trägt in Seinen Händen Brot und Wein. Jedem legt Er eine Gabe vor und schweigend halten sie das Mahl. Abram wundert sich immer mehr. Sein Herz sagt: Es ist Gott; sein Verstand fragt: Hat jemals sich der Herr vor mir verhüllt? Der Hohe lächelt. „Deine Gedanken sind schwer, Abram.“ „Herr“, spricht dieser, „kann denn mein Herz anders fühlen als meine Sinne denken —?“

„Ich will Mich dir enthüllen. Ich bin Melchisedek, der König von Salem; es gibt keinen König außer Mir! Die Könige der Erde, auch du, haben der Welt Lehn aus Meiner Hand empfangen.“ „Ich habe die Namen ‚Melchisedek’ und ‚Salem’ noch nie gehört“, entgegnet Abram. „Nun ist mir, als trüge sie mein Geist. Bist Du der ewige König, so opfere ich Dir, was aus der Schlacht auf mich entfiel.“

„Mir ist wohlgefällig, was du tust; auch bin Ich nicht nur der König aller Könige, sondern der ewig-wahre Hohepriester im Himmel und auf Erden. Dein Zehnt soll dem Himmel die gerechte Gabe sein.“ „Herr“, fragt Abram bescheiden, „wenn Du DER bist, für Den ich Dich halte, wie magst Du Irdisches dem Himmel bieten?“ „Gibt nicht der Himmel sein ‚Höchstes Eigentum‘ an diese Welt?“ fragt Melchisedek streng. „O Herr, ich weiß, daß reine Kinder kommen, um zertretene Ähren aufzulesen. Doch des Himmels Höchstes ist der HERR!! Wie kann Er Sich denn Selber opfern?“ „Durch den Sohn! Dieser, des Vaters persönliches Eigentum, wird geopfert um der Sühne willen. Doch was du Mir als Zehnten schenkst, das sollst du allen Armen geben.“

Abram erkennt wohl aus dem Wort das Licht, nur kann er es nicht klar genug erfassen. „Hat denn Gott, Den ich bisher als den Einzigen erkannte, einen Sohn? Dann gäbe es zwei Götter! Wie mag ein Gott aus einem andern kommen, ohne daß nicht doch der Eine Gott, der Andere ein Kind verbleibt? Würde Gottes Allmacht Sich schon einen ‚Sohngott‘ zeugen, sage, o heiliger Melchisedek, welchem muß der Mensch gehorsam sein? Ich kann nicht zwei Herren dienen, selbst wenn sie zugleich im Regimente sitzen.“

„Ja Abram, niemand soll zwei Herren dienen, ob beide nun in einem Hause wohnen oder nicht. Doch des Höchsten Sohn ist Seine Liebe und ist kein zweiter Gott, weder in der Macht noch in Gestalt. Die Liebe, eine von des Schöpfers sieben Geistern, wird geopfert um der Gnade willen. Ein unsichtbares Opfer gibt es nicht! Gottes Liebe wird einst ‚Sohn‘ genannt, Der nur hier auf Erden die Opferform erhält, als Menschensohn! Deiner Opfer Äußeres hat die Flamme aufgezehrt; nirgends findest du es wieder. Allein, das Innere bleibt als Opferwert erhalten! So wird die Liebe einst, wenn ihre Erdenform getötet ist, zum Himmel steigen! Und was sich offenbart, heißt Ewig Vater!!

Du sollst beweisen, daß sich das Höchste opfern läßt.“ „Ich?“ Abram ist erstaunt. „Ich habe keinen Sohn. Doch wenn, was hätte es für einen Sinn, mir einen Sohn zu schenken, den Gott mir wieder nimmt?“ „Den Sinn wirst du beim Opfern erst begreifen.“  Hummar-Karbo zupft den Hohen am Ärmel. „Herr, erlaubst Du, daß ich rede?“

„Sprich, Hummar, dein Herz liegt ganz in Gottes Hand.“ „Ach, wenn DU das sagst, so möchte ich’s gern glauben; nur bin ich noch nicht rein genug. — Du nanntest Dich den höchsten König, den einzig-wahren Priester, Der zu Salem sitzt. Es ist gewiß ein wunderbarer Ort! Darf ich wissen, aus welchem Geschlechte Du hervorgegangen bist?“ Wieder lächelt der Hohe einen Trost, der schon im voraus tröstet.

„Sohn“, freundlich schlingt Er Seinen Arm um Hummars Schultern, „zu Salem ist Mein Gezelt und Meine Wohnung zu Zion (Ps. 76, 3). Ich ließ alle Geschlechter werden; doch Selbst bin Ich aus keinem Blut hervorgegangen. Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Anfang der Tage noch Ende des Lebens bin Ich der König der Gerechtigkeit, Salems und des Friedens König (Hebr. 6). Hummar Karbo sinkt in sich zusammen: „Herr, laß mich von dannen gehn, ich habe Dich erkannt!“ Er versucht, sich zu entfernen.

Melchisedek hält den Gebeugten fest. „Nenne Mir den Ort, wo du dich vor Mir verbergen kannst!“ „Da wird wohl keiner sein“ (Ps. 139, 9). seufzt der Mensch tief auf. „Drückt das so sehr?“ Des Hohen Stimme ist behütende Wärme. „Wer solche Stätte hat wie du, der sollte jubeln und nicht seufzen. Bist du nicht glücklich?“ Jäh schaut Hummar auf.

„Jubeln? Glücklich sein —? Kann das der sündige Mensch in Gottes heiliger Nähe?“ „Aber Freund, wer anders gleicht die Lasten aus als Gott allein? Doch weil die Sünde dich bedrückt, so will Ich sie mit dir besprechen. Du möchtest sicher gern, daß Ich sie tilge.“ „Ja, ja, das möchte ich! Nun sieh, ich habe . . . ja, was habe ich denn eigentlich —? Mir fällt nichts ein, über das ich sprechen müßte.“ Hummar-Karbo sieht komisch-entsetzt von einem zum andern. Abram läßt sein gutes, herzfrohes Lachen hören. Er wendet sich an Gott:

„Herr, darf ich meinem Bruder helfen?“ „Ja!“ Abram sagt: „Wenn Gottes Hände uns umschließen, da ist die Welt mit ihrer Sünde fern. Scheucht nicht die Sonne jede Nacht? Als Melchisedek dich berührte, warst du rein; und rein sind wir vor Gottes Angesicht, wir haben ja Sein Mahl empfangen! Suche nicht nach deines Herzens Falten, sondern wirf es ganz in Gottes Schoß.“ „O Abram, hilf mir werfen“, ruft Hummar aus. „Denn vorhin dachte ich, wie es wäre, wenn man rein in Gottes Reinheit stehen darf. Und ich zählte alle meine Sünden auf. Nun ich sie bekennen will, sind sie verflogen. Wie kommt das?“

„Das will ICH dir sagen“, spricht Melchisedek. „Das Bekennen mit dem Munde ist zwar gut; doch vor Dem, Der auch die Nieren prüft, genügt es, wenn man seine Fehler innerlich bekennt. Das tatest du mit ganzer Seele. Auch den letzten Winkel deines Herzens hast du aufgeblättert. Nun Mein Licht darinnen ist, suchst du nach dem vergeblich, was Ich bereits vergeben habe.“ Hummar blickt in Gottes gütiges Gesicht. „Und man kann wirklich so ganz einfach sich in Deine Hände werfen, wie ich es bei Abram tat, als er in meine Hütte kam?“

„Ganz genau so, denn die Liebe tröstet alle Kinder. Wer sich so hingibt, hat in Mir den VATER gefunden.“ Der Fürst von Dan flüstert Abram zu: „Sprich für uns alle; wir möchten auch den Segen haben.“ „Sprich nur selber, Freund, das ist dem Vater lieber.“ Freundlich schaut der Herr die Männer an. Hummar bettet demütig sein Haupt an Gottes Brust. Still wird es rund um. Segnend liegt des Hohenpriesters Hand auf dem Gebeugten. „Jetzt bin ich rein, jetzt bin ich glücklich“, flüstert dieser und sieht empor. Da bemerkt er das Verlangen aller Männer. Sofort erhebt er sich, und jeder der Fürsten und Oberen aus Abrams Schar ruht — rein geworden — an der heiligen Brust.

„Herr“, bittet Abram, „erkläre uns noch Salem.“ „Salem heißt Gottesstätte, der Lichtort, wo Meine Güte wohnt. Wer dahin wandert, findet GOTT!“ „Das ist wunderbar!“ ruft leuchtenden Auges der Patriarch. „O Herr, die Grotte will ich hüten und umpflanzen, damit kein Mensch sie bis zu Deiner Zeit betritt, wie Du verkündet hast. Und eines noch: Drüben auf dem Hügel erbaute ich die Stätte Je-Ru, als ich von Ägypten kam. Doch sonderbar, ziehe ich durch diese Stadt, bin ich traurig und auch froh. Ist der Ort zu etwas ausersehen?“

„Ja, Abram. Nenne nun den Ort Je-Ru-Salem, er wird jene Stätte sein, da Ich Meine Liebe opfern werde.“ „Dann ist der Ort auf ewig heilig!“ Abram ist tief ergriffen. „Nicht unbedingt; das Heilige bleibt nicht auf dieser Welt, es geht hier nur vorüber! Wer Irdisches aber heilig nennt, der hat das Heiligste verloren! Die Stätte ist Symbol, wie alles, was vom Himmel auf die Erde kommt. — Doch nun brecht auf, die Nacht ist vorgerückt. Ich will euch segnen und euch Meinen Frieden geben. Bewahrt das Licht in euren Herzen und vergeßt die Gnadenstunde nicht.“ Tief geneigt umstehn die Männer Abram, der vor Melchisedek kniet. „Herr, ich danke Dir. Laß uns immer Deinen Willen wissen, daß wir nur Deine Wege gehn.“ Als sie aufschauen, fährt das Licht von der Grotte zum fernen Firmament empor.

Über dem Acker steht die Nacht. Doch bald funkelt ein Sternenheer nieder, wie die Männer es in dieser klaren Fülle selten sahen. Schweigend geben sie sich die Hände, schweigend schwingen sie sich in die Sättel. Die ausgeruhten Tiere greifen aus. Enoseth, der Oberste, führt an. Erst nach Stunden, als sie Hebron näher kommen, lösen sich die Zungen. Mamre, Eskol, Aners, der Fürst von Dan können Abram nicht genug danken, daß er sie den wahren Gott erkennen lehrte und sie das heilige Erleben haben durften. Nicht minder glücklich sind die Hauptleute. Ernsthaft geloben sie Abram unwandelbare Treue, denn durch ihn haben sie die Gnade nun empfangen. —

Noch kämpft der Morgen mit der Nacht. Sie sind etwa eine Stunde von Hebron entfernt, da zügelt der Führer sein Kamel. „Herr“, wendet er sich Abram zu, „ein Reiter jagt uns entgegen.“ „Was mag er bringen?“ Sie scharen sich zusammen und sehen bald einen Reiter auf kleinem aber pfeilschnellem Tier daherrasen. „So rennt nur mein Schwarzer“, ruft Abram und denkt an Fylola, wie sie von der Schreckensnacht verschluckt war, kaum daß er sie in den Sattel gehoben hatte.

„Verzeih“, sagt Hummar-Karbo und schnellt plötzlich vorwärts, dem Reiter entgegen. Man will ihm nach. Abram hält sie zurück. „Nicht, ich glaube . . .“ „Was glaubst du?“ fragt Aners, der überall Gefahren wittert, auch wenn es einmal keine gibt. „Das muß Fylola sein.“ Auf Befragen erzählt er des Mädchens Geschichte, indem er langsam weiterreitet. Da sind sie alle ergriffen und erfreut. Wie gönnen sie den Eltern das verlorene Kind.

Fürst von Hazor ist nicht weit gekommen. Das galoppierende Tier ist heran und prallt noch ein Stück an ihm vorbei, ehe es zum Stehen kommt. Doch alsbald gleitet die wankende Gestalt aus dem Sattelsitz. Mit jähem Satz springt Hummar von seinem hochbeinigen Braunen ab, und dann bettet er ein Mädchen an seine Brust, schluchzt und lacht in einem Atemzuge: „Fylola, endlich habe ich dich wieder! Hörst du nicht, mein Kind?“ Er rüttelt die Ohnmächtige am Arm. „Wach auf!“

Abrams Trupp ist indessen herangekommen. Er beugt sich über die Ohnmächtige. „Sachte“, warnt er, „nicht hart aufwecken; wir wollen sie auf meinen Mantel legen.‘ Jeder greift mit zu. Einer kümmert sich um den schweißnassen Hengst. Es dauert eine Weile, ehe Fylola die Augen aufschlägt. Als wäre es das Selbstverständlichste, schlingt sie ihre Arme um Hummars Hals. „Vater“, sagt sie glücklich, „nun haben wir uns wieder; und die liebe Mutter kommt auch schon eilig.“

„Kind, nach elf Jahren finde ich dich! und — der heilige Herr sei gelobt — in der besten Hut, die es auf Erden gibt!“ Er drückt Abrams Rechte. Dieser muß ein bißchen rumpeln, weil ihn sonst die Rührung übermannt. „Fylola, was hast du angestellt? Du konntest hin sein! So jagt niemand über die Steppe.“ Das Mädchen, für einen Moment ängstlich geworden, spürt die große Sorge und — das Verlustgefühl, das den Mann bedrückt. „Vater Abram, sei nicht böse. Ich habe den guten Schwarzen geschont, so sehr es ging. Aber meine Sehnsucht, elf Jahre lang zugedeckt, ganz allein getragen, ging auf ihn über; er jagte fast von selbst. Und bleibe Hebael gerecht. Ich — ich sagte ihm, ich würde nicht sein Weib, wollte er mir nicht behilflich sein.“

Leise lacht der Patriarch. „Da blieb ihm allerdings nichts anderes übrig. Du aber, Hummar-Karbo“, sagt er ernst, „achte auf dein Kind; es ist nicht gut, wenn es so nächtlich reitet.“ „Das ist auch nicht mehr nötig, Vater Abram, nun wir alle glücklich bei einander sind. Käme aber wieder eine böse Nacht, dann tut es Hebael; das mußte er mir schon versprechen. Und“, bittet sie, „sprich mit Mutter Sarai. Sie schickte mich gestern mit den Mädchen nach Mamre, das Haus zu richten. Ich tat es auch, kehrte aber nicht zurück und ließ sagen, ich schliefe im Hain.“ „Das will ich gerne tun“, beruhigt Abram.

„Wie kamst du auf den Gedanken, daß ich auf einmal käme? Elf Jahre warst du uns verloren, liebes Kind, und wir glaubten nicht, dich jemals wieder zu erhalten. Wäre Abram nicht zu uns gekommen, hätten wir auch nichts von dir gehört.“ Hummar hat Fylola aufgerichtet, die Männer sitzen im Kreis um Vater und Tochter samt Abram.

„Den ‚Blick‘ verlor ich nicht“, erzählt Fylola; sie streichelt ihres Vaters Hand. „Er hat sich noch vertieft. Den großen Sieg sah ich am Tag, da er geschah. Mutter Sarai war froh darüber. Sie glaubt nun, daß ich das erkennen kann. Gestern sprach der weiße Jüngling, der zu mir sehr freundlich ist, ich solle mein Herz festhalten, wenn die große Freude käme. Da wußte ich, daß du, lieber Vater, nahe bist. Vorgestern sah ich’s im Stern. Zwei Stunden nach der hohen Nacht ritt ich davon.“ „Da hast du was geleistet“, sagt Abram. „Kaum eine halbe Stunde magst du im Gange sein. Doch — wir müssen weiter. Ob du schon wieder kannst, Fylola? Sonst bleibt ein Teil der Oberen zurück, und du, Hummar kommst mit deinem Kinde nach.“

„Ich kann“, springt das Mädchen in die Höhe. „Höchstens der gute Rappe wird mich nicht tragen können.“ „Dem ist abzuhelfen“, sagt Enoseth, „Nimm mein Kamel, Fürst von Hazor, auf dem kann Fylola auch mit sitzen, es ist kräftig genug; und ich nehme deinen Braunen. Der Hengst kann ledig gehn.“ „Gut, gut“, freut Abram sich. „Also auf!“ Die Kavalkade ordnet sich rasch, und als die Sonne den Horizont bestrahlt, reitet sie in Hebron ein.

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