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Kap 18 – Isaaks Geburt. Ismael und Hagar; deren große Untreue

Kapitel 18

Isaaks Geburt. Ismael und Hagar; deren große Untreue. Das Beschneidungsfest am achten Tag und viele Gäste. Die Lichtbrüder kommen auch. Einer von ihnen und Ismael. Die Engel stellen sich vor als Zuriel und Rafael. Zuriels Enthüllung über die Beschneidung. Rafael rechnet mit Hagar ab. Der Trotz einer Magd.

1  Abraham geht unruhvoll in seiner Kammer auf und ab. Er hält ein Zwiegespräch mit Gott. „O Herr, Du machst ja alles wunderbar; Doch sie ist alt; bedenke, wenn sie stürbe! „Mußt du Mir, dem Schöpfer, sagen, daß Ich bedenken soll, was Meine Güte schon gestaltet hat?“ „Verzeih, mein Vater; das Menschliche ist einem manchmal näher als der Geist.“ „Sehr recht, Mein Sohn. Wohlgefällig ist Mir aber nicht, so du irdisch zagst, wo du und Sara doch in Meinem Schutze steht.“ „Wenn es gut vorüber ist, wollte ich Dich loben und ein Dankmahl allen Armen setzen. Doch ich erkenne, da komme ich bei Dir zu spät. Hinterher zu loben ist ein leichtes Ding! Laß mich Dich, o Vater, dankbar preisen, ehe Deine große Gnade bei mir Einzug hält.“ Abraham kniet nieder, er dankt, als sei das Wunder schon geschehen.

2  Kaum hat er sich erhoben, stürzt Hagar wild herein. „Ein Sohn, ein prächtiger Sohn!“ Abraham wird einmal blaß und wieder rot. Er umarmt Hagar. In seinem Jubel merkt er nicht, wie die Magd sich fraulich an ihn preßt und ihre Augen seltsam funkeln. Sie ist stolz, daß man ihren Sohn die Erstgeburt des Patriarchen nennen muß. Doch der Stolz ist jene Brücke, die unter ihren Füßen brechen wird.

3  Abraham eilt zu Sara, die mit glanzerfüllten Augen ihren Sohn im Arme hält. „O Abraham, kannst du dir denken, daß ich dieses Kind geboren habe? Ich — neunzig Jahre alt? Und schaue ihn dir an, er ist ein zweiter Abraham!“ Er küßt Sara auf die Stirn. Geschäftig geht er in die Küche und kocht die erste Mutterspeise selbst. Jede Magd drückt er ans Herz und teilt viele Gaben aus.

4  Hagar sieht sein Tun. Sie dürfte Sara nicht verlassen; doch sie geht in ihr Gelaß. „Bei meinem Sohn hat er sich auch gefreut“, murmelt sie, „Ein Perlenband samt Mutterring war seine Gabe.“ Sie zieht den Ring zögernd ab. „Doch die erste Speise hat mir nur die Küchenmagd bereitet.“ Undankbar erinnert sie sich nicht, daß Sara drei Tage nicht von ihrem Kindbett ging. Sie vergilt die Liebe schlecht.

5  Ismael tritt ein. Maulend wirft er seinen Mantel ab. „Wie heiß! Mutter, hast du einen Trunk?“ „Ja, Ismael.“ Sie gibt ihm Wein, der dem Knaben noch nicht dienlich ist. „Du hast einen Bruder“, sagt sie nebenher. „Bruder?“ Ismael lacht höhnisch auf. „Hat die alte Frau geboren?“ „Ja, und — es ist ein feiner Knabe.“ „Ha, ich werde mit dem Brüderlein schon fertig!“ Hagar, zu spät erkennend, daß sie in letzter Zeit sehr viel an Ismael verdorben hat, wehrt ängstlich ab:

6  „Hüte dich, Ismael! Hast du mich lieb, so laß den Knaben; denn der Patriarch ist Gottes rechte Hand auf Erden.“ „Hm“, Ismael geht mürrisch an das Fenster. Er weiß, daß er dem Vater wenig Freude macht, obwohl er ihn nicht kränken will. Manches zieht ihn zu dem großen Manne hin. Doch der Zwiespalt seiner Seele, von Hagar nicht geheilt, reißt ihn hin und her. Immerhin, er spürt, daß es klüger sei, sich zu bezähmen. „Hab keine Sorge, Mutter. Ismael hat deine Klugheit aus dem Land am Nil geerbt.“ „So ist es recht, mein Sohn. Vor die Worte muß man das Bedenken setzen, auch ehe man die Hand zur Tat erhebt.“

7  Eine Magd kommt herein. Erstaunt sieht sie Hagar ruhig am Tisch bei Ismael verharren. „Hagar, die Herrin liegt allein!“ „Mein Sohn kam müde von den Feldern. Niemand kümmert sich um ihn, des Patriarchen Erstgeburt! Soll ich ihm keine Mahlzeit richten?“ „Ismael wird von uns gern betreut. Das weißt du doch?“ „Heute wäre er vergessen worden“, erwidert Hagar spitz. „Denn um Saras Sohn dreht sich schon alles, noch ehe er den ersten Schrei getan.“ Sie schiebt die Magd zur Seite, die sich ganz verdutzt von dannen schleicht.

8  Hagar betritt ruhigen Gesichtes Saras Kammer. Das Gift in ihrem Busen sieht man ihr nicht an. „Hast du mich gebraucht, Mutter Sara? Ismael kam müde heim und rief nach mir“, lügt sie. Sara, in Glück und Dankbarkeit zu Gott versunken, sagt freundlich: „Ach nein, liebe Hagar, ich legte Isaak in seine Wiege, nachdem er seinen ersten Trunk getan.“ „Du bist doch nicht aufgestanden?“ Über Hagar kommt die Angst. Sie hat versprochen, den Raum nicht zu verlassen, wenn keine andere Magd zugegen wäre. Ein Stundensand ist schon verronnen. Fürsorglich umgibt sie Kind und Mutter und ist froh, daß Sara schweigt.

9  Als sich die Kunde ausgebreitet hat: ‚Dem Gottesherrn und seinem Weibe ist ein Sohn geboren, und ein Wunder ist dabei geschehen‘, kommen von überallher reiche Fürsten und Sendlinge der Könige mit Gaben aller Art. Fürst Cossar gehört mit zu den Ersten. Ein kostbares Goldgehäng ist das Geschenk des Pharao, der Sara nicht vergessen hat. Doch die Erinnerung an sie ist ihm ein gutes Licht und kein Begehr. Alle Edlen werden im Hain Mamre aufgenommen.

10 Fürst Hummar-Karbo, Hebael und Fylola kommen überglücklich an, mit ihnen Jubisat, der Lot bat, das Land indessen zu verwalten. Lot hatte nach Sodoms Untergang auch Zoar aufgegeben und auf Abrahams Wunsch das Land um Ai dankbar angenommen. Der Stadtfürst von Dan, der Obere von Kedes und die Amoriterbrüder Mamre, Eskol und Aners folgen ebenfalls.

11 „Mein Haus wird voll!“ Vergnügt reibt Abraham sich seine Hände. Viele Hebroner Männer und Frauen bieten eifrig ihre Dienste an. Kaum bleibt Zeit, daß Abraham mit Sara ein paar Worte wechselt. Denn auch sie, die schon nach sieben Tagen — ihr Kind im Arm — den Gästen fröhlich dient, wird von allen Seiten angesprochen.

12 Es ist der achte Tag. Heute soll der Sohn beschnitten werden. Ein großes Dankmahl ist für alle Armen weit und breit im Stadthaus vorbereitet. An diesem Morgen knien beide am Altar nieder. Abraham erhebt die Hände. „Vater aller Güte, meine Worte sind zu arm, sie können Dir den Dank nicht sagen, der Dir gebührt. Siehe unsre Herzen an, sie liegen vor Dir offen wie ein Buch. Laß den Tag in Deiner Gnade wohl gelingen. Wenn ich Isaak beschneide, so beschneide Du sein Herz, daß die Welt mit ihrem Reichtum, ihrer Macht ihm weniger gilt als ein Tierlein auf der Weide. Aus der Flamme Deines Heiligtums laß seinen Geist das Licht entnehmen, daß er weiterträgt, was Du mir übergeben hast. Siehe an, das Kind ist Dein!“

13 Als sie sich erheben, stehn am weißen Herd zwei Helle. Es sind die altbekannten Freunde. „Abraham“, sagt der erste Jüngling, „halte dein Gelöbnis, das du jetzt dem Höchsten zugeschworen hast.“ Sara merkt heute nicht den Ernst im Wort, obwohl sie sonst sehr aufmerksam dem Lichte lauscht. Sie legt Isaak den Himmelsfreunden in die Arme. Mit des Vaters Segen wird sie begrüßt. Abraham stellt auch die Freude vor den Ernst und sagt: „Was ich dem Herrn verspreche, halte ich. Mein Knabe soll in Gottes Wegen wandeln.“ Dabei strahlen seine Augen hell. „Aber es ist gut, daß ihr beide endlich kommt!“

14 „Mehr Willkommen hast du für uns nicht?“ fragt der zweite Helle. „Ist das nicht genug?“ neckt Abraham. „Heute ist der Tag des Herrn, laßt uns freudig in Ihm fröhlich sein!“ „Wir haben schon gemerkt, wie du es meinst. Dein Geist, jung in Gottes ewig-heiligem Geist, überstrahlt das Alter dieser Erde. Doch wir sind gekommen, euch zu helfen. Die meisten eurer Gäste wollen nicht nur Irdisches empfangen; es verlangt sie sehr, den Himmel zu erschauen.“

15 Allseits herrscht große Freude. Die meisten Gäste wissen, daß und wie Gott mit Abraham im Bunde steht. So sind die Hellen wohlbekannt, vor allem aus der Königsschlacht. Heute gewinnt auch Kedor-Laomor, der Elamiter, die Harnischträger lieb. Hagar macht tunlichst einen Bogen um sie und Ismael schleicht zu den Herden, statt als Sohn des Hauses an der Freude teilzunehmen. Vor dem Mittagsmahl nimmt Abraham am weißen Altar die Beschneidung vor. Fürst Cossar hält den Knaben liebewarm. Von ferne sieht Ismael dem Treiben neidisch zu. „Bei mir gab es keinen Akt, ich kam an die Reihe wie jeder Knecht.“ Im Murmeln ballt er haßerfüllt die Fäuste.

16 Da steht ein Heller neben ihm. Erschrocken will der Knabe fliehen. Die Lichthand hält ihn fest und am Wegrand setzen sie sich nieder. „Ismael, hast du deinen Bruder schon gesehen?“ Liebreich klingt die Frage. „Nein, ich habe keine Zeit, ich muß als Kind schon schaffen wie ein Knecht. Der Vater hält mich hart!“ „Ist das wahr, mein Kind? Könntest du vor Gott genauso sprechen?“ Ismael, über seine Jahre weit hinaus gereift und von Hagar allzufrüh in des Lebens Wirrnisse gestoßen, lacht bitter auf. „Mir ist noch kein Gott geworden, daß Er den ersten Sohn des Hauses hören möchte.“ „Doch, Ismael, der Herr deckt vieles an dir zu um deines Vaters willen. Obwohl noch Kind, ist deine Seele schon im Strudel dieser Welt gefangen. Man muß mit dir reden wie mit einem Mann. Besser wäre freilich, ich könnte mit dir kindlich sprechen. So höre denn:

17 Vater Abraham trägt dich mit großer Liebe im ständigen Gebet, er setzte dich nicht hinter Isaak zurück. Das bildest du dir ein. Oder meinst du, daß es ihn nicht schmerzt, stellst du dich trotzig hinter das Gehege? Als Sohn des Hauses dient man dessen Gästen. Wie gern hätte er die Hand auf dich gelegt und gesagt: ‚Mein Sohn Ismael!“

18 Der Knabe heult: „Ja ja, der Sohn, aber nicht der ‚erste Sohn! Durch Isaak hab‘ ich die Erstgeburt verloren, das fühle ich genau. Niemand liebt mich, außer meiner Mutter.“ Tröstend legt der Engel seinen Arm um Ismaels gebeugten Rücken. „Du bist töricht, du betrachtest alles nur von deiner Seite her. Hast du jemals eine Liebetat vergolten, die des Hauses Herrin mütterlich dir angedeihen ließ? Wo du sie kränken konntest, hast du es getan.“ „Ich kann die alte Frau nicht leiden“, stößt Ismael in Haß hervor. „Weil du ihr nie ins Auge blicktest“, entgegnet streng des Himmels Licht, „erkanntest du die Güte nicht, die über alle deine Knabenbosheit dir verblieb!“

19 Der Engel zieht den Knaben hoch. „Ismael, sei heute Kind und werde erst ein Mann. Wer nicht gehorcht, wer nicht lernen will und jede gute Mahnung hart und lieblos nennt, der wird ein Tor, ein Mensch, den alle meiden. Lerne erst dich beugen, bevor du dich gerade reckst. Hänge dich nicht an die ‚Erstgeburt’! Denn merke dir: Nicht darauf kommt es an, das erste oder letzte Kind zu sein, sondern daß man brav und tüchtig wird. Gott fragt nicht: Bist du der Letzte oder Erste? Er fragt: Bist du Mein Kind?! Und kannst du darauf fröhlich sagen: Ja, ich bin`s — auch gegen Vater Abraham und Mutter Sara —‚ so wirst du im Hause bleiben, das deines Vaters ist – im Himmel wie auf Erden. Gehe jetzt mit mir und man wird die Bosheit nicht bedenken, mit der du in den Tagen dich vom Hause ferne hieltst.“

20 Der Knabe läßt sich führen; und heute wird ein Tag, wo er seinen Trotz bereut. Doch der Acker ist zu seicht, Hagar hat viel gute Krume weggenommen, der Samen liegt zu flach. Abraham deckt seinen Kummer zu. „Mein Sohn Ismael“, sagt er zu allen Gästen. „Er war auch heute fleißig und tat die Arbeit, die am Tag der Ruhe zu geschehen hat.“ Man lobt ihn sehr, auch ist er ein hübscher Bursche und wenn er will, gewinnt man ihn von Herzen lieb. Trotzdem der Himmel half, weicht Hagar fernerhin den Hellen aus.

21 Nach dem Mahl fragt Kedor-Laomor, was für Bewandtnis es mit der Beschneidung habe und ob das überall geschehen müsse. Abraham entgegnet: „Freunde, hohe Gäste, meinem Haus ist große Gnade widerfahren. Mit Recht ist es als ‚Wunder anzusprechen, daß mein Weib im hohen Alter Isaak geboren hat. Zur Gnade Gottes kommt die Freude, daß ich euch allen dienen darf. Könige, Fürsten und edle Gesandte sind versammelt. Doch ihr Freunde wißt, daß das Irdische im zweiten Range steht und des Geistes Adel, der Seele Zucht die wahren Kronen sind. Denn nicht was uns die Welt verleiht hat hohen Stand, wenn wir nicht die Hoheit unserer Herzen aus dem Himmel nehmen.

22 Zwei Gäste sitzen mir zur Seite“, er deutet auf die Hellen hin, „deren Geist des Schöpfers Flamme widerstrahlt. Sie lehren uns mit leichtem Wort, was ich nur ungenügend weisen kann.“ „Du könntest es schon richtig sagen“, meint der erste Jüngling, „denn im Geiste sind wir Brüder; nur deine Demut deckt dein Licht mit einer Hand.“ „Ach“, mischt Fürst Cossar sich rasch ein, „wenn das ungedeckte Licht vom Himmel auf die Erde kommt, uns Irdische zu segnen, so möge es auch strahlen zu unser aller Heil.“ „Gut gesagt“, lobt der zweite Helle. „Sprich, Zuriel, denn das ist dein Gebiet.“ „Nicht minder auch das Deine, Rafael; doch wir tun nach unsers Vaters Willen.“

23 „Endlich weiß man eure Namen!“ Abraham, der schon seit der großen Schlacht gern wissen wollte, wer die Brüder sind, hatte nie nach dem gefragt, was der Himmel noch verschloß. Ihm war die Gnade stets genug, die ihm geschah. Nun ist seine Freude groß. „Welch schöne Namen“, sagt Fylola zu Mutter Sara, die beisammen sitzen. „Da spürt man richtig, daß sie aus dem Lichte sind.“ Freundlich nickt Rafael Fylola zu. Zuriel beginnt mit seiner Rede.

24 „Der Schöpfer aller Werke steht euch nicht ferner als uns beiden. Freund Cossar macht die Einwendung, dann müßten auch die Menschen voll Weisheit, Kraft und Liebe sein wie wir. Nun, bei manchem ist das auch der Fall. Nur deckt das Leben hier das Lichtgut zu und das aus einem Grunde, der sich allmählich erst enthüllen läßt. Wer jedoch in sich das Gute pflegt, sich am Hohen mißt und nicht am Niedrigen, dem wird manche Gabe wachsen, deren Wurzel tief ins Lichtland reicht. Wer den Glaubensweg vor Augen und im Herzen hat, der wird dem Herrn so oft begegnen, so oft Ihn seine Liebe zu sich zieht. Die Begegnung kann im Bild, im Wort, auch im Geschehnis und persönlich sein, je nach dem es für die Irdischen am besten ist. Doch in jedem Fall ist sie Sein Licht, das die Kinder segnet.

25 Ihr seid fast allesamt durch Abraham zum Glauben hingeführt und spürt nun die Verbindung, die von des Reiches Zentrum durch die ganze Schöpfung geht. Euer Wunsch ist ehrlich, nur in eures Geistes Leben Gott zu dienen, wie Abraham es tut. Darum ist die Stunde euch bereitet und ihr hört und seht, was um so weniger die Menschen anerkennen wollen, je mehr Menschen einst die Erde füllen.

26 Du, Kedor-Laomor, steigst nach einem tiefen Sturz durch Gottes Gnade auf den Berg, der höher in den Himmel ragt als der höchste Berg der Erde. Du denkst noch fern von Gott zu sein, wenn du nicht auch im Bund beschnitten wirst. Doch merkt alle auf: Die äußere Beschneidung, Abraham geboten, bringt nicht allein den Gottesband! Was hier geschieht, nur einem Volke zubereitet, liegt in jener Weisheitstiefe, die der Erde schwer vermittelt wird.

27 Es war ein Kind, das sich vom Vater wendete und nicht eher wiederkehren wird, als bis ein Opfer sich erfüllt. Vom Abfall bis zum Opfer gibt es eine Straße, dem Kinde zubereitet, die ‚Demut‘ heißt, des Höchsten Opfer!! Wie aber viele Seelen mit dem Kinde stürzten, so gibt es viele Kinder, die mit dem ewig-wahren Gott den Weg der Demut gehn, der über diese Erde führt, dem Orte der Gefallenen. Das Opferzeichen aus dem Gottesgeiste ist der Leib der Menschlichkeit, den Gott tragen wird, wann der Wendepunkt geschehen kann.

28 O bedenket: Gott beschneidet Sich! Von seinem Wesen trennt Er die Liebe los! Das Heiligste der Opfertat!! Sein hehrer Schöpfergeist gibt eine Seiner sieben Fackeln her! Diese Trennung, die Beschneidung Seiner Heiligkeit kann freilich nicht so bleiben. Nach dem Opfer wird der gekrönte Opferteil, die Liebe, zu ihrem Recht erhoben und wird wieder mit den andern Fackeln Gottes Wesenheit durchglühn.

29 Für die Gestürzten ist ein Zeichen aufzurichten, das sie schauen müssen. Also wird das Innere, das Heiligste am Gottesopfer, sich auf Erden auch beschneiden, nämlich Seine Göttlichkeit verdecken! Nur die Ihn lieben, werden Ihn erkennen. Allein, die Hölle weiß, daß das UR-Opfer bereits geschah. Nur kennen sie nicht seine Macht, die sich dann erst offenbart, wenn sich das Opfer äußerlich erfüllt. Aber diese Opfermacht als Höllenwesen zu bekämpfen, darum kommen diese Seelen auch als Menschen auf die Erde. Und ihrer sind sehr viele.

30 Doch kein Geschlecht läßt sich erhalten, wenn nicht der Lichtstrahl bei ihm wohnen kann. An Sodom und Gomorra habt ihr es wahrgenommen. Die treuen Kinder steigen also nieder, werden Menschen wie die Höllenwesen und halten Gottes Straße frei, auf der Er kommen wird, das Opfer auszuführen. So entsteht der Kampf von Licht und Finsternis.

31 Nun müssen aber auch die Kinder sich beschneiden, ihr reines Leben von sich trennen. Doch wie Gott trotz eigener Beschneidung ewig der Vollkommene und Allerhöchste bleibt, so bleiben auch die Kinder ihrem Wesen nach vollendet. Nur das Licht wird zugedeckt, für die Dauer hier auf Erden ‚abgeschnitten‘.

32 Allgemein darf kein Kind wissen, daß es rein vom Lichte kam. Demütig gehen sie den Weg aus Liebe zum Schöpfer aller Dinge und aus Liebedienst zu den Gefallenen. Und werden sie auch in die Sünde mit verstrickt, so hält sie Gottes heiliges Opfer fest. Nur wenig hohe Geister, die die Pfeiler zu der Straße bilden wollen, wissen wer sie sind. Die aber decken ihre Flamme selber zu, weil ihr Demutsweg die Opfergabe ist, die sie auf Gottes Opferaltar niederlegen. Nur der HERR wird Sich den Seinen offenbaren, daß Er der Schöpfer, Priester, Gott und Vater ist!

33 Alles Geistige bedarf auf Erden äußerlicher Zeichen. Wie ich schon sagte: Ein Kind, das fiel, ein Opfer, eine Straße; so auch ein Zeichen an einem Volk, in dem Licht und Finsternis am meisten miteinander kämpfen. Denn wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Wo das Licht den Einbruch übt, dort wird die Hölle hausen! Auch die Finsteren beschneiden sich, ziehn sie ja das Kleid der Erde an, das ihnen nicht behagt. Nur opfern sie um zu zerstören.

34 Darum ist die äußere Beschneidung nur ein Zeichen, das nach vollbrachtem Opfer aufgehoben werden kann, wie dann auch ‚Gottes Volk’ alle jene Kinder sind, die den Glauben treu bewahren. Die innere Beschneidung, liebe Freunde, ist die ewig gültige aus Gottes heiliger Beschneidung. Das Volk aus Abraham, der als ein Pfeiler auf die Erde ging, muß bis zur Hoch-Zeit dieses Zeichen tragen, an dessen Heiligkeit im Gottes-Opfer die Finsternis zerschellt. — Wer sich darum recht dem Herzen nach beschneidet, sich in Demut, im Gelübde  (Ps. 50, 14) opfert, das er Gott gegeben hat, wer dem Nächsten hebend hilft, der ist ‚aus Gott‘ beschnitten an seinem ganzen Wesen und steht in Seinem ewiglichen Bund.“

35 Alle lauschen still dem Worte nach und es werden gute Früchte, die aus dem Schweigen reifen. Abraham umarmt die Brüder aus dem Licht. Danach begeben sich die Männer in den Hain. Die Gäste lassen sich vom Patriarchen manches Nützliche erklären, besonders Feld- und Viehwirtschaft. Die fremden Frauen hingegen bitten Sara, sie in ihrer Teppichkunst und Deckenknüpferei, in denen sie eine Meisterin ist, zu unterweisen, vor allem wie man sinnfällig auf neue Muster kommt. Doch selbst bei all dem Irdischen, das den Gästen auch zur Freude dient, dreht sich die meiste Unterhaltung um die Himmelslehre. Zuriel und Rafael nimmt man daher sehr in Anspruch.

36 Hagar beaufsichtigt die Mägde, die die Räume und das Abendmahl bereiten. Zwischendurch geht sie in ihre Kammer. Sie freut sich ja, daß Ismael bei der Gesellschaft und oft an Abrahams Seite ist. Auch Sara trug das ihre bei, dem Knaben den Tag schön zu machen. Immerhin — sie sieht durch dunkle Fenster, wo reines Licht erstrahlt. Da bewegen sich die Vorhangfalten. Rasch geht sie hin. Nur mühsam kann sie ihren Schreck verbergen. Rafael tritt ein.

37 Freundlich gibt er ihr die Hand. „ Hagar, du hast Gottes Gnade hoch erfahren. Doch der Himmel ist betrübt, weil du so wenig dankst und bösen Samen säst, wo gutes Land vorhanden ist. Warum tust du das?“ „Ich weiß nicht, was du meinst“, erwidert sie halb unsicher, halb trotzig. „Ihr vom Himmel redet, was Menschen nicht begreifen können.“ Das ist mir neu! Gewiß kommt manche Lehre, die erst erläutert werden muß. Wer aber willig ist, begreift, auch wenn sich Tiefen öffnen. Ich sprach zu dir jedoch kein fremdes Wort vom Himmel, sondern das, was du auf Erden tust. Das muß dir verständlich sein.

38 Oder glaubst du, Licht läßt sich betrügen? Nicht nur dein Fuß und deine Augen, auch dein Herz machten um uns einen Bogen. Was du an Abraham und Sara sündigst, an Ismael verdirbst, das wird sich bitter rächen, wenn du nicht bald dich wendest. Wie gut man zu dir war, als du wieder heimgefunden hattest! Selbst Fürst Cossar deckte deinen großen Mangel zu. Nun sind schon Jahre hingegangen und du sammelst nicht die Liebe, sondern Haß. Doch merke auf: Das Licht ist keine Stätte, wohin der Haß sich tragen läßt; es nimmt ihn gar nicht an! Und die Erde, Menschen oder Seelen? Glaube nicht, daß sie der Acker sind, in dem du ihn begraben kannst. Wirfst du ihn als Samen aus, so wird er zwar im Boden bleiben; doch was draus keimt und wächst, das mußt du selber ernten wie jeder Mensch, der dem Hasse huldigt.“

39 „Du sagst, ich hätte wieder heimgefunden“, unterbricht Hagar und sieht vor sich nieder. „Ist das Heimat, wo man Magd sein muß?“ „Ja, Hagar, auch das kann echte Heimat sein, je nachdem man es empfindet. Du bist Magd und man nennt dich Tochter. Sara war zu jeder Zeit dir eine Mutter. Und Abraham, der Herr, ist ein Diener allen Menschen, seinem Hause untertan. Beide, Abraham und Sara, sind stets darauf bedacht, für euch zu leben, euch eine Hütte und ein gutes Brot zu bringen. Manche Arbeit tat die Herrin selbst, trotz müder Hände, die dir zugekommen wäre, der Jüngeren, der Magd. Nie hat sie dich gescholten, wenn du lässig warst.

40 Du denkst, es ginge mich nichts an und ich solle mich um meinen Dienst im Himmel kümmern, statt um Irdisches, dem Licht nicht wert. Du weißt ja nicht, daß der höchste Himmelsdienst der Hölle gilt, um die Ferne wieder heimzuführen. Auch du, Hagar, bist dem Licht sehr fern. Darum komme ich, der Liebefürst, dich zu erretten. Kehrst du nicht um, wird Ismael sich weit verirren, ehe seine Seele einmal an die Umkehr denkt. So geht ihm selbst sein Vaterhaus verloren.“

41 „Das ist es schon“, begehrt Hagar trotzig auf. „Saras Sohn hat es ihm genommen!“ „Streust du das Gift aus deiner Bosheit Lüge? Gibst du Essig, wo du Brot und Wein empfängst?“ Sehr streng fragt es der Engel. Hagar schauert zusammen, sie beißt die Lippen aufeinander. „Du denkst nur an deine Sinneslust, die dich zur Sklavin macht, dem Hause fremd. Auch mißgönnst du Sara ihren Sohn. Selbst zur Stunde der Geburt hast du die Pflicht vergessen; und nicht unrecht wäre dir gewesen, wenn die Herrin von der Erde ging. Sie war ja alt; gut konnte die Geburt das Todeszeichen sein! Aber deine Seele trägt das Mal der Schande. Auch ein mißlungener Versuch wird in das Buch des Lebens eingraviert. Denn kein Gedanke bleibt vor Gott verborgen!!“

42 Entsetzt ist Hagar weit zurückgewichen. „Das — nein, das ist nicht wahr!“ Abwehrend streckt sie beide Hände aus. „Doch, arme Tochter, es ist wahr! Gottes Licht durchleuchtet jede Seele; nichts bleibt Ihm verhüllt! — Hagar“, der Engel nimmt sie freundlich in den Arm und streicht ihr sachte übers Haar, „wende dich jetzt um. Noch kannst du dich und deinen Knaben retten, kannst alle Güte, die man dir erwies, mit Treue lohnen. Es ist Gottes letzter Ruf an dich auf Erden. Folgst du diesem nicht, so wird die Wüste dich verschlingen.“

43 Hagar ist allein. Vor ihr auf dem Tisch erglänzt der Mutterring. Sie legt das Perlenband daneben. „Der Himmel hat gut reden“, murmelt sie. „Auf Erden herrscht das Blut und nicht der Geist. Wessen Wiege auf dem Throne steht, wird König; und wen die Armut wirft, der ist die Magd. Nennt das der Himmel auch Gerechtigkeit?“ — —

44 Eine Zeitlang hallt des Engels Mahnung in ihr nach; sie gibt sich Mühe, manches gut zu machen, auch mit Ismael. Doch das Gute hält in ihr nicht lange an. Bekümmert sehen Abraham und Sara, wie sich das Herz der Magd verdeckt und Ismael dem Hause keine Ehre macht.

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