Kapitel 2
Vierfacher Ruf Gottes an Samuel; Schwere Voraussage.
Ein Jahr ist Samuel schon unter Eli’s Zucht. Einmal sah er seine Eltern, als sie ihre Hüttengaben brachten. Ihm gefällt der Dienst, doch das Heiligtum durfte er noch nicht betreten. Nachts steht er manchmal auf, mit einem Brennen in der Brust: anbeten dort, wo Gott zu Hause ist. So steht er bei dem inneren Vorhang und wagt nicht, diesen auch nur anzufassen, geschweige denn hindurchzusehen. Noch hat Eli nichts davon gemerkt.
Seit jener gnadenvollen Offenbarung (Kap.1) hatte er nichts mehr vernommen, als wäre nun der Himmel zugeschlossen. „Teuer ist Dein Wort geworden“, spricht Eli im Gebet (1.3,1). „Was soll ich mit dem Knaben tun, den DU hergebracht? „Stille um ihn her, selbst vor der Bundeslade, wo die Flamme brennt. „Ach Herr, habe ich zu sehr gesündigt, weil Du mich verlassen hast?“ Ernstes, schweres Flehen eine Einkehr in das Innerste des Seelengrundes.
Samuel geht zum nahen Hügel, wo er gern verweilt und in die Ferne schaut. Hier, er weiß nicht, wie das kommt, kann er anders als im Beisein Eli’s beten. Und hat’s doch von ihm gelernt. „Gott, bist Du nicht auch unser Vater? „ Es steht in Mose’s Abschiedsrede. Der ganz von Gottes Geist Erfüllte sprach: ,Ist Er nicht dein Vater und dein Herr?’ (5.Mo.32,6). Das Kind hatte, als es noch zu Hause war, El-Kana angesehen und gesagt, er wäre doch sein Vater.
,Ganz recht’, belehrte ihn der Mann, ,für diese Welt bin ich dein Vater und Hanna deine Mutter. Für die Ewigkeit ist GOTT allein der Vater aller Seiner Kinder; denn Er hat aus Seinem Lebensgrund uns allesamt herausgehoben, mit Seiner Macht behaucht, daß wir lebendig würden und auch bleiben können. Gott heißt und ist das ewige Leben! Es gibt nichts Höheres, als was Gott war, ist und bleibt!’
Damals hatte Samuel, acht Jahre alt, das nicht verstanden. Heute dämmert’s ihm, was darunter zu verstehen ist: Gott — Herr und Vater! Als er in die Ferne blickt, kommt ihm die Erkenntnis. Er hebt die Hände: „Dich will ich VATER nennen, wenn. . . „ Eli ruft. Hurtig eilt er hin, die Anrede aber stockt. Im ersten Lehrjahr sagte er zu Eli ,Vater’, und des Priesters Augen leuchteten stets dankerfüllt. O, wenn er solche Söhne hätte, wie Samuel es ist, dann – -
„Ich höre, Altpriester!“ „Warum nennst du mich nicht ,Vater’ wie bisher?“ Samuel ist noch zu jung, um zu definieren, was über ihn gekommen war. „Dich nennen alle Leute so, und ich möchte dir die Ehre geben.“ Dagegen ist nichts einzuwenden; doch ein Schmerz, als ob Eli das Vertrauen des von Gott Gerufenen verloren hätte. Beide wissen nicht, daß der Knabe auf dem Hügel einen ,inneren Ruf’ erhielt, den der Mensch so selten merkt.
Unverdrossen tut der Knabe seinen Dienst, wozu das Reinigen des Hüttenbodens mit gehört. Rechtschaffen müde legt er sich am späten Abend nieder und schläft schon überm beten ein. Eli lächelt. Er ist gleichfalls müde, geht aber noch zum Nachtdienst in das Heiligste. Ernste Bitten steigen auf zu Gott.
An den Längsseiten des Vorraumes gibt es Doppelplanen, zwischen denen man die Schlafgelegenheiten sucht. Eli’s Haus steht nahe bei der Gotteshütte, doch immer seltener kehrt er zu Hause ein; es ist der Drang, gut zu machen, was er bei den Söhnen fehl getan. Und er bedenkt, wenn er nun meistens in der Hütte wäre, würde seine Seele doch einmal entlastet sein. Damit hat er recht, er weiß es bloß noch nicht gewiß.
Mitternacht.[VH1] Durch den Innenvorhang schimmert Gottes Lampe und das Licht. Eine Hand berührt des Knaben Schulter. „Samuel!“ Jäh wacht er auf und eilt zu Eli. „Hier bin ich“, sagt er, „du hast gerufen.“ Der Priester richtet sich auf seinem Lager hoch. „Ich rief dich nicht, mein Kind. Gehe hin und leg’ dich schlafen.“ Das Kind gehorcht. Es war ihm aber dennoch eigenartig, er hatte es gehört, daß ihn jemand rief.
Ein zweitesmal ruft Gott. Samuel geht abermals zu Eli, der jedoch vermeint, er hätte nicht gerufen. Die Mitternachtsstunde ist noch nicht vorbei, als es zum drittenmal erklingt: „Samuel!“ Da merkt Eli, daß GOTT gerufen hat, dreimal. Er ergreift des Knaben Hände: „Gehe schlafen. Wirst du wiederum gerufen, so sprich: ,Rede, Herr, Dein Knecht hört!’„
Benommen legt sich Samuel aufs neue nieder. Er schläft nicht ein, und bald darauf ertönt der vierte Ruf: „Samuel!“ Hellwach geworden, erwidert er, was Eli ihm geboten hatte. Da steht ein Licht wie eine Form an seinem Lager, nur nicht deutlich zu erkennen. Wonniglich ist ihm zu Mute, dazu ein wenig ängstlich. Eine Hand berührt die junge Stirn.
„Höre zu! Ein Ding tue Icb in Israel; wer es merkt, der wird er schrecken. Über das Haus Eli habe Ich die Hand gereckt, und was Ich begonnen habe, das vollende leh! Er wußte es genau, wie schändlich seine Söhne lebten. Erst in jüngster Zeit ward ihm bewußt, was er dadurch wider Mich getan. Das Weitere wirst du erfahren.“ Das Licht enteilt. Bald darauf dämmert schon der Morgen.
Eli erkennt, daß Gott mit Samuel gesprochen hat; der Schein war bis zu ihm gedrungen. Weil der Knabe schweigt, ahnt jener ein Wort wider sich, was mit seinem Hause werden würde. Samuel tut der Alte leid. Immer ist er gut gewesen, hatte ihm die Arbeit oft erleichtert, und was er lehrt, ist wahr und recht. Nun – -
„Gott tut, was Ihm wohlgefällt.“ (Hiob 1,21). ,Ich will mich nun beugen’, geht es Samuel durchs Herz. ,Gottes Wille ist stets gut, wenn man auch Sein Walter nicht versteht.’ Jetzt ist er sechzehn Jahre alt, weit und breit bekannt. Jung, dennoch ein Prophet, wie man solchen außer Mose bisher keinen kennt.
Eli steht im Schatten dieses Jungen. Was Gott diesem sagt, gibt er Eli wieder, als ob beide es erhalten hätten. Man spürt es aber, daß Samuel ,in Gottes Worten steht’. Viele Leute kommen, allein – manche Bitte, allzu menschlich, wird verweigert. Samuel tut es mit dem Hinweis, das Geistige zu bedenken, alsdann würde das, was nötig ist, der Herr in Seiner Gnade geben. (Luk. 12,22)
Einer murrt: „Zu was ist er ein Propbet? Wer denn sonst soll für uns sprechen?“ „Ach, der Milchbart, wie könnte unser Gott ihn wohl erhören?“ „Versündige dich nicht!“ warnt ein Dritter. „Manches Kind hat Gott erweckt und dadurch alte Leute auf den Umkehrweg gebracht.[VH2] Ich bin weit umhergekommen; einen zweiten Samuel aber fand ich nirgendwo. Seid zufrieden, dankt dem Herrn, daß Er in schweren Zeiten uns durch ihn zur Seite steht.“
„Das kann früher kommen, als wir denken.“ Ein großer Mann tritt vor. „Ich bin Chaha, der Reisende, kenne rundum viele Völker und weiß, ein Unglück braut sich über uns zusammen. Rechtzeitig bin ich aus Philistrien geflohen; dort sammeln sich die Krieger. Schwarz sehen ist nicht meine Sache, allein – unser Volk geht einem harten Kampf entgegen. Ich vertraue ganz dem Herrn, wer weiß, ob Er nicht zuletzt durch Samuel uns helfen wird. Und wer gegen den Propheten spricht, der redet wider Gott!“ Es geht hin und her, die Meinungen platzen aufeinander.
Einer widerspricht: „Eli wäre zu befragen.“ „Samuel ist reifer, als manch Alter. Und Eli -? Bei ihm herrscht keine volle Ordnung. Leider ist’s jetzt so, daß die Kinder eigene Wege wählen. Versagt das Vaterhaus, fällt die Last den EItern zu. Ansonst müssen alle selber vor dem Herrn geradestehn.“ „Hast ganz recht, Chaha; hoffen wir, daß nichts Schweres Israel betrifft.“ Teils erleichtert, teils beklommen, geht man auseinander.
Es wird ruchbar, daß in Silo Gott erscheint, wenn Samuel vor der Lade dient. Er betet stets für jedermann, legt das Menschliche in Gottes Gnadenakt, dazu die Kreatur, alles, wo ein übel Mensch und Tier befällt. Als er wieder einmal mit Gott rechtet, erscheint der Herr. Aus dem Ariel loht es hoch empor.
„Samuel, du solltest als Mein Seher Meinen Willen ehren. Es ist soweit (S. 7,1), was Ich wider Eli und dem Volke sagte. Hebe nicht die Hand, Eli wäre vor dir Priester und Prophet gewesen. Das war er auch, und Ich rechne alles Gute ihm zu seinem Recht. Wird während eines Wanderweges abgerechnet, dann ist es sehr barmherzig und nicht zornig, wie man Mir es in die Schuhe schiebt.
Von meinem Willen hat die Menschheit wenig Ahnung, sie sieht die Heilszucht als Verderben an. Sieh ins Feuer, das ICH unter Mose angezündet habe, aber einst vergeht, als sei es nie gewesen. Denke nicht, wenn Mein Wille auf dem Obersten der Bundeslade diese Flamme einst entfachte, müßte sie auch ewig bleiben. Weißt du, Samuel, was ‚Ewigkeit’ bedeutet? , wo sie zu Hause ist?“
„Herr, was sie bedeutet, weiß ich nicht; doch bei DIR ist sie zu Hause.“ „Gut; das Weitere lernst du hinzu. Bedeute Ich dir viel, Mein Sohn, so hast du das ,A’ erkannt. Das ‚0’ kommt später an die Reihe.“ „Darf ich ,Vater’ zu Dir sagen, wenn Du Dich mir zeigst? „ „Immer! Und wis’se noch: nicht wie man Mich nennt, sondern was vom Herzen, aus dem Geiste kommt, das ergibt den innigsten Verband mit Mir. Nun – was zeigt dir jetzt Mein Feuer Ariel?“
Samuel blickt hoch und ihm ist, als würde jenes Wunderlicht, das Materie nicht nährt, auf einmal blutig rot. Es flackert auf und ab, es sind Gestalten drin, die sich gegenseitig niederstoßen. Das – Herr Zebaoth – das kann doch nicht sein? Dunkler wird es in der Flamme, zuletzt ist es ein Rauch (OJ. 14,11), der durch des Zeltes Decke dringt und einer Wolke gleich entschwebt. Tiefst erschüttert fragt der junge Seher:
„Vater, was bedeutet das? Kann Deinem hohen Licht entströmen, was das Menschenvolk verdirbt? O Schöpfer hilf! Lasse nicht verderben, was aus Deinen heilsgewohnten Händen kam! Gott hebt eine Hand und streicht einmal durch den hohen Ariel. Wieder ist es nun das reine Feuer. Samuel atmet auf, er wartet still, ob und wie der Herr das Bild erklären wird. Und Gott spricht:
„Unglück kommt über Israel, über Völker und die Menschen, die wider jede Ordnung, jede Liebe sind. Ich wähle keinen aus, um dafür andere zu verderben. ICH verderbe nicht!! Man sagt; das hat Gott geschickt und weiß es nicht, wie töricht diese Sprüche sind. Wohl kommt jedes Ding aus Meiner Hand; und wer erzogen werden muß, den erziehe Ich, indem das böse Tun die bösen Folgen hat. Geht das auch durch Meine Hand, dann kommt im Unheil noch MEIN SEGEN über. Mensch und Welt. Denn wo ein Faden abgeschnitten wird, habe ich die Enden vorher längst geknüpft – für Meine Ewigkeit!“
„Vater, magst Du nicht das Unglück aus Erbarmung wenden? Bedenk’ die Unschuld, die mit leiden muß.“ „Willst du MIR die Vorschrift machen, wie Ich handeln soll?“ „Herr!“ Samuel fällt nieder, er wagt nicht, Gott anzusehen. „Ruhe, lieber Sohn, Ich weiß, wie dein Herz beschaffen ist.“ „Weise mir, wie ich wandeln, wie ich handeln soll, wenn das Unheil sich durch finstere Gassen wälzt.“
„Samuel, du hast Mein Wort, und wo dieses ist, da bin ICH Selbst! Sende Ich es durch des Lichtes Boten, dann ist’s, als ob Mein Mund geredet hätte. Wer so zur Offenbarung kommt, der sei gewiß: ICH habe sie verkündet! Des Himmels Wahrheit kommt allein von Mir! – Handele nun nach Meinem Willen.“ „Mit Dir, O Vater, du Mein Gott, wird mir gelingen, was Du mir in Auftrag gibst.“
„Und würde es dir nicht gelingen? „ Eine von_den schwersten Fragen, die ein Mensch höchst selten auszudeuten weiß. „Ferne sei, Deiner Allmacht nicht zu trauen! Was mir aber nicht gelingen mag, da bitte ich: bleibe Du mir trotzdem gnädig, damit mein Versagen nicht vor Deinen Herrschaftsstuhl gelangt.“
„Wie soll Ich helfen, wenn Ich’s nicht besehen soll?“ „O Vater!“ Samuel lächelt. „Du weißt, wie ich es meinte. Was wir in den letzten Winkel einer Finsternis vergraben – ah, Du deckst alles auf, Deine Augen sehen unser Tun und Lassen (Ps.139,7-12). Dein Regiment ist überall. Mit dem Herrschaftsstuhl meinte ich, es soll Dich nicht betrüben, sobald mir hie und da etwas vergeht.“
„Sei getröstet und gesegnet; verzage nie, wenn die Eigenschulden Israel und andere überrollen werden. In jedem Unheil, wie man dies so nennt, liegt ein Segensanteil Meiner Gnade, der einst in Meiner Ewigkeit zu sehen und dann zu erkennen ist. Das genüge dir!“ „Ja Vater, auch in Ewigkeit genug all Deiner Güte und Barmherzigkeit. Segne Eli, denn viel Gutes hat er mich gelehrt.“
Gott hebt beide Hände hoch. Da sieht Samuel ein weiteres dunkles Bild und ist doch dabei ein heller Schein, der das Dunkle abzulösen weiß: des Menschen Tod als der Anfang ewigen Lebens – wie einst aus Gottes Raum und Zeit hervorgegangen, der Weg durch die Materie, hell – dunkel – hell – – und dann wieder selig heimgekehrt in des Schöpfergottes Vaterhaus.
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