Kapitel 6
Am dritten Abend dieser segensreichen Zeit enthüllen sich die Himmlischen. Zuriel, Deboras Lehrer, und Muriel. Ganz fein wird alles abgestimmt. Was Muriel vom Lichtreich offenbart, überträgt Zuriel für die Menschen in ihr Leben, mit dem sie jetzt zu kämpfen haben. Sie fertigen eine Zeichnung an. Verwundert sieht man zu. Wie aus der Vogelschau skizzieren sie die jesreeler Ebene und noch das Gelände, das den Kriegsschauplatz ergeben wird. Sie markieren auch des Königs und Siseras Heere, dazu die kleine Gruppe, die erst bei Hamer bleiben wird; außerdem das ‚Heer des Lichts‘, so nennen sie Dehoras Siegeszug.
Als der Ausdruck fällt, wehrt sie ab: „Es wird der Siegeszug des Hohen und — der euere sein.“ Sie meint Zuriel und Muriel. „Ich — ich bleibe auf dem Hügel.“ Außer Barak denken auch die Männer so. Er ahnt den Zusammenhang, ohne ihn zu wissen. Muriel lächelt fein: „Du wirst es schon erleben.“ Weiter fällt kein Wort darüber. Wieder bleiben wenig Stunden, als man erschüttert, jedoch tief beglückt zur Ruhe geht. —
Es ist noch früh, als das Haus erwacht. Ein gutes Mahl steht aber schon bereit. Jizri sagt beim Essen: „An den Abschied denke ich mit schwerem Herzen.“ „Ich auch; ich auch!“ Zuriel begütigt sie: „Ihr werdet uns nicht plötzlich los. Heute trifft ja euer Priesterrat zusammen und wir ‚treffen‘ mit.“ „Wir aber nicht“, wehren sich die fremden Freunde.
„Soll auch nicht geschehen“, sagt Muriel. „Vorzeitig wird nicht ausposaunt, wer zusammensteht. Nicht euretwegen, ihr habt genügend Schutz; nur wäre Jabin froh, euch loszusein. Ganz traut er eurem Frieden nicht.“ „Kann ich mir denken“, fällt der Kämmerer Dalphon an Stelle seines Fürsten ein. „Er wird sich wundern!“ „Das auch; aber höret weiter.
Sechs bleiben hier, wenn es Su-el-Kambynos erlaubt.“ Der wedelt wieder mit den Armen; er hätte gar nichts zu befehlen. „Die andern machen Wegelagerer, deren Schutz den Freunden gilt. Zwar heute wäre es nicht nötig; doch welche sind zu ahnungslos, um was es letzten Endes geht. Sie brauchen diese Hilfe, denn sie stoßen später noch zu euch. Noch dienen sie Delajah und dem Glauben, daß dieser sie zum Siege führt. Hört zu, ihr Midianiter, und schweiget über das, was sich euch zeigen wird.
Über jenen, die sich noch wenden werden — zur Zeit herrscht große Glaubenslosigkeit — ‚ werdet ihr ein Flämmchen (Od) sehen. Selbst sehen sie es nicht und ist es gut, sie hören nichts davon. Merkt euch die Männer, das Flammen-Od vergeßt! Könnt ihr das?“ Spontan sagt Su-el-Kambynos:
„Wir brauchen nicht zu schwören; ihr hohen Boten seht, ob wir es halten werden. Deine Frage ist berechtigt, darum sage ich für mich und meine Männer: Unser aller GOTT soll es erfahren, daß wir Sein Gebot beachten; und jeder soll des Todes sterben, der das Gottgebot vergißt!“ Zuriel zügelt:
„Du sollst nicht töten!‘ Gott ist Leben; Er hilft, den Tod der Welt zu überwinden. Legt euere Worte besser auf die Waage. Schon wenn ihr LEBEN sagt, wirken gute, positive Kräfte, die weit mehr als ein Versprechen helfen, obendrein, wenn ihr das mit einem Tod besiegeln wollt.“
„Ah“, sag Dalphon, „wieder so ein wahres Wort! Königliche Tage haben wir erlebt.“ Su-el-Kambynos bestätigt‘s gern. „Auf!“ mahnt Muriel. „Teile deine Männer ein, Fürst Midian, ihr seid beritten. Ein Teil der Israelen ebenfalls, und die anderen erleben auch ihr kleines Wunder.“ „Fünf Pferde habe ich“, sagt Debora, „sie werden gleich gesattelt.“
„Du kommst mit“, bestimmt ihr Lehrer. „Mit dir komme ich hinein“, sagt sie, „auch wenn der Oberste sich spreizt. Sonst — “ Die Hände reibend, lacht Matthanja: „Delajah und die Nebelfrau!“ Su-el-Kambynos und Dalphon überwachen ihre Leute. Sie sind stolz auf das vom Licht erhaltene Amt. Je zwei und drei, so verstreuen sie sich unterhalb des Hügels. Der Fürst und sein Kämmerer kehren abends wieder bei Debora ein.
Die Israelen warten eine Weile, bevor sie nach den Midianitern ihren Weg nach Silo nehmen. Da begibt sich folgendes: Vor dem Hause stehen Pferde, zwei Schimmel für die Lehrer und ein paar hellbraune Tiere. Zagend besteigt man sie. Wo kommen die Geschöpfe her? Keiner fragt, ebenso nicht darob: Die Lehrer waren erst hinausgegangen und kamen wieder, angetan mit glänzend schweren Panzern. Auch Debora hüllen sie in einen solchen ein. Da sieht sie anders aus; ihr sonst so frauliches Gesicht, nun in herbe Schönheit umgewandelt, mutet beinah männlich an. Wer sie nicht kennt, kann sie leicht für einen Jüngling halten.
Sie spürt das ‚andere‘ nur innerlich, gleich einem Traum am Tag erlebt, mit den Himmlischen geeint, auch nur geahnt: ‚Ich bin nicht von dieser Welt‘ (Joh. 15, 19). Charkros hebt sie bewundernd in den Sattel. Wie leicht ist sie trotz ihrer Rüstung. Zwischen Zuriel und Mund reitet sie voran.
Die Israelen folgen, manche mit gesenktem Kopf, mit dem gleichen Schwur des Schweigens. Die Regie hat ja der Himmel. Die andern sehen vorwärts. Wie in einem Meer aus Licht und Wärme traben sie dahin. Sie treffen Wächtergruppen, die vor Verwunderung sprachlos sind. Die Fürsten — nicht von dieser Welt; ihre Palme — auch aus unbekanntem Land — — Oh, was ist ihnen widerfahren? Mit heißem Herzen geben sie sich ihrem Auftrag hin.
Mehr noch staunt der Priesterrat, als die Verräter, wie man Jizri und die Seinen nennt, den Versammlungsraum betreten, dazu die drei Gepanzerten, die mehr Grauen als Vertrauen ernten. Kein Wunder! Sie wären dumm, wollten sie die unleugbaren Fähigkeiten der Gewappneten verneinen.
Da durchzuckt‘s Delajah: ‚Freundlich sein‘. Er beschaut den ihm unbekannten Flamberg (Jos. 5, 13; OJ. 1, 16), den Muriel rechts trägt. Dem möchte er im ganzen Leben nicht begegnen. Ist Fürst Jizri doch ein Freund? Wenn er nur hundert solcher Ritter hätte, dann — — Fahre hin, Jabin, in die Hölle! Aber woher kommen sie? Viel blitzt ihm sekundenschnell durchs Hirn. Den kleineren Ritter, der hinter den zwei großen eingetreten ist, mustert man verstohlen. Ein schwacher Jüngling — ? Wer weiß —
Delajah geht mit zugestutzter Miene auf sie zu, als wären sie die engsten Freunde und sagt süß, auf eine Reihe leerer Stühle deutend: „Nehmt bitte Platz. Unsre Männer, die zu uns gehören“, er zeigt auf Jizri‘s Gruppe, „gelten bei mir viel. Sie wissen, welchen schweren Kämpfen wir entgegengehen. Euch, ihr drei hohen Fremden, heiße ich pflichtschuldigst willkommen.
Daß wir Priester, zumal ich, ihr Oberster, euch kennen lernen möchten, werdet ihr verstehen. Mit Freuden denke ich, daß ihr eure Hilfe bringen wollt. Ja, ja, die können wir gut brauchen.“ jeder merkt, daß Delajahs Furcht den Wunsch der Hilfe überwiegt. „Kündet bitte, was ihr bringt oder wollt, welche Bedingungen ihr stellt. Seid gewiß, ich werde alles tun, was ihr verlangt, soweit es mir gegeben ist und.
Muriel hebt den Flamberg hoch. Sofort verstummt Delajah und das Getuschel. „Wir nehmen den Willkommgruß an“, sagt er, „wenn er auch aus falschem Herzen kam.“ Nur Angst erstickt das Lachen, das sonst ausgebrochen wäre. Gar zu sauer sieht Delajah drein. Hat er sich so schlecht verstellt? Unmöglich! Ah, das sind Magier. Wo in aller Welt trieb Jizri diese Leute auf?
„Mühe dich nur nicht“, sagt Muriel, „wir sind nichts von dem, was du dir denkst. Mag dir und denen, deren Herzen wie das deine unrein sind, unser Wesen ein Geheimnis bleiben.“ Da fährt Delajah auf, um eine Grobheit loszulassen, Olala! Aber halt — nun erst recht will er sie vor seinen Wagen spannen.
„Hoher Freund“, bringt er mit glatter Zunge fertig, „du bist ein Königssohn aus einem uns noch fremden Land. Solchen Leuten, hörte ich, ist‘s möglich, aus Erziehung und aus Gaben, die bei uns nicht üblich sind, Menschen zu durchschauen. Ihr betrachtet andre aber bloß nach eurer Art. Ich will nicht Delajah heißen, wenn mein Gruß aus falschem Herzen kam.“ O weh, denkt Debora, jetzt hat er seine Grube selbst gegraben.
„Ich schmähte ein Geschöpf, würde ich‘s mit dir vergleichen!“ Das klingt, wie wenn der Flamberg klirrt, Delajah verbirgt kaum seine Angst. „Ein Name sei dir angehängt: ‚Halunke‘! Du meinst, Priester dürfe man nicht schimpfen? noch dazu in der Gemeinde? Zu deinem schwachen Troste sei gesagt, daß bei euch noch eine Reihe ähnlicher Namen fällig sind.
Fremd brauchten wir dir nicht zu sein, wenn des HERRN Gesetz dein Amtsstuhl wäre. Was weißt du vom Schöpfer, der aller Menschen Gott und Vater ist? Hole keine Rolle her; wage nicht, du sagtest die Gebote Gottes und die Satzung Mose‘s ohne Stocken auf. Das kannst du schon, — mit dem Mund; doch dein Herz ist fern der Wahrheit und der Lehre Gottes!
Frage nicht, woher ich‘s weiß. Mein Schwert hat zwei Schneiden; wo nötig, da verwundet es, — ungern, des sei gewiß. Lieber heilt es, wer sich Gott ergibt. Du bist krank und fühlst, was ich meine. Doch verstockt, gibst du das nicht zu. Du möchtest es sogar vor GOTT verbergen. Manchmal redest du zu Ihm und zählst Ihm die vermeintlich guten Taten auf. O, wer sich selber lobt, noch dazu vor Gott, will bloß säuberlich erscheinen. Glaubst du etwa, daß sich Gott von dir betrügen läßt?“
Die Worte schärfen sich, wer kein Ohr für diese Wahrheit hat. Den Freunden sind sie Balsam, den der Himmel auf die kranken Seelen streicht. Die nehmen ihn nicht an. Das zeigt Delajahs Antwort, der — sich umblickend, ob ihm jemand helfen möchte — merkt, daß jeder sich in seine Haut verkriecht.
Er ist allein. Vor dem HERRN — ? Vor einem, der zu Gottes Rechten steht ? Ihn schüttelt es und — er schüttelt‘s ab; den Verstand nimmt er zu Hilfe. Der soll sich mit dem Flamberg kreuzen. Daß er unterliegt, weil er die Vernunft begraben hat, merkt er viel zu spät. Des Vorteils nicht gedenkend, den er von den drei Gepanzerten ergattern wollte, sagt er bissig:
„Sei, wer du willst! Ein Israele, dazu der Oberpriester, läßt sich von euch aus einem Winkel Hergekommenen nicht fangen! Ja, ich sah es schnell, wohinaus dies gehen sollte. Gern wollte ich, Fürst Jizri hätte sich zu mir geschlagen. Kürzlich sagte er, er hätte sich mit jemand anderem verbunden. Da schau, nun weiß ich es! Ihr seid die Verbündeten. Und meinetwegen nenne mich Halunke, wenn ihr nicht auf Jabins Seite steht.
Dem trug ich bloß zum Schein ein Bündnis an, um die Fessel abzustreifen, oder — was ich heimlich hoffte — Jabin gäbe nach, daß weder Blut noch Tränen fließen brauchten, und ich hätte Israel erlöst! Allerdings — steht ihr auf des Heiden Seite, da ihr selber welche seid, wird es für uns schwerer werden, es sei denn, ihr seid bloß eurer drei.“
„Du irrst in allem!“ Zuriel nimmt bei Delajah Platz, neben dem zwei leere Stühle stehen, um so sein Amt herauszustreichen. „Du möchtest wissen, wer wir sind; du hast deinen Gleichmut schlecht gespielt. Der zweite Punkt: Wenn du ein Priester wärest, was nicht bedeutet, im Prunk auf einem Stuhl zu sitzen. Auf dreien kann es keiner, außer denn, du legtest dich auf sie, was aber deiner Würde unzuträglich wäre.“
Es kostet keine kleine Mühe, Gelächter zu verhalten. Der Himmel kann recht drastisch sein. Zuriel nickt: „Hier ist‘s nötig. Aber weiter zu Punkt zwei, Delajah. Wärest du ein Priester, wie der Hohe Herr es haben will, dann hättest du uns gleich erkannt, zudem die Hilfe, die zwar weniger für dich, als mehr für Israel zu bringen ist. Und das willst du doch?“ Ohne Antwort abzuwarten, fährt der Himmelslehrer fort:
„Wir kennen Eure Art“, viele sind gemeint, „höchst selten redest du von Gott. Du läßt die Predigtrollen lesen angeblich, weil du als Oberster viel Arbeit hättest. O, die Verbindung mit dem Herrn ging dir verloren! Das feine Fädlein, noch vorhanden, geht allein vom Schöpfer aus, mit dem Er dich als Sein Geschöpf trotz Abkehr bei Sich angebunden hält.
Du hast uns nicht im Namen Gottes, deines Herrn, empfangen, nicht gesagt, daß und wie du mit IHM die Rettung eures Volkes planst und — wenn deine Ansicht stimmt — uns drei ‚Heiden‘ deine Gottheit nicht gelehrt. Ah — nichts lag dir ferner; du dachtest gar nicht an den Herrn!
Dein drittes: Wir könnten dich nicht fangen? O, mit dir steckt man keine Ehre auf. Möglich, daß der König fragt: ‚Was soll Ich mit ihm tun? Er kann in Meinem Reich nicht bleiben!‘ “ Da verliert Delajah alle Farbe, manch anderer auch. So gänzlich ohne Glauben sind sie nicht, um nicht zu ahnen, daß der König — daß die Boten — daß — Zuriel sagt schon weiter:
„Punkt vier fällt sowieso ins Wasser. Natürlich möchtest du Fürst Jizri an deine Karre spannen, weil er die Mehrzahl eures Volkes um sich hat. Warte nur“, wehrt Zuriel ein Widerwort Delajahs ab, „ob Hamer seine Mannen sammelt. Dich zum guten Pfad zu leiten, darum kamen wir. Alsdann, Delajah, hätten sich gar viele umgewendet, die dir jetzt die Hände geben, aber hinter deinem Rücken spinnen sie ein böses Garn.“ Zuriel sieht jene Priester an, denen auch der Glaube eine Nebensache ist.
„Nun der letzte Punkt, an dem noch ein paar Pünktchen hängen. Du hast recht: Wir sind jenem Israel verbündet, zu dem der Fürst des Volkes zählt und — dieser Ritter!“ Zuriel führt Debora, in der man keine Frau erkennt, auf den zweiten freien Priesterstuhl. „Später werdet ihr erfahren, wer ‚er‘ ist. Kraft des Auftrags unseres Königs sei es kundgetan: Er ist euer Richter! Vor Tagen wünschtet ihr euch einen, hier in diesem Raum: ‚Wenn kein Mose, dann mindestens ein Othniel‘, sagtet ihr.
Dies hat Gott erhört, zwar nicht erst seit gestern. Er ist ein Gott der ‚Zeiten ohne Zeit‘! Das versteht ihr schlecht, schadet aber nichts. Nicht ihr, euch Führende des Volkes nennend, — o nein, Israel wird sich diesen Richter selber wählen. Denn der Krieg, von euch angezettelt, wird entscheiden.
Und Jabin nur verlockt zu haben — ? O was kümmern dich die Tränen und das Blut, wenn du deinen Stuhl damit versteifst! Schön, erlöse Israel, wenn — du kannst! Wähnst du, Gott segnet deinen Krieg — ? Er segnet keinen, das merke dir! Wenn Er in großer Gnade einem Volke hilft, das sich nur verteidigt, dem Feind nichts nimmt, so ist das Seine Sache ganz allein.
Wir stehen nicht auf Jabins Seite, nicht auf deiner. Für uns gilt bloß die Seite unseres Königvaters, des Gottes, und derer, die den Glauben nicht verloren haben, die diesen Krieg nicht wollen, um zu gewinnen, noch unnütz Menschen hinzuwürgen. In nichts geht deine Rechnung auf, du armer Mann!
Am meisten gehst du fehl, ob wir nur drei oder hundert wären. Ich nenne keine Zahl (Dan. 7, 10), weil du uns nicht zählen kannst. Ich zeigte deine Fehler auf. Willst du etwas sagen, oder andere, dann bleiben wir noch eine Weile da. Vielleicht will jemand einen Segen daraus ernten.“
Minutenlang ist‘s still; nicht mal die Gewänder rascheln, was die Prahler gerne tun. Delajah wartet, ob der Redner sich von ihm entfernt und der Richter. ‚Welche Einfalt von dem Fremden, uns einen von den ihrigen als Israele aufzuschwätzen.‘ Uneingestanden beengt es ihn, sie neben seinem Stuhl zu wissen. In seiner Hoffnung sieht er sich getäuscht.
Mit harten Lippen stößt er hervor: „Ich füge nichts hinzu. Ihr belehrt mich nicht, weil ihr gelogen habt. Ich wollte ehrlich, daß kein Blut vergossen wird.“ Die Stirne rot, fahrt Kis-Abda auf: „ich lasse diese Ritter nicht beschimpfen! Hier, vor allen, hätte ich geschwiegen, Oberster der Synagoge. Du wagst, sie als gemeine Lügner hinzustellen, während du ein — ein Meuchelmörder bist? Der Richter Sallumin hat den Burschen in Gewahrsam, der mich in deinem Auftrag morden wollte und . . .“
„Lüge!“ schreit Delajah, tünchweiß im Gesicht. „Er sollte dich nur holen . . .“ „Für dreißig Silberlinge“, fällt der Altrat ein. „Und wenn?“ redet sich Delajah falsch heraus. „Was gilt einer, so statt dessen Israel zu retten ist (Joh. 11, 50)?“ Sallumin empört sich: „Dir ist‘s als Priester gleich, ob du morden läßt? Und Weib und Kinder? Ihre Tränen? So hat der — “ beinah hätte er ‚Engel Gottes‘ gesagt, „— der Ritter recht! Nichts ist dir heilig, und wer weiß, was du noch im Schilde führst.“
„Den Altrat wolltest du ermorden; und diese Nacht, passe auf, daß du nicht fällst“, Muriel tritt dicht vor Delajah hin, der sich an die Lehne seines Stuhles preßt, „sollten auch die Frau und Töchter sterben und — “ er zügelt den ausbrechenden Tumult, “ — hast noch andere auf deiner Totenliste stehen. Daß dir‘s nicht gelingt, dafür sorgt der Himmel!
Beruhigt euch“, beschwichtigt er die Freunde, „überall sind eure Helfer, die von Gott durch euren Richter“, er deutet auf Debora, „aufgerufen worden sind.“ „Fort mit ihm!“ Mühsam beherrscht sich Jizri. Er, der gute Mensch und Fürst, haßt jede Schurkerei, zumal an denen, die dem Volk ein Beispiel bieten sollen. „Er darf nicht mehr Oberpriester sein!“
Zuriel, noch bei Delajah sitzend, hält des Fürsten Rede auf, die der Freunde Zustimmung erhielt. „Bei der nächsten Wahl löst euern Rat nicht auf“, sagt er. „Auch geschieht, was euer Richter will. In einer Hinsicht nehme ich sogar Partei für diesen armen Mann.“ Er meint Delajah.
„Daß er Jabins Fuchtel abzuschütteln sucht, darf sein. Doch kein Fußbreit seines Weges ist gerecht. Darum wird verworfen, wer sich einen argen Weg erkor. Das Ziel hingegen ruht schon längst in reiner Hand; und es wird erreicht, wie der Heilige in Seiner Güte es den Treuen übergab. Wer kann euch also schaden?“ O heilige Barmherzigkeit! So kommt das Gotteslicht zur Welt, um auch die Gefallensten zu retten — — ?
Jizri unterdrückt — erschüttert — kaum ein Schluchzen. „Ich bin‘s nicht wert; solche heilige Erbarmung! Ach, wie rasch verwirft der Mensch, wenn er glaubt im Recht zu sein. Ihr Ritter, die ihr Gottes hehres Recht auf diese arme Welt herunterbringt und zum Richteramt gehört, ihr erbarmet euch, wo nach menschlichem Ermessen keine Rücksicht gelten darf.“
Aufstehend, spricht er alle an: „Ich dachte mir: Wie kann Israel vor Gott bestehen, wenn wir solche Priester haben? Gut, wollen wir des Lichtes Rat befolgen; aber Priester müssen sauber sein. Lesen sie denn bloß am Sabbat schöne Rollen vor? Ihnen wird die Jugend anvertraut, die lernen soll, was der Mensch zum Leben braucht: Brot durch Arbeit und die Hütte. Zuvörderst aber ist die Seele auszubilden. Kann das geschehen, wenn wir solche — — “ Er wird abermals von Zuriel beruhigt:
„Du hast recht; man kann Leuten, die nur Priesterkleider tragen (Matt. 7, 15), keine Kinder anvertrauen. Und dein Leid, daß Israel so schlechte Lehrer hat, wiegt schwer vor Gott. Was heute abgerechnet wird, gilt Delajah keinesfalls allein, sondern denen auch, die den ‚Brand‘ verspüren.“ Mancher möchte fort, aber Muriel steht an der Tür und hält den Flamberg waagerecht in beiden Händen. Zuriel sagt indessen weiter:
„Er wollte sich an denen rächen, die er als seine Feinde sah. Es wäre zu verstehen, läge ein Gesetz dafür zugrunde. Dieses gibt es aber nicht. Zählt die Berge, die immer in die Wolken ragen, (damals bekannte) und so wenige Gesetze bieten einen Rachegrund. Es fragt sich außerdem, wie der HOHE sie bewertet.
Zudem ist Israel ein Volk des Herrn, wie alle Völker. Also ist es nicht ‚dein‘ Volk“, wird Delajah angesprochen. „Nicht du hast es geboren, du bist bloß in es hineingestellt. Wenn du stirbst, gehst du aus dem Volk heraus. Es aber bleibt, ob gefesselt oder frei, ob ein Häuflein oder eine Menge.
Ich kehre eine gute Seite vor: Du denkst ans Volk, aber — erst an dich. Darum wird das wenig Gute dir genommen (Matt. 25, 29). Das wäre ungerecht —‘ ? Läßt du vom Unkraut deine Ähre überwuchern, wie soll sie wachsen oder Samen bringen? Das Verlieren kommt nur durch die Folge, die man selbst heraufbeschwört. Sieh, wie gütig sich der Herr erzeigt: Er sandte uns, deine Disteln wegzunehmen, damit deine Ähre Seine Sonne sehen, Seinen Regen trinken kann. Was jedoch tust du? Du wirfst die eine Ähre weg und schmückst dich mit der Vielzahl deiner Disteln!“
„Ich habe viel geopfert“, murrt Delajah. Ein Vermögen, auch das Priestertum. Es kann mir nichts mehr gelten, wenn Israel den Heiden dienen muß. Wo ist Gottes Hilfe, die Er uns versprach?‘ „Du tappst fehl“, wehrt Zuriel. „Gewiß hast du geopfert, aber nicht allein aus deinem Sack.“
Wieder wird Delajah weiß wie eine Wand. Jeder reimt sich leicht zusammen, wessen Beutel diese Opfer brachte. „Den Spionen hast du‘s in den Schlund geworfen, um deinen Willen durchzudrücken. Er geht nicht auf! Zalman, dieser Wicht, ließ sich von Jabin und Sisera gut bezahlen für das, was er von euch verraten hat. Er hat sich nach Ägypten aus dem Staub gemacht. Und Nephath kann dir nimmer helfen; der ist tot.
Nichts wird ohne Opferung erreicht, weder für die Welt noch für den Geist. Was einer aus dem Reichtum gibt, das sind keine Opfer (Mark. 12, 44). Würdest du dich wenden und bereuen, so sähe Gott es gern als Opfer an und würde dir die Schuld erlassen, sofern du mit der Opfertat die Wiedergutmachung verbändest. Davon bist du leider weit entfernt.“
Da ruft Hattus giftig: „Was nützt ihm das? Was nützte mir, wenn ich also täte? Die Zeit hat mich gelehrt: Es gibt keinen Gott! Ich bekämpfe Ihn, alles ist Betrug!“ Solch Frevel eines Priesters wurde nie gehört. Er schleudert es heraus, daß er Gott bekämpft? Sogar Delajah ist entsetzt; denn zwar bitter ringend, wagte er doch nie zu sagen: Es gibt keinen Gott!
Die Lästerung gleicht einem Wetter. Jeder wartet förmlich auf den Blitz, der sie bestraft. Man übersieht, daß an der Türe Waffenleute stehen, Heman auch, des Altrats Kriecht. Das durchzuckt sie aber schwer: Muriel geht auf den Frevler zu, den Flamberg mit der Spitze auf ihn ausgestreckt:
„Du bist verfallen! Nicht bloß durch die Folge deines Hohnes aus der selbst erzeugten Strafe, — nein, jetzt stehst du im Gericht des Herrn! Zittere, böses Wesen (Joh. 6, 70), der du hergekommen bist, um Verwirrung anzustiften! Einen haben wir verteidigt, dem du oft genug dein Gift in seine Seele träufeltest. Das entschuldigt freilich nicht. Er, wie jeder andere, muß trotzdem seine Sache selbst vor Gott vertreten.
Du kannst es nicht! Welch große Pein! Wenn einmal jemand dich vertritt (S. 140, 2), so denke nicht, das wäre gut. Denn nur ein Kind des Lichts kann deine Bosheit durch den schweren Weltweg tragen helfen. Diese Bürde, einer reinen Seele aufgeladen, ist deine zweite schwerste Last.
Wir haben niemand weggeschickt, obwohl mehrere des Priesteramtes unwert sind. Dich, ausgesandter Teufel, jagen wir davon! Geh!“ Des Schwertes Spitze deutet auf die Tür. Keine Einbildung — aus beiden Schneiden züngeln Flammen. Es ist totenstill. Delajah zittert wie Espenlaub. Wenn dies ihm geschehen wäre — ? Doch schon viel zu sehr verirrt, findet er auch jetzt die Umkehr nicht. Allein der Gedanke wühlt, ob die Ritter Gottes Engel wären. Ach nein — Gott sendet heute keine Engel mehr; auch geschehen keine Wunder. Die Welt geht ihren eigenen Weg.
Hattus wankt verkrümmt hinaus. Stößt nicht des Schwertes Spitze tief in seinen Rücken —? Keiner Überlegung fähig, wohin, was tun, was lassen, taumelt er die Gasse lang. Nun ist er arm; er hatte nur vom Priestergeld gezehrt.
Der hehre Ernst der Ritter liegt als Abglanz auf Deboras Stirn. Trotz der Gefahr, die Hattus für des Volkes Ehre ist, möchte sie ihm helfen und weiß nicht wie. Denn die Stunde ist nicht da, für Hattus niemals auf der Welt. Noch schweigt der Himmel. Salthiel steht auf, die Hände im Gebet gefaltet, Tränen brechen seine Stimme:
„Beruhige dein Schwert“, sagt er zu Muriel, „denn keiner kann‘s ertragen. Hilf uns“, er meint alle, auch die Wächter an der Tür, die erstarrt das Zeichen sehen, aber wie die guten Freunde denken: die Ritter sind ja unsre Retter.
„Seid getrost“, sagt Muriel. In nichts mehr ähnelt seine Stimme dem, was Hattus galt. Er hängt den Flamberg an die Hüfte; alsbald ist er nur das silberne Gebilde, was er früh beim Abritt war. Die meisten atmen hörbar auf.
„Hier ist unser Werk getan!“ Er winkt Deboras Gruppe zu: „Kommt, es wartet Wichtiges auf uns. Ihr andern überlegt, ob ihr daraus lernen wollt. Wenn ja, werdet ihr gelenkt; sonst strauchelt, bis ein harter Stein zur Umkehr zwingt. Behaltet Gottes Namen unter euch in reiner Wahrheit und im Licht.“
Die Freunde grüßen jeden Priester, während die Ritter an der Türe warten. Die Wächter und die Diener schließen sich eng an. Es geht zurück zum Hügelhaus. Kis-Abda sendet Heman heim, nicht ohne Dank für seine Treue.
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