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1. Kapitel – Das Wüstenlager und Moses Abrechnung. JESURUN und ISRAEL.

Die Sonne läßt vorauseilende Stahlen über die nicht zu fernen Höhen des Seir huschen, den Israel unter Führung des Gottesmannes Mose lange Zeit umgangen und seine Randgebiete erforscht hatte, als Drommetenklang das innere Lager durchdringt. Einige Männer treten aus ihren Zelten; ihre Frauen, zum Teil schon den Tagesschleier umgehängt, lugen neugierig zwischen den Türvorhängen hindurch, um zu schauen, was es gäbe. Auch ihre Kinder drängen sich mit vor, werden aber von den Müttern nicht hinausgelassen, denn noch ist der Tag nicht mit der Zeitposaune angekündigt. Da aber nur die kleine Drommete ertönt, ziehen sich auch die Frauen zurück und hantieren in den Zeltwohnungen. —

Mose steht am Eingang eines prächtigen zu Beratungen dienenden Baues, der der ‚Bethütte‘ gegenübersteht, jedoch nicht vor derem Haupteingang. Diese sogenannte Bethütte hatte Mose errichtet, weil das Volk ob seines fortgesetzten Murrens ungern zur heiligen Hütte Gottes geht, dient also zu einer Art zweitem Gotteshaus, das mit weniger Scheu betreten wird, obwohl auch in ihr Mose ernst und mahnend aus dem Geiste Gottes redet. Zudem liegt die Stiftshütte außerhalb des Lagers am gesonderten Platz, von einem weiten Gehege abgegrenzt. Leider ist für Israel der HERR noch immer ‚draußen‘, außerhalb seiner persönlichen Welt.

Vom Eingang der viereckigen Bethütte führt ein breiter Lagerweg durch das Zeltgewimmel schnurstracks westwärts. Der Beratungsbau liegt rechtsseitig, während links Moses persönliches Wohnzelt ist. Diese Straße bildet die Hauptverbindung zwischen dem Lagerkern und der Heiligen Hütte, auf deren nach Osten gerichteten Eingang sie führt. Man schaut also bei offenem Tor ungehindert von innen nach außen, wie auch von der Stiftshütte zum Lagerzentrum.

Von den übrigen drei Seiten der Bethütte ziehen sich ebenfalls je ein Hauptweg durch das Lager. Man nennt die vier Gänge Morgen-, Mittag-, Abend- und Nachthauptstraßen, nach den Himmelsrichtungen, wo hinaus sie bei jedem Lageraufschlag zubereitet werden.

Von den Ecken der Bethütte führen auch noch Straßen zweiter Ordnung durch das Lager, es in acht große Pyramidenwinkel aufteilend. Die acht Hauptstraßen sind durch sieben Ringwege verbunden und teilen das Lager dergestalt noch in sieben Wohnringe ein. Eine achte Ringstraße, die man aber nicht mitzählt, schließt — unregelmäßig — das Lager ab. Sie ist der Landschaft angepaßt und wird zum Schutzwall aufgeworfen.

Obwohl die Bethütte auf einer Art Marktplatz steht, hält sich das Volk selten daselbst auf, außer wenn Mose es zusammenruft. Selbst dessen persönliches Zelt, das mit jenen seiner vier Haupthelfer und öffentlichen Bauten den ersten Lagerring ergeben, wird gemieden.

Die weitläufigen Zelte schließt die erste Ringstraße ab. Der zweite Lagerring umfaßt die Zelte der zwölf Fürsten und jener, die Israels Reichtümer verwahren. Der dritte Ring gehört den siebzig Ältesten samt dem Handwerk und wo Lebensmittel nebst Bedarfsgütern zur Ausgabe, zum Verkauf oder auch zum Tausch gelangen.

Die dritte Ringstraße bildet eine gewisse Barriere des inneren Lagerkerns, den das nur zu oft randalierende Volk aus nicht ausrottbarer Scheu im allgemeinen respektiert. Denn schon mancherlei geschah gegen Rebellion. Jäh fielen Leute um, ein Blitz verzehrte sie und anderes mehr. Man erinnert sich anfangs der Wüstenwanderung des Mannes, der hart wider Mose sprach und — wie einst Lots Weib — zur Salzsäule ward, daß keiner sie zerstören konnte und das Volk vor Grauen eilig weiterzog. Einmal verbrannten bei gleichem Anlaß weite Lagerteile. Ferner ließ der Heilige den Korah samt seiner Rotte von der Erde fressen. — In den weiteren vier Ringteilen des Wüstenlagers ist das Volk zu Hause. Jeder Stamm bewohnt ein eigenes Viertel. Auch das Nutz- und Schlachtvieh hat seine abgegrenzten Plätze. Vom siebten Ring bis zur Stiftshütte ist fast ein gleich langer Weg wie bis zum Lagerkern. Die Zelte sind wegen Feuergefahr nicht dicht aufgestellt, und zwischen je zwei genau abgemessenen Zeltreihen bleibt soviel Gassenplatz, um ungehindert hin- und herzugehen, was sich bei jeder Gelegenheit als äußerst praktisch erwies.

Auch dürfen bei den Zelten weder Gras noch Buschwerk stehen. Mose und seine Getreuen überwachen alles fortgesetzt. Größte Reinlichkeit ist seine Hauptbedingung. Bei Verstoß geht Mose unerbittlich vor, weshalb, er weniger geliebt als weit mehr gefürchtet wird. Nur die Klugen wissen, daß diese Ordnungsstrenge seine heiße Liebe zu dem Volke ist. Oasen werden ins Lager einbezogen. Das Vieh erhält eigens hergestellte Tränken. Keiner darf Unrat auf die Wege werfen.

Für kleinste Dinge bis ins einzelne Zelt hinein, für Versorgung, Gesetzgebung, obere Gerichtsbarkeit, Streitschlichtung, Festsetzung von Preisen, Tauschwerten und was sonst noch für ein ständig wachsendes Wandervolk nötig ist, gibt es nur einen Mann, auf dessen Schultern diese Lasten liegen. MOSE ! Wer in seiner Nähe weilt, lernt das Bücken, ob er will oder nicht und unabhängig davon, daß Mose keinem je das Bücken abverlangt; außer vor dem Heiligen von Israel.

Das ‚Sich-Bücken‘ spüren auch die Fürsten und Ältesten, die beim Drommetenklang, der nur dem zweiten und dem dritten Zeltring gilt, zusammenlaufen. Mose steht am Eingang der Ver sammlungshütte, zu seiner Rechten Nun und Eleasar, links Josua, Nuns Sohn, und Ithamar. Eleasar und Ithamar sind Söhne des verstorbenen Aaron. Der alte Nun hält den weißen Richtstab in der Hand, Josua das große Buch. Zwei Mohrendiener heben ehrerbietig die Türvorhänge hoch, die sie hinter den eintretenden Männern wieder lautlos schließen. Starke Jünglinge umstellen das Zelt, die Gesichter dem Lager zugewendet.

Des Zeltes geräumiger Hauptteil, dem sich ein kleiner Sonderraum anschließt, bietet Sitzgelegenheit für rund zweihundert Leute. Das Gestühl ist so geordnet, daß jeder Teilnehmer Mose sehen kann. Heute versammelt man sich im Sonderraum. Das ganze Zeit ist fast schalldicht. Kein Späber könnte mehr als dumpfes Murmeln hören, hätte er die Wächterkette auch durchstoßen. Die Gerufenen nehmen ihre Stühle ein; Mose und seine Haupthelfer begeben sich zum Richtertisch, auf den sie ihre Würdezeichen niederlegen: das Buch und oberhalb desselben den weißen Stab.

Die Männer fühlen sich bedrückt. Moses Schultern sind geneigt wie bisher nie gesehen. Etwas Müdes flackert in den wachen Augen, die das ‚Feuer des Heiligen‘ oft genug widerspiegeln, daß das Volk sich davor fürchtet. Als er aber nun den weißen Richterstab auf das Gesetzbuch legt, wuchtet er sich hoch. Wie ein Mächtiger ist er anzusehen, einer, den es auf Erden selten gibt. Die Versammelten senken ihre teils ergrauten Häupter. Dann schauen sie ins Antlitz jenes Mannes, der nahezu vierzig Jahre das ewig unzufriedene Volk durch weite Wüsten führte, durch die Gefahren leitete kraft eines Gottesauftrags, den bloß ein Mensch erfüllen kann, der keiner ist! Keiner aus der Tiefe! Ja — mit vollem Rechte blicken sie zu diesem Manne auf. Mose hebt an zu sprechen und sagt:

„Fürsten und Älteste! Für ganz Israel wird euch kundgetan: Als wir am Berge Horeb lagen, wählte ich euch aus, und ihr wißt, daß siebzig Männer von meinem Geiste aus dem Herrn empfingen. Etliche hat der Wüstenweg verschlungen; sie erreichten das gelobte Land nicht irdisch. Doch den treu Befundenen ist die Tür zum ‚Oberen Kanaan‘ geöffnet, das wichtiger und reicher ist als Eden war, von dem einen von Gott gemachten Menschenpaar bewohnt. Das Obere Kanaan ist das ewig bleibende! Trotzdem soll man nicht nur in der Wüste darauf hoffen; sondern es ist besser, wer aus dem irdischen gelobten Land als Vorstufe ins heiliggelobte Land hinüberwandern darf. Handelt man in dieser Welt gerecht, so kehrt man als Gerechter heim, wohin eure hohen Väter eingewandert sind.

Ich habe euch aus Gottes heiligen Gesetzen viele Anordnungen geben müssen. Wäre — wie gewollt aus dem Volk das ‚JESURUN‘ (Aus Kap. 1, Seite 4 „JESURUM“ / s.a. „Der Thisbiter“.) geworden, wahrlich, getrost könnte ich die Augen schließen und euch nach dem Lande ziehen lassen, das Vater Abraham besaß. Jede Anordnung, von GOTT enthüllt oder euch aus meinem Geist gegeben, diente dazu, des Volkes Murren wider Gott zu tilgen, Israel innerlich und äußerlich zu dem besagten JESURUN zu machen. Doch Jakobs Same hält sich umso härter, je mehr der Heilige ihm Gnade schenkt.“ Mose schweigt. Er nimmt eine Tafel in die Hand, die Josua ihm reicht. Nachdem er nochmals deren Schriftsatz — wie in der Nacht schon oft — gelesen hat, wendet er sich wieder an die Männer:

„Fürst Eljasaph, Sohn des reichen Deguel, du brachtest mir mit dieser Tafel das Gemurre deines Stammes wider mich. Einige Stämme haben sich Gad angeschlossen; doch ihr seid uneins über euer Ziel. Wäre es nicht besser, den heiligen Rat Gottes zu befolgen, Dessen Wolkenwand und Feuersäule unentwegt Sein Israel behütet?!

Um vor Gott gerecht zu gelten, sagt Gad: ‚Wir hadern nicht gegen Dich, Du Heiliger! Wer auch wollte wider Dich die Hand erheben, daß sie ihm nicht bald erstürbe? Aber wider Mose liegen wir Dir in den Ohren; er trägt Schuld ob allen Ungemachs, das wir, unsre Alten und die Kinder dulden müssen, weil wir auf Erden keine Heimat haben. Die ungläubigen Heiden bauen feste Städte; von großem Wert sind ihre Güter. Ihre ungetriebenen Herden tummeln sieh auf fetten Pfründen und am frischen Wasser. Dein Volk aber hältst Du hart! Schaffe uns den Mose ab und wir wollen Dir gehorsam sein!“ Langsam legt Mose die Anklagetafel auf das Buch. Es ist totenstill. Der Gottesmann hebt seine Stirn und fragt:

„Fürst Eljasaph, ist das auch deine Rede? Tritt her und künde uns dein Herz! Wisse aber: ‚Des Herrn Stab‘ zeigt die Wahrheit an! Denn die Klage wider mich ist das zugedeckte Murren gegen Gott. Wird der Heilige mich holen, was eher möglich ist als dem Volke lieb sein darf, dann wird Josua die Murrer zu ertragen haben (Jos Kap. 24;) und nach ihm alle jene, die noch Führer werden. Allein — wäre so das Volk zu retten, gern ginge ich dahin, wo mich keiner fände!‘‘

Das ist keine Klage eines müden Mannes; es ist ein bewußtes Opfer getreu dem heiligen Gebot. Die starken Männerherzen überfällt ein Zittern, wie kaum je geschah. Noch tiefer neigen sie sieh vor dem großen Geist, der sie alle überragt. Sie spüren es: Nun steht der auch den Ältesten so selten sichtbare Gott persönlich neben diesem Mann, der nie völlig jenen Glanz verliert, dessenthalben er sich einst drei Tage lang verhüllen mußte, weil weder Aaron noch weniger das Volk das lichtgeprägte Angesicht ertragen konnten.

Das letzte Wort ergibt ein Ziel, das der Mensch im Eifer seines Gottgehorsams offenbart. Und es geht des Himmels Ziel über dem der Welt daher, wie die Cherubinen über Gottes Bundeslade stehen. Denn des Propheten Auge schaut die Herrlichkeit, weil er — von dem Gott persönlich zeugte, daß es keinen größeren Propheten geben wird als Mose sei — (5. Mo. 34, 11) die arme Ferne mit geduldigem und liebewarmem Herzen auf hellighehrer Ordnungsbahn der hohen Gottesgnade anbefehlen und wieder heimzubringen helfen will.

Lebt nicht Israel trotz Stiftshütte, trotz der Unmittelbarkeit himmlischer Offenbarung, in der Weite, fast fern und zeitlos, da es nicht der heiligen von GOTT gesetzten Zeit gedenken mag? Ist es nicht wie in der Ferne? Ein Stuck Abgeirrtes?! Soll es dieserhalb das ‚Ausgesuchte‘ sein, durch das die arme Schöpfungsferne heimzuleiten ist —? Doch das Wandervolk hängt kaum noch an derem als dem irdisch Zugesagten an, das der Herr gegeben hat, um die verirrten Kinder frei zurückzuwenden. Jetzt ist ein Entscheid gekommen. Denn kann Israel seinen Mose mit über den Jordan nehmen, so macht GOTT das Volk zum JESURUN, zu einer schönen Perle Seines Hohen Hauses.

Dieses Bild steht vor dem inneren Blick des Mannes, der durch Jahrzehnte des harten Volkes Führer ist, der — um es zu erretten — in Ägypten einen Mord beging, der Staatsmann und der Richter, der Priester und Prophet, Freund und Lehrer, ein Vater ebenso wie auch ein Bruder dem Geringsten unterm Volk.

Eljasaph, der Fürst von Gad, hat sich erhoben. Ruhig schreitet er zum richterlichen Tisch und streckt seine Rechte nach dem weißen Stabe aus. Nun, der Ehrwürdige, reicht ihn dar, nicht ohne einen Segensspruch. Doch der Fürst kann den Verdacht entkräften.

‚‚Getrost erhebe ich mein Herz zu Gott; denn ich bin rein von dem Gezeter meines Stammes. Mose, hole einen Gadeniter, lasse ihn den Stab ergreifen und siehe, was geschieht! Ich habe allezeit für dich gesprochen, weil nicht du dich über uns erhoben hast; sondern GOTT hat dich erwählt! Lieber aber bleibe ich im Land der Moabiter tot zurück, sofern man ohne dich den Jordan überqueren will! Du hast die Wahrheit kundgetan: Das Volk findet dort ein Land der Welt, das ihm nicht verbleibt. So oft wird es hin und her geführt, wie oft es wider Seinen Höchsten hadert, bis Dessen Gnade ganz versiegt! —Nun sieh — der Stab bleibt rein in meiner Hand.“

Die Männer atmen erleichtert auf, ihre Blicke richten sich auf Mose. Doch dessen Antlitz scheint wie zugedeckt zu sein. Gewaltig steht der göttliche Prophet an seinem Platz Ernst schweifen seine Augen über alle hin. Ist es nicht, als ob sich einer duckt? Und da ein zweiter? Noch höher reckt sich Mose auf und sagt:

„Gut! Ich lasse einen aus Gad holen.“ Zu ruhig klingt das Wort, als daß man nicht erkennt, welch ein gerechter Zorn im Widerstreite mit Erbarmung und sehr großer Trauer liegt. Die eben hoffnungsfroh erhobenen Blicke senken sich aufs neue nieder. Es scheint nicht gut zu stehen, wenn Eljasaph auch schuldlos ist. ‚‚Gut‘‘, wiederholt Mose sonderbar betont und fährt in seiner Rede fort:

‚‚Ihr solltet gegen die Amoriter ziehen, die am Herrn gefrevelt hatten. Ihr Fürsten zoget nicht und schlosset euch dem Volke an, mir sagend: Zwölf Männer können hunderttausenden nicht widerstehen! Ihr Ältesten schwiegt still, ihr bliebt dem Volke fern. Nun, Eleaser, Josua und Ithamar, die allein das Lager stürmen wollten, hielt ich zurück, damit nicht der Haß auf sie entfiel, sondern nur auf mich! Des Volkes Drohung zu ertragen war mir leicht; doch der HERR schalt mit mir wegen eurer Härte. — Wann je erhob sich einer unter euch, um für mich einzustehen und zu sagen: ‚Herr, Du Heiliger über Israel, Du zürnst unbilig mit Deinem Knecht. Denn keiner ist so treu befunden wie er, treu zu Dir und treu zum ganzen Volk!‘ — Manchmal kam mir der Gedanke, wenn ich vor dem Heiligen am Boden lag und das Zorneswort ertrug. Keiner von euch allen wurde mir gerecht!“

Wieder schweigt Mose still. Er muß aus seinem Herzen neue Kräfte schöpfen, die Gott nicht schenkt, weil auch er sein ‚Soll‘ erfüllen muß. Rechnet er nicht eigentlich mit GOTT durch diese Rede ab? Im Innern spricht sein hoher Geist, der Ordnungsträger Uraniel: ‚Herr vergib, wenn ich als Mensch so mit Dir rechte. Doch Du bürdest mir die Lasten auf, die aus des Volkes Starrsinn wider Dich entstehen. Ist‘s billig, solches zu ertragen und mich nicht zu schonen?‘

Da umweht ihn sanftes Säuseln: ‚Tritt ein in Meine Hütte, und du sollt‘s erfahren!‘ Welch ein Trost für ihn, den Gottesmann! — Da steht plötzlich Fürst Selumiel aus Simeon, Sohn des ehrwürdigen Greises Zuri-Saddai, vor ihm. Selumiel ist hoch geachtet, hat er ja ein ruhiges Geblüt. Er sagt:

„Mose, du Gerechter, erzürne weder Gott noch dich! Wohl wahr, du trägst unsere Last. Allen — Gottes Zorn ist nicht dein Kreuz; Er segnet dich auf allen Wegen. Recht hast du ja gesprochen. Längst hatte einer den Weg gehen sollen, den du für uns täglich gingst. Warum hast du nie dein Herz so weit geöffnet wie jetzt in deiner späten Lebensstunde? Sieh, mancher Edle hätte sich gewißlich nicht gescheut, um deiner Taten willen Gottes Feuer zu begegnen. Nun will ich es tun! Laß mich vor dir her in des Höchsten Hütte gehn.“

O — welch Augenstrahl trifft den tapferen Mann! In nicht wenigen Anwesenden regt sich der Wunsch, mit an Selumiels Seite stehn zu dürfen. Doch sie atmen nun zum zweiten Male auf. Auch Mose. Mit segnender Gebärde reckt er seine Hände aus und spricht:

„Dank, o Fürst! Mein Herz war in den Wanderjahren schwer geworden; nun fliegt es heim, ins Licht. Doch erst ist einiges zu sagen. Seht, der Herr gebot, nicht zu ziehen; aber da war keiner als die vier Männer an dem Tisch, die Gottes Willen anerkannten. Ich verfocht euer Tun, bis Gott von mir ging. Ihr wißt, wie ich Ihn in Seiner Hütte lange suchen mußte, ehe Er Sich wieder finden ließ.

Wir umzogen das Gebirge Seir, der Kinder Esaus Sitz. Voll Gnade war der Weg. Das Land AR nahmen wir aus Gottes Güte ein, und zu Hesbon schlugen wir den König, weil er uns trotz Gold weder Trank noch Speise gab. Wie dankte man dem Herrn für alle Segnung, die Er gab? Noch entfernt, so teiltet ihr im Streit das Jordanland. Jeder wollte sich den besten Teil erringen, um samt dem Stamm als Fürsten reich zu werden. Ich zeigte euch den ‚Finger Gottes‘; doch ihr habt mich hart bedrängt, bis ich dem Höchsten das Begehren nahetrug, als wäre es mein eigenes gewesen. Ich entlastete euch und Gott wußte es!

Trotzdem legte Er im Zorn die Schuld auf mich und sprach: ‚Rede Mir nicht mehr davon! Es ist genug der Gnade, die das undankbare Volk erhält!‘ Was Er mir noch sagte, enthülle ich in dieser ernsten Stunde, nämlich: Ich werde nicht den Jordan sehen, ich muß im Land der Moabiter bleiben und mein Grab wird niemand finden.

Ich lehrte euch den Ordnungsweg aus Gottes heiligem Gebot. Israel sollte allen Menschen ein gutes Lebensvorbild sein, das JESURUN! Doch bleibt ihr auf dem Pfade fortgesetzten Murrens, so geht euch Jakobs Himmelsname ISRAEL verloren. Man wird sich einst den Namen wiederkaufen, doch nicht besitzen vor dem Herrn! Drum, Fürsten und Älteste, denkt an Sinai! Und wenn Josua der Herzog wird“, Mose legt die linke Hand auf dessen Haupt, „dann werdet ihm die Stütze, die ihr mir nicht gewesen seid. — Dennoch danke ich für alle Treue, die ihr dem Herrn erwiesen habt.

Was ER von euch empfing, war meines Geistes Speise; was ihr dem Heiligen verweigert habt, war meiner Seele Fastenzeit. Aber seid getrost: Auf Erden wie im Reich der Geister trete ich immer für euch ein, damit euch aus der Hohen Hand nur Segen überkommt. Doch nun, Abeldan, hole meine Mohren; denn den Kindern Gad soll vor dem Heiligen geholfen sein. Hernach kannst du, Fürst Selumiel, vor mir her in die Stiftshütte treten.“

Moses strenge Wahrheit tut jede Herzensfalte auf, daß man sich ihrer schämen muß. Wie mag man erst vor GOTT bestehen? Stille hängt im Zelt. Es ist nichts reinzuwaschen. Mose deckt alle Mängel auf wie keiner; aber vor dem Herrn deckt er sie mit seinem eigenen Herzen zu, auch wie keiner! Die Last nimmt er auf seinen Nacken, wenn er sich bei Gottes Abrechnung für alle beugt.

Die Mohren treten ein. Der Befehl an sie lautet: „Geht bei der Südosthauptstraße am Außenrand des sechsten Ringes in das gelbe Zelt und sagt: ‚Kahathael, der HERR ruft dich zu Mose, Seinem Knecht! Und eile, daß nicht Gottes Feuer deine Fersen brennt!‘ “ Die Mohren laufen. Manche Oberste schauen stumm erschrocken vor sich hin. Kahathael …? Woher weiß Mose, daß …

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