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Das Tal der Glücklichen – Teil 2

Der Mensch, der da noch glaubt, andere Wege gehen zu können, als die der Vereinigung mit Gott, sucht in den Naturgesetzen die Kraft selbst, während diese doch nur der Ausdruck der Kraft sind; er erkennt diese Gesetze wohl, weiß sie auch zu benutzen, aber den dahinter steckenden Kraftwillen fängt er nicht ab.

Das Naturgesetz ist der Ausdruck des unabänderlichen Willens, darum kann er alle Dinge, die dem Naturgesetze unterworfen, verschieben, verändern und überraschende Erscheinungen hervorrufen und meint nun die Naturgesetze zu beherrschen, wie wenn er aus einem Vulkan einen kleinen Lavastrom abgelenkt hätte, der nun zu allerhand kleinlichen Experimenten benutzt werden kann, – doch dem Vulkan kann er deswegen noch lange nicht gebieten. In seiner Torheit bildet sich trotzdem der Mensch das ein und prahlt mit seinem Können.

Blicke hin nach jenen Ländern, die deine Heimat heißen. Wie blähen sie sich dort und nennen sich Herren der Natur. Die Tröpfe! Ist einer krank, so wird ihm eingetrichtert, was die Chemie im Laboratorium gebraut, und diese Tränke sollen nun Genesung bringen. Doch daß die Menschen-Seele, in der der Willenstropfen aus dem Reiche der Gottheit schlummert, imstande ist, das Wohnhaus Körper rein zu halten und alles Kranke zu entfernen, das kommt euch nicht in den Sinn. In Gott, in der Vollkommenheit ist auch Gesundheit, Krankheit hat da nicht Platz; vereinet euch mit Ihm, lasset Seine Kraft durch euch fließen, und mit einem Schlage ist der Mensch gesund. So geschieht’s bei uns, und darum hat es auch in diesem Tale noch niemals einen Kranken je gegeben.

In Gott ist Fülle, und Er gibt reichlich, was Seine Geschöpfe brauchen; wir vereinen uns im Gebet mit der Gottheit, sie weiß, was wir bedürfen, sie segnet uns, wir segnen unsere Felder, und tausendfältig ist die Frucht, die sie uns geben. Dort draußen, wo nur der Eigennutz, die Habsucht herrscht, dort kann ein Segnen nichts nützen, denn die Vollkommenheit kann nicht mit dem sich einen, der nur Gewinnstes halber diese Einigung verlangt.

Wer noch vermeint, aus sich allein heraus könne er schaffen und dauernde Werke vollbringen, der verfällt in Ichbegründung und öffnet damit allem Leid die Tore.

Hier hast du auch den Grund des vielen Wehs, worüber Völker, Menschen klagen und wofür Gott verantwortlich gemacht wird, trotzdem die eigene Torheit all das Leid verursacht. – Die Begründung des Ichs ist das Unglück des Menschen und der Völker.

Diese Ichbegründung, das Sträuben gegen die Gottvereinigung, welch letztere nur allein das Glück in sich birgt, bedingt den Erfahrungsweg des freien Geschöpfes, den es sich abkürzen oder verlängern kann.

Jedes Wesen ist zum Glück geboren, und dieses Drängen, das Glück zu erfassen, zu erreichen, ist der alleinige Reiz des Daseins.

Jedes Geschöpf ahnt, daß es ein Glück gibt, es ringt darnach und scheut keine Mühe, zum Glück zu gelangen. Gott hat durch Offenbarung dem Menschen längst gezeigt, worin das wahre Glück besteht und wie es zu erreichen ist; doch eigenwillig sucht der Mensch seine Wege, er will es besser wissen als der Schöpfer und glaubt es nicht, daß seine selbstgemachten Begriffe falsche sind. Er sucht im Materiellen, im Äußeren, im vergänglichen Schein, was nur im Geistigen, im Innern zu suchen ist; er vergißt und verschließt sich der Erkenntnis, daß äußeres, irdisches Glück nur wahrhaft Frieden geben kann, wenn es im Innern zuerst eine Stätte gefunden hat. Er macht sich daher besondere Glücksbegriffe, wie Reichtum, Wohlleben, Untätigkeit, gut essen und trinken und allerhand sinnliche Freuden. – Die Begriffe dieses Glückes sind ihm unfehlbares Gesetz, und die Vorstellung seiner Geistesidee, als Inhaber solchen Glückes, krankt an dem Glauben, daß sein Gott auf diese Bitte hin ihm diese Dinge schaffen muß, damit er glücklich sei. – Der Mensch klammert sich an diesen ihm behagenden selbstgeschaffenen Gott, der nur ein Götze ist und der nun auch alles verfluchen muß, was seinem Götzendienste nicht entspricht; denn diese Ichbegründung lehrt durch ihren Götzen, alles das sei gegen Gott, was gegen die selbstgemachten menschlichen Gebräuche und gegen deren dunkle Erkenntnis sei.

Ja, es ist gegen den Götzen, und solange die Kraft der Ichbegründung besteht, welche diese Narrheit bestehen läßt, so lange wütet auch der Götze durch die Menschen gegen anders denkende Menschen.

Dieser mit allen menschlichen Schwächen ausgestattete, zum Gott erhobene Götze kann nicht bestehen bleiben, denn die Vollkommenheit sagt: Ich bin euer Herr und Gott, ihr sollet nicht andere Götter haben neben Mir. – Darum führt diese Ichbegründung von selbst zum Leid, zum Schmerz, weil das, was die Menschen erst sich willig schaffen in selbstgewolltem Dünkel, nicht Bestand haben kann ohne Unterstützung des wahren Gotteswillens; und so vernichtet denn die herbe Erfahrung das gleißende Gebäude der Ichbegründung.

Die Lehre Gottes ist verkündet allerwegen, zeigt allbekannte Wege und gleicht einem Rechenexempel, von dem der Rechenmeister sagt: sieh, zweimal zwei ist vier, erkennst du diese Wahrheit, so wirst du, darauf fußend, stets richtige Rechnungen erhalten und zufrieden sein, der Mensch aber sagt verstockt: nein, ich glaube es nicht und sage: zweimal zwei ist fünf. – Um diesen Toren zu überzeugen, bleibt dem Rechenmeister nichts übrig, als ihn rechnen zu lassen mit seiner falschen Formel, und die ewigen falschen Resultate, das eigenwillig herbeigeführte Leid werden erziehend auf ihn wirken, bis er schließlich doch gezwungen ist, die einzig richtige Formel anzuerkennen. –

Jetzt erkennt die erwachende Menschenseele, daß die Wege nicht zum Glück führen, die nur eine Summe äußerer menschlicher Wünsche in sich enthalten, und daß, was außer diesen stand und oft töricht als Ketzerei bezeichnet und mit Fanatismus und Intoleranz leidenschaftlich verfolgt wurde, gerade zum Glücke führt. – Jetzt blitzt es auf. – Vernichtung der Ichbegründung! Das Verlangen, nicht sich selbst, sondern der Allgemeinheit zu dienen, führt zum wahren Glück, zur Gottvereinigung.

Seligkeit ist nicht Besitz vergänglicher Güter, sondern Erreichung der unvergänglichen. Und bin ich verbunden mit dem ewigen Gott, so bin ich ein Teil in Ihm und in der Ewigkeit – unsterblich." –

Ich fragte nun Chorillus, wie die Verbindung mit Gott am sichersten erreicht würde, und er antwortete mir: "Deine Frage ist das Geheimnis alles Lebens, sie schließt die Antwort eigentlich schon in sich, und eben weil gerade dieses Geheimnis so einfach ist, wird es von den Menschen nicht gefunden. –

Lasse das Trennungsgefühl nicht in dir aufkommen, so wirst du mit Gott auch verbunden sein. – Frage die Menschen, ob sie sich mit Gott verbunden fühlen. Sie werden dir alle mit Nein antworten. Nun frage sie weiter, warum sie nein sagen müssen. Die wenigen wirklich Aufrichtigen werden dir bekennen, daß irgendein Gefühl der Schuld das Hindernis ist; die andern werden mit leeren Ausreden, mit Nichtwissen oder mit Lügen diese unbequeme Frage ablehnen, und du wirst daran die Geistig-Trägen, die Unwilligen, Verstockten und auch Boshaften erkennen können, die Lieber sich jeder Erkenntnis verschließen, nur um den inneren Richter, jenes Schuldgefühl, zu übertäuben.

Empfindest du aber in dir das die Verbindung hemmende Schuldgefühl, so wirst du auch imstande sein, das zu meiden, was es hervorrief, und du wirst dich reinigen und schließlich zu dem Gefühl der Annäherung und Verbindung mit Gott gelangen.

Je mehr du fortschreitest, um so mehr offenbart sich dir dann auch die Gotteskraft, und in dieser Verbindung wirst du schließlich ausgerüstet sein mit Ihr und Dinge vollbringen können, die der Unwissende nicht begreift, noch für möglich hält.

In Gott ist alles; denn Gott ist alles in allem. Bist du in und mit Gott, so hast du auch alles, denn der Vater gibt die Kraft dem Sohne, – und ihr sollet vollkommen sein wie der Vater. – Ahnst du nicht, welche ungeheure Verheißung in diesen Worten liegt?" –

Es drängte sich mir eine Frage auf die Lippen, und zagend fragte ich: "Chorillus, fühlst du dich verbunden mit Gott, dem Vater?" –

– Ernst und einfach antwortete mir Chorillus: "Ja, mein Freund! – Es ist unsere Aufgabe, hier an diesem abgeschiedenen Ort, den keines Menschen Fuß ohne des Höchsten Willen betreten kann, die Verbindung aufrechzuhalten, welche das Ziel eines jeden Menschen sein sollte. Unendliches Unglück und Wehe würde es bedeuten, fände sich dieser Erdball ganz verfinstert. Glüht unter der Asche irgendwo noch so ein schwaches Fünkchen, so kann bei rechter Pflege doch jederzeit ein helles Feuer daraus entfacht werden. – Das Glaubensfeuer darf nicht erlöschen, wir hüten es, wir unbekannten Talbewohner, nicht aus Ichbegründung, nicht um des Lohnes willen, nur aus Liebe zu Gott und zu unseren Menschenbrüdern. – Alle Kraft erhalten wir durch Ihn, und der Geist Gottes führt uns ein in alle Geheimnisse Seiner Schöpfung uns Seines Wesens.

Ich habe nie deine Sprache vorher gesprochen, aber ich verstehe und spreche sie jetzt, weil ich in Verbindung mit Gott bin und in Ihm nichts Fremdes, Ihm Unbekanntes ist. Ich erfahre aus demselben Grunde, was jenseits dieser Berge geschieht, soweit es nötig ist, es zu wissen und ohne Tageszeitung sind wir hier über alle Vorkommnisse schneller und gründlicher orientiert, als Telegraph und Post die Nachrichten übermitteln können, denn Gott ist allgegenwärtig und bedarf der menschlichen Einrichtungen nicht. Bist du mit Gott verbunden, so hast du alles, alles. – Dann erst bist du Herrscher in dir und außer dir, kein Spielball mehr der Naturkräfte, denen scharfsinnige Köpfe einige leichte Fesseln anzulegen wissen, sondern Kenner des Gesetzeswillens Gottes, dem alle Kräfte untertan; denn diese sind die Wirkungen Seines beständigen Willens, und du findest alsdann jedwede Herrschaft in und durch Gott." –

Staunend blickte ich auf Chorillus und sagte leise: "Gott kann niemand sehen und das Leben behalten, wie kann der Mensch sich denn da mit Ihm so eng verbinden, daß die Allkraft durch ihn hindurchfließt?"

Er antwortete: "Mein Freund, wüßtest du klar und deutlich was die Liebe vermag, du würdest nicht so töricht fragen. Dieser ist alles möglich, diese ist der Urgrund alles Seins, in ihr liegen alle Schlüssel verborgen, sie löst alle Rätsel. Die Gottesliebe ist unergründlich, und nur durch die Liebe werden wir gottähnlich. –

Du sahest jene Insel, von der ich dir sagte, dort verehren wir Ihn, den Heiligsten. Es führt kein Weg, keine Brücke zu ihr; umgeben von Wasser, ist sie ein abgeschlossenes Heiligtum. Entzünde in dir die wahre Liebe, so wird dich die Sehnsucht hinführen zu unserem Tempel. Das Wasser wird dich tragen, und auf der kristallenen Flut wirst du, wie wir es tun, zu unserer Insel wandeln können, die dir das höchste Mysterium enthüllt, das der Liebe Gottes. – Was nützet dir alles Wissen, es wäre eine hohle Nuß, dringst du nicht zu diesem innersten Geheimnis, wodurch dir alles offenbar werden kann. Ergreife und entzünde in dir diese Liebe, so löst sich alles, was dir noch unklar ist, und der nächste Weg zu Gott zeigt sich alsdann!" –

Chorillus erhob sich und ließ mich in tiefen Gedanken allein zurück. –

Liebe! – Dieses Wort von so unendlicher Bedeutung, von so geheimnisvoller Tiefe und so oft mißdeutet, es erfaßte mein ganzes Sinnen. Wie ergreife, wie entzünde ich die Liebe in mir? wie liebe ich ein Wesen, das ich nicht sehen, nicht ergründen kann? –

Die Familie meines Gastfreundes, in der ich lebte und die mich mit größter Freundlichkeit aufgenommen hatte, bestand aus seiner Gattin, seinem Sohne, der mich in dieses Tal geführt hatte, und einer Tochter von ungewöhnlicher Schönheit. Mutter und Tochter besorgten das innere Hauswesen und waren wenig für mich sichtbar. Die Anmut und Reinheit, die sich im Wesen der Tochter ausprägten, hatten mich von Anfang an gefangen genommen. Alle jene Damen der europäischen Gesellschaft, die vordem den mir bekannten Kranz der Weiblichkeit ausmachten, erschienen mir wie Karikaturen im Vergleich zu dieser Jungfräulichkeit, die unbewußt des von ihr ausgehenden bestrickenden Reizes lebte und die Herzen besiegen mußte.

Ich wußte, das Chorillus, der so gut die Gedanken zu lesen verstand, auch meine Empfindungen dieser Art kannte; nie jedoch berührte er diese. Die Ermahnung, die Liebe in mir zu entzünden, gab daher meinen Gedankengang eine Richtung, die wohl verzeihlich erscheinen wird, zumal ich dieses holde Wesen auf der Terrasse vor dem Hause sah, den dem Hause zuschreitenden Vater freudig begrüßend. Liebe, Liebe?, fragte meine Seele. Ist diese Liebe zu Gott gleich jener Liebe, die der Mann zu einem Weibe fühlt? – Ist denn auch diese Liebe nicht eine reine Flamme, die den Abglanz des Göttlichen in sich birgt? – Beseligt nicht die gegenseitige Liebe, öffnen sich nicht dir Pforten des Himmels den Liebenden, fühlen nicht auch diese sich entrückt dem Getriebe der Welt, nur in dem Bewußtsein des gegenseitigen Insichaufgehens? – Lebt nicht in dem Weibe auch mein Nächster, den ich lieben soll? Tue ich Unrecht, wenn ich also ein weibliches Wesen mit der ganzen Glut meines Herzens umfasse und dieser meiner Göttin mein ganzes Wesen weihe, um in ihrem Besitze glücklich zu sein und zu beglücken? –

Während ich so sann, drängte sich mir ein Bild auf aus meiner Vergangenheit. Längst hatte ich die kleine Episode vergessen, und merkwürdig, nicht loszukommen war jetzt von diesem Bilde. – Es ist die belebte Straße einer Großstadt, ein altes Mütterchen steht frierend an der zügigen Straßenecke, bittend sprechen ihre tränenden Augen deutlicher als die abgerissen gemurmelten Worte, die ein Almosen erflehen, Ich reiche ihr mitleidsvoll ein Geldstück. Kaum ist es geschehen, so wendet sich ein hübsches Blumenmädchen zu mir, bietet mir lächelnd und knixend einen Strauß an. Ich nehme ihn, reiche dem schelmisch neckenden Dinge, ohne nach dem Preis zu fragen, ein Geldstück und sehe der niedlichen Dirne begierig nach. Das gereichte Geldstück hatte den dreifachen Wert dessen, welches das alte Mütterchen erhalten hatte. –

Warum steht dieses längst vergessene Bild so deutlich, plötzlich vor meiner Seele? – Mein Gewissen legt mir die Frage vor. – Weshalb machtest du hier einen Unterschied wo war die Bedürftigkeit? – Handeltest du gerecht? – Mich ärgerte nachträglich jetzt meine vor langen Jahren begangene Handlungsweise. –

Dort oben auf der Terrasse steht noch das schöne Mädchen, ihr Blick schweift in die Ferne, sie sieht mich nicht, der ich, von blühenden Büschen gedeckt, sie bewundern kann. Heiß wallt es mir im Herzen auf. Hinstürzen möchte ich zu ihr, die liebliche Gestalt an mich reißen und zu ihren Füßen das Geständnis meiner Liebe stammeln. Ja, das ist Liebe! – Die Liebe, die Gott in die Herzen der Menschen gelegt hat, damit sie glücklich sein sollen auf Erden und Ihm dann danken für dieses göttliche Geschenk. – Ich ertrage es nicht, dieses sehnende Gefühl, dieses brennende Verlangen; jetzt ist der Augenblick geeignet, mich der Jungfrau zu offenbaren. Sie ist allein, drum hin zu ihr und dann zu Chorillus, ihm zu sagen, wie schnell die Liebe mich ergriffen und entzündet hat.

Doch sieh, da naht sich Chorillus seiner Tochter. – Ich erschrecke, warum? – Er führt sie in das Haus. Unwillkürlich ducke ich mich hinter die blühenden Büsche, damit sein Blick mich nicht treffe; – weshalb? – ich bin mir doch keiner Schuld bewußt? – Und doch – ich fühle in mir ein unbehagliches Gefühl, als hätte ich eine Schuld begangen. –

Schritte tönen hinter mir den Weg entlang, der von den Wohnungen der Talbewohner durch den Garten hinauf zur Höhe führt. Als wäre ich auf böser Tat ertappt, so fahre ich auf und sehe den Sohn des Chorillus heranschreiten. Freundlich grüßte mich der schöne Jüngling. Ich aber konnte seinen klaren Blick nicht ertragen und schlug die Augen zu Boden, wußte ich doch nur zu genau, daß ihm meine noch nicht überwundene Erregung und meine geheimen Gedanken unverborgen waren.

Er trat zu mir und sagte sanft: "Freund, hat dich die Leidenschaft wieder gepackt? – Warum erschrickst du vor mir? Ist es nicht die Aufgabe des Menschen, zu kämpfen und zu erkennen; glaubst du, ich würde dich verurteilen, weil du noch ringst und deine inneren Kräfte noch nicht gänzlich entwickelt hast? – o nein, fürchte das nicht. – Komm, laß uns ruhen!" – Er nahm Platz ein, den vorher sein Vater eingenommen hatte, und ich gesellte mich zu ihm. – "Du weißt nicht, von wo ich komme. Ich will es dir sagen. Ich haben soeben meine Braut verlassen und komme aus dem Hause ihrer Eltern!" –

Überrascht sah ich den Jüngling an, ergriff seine Hand und rief aus: "So liebst auch du ein weibliches Wesen, daß du als deine Frau einst heimzuführen gedenkst? O sprich, du siehst das Chaos meiner Gefühle, löse mir das Wesen der reinen, menschlichen Liebe. Was ist diese Liebe, und wie ist sie gerecht vor Gott?"

"Ich will versuchen, diese Fragen dir zu beantworten, und hoffe, daß du mich verstehst. – Was ihr in euren Ländern Liebe nennet, hat meistens nicht gemein mit deren wahrem Wesen. – Empfindet ihr eine habsüchtige Neigung, etwas zu gewinnen, so glaubt ihr Liebe zu empfinden. Angeregt durch den Schönheitssinn, empfindet ihr ein Wohlgefallen, und mit diesem regt sich der Wunsch nach genießendem Besitz. Dieses Wunschgefühl steigert sich oft bis zur Tollheit, und – das soll dann Liebe sein. Diese leidenschaftliche Empfindung im Menschen verlangt alles von dem Gegenstande, auf den sie sich richtet, und sowohl Mann wie Weib, die ihr verfallen sind alsbald nur geneigt, alles von dem andern Teile zu verlangen, selbst jedoch möglichst wenig zu geben. Nach einer Zeit des Rausches nachdem die Leidenschaft nicht mehr in verzehrenden Flammen auflodert, folgt dann meistens die Reue, die Enttäuschung, selbst der Haß. – In der Zeit jedoch, wo sie noch brennt, findest du bei beiden Teilen mißtrauende Eifersucht, die Tyrannerei und Unfrieden im Gefolge hat. Dieses große Sammelsurium höllischer, quälender Eigenschaften, die, je nach der bändigenden Willenskraft des einzelnen, zügellos sind oder in gewissen Grenzen der Wohlerzogenheit verbleiben, nennt die Welt dann Liebe, und nach dem Grade der meist nur zerstörenden Wirkungen bildet sich die Torheit ein, die Kraft der Liebe bemessen zu können.

Wie so ganz anders ist doch die reine, wahre Liebe! Diese stellt es nicht als Hauptbedingung auf, zu besitzen und so zu genießen, nein, sie will vor allen Dingen selbstlos geben und fragt nicht, überlegt nicht, ob eine Gegengabe auch gewährt wird. –

Wahre Liebe weiß auch zu leiden, zu entsagen, während die unwahre sofort bei einer derartigen Forderung in Wut und Haß sich verwandelt, denn alles, was der Selbstsucht zu nahe tritt, wird von dieser rachsüchtig bekämpft. –

Wahre Liebe zu den Menschen macht auch keinen Unterschied der Person, ob alt, jung, schön oder häßlich im Äußern; sie umfaßt alles mit gleicher Sanftmut, wie auch Gott allen seinen Geschöpfen ohne Unterschied seine Segnungen gewährt. –

Liebst du ein Mädchen, so soll nicht der Besitz desselben dir die Hauptsache sein, so daß du sie eifersüchtig hütest, sondern die gegenseitige Ergänzung hast du im Auge zu halten. – Fehlt diese, so kann ein Rausch der Sinne dir diesen Mangel nicht ersetzen, sondern tiefste Reue ist die sichere Folge. Findest du aber die gesuchte Ergänzung, so wird auch eine jemalige Trennung unmöglich werden; denn was sich ergänzt zu einer harmonischen Einheit, was also Gott demnach zusammengefügt, das kann auch ewig nicht mehr getrennt werden. Was aber – und wie oft, ja meist geschieht es so bei euch – nur Ergänzung der gegenseitigen Begierde fand, ohne innere tiefere Harmonie, das hat auch, trotz aller äußeren Bande, nie sich angehört und trennt sich wieder, sobald es kann. Du liebst meine Schwester, Freund. Ist deine Liebe ganz rein? – Leidenschaft schafft leiden, Unreinheit das Gefühl der Schuld. – Du verstehst mich wohl. –

In Gott allein ist die reinste Liebe. Bist du verbunden mit Ihm, so fallen alle Schlacken von dir ab. Doch dazu gehört ein starker, großer, unerschütterlicher Wille, ein inneres strahlendes Glaubensfeuer, – sodann erwacht eine Liebe, die höher steht als die Liebe der Geschlechter untereinander, selbst wenn diese eine reine ist. Diese erfaßt beide, Mann und Weib, und wohl denen, die, in harmonischer Ergänzung verbunden, sodann sich von ihr leiten lassen, denn diese sind Gotteskinder durch sie geworden. Wir Talbewohner können Ihn, den Herrn, nicht vergessen um eines Weibes oder Mannes willen, darum ist aber auch unsere Ehe anders geartet als die der Welt. Herrschsucht und gegenseitige Betrübung, Mißverstehen kennen wir nicht; denn diese herrschen nur dort, wo die Ergänzung fehlt, und ohne diese besteht bei uns keine Ehe." –

Mich ergriffen die Worte des jungen Mannes tief, und seine Hand ergreifend, rief ich aus: Oh, hätte ich deine Weisheit, wie glücklich wäre ich!" –

"Lebe in Gott, so hast du alles. Ich besitze nichts. Nur in Ihm ist die Fülle, Er ist die Quelle, die uns alles gewährt." Er stand auf, und nach der Insel zeigend, die das Heiligtum barg, fuhr er fort:

"Suche Ihn und sei gewiß, Er wird sich finden lassen!"

Schnellen Schrittes entfernte sich der Jüngling und ließ mich allein.

Die Sonne war untergegangen, und mit der den Tropen eigentümlichen Geschwindigkeit, ohne Übergang der Dämmerung, brach die Nacht herein. In kurzer Zeit herrschte ringsum tiefe Stille, die Sterne schauten flimmernd vom hohen Himmelsgewölbe, und der Mond warf sein mildes Licht auf die zur Ruhe sich rüstende Erde herab. – Doch in mein Herz wollte keine Ruhe einziehen. – Unruhig klopfte es; eine Anzahl Gedanken und Fragen durchstürmten meine Seele. –

Ich blickte auf zum leuchtenden Sternenhimmel. Wenn je, so ist der Anblick desselben, während ringsum tiefe Ruhe herrscht, geeignet, dem Menschen einen Begriff von der Allmacht und Kraft Gottes zu geben; denn dieses Gewimmel leuchtender Welten, die in geordneten Bahnen einherziehen, ohne sich zu verwirren, sie sind dringlich redende Zeugen Seiner Weisheit und Seiner Kraft. –

Wie klein fühlt sich da die Seele, wie wird sie durchdrungen von dem Gefühle der eigenen Nichtigkeit, erkennt sie sich als Stäubchen im Raume, und dennoch drängt sich ihr die Erkenntnis auf, daß sie mehr als ein Nichts sein muß, da sonst ihr nicht die Fähigkeit gegeben wäre, das Weltall mit ihren Sinnen zu durchdringen und die Gesetze der Allmacht zu erkennen.

"Habe ich diese Fähigkeit nur erhalten, damit das Bewußtsein meines Nichts mich zerschmettere und der Verzweiflung überliefere? – Dann bist Du grausam, Schöpfer der Welt! – Habe ich sie erhalten, damit ich Dich lediglich bewundere und anbete und in immer tieferem Erschauen Deiner allmächtigen Kraft und unerforschlichen, unergründlichen Weisheit schließlich doch erkenne, daß ich nichts und Du alles bist, so bin ich auch um nichts besser als ein ohnmächtiger, armer Sklave, dem nur des mächtigen Herrn Güte und Geduld das Genießen von Seinen unerschöpflichen Schätzen gestattet. – Warum also erhielt ich dieses brennende Sehnen nach Erkenntnis; diese Sinne, vermöge welcher ich beginnen kann, dieses Sehnen zu stillen; diese geistige Fähigkeit, die keine Schranke kennt, das All zu durchdringen; diesen Gedankenflug, der weder Zeit noch Raum kenn; und schließlich – dieses kurze Leben auf einem elenden, vielleicht dem elendesten Planeten eines Sonnensystems, das doch nur wiederum der Satrap eines höheren und mächtigeren Systems ist? –

"Gott, der Du dieses All beherrschest und durchdringest, ich finde nicht den Schlüssel zu dem Zwecke des Daseins und Deines Waltens, wenn nicht höhere Ziele Dich leiteten, das "Werde" hinauszudonnern in die Ewigkeit des Raumes, höhere Ziele, die Du vielleicht nur verschleierst, damit der gemeine Menschenwitz sie nicht entheilige, doch die Du jedem offenbaren wirst, der wahrhaft ein Verlangen darnach trägt, sie zu erkennen." –

Diese Worte rief ich leise und sehnsuchtsvoll dem nächtlichen Sternenhimmel zu, und da regte sich in mir ein Gedanke, so heiß und innig und doch so friedvoll, so tief beseligend, – es quoll empor aus innerstem Herzen, erwartungsvoll und spähend. Mir war, als müsse jetzt, jetzt gleich eine mir liebe, wenn auch gänzlich unbekannte Person vor mich hintreten und mich umfassen voller Liebe und Freude, um mich ausruhen zu lassen an ihrem treuen Herzen. – Nicht galt es mir mehr, mein Weib zu erringen und dieses zu umfassen im Gefühle der Liebe, nein, weit edler, höher und reiner zuckte es mir in tiefster Seele auf, und meine Lippen lispelten inbrünstig: Vater, lieber Vater! –

Ich sprang auf. Es zog mich fort, hin zu jenem Heiligtum, das geheimnisvoll von den Wellen des Sees umrauscht wurde. Eiligen Fußes lief ich hastig den mir bekannten Weg entlang, und bald stand ich am Gestade des im Mondlicht silbern schimmernden Sees. – Drüben erhob sich dunkel die Insel. In ihrem Innern barg sie das Ziel, doch trennte mich das Wasser. – Bisher hatte ich nicht einmal daran gedacht, daß dieses Hindernis mich abhalten würde, das Ziel zu erreichen – die Sehnsucht, die Erwartung ließ mich jedes Hindernis vergessen – , doch jetzt schreckte der Fuß vor den murmelnden Wellen zurück, die ihn benetzten, und Tränen stiegen mir ins Auge, als ich die Erfüllung meines heißen Wunsches scheitern sah. –

Da rauschte es wieder so geheimnisvoll herüber wie damals, als ich mit Chorillus zum ersten Male diese Insel erblickte. Ein Klingen und fernes Brausen schien aus dem Innern zu ertönen, – es gestaltete sich zu Lauten, zu Worten, und deutlich vernehm ich:

"Liebe überwindet alles, – – sie kennt kein Hindernis, – – doch glaube – glaube – glaube!"

Wieder wallte es in meinem Herzen heiß auf, und jubelnd zog es durch meinen Sinn: – "Ja, Vater, ich glaube Dir, ich glaube an Dich!" – Nur nach jener Insel sah ich – mich kümmerte nicht mehr das Wasser, – ein Schritt vorwärts – – und aufgehoben fühlte ich mich, getragen fortgeführt. – – Ich betrat jenseits den Boden, beschritt den unter hohen Bäumen und Palmen sich windenden Weg und stand alsbald vor einem marmornen Tempel, dessen Tore weit geöffnet waren. Sanftes Licht erhellte das Innere des Heiligtums. Niemand wehrte mir den Eintritt. – –

Ausklang

Mein erzählender Freund hatte die letzten Sätze immer leiser gesprochen und starrte jetzt traumverloren in das Leere. Die Gesellschaft, die augenscheinlich unter den verschiedensten Empfindungen seiner Erzählung zugehört, wurde schließlich ungeduldig, als er keinerlei Neigung zeigte, diese fortzusetzen, und von verschiedenen Seiten tönte ihm ein "Nun, und weiter?" entgegen.

Mein Freund schreckte aus seinem Sinnen auf und sah die Frager ruhig an.

"Sind Sie denn in diesem geheimnisvollen Tempel eingedrungen, und was fanden Sie dort?" fragte der Professor.

"Gewiss tat ich das, und ich fand das entschleierte Isisbild, die Wahrheit!" –

"Das ist ja interessant. Darf man wissen, wie dasselbe sich also entschleiert ausnimmt?" entgegnete spöttisch der Professor.

Mitleidig blickte ihn Kristjan an und erwiderte: "Mich hat dessen Anblick, wie Sie sehen, nicht vernichtet, wohl aber erleuchtet, mir hat er die Rätsel des Daseins und das größte Geheimnis Gottes gelöst. Sie, werter Professor, könnten allerdings Gefahr laufen, bei Lüftung des Schleiers arg enttäuscht zu werden, denn jene Statue dürfte für Sie nicht einmal den Wert des Antiken besitzen!"

"Oho, mein Lieber, wenn Sie so überzeugt davon sind, so lassen Sie Ihre Entdeckung das Licht der Wissenschaft nicht scheuen, ich werde sehr objektiv urteilen", gab der Angeredete zur Antwort.

"Nun gut, wir werden sehen. Hören Sie: Ich habe in jenem Tempel erkannt, daß nur die unendliche Liebe des Gottgeistes das Universum erschaffen hat, daß Gott den Menschen wahrhaft wie ein Vater liebt und von dem Menschen wünscht, ja ihn sogar bittet, Ihn wieder zu lieben als den freundlichen Vater, und daß er ihm, seinem Kinde, alle eigene Macht und Kraft geben will und wird, wenn es wahrhaft Ihn selbst wiederliebt, damit es vollkommen werde wie Er. Für dieses Ziel ist Ihm kein Opfer zu groß, ja die Allmacht beugt sich sogar dem niedrigen Willen Ihrer Geschöpfe aus Liebe; Sie erträgt auch jetzt noch alles aus Liebe, und um die Liebe zu erwecken, erschuf Sie das Weltall und alles Lebende, gibt dem Menschen ein irdisches Dasein, rüstet ihn aus mit allen Fähigkeiten, die zur Erkenntnis führen. Kurz – Gott ist die Liebe, in Ihm finden wir alles!" – –

Enttäuscht sagte der Professor und gleichzeitig der Superintendent: "Aber das ist doch eine uralte Geschichte, uns längst bekannt!" – Mein Freund erwiderte:

"Wirklich meine Herren? – Nun, ich sagte ja gleich, daß meine Entdeckung nicht einmal den Wert des Antiken für Sie haben würde. Wenn aber diese Wahrheit so uralt ist, warum lassen Sie denn diese nicht lebendig werden in Ihrem Herzen, so daß sie auch genießbare Früchte hervorbringt?

– Ja, diese Wahrheit ist uralt, aber erkannt wurde sie bisher noch nicht. Nur die Worte sind gehört worden, ohne mehr zu sein als Worte, aus Buchstaben zusammengesetzt. Ihr untersuchet die Buchstaben sehr genau, erkläret höchst geistreich, daß diese eben so zusammengestellt sein müssen, weil sie, anders geordnet, dann andere Worte ergeben könnten, vielleicht aber auch Unsinn, und darum sei es sehr interessant zu wissen, wieso gerade diese Buchstaben sich wohl zu andern Worten und zu Unsinn zusammenleimen lassen. Den Geist jedoch, der in den äußeren Worten steckt, den seht und erkennt ihr nicht, denn Wahrheit läßt sich nicht geben, sie muß errungen werden. Die Gottheit selbst kommt, um den Schleier des Isisbildes zu heben; versucht es aber der Mensch eigenwillig mit schuldiger Hand, so verfällt er in Stumpfheit und Blödigkeit.

Ihr wollt von mir wissen, was ich in dem Heiligtume sonst noch erfahren?

Suchet erst selbst jenes Tal zu erringen und in jenes Heiligtum einzudringen, welches das Innerste, Geheimnisvollste jenes abgeschiedenen Ortes enthält, um die Stimme des Vaters zu vernehmen. Aber macht es wie ich:

Scheuet nicht den Weg durch unfruchtbare Wüsten und Steppen; lasset alles zurück, was euch noch an Menschen knüpfet; lasset euch von dem Vertrauen führen und von der Zuversicht, falls ihr ermüdet seid, tragen. Ihr erreichet dann jenen gesegneten Friedensort, wo die Menschenliebe Priesterschaft ausübt.

Besiegt den Löwen des Eigenwillens, reißt aus dem Herzen die Begierde und die Lust, und lasset euch tragen voll festen Glaubens selbst über Schlünde, die sonst den sichern Tod in sich bergen, so erreichet ihr das heiligste und köstlichste Ziel im Tempel des Vaters und könnet nun, unbeschadet für euer Leben, die entschleierte Wahrheit sehen. Gelanget ihr dann zurück, so wird euch aus der Priesterhand die wiedererrungene Unschuld zuteil." –

Diese Worte machten auf die Anwesenden einen ganz merkwürdigen Eindruck, durchgängig aber einen abstoßenden. Der Physiker murmelte: "Hat man je einen solchen Blödsinn gehört?" – Der Arzt, zu dem sich die habgierigen Verwandten gesellten, schüttelte den Kopf, zog die Stirne kraus und meinte leise zu diesen: "Religiöser Wahnsinn mit beginnendem Größenwahn!" Der Superintendent stand auf und rüstete sich zum Fortgehen, während die übrigen mit blödem Gesichtsausdruck meinen Freund anstarrten und offenbar nicht recht wußten, wie sie seine Worte auffassen sollten. – Schließlich erhoben sich alle, und der Großindustrielle meinte verächtlich: "Eh, Sie haben uns also da einen schönen Bären aufgebunden mit Ihrer albernen Geschichte. Hätte nicht geglaubt, daß ein Mann wie Sie so kolossal lügen könnte. Ich bedanke mich jedoch für weitere derartige Späße!" – –

Alle Anwesenden wandten sich nun der Türe zu, um das Haus zu verlassen, als mein Freund mit lauter Stimme ausrief: "Noch einen Augenblick. Als ich aus jenem Tempel zurückkehrte, wo ich die heiligste Wahrheit vernommen und erkannt habe, da brannte in meinem Herzen das heiße Verlangen, doch auch meinen Stammesverwandten meine Erkenntnis zu bringen und diesem von dem errungenen Glücke Mitteilung zu machen. Ich äußerte zu Chorillus den Wunsch, zurückzukehren und ein Verkündiger meiner Erfahrungen zu werden. Da widerriet er mir und sprach: "Du wirst keinen Glauben finden. Man wird dir in das Gesicht lachen und dich verspotten. Predigst du die Wahrheit, so wird man sie für Lüge halten; denn nur der reinen Herzens ist, stößt sich nicht an ihrer Nacktheit. Nur wer den Hauch der Gottheit verspürt und auf ihr leises Wehen achtet, kann Erkenntnis erringen. Versuche es aber, ob du offene Ohren findest, und kehre dann mit der neuen Erfahrung zu uns zurück.

Verzweifle aber nicht, wenn deine Erfahrungen böse sein werden, denn ob hier in unserem Tale, ob sonstwo in irgendeinem Erdenwinkel, wer den Tempel des Vaters sucht, vermag ihn überall zu finden; nur wird leider das Naheliegende am wenigsten geachtet. Alle, die sich da einen in der Liebe zum Vater, sind auch mit uns verbunden und unbewußte Talbewohner, unsere Brüder!" – –

Ich sehe, Chorillus hat wahr gesprochen, und so gehet ihr eure Wege, ich gehe die meinen." – –

"Was sollen wir diese Verrücktheit länger mit anhören?" sagten absichtlich laut die Verwandten, nahmen den Arzt in ihre Mitte und gingen eifrig und leise disputierend hinaus. Ihnen folgten die übrigen, und bald waren die erleuchteten Räume menschenleer bis auf uns beide.

Ich ergriff die Hand meines Freundes und fragte besorgt: "Was wirst du tun? Jene brüten schlimme Pläne aus!" –

"Fürchte nichts für mich", erwiderte er, "ich bin gefeit gegen alle Anschläge. Doch wie bist du gesinnt?"

Ich glaube dir und erkenne die Wahrheit deiner Worte."

"Willst du mir folgen?"

"Wohin?"

"Zu Chorillus!" –

"Du weißt, ich habe teure Eltern hier, ich darf sie nicht verlassen, – und sagte Chorillus nicht, überall könne man ein Talbewohner werden?"

Mein Freund drückte mir die Hand und schwieg. Wir schieden voneinander.

Ein paar Tage später wollte ich ihn besuchen, da war das Haus von ihm verlassen. Mein Freund hatte alles an eine fremde Familie verkauft und bereits am Tage nach jenem merkwürdigen Abend sich aus der Stadt ohne Abschied entfernt. Niemand weiß, wohin er sich gewendet hat. –

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