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DAS GIFT DER SELBSTSUCHT

Arvodo hat schnell den Ort erreicht, an dem sein Wagenfuehrer seiner harrte und faehrt alsbald zurueck, der Koenigsstadt zu. Zurueckgelehnt in die Ecke seines Gefaehrtes, ist er in tiefes Sinnen versunken. Seine Seele ringt nach einem Entschluss, den er nunmehr zu fassen genoetigt ist. Die Ereignisse der letzten Tage ziehen an seinem geistigen Auge vorueber und unwillkuerlich fuehrt er ein leises Selbstgespraech:
„Das Ziel, das ich mir in Muhareb setzte, ist verloren. Nimmer wagt dieser Hoehlenmensch mehr eine tapfere Tat. Versunken ist Mabans Geist in ihm. Sein Weg ist nicht der meine. Gehe er seine Wege, ich werde die meinen gehen! Doch welche sollen diese sein? Unermesslich sind die gefundenen Schaetze. Leicht erringe ich mit diesen durch Gewalt ganz, was Areval mir schon halb gegeben hat, die Herrschaft! Wozu aber jetzt noch Gewalt? Von selbst ist mir laengst die Frucht zugewachsen durch Arevals Zuneigung. Aus Arevals Hand kann ich zu jeder Stunde das Szepter nehmen.
Wenn Areval weiss, dass Muhareb lebt, so gibt die Furcht vor seinem Bruder ihn mir ganz in die Haende. Muhareb will nicht Koenig von Mallona werden. ich Tor wollte ihm die Macht ausliefern. Wohlan, ich werde nunmehr fuer mich selbst die Kraefte brauchen. Areval faellt, wenn ich es will. Der naechste Koenig heisst Arvodo. Die Gleichberechtigung vor dem Volke als anerkannter Koenig wird mir aber nur durch Artayas Hand. ich hasse dieses Weib, die nur sich selbst und ihren Luesten lebt. Artayas Hand gibt mir zwar die Gleichberechtigung des Thronanspruches, doch bleibt sie die Koenigin, so lang sie lebt."

Arvodo atmet tief auf und wiederholt:
„So lang sie lebt! Und wenn ich einst diese Schlange zertrete, wuerde das ein Verbrechen sein? Ist nicht mein Bruder selbst von ihr betaeubt? Wie wird er es aufnehmen, sieht er mich als seinen Nebenbuhler? Er muss vergessen um des hohen Zieles wegen, das mir und ihm winkt. ich erkenne es jetzt klar, Gewalt fuehrt nur vielleicht und muehsam zum Ziele, der andere Weg sicher und muehelos. Da waehlt der Kluge wohl stets den gangbareren und nicht den rauhen Pfad. – Und Muhareb, der Hoehlenmann, was wird er tun? Nichts, wie er waehrend Jahrungen nichts getan. Was kuemmert mich noch dieser Hoehlenmensch, mag er beten an Fedijahs Leiche, das erkennt er als seine Bestimmung. Die meine ist, zu herrschen, dem kraftlosen Areval das Zepter zu entwinden, ein Fuerst zu werden, wie noch keiner war!"
Heiss wird es Arvodo bei diesen Gedanken. Sein Entschluss ist gefasst und ungeduldig blickt er nach dem Horizont, an dessen Saume im Glanze des heranbrechenden Morgens die Koenigsburg der Hauptstadt blinkt. – – –
Um das Weitere verstehen zu koennen, ist es notwendig, hier einige Aufklaerungen der kosmischen Verhaeltnisse des Planeten einzuschalten, wie sie nach verschiedenen Versuchen des Mediums ergruendet wurden. Der Planet Mallona umkreiste die Sonne in einer Entfernung von ca. 70 Millionen Meilen. Er besass, wie bereits gesagt, eine weit dichtere Atmosphaere, wodurch ein weit staerkerer Luftdruck auf ihm herrschte als bei uns. Da die Achse des Planeten nicht in einem Winkel von 23½ Grad wie die der Erde geneigt war, sondern weniger, so hatte dies zur Folge, dass die Zonen des Planeten weit geringeren Temperaturschwankungen unterworfen waren. In Verbindung mit der dichteren Atmosphaere, die die Wirkung der Sonnenstrahlen kon-zentrierte, wurde damit verhindert, dass trotz des weiten Sonnenabstandes Licht und Waermeverteilung geringer als auf unserer Erde gewesen waeren. Im Gegenteil, die Jahreszeiten waren gleichmaessiger als in unseren gemaessigten Zonen. Nur am Aequator herrschte eine fast bestaendige Hitze, die den heissen Guertel Mallonas zur Wueste gestaltete und von den Bewohnern gemieden wurde.
Die Erdteile Mallonas lagen hauptsaechlich nach der noerdlichen Haelfte der Halbkugel; jenseits der heissen Zone galt das Land noch unentdeckt und war auch unbewohnt. Die Bewohner scheuten es, in jene Gegenden einzudringen, die ihnen gar keine Existenzmittel boten. Noch weniger waren sie zur Schifffahrt geneigt, um zur See den heissen Guertel zu durchbrechen und sich jenseits desselben anzusiedeln. Die Gruende hiefuer la-gen in den Stuermen, die alljaehrlich zur anbrechenden Winter- und Sommerzeit die Meere wie auf Erden unsicher machten und die gebraeuchlichen kleinen Schiffe leicht zertruemmerten. Ihre Wagen machten Schiffe, die auf kleinen Seebecken und Fluessen benuetzt wurden, fuer Reisezwecke unnoetig.
Eine tiefe Abneigung gegen die Luftschiffe und ihren Gebrauch herrschte auf Mallona. Kein Bewohner wagte es so leicht, sich den unsicheren Elementen anzuvertrauen, da der sichere Erdboden zur schnellen Fortbewegung genuegte. Luftschiffer und Seeleute, die hin und wieder die in der Konstruktion genau bekannten Fahrzeuge benutzten, wurden als eine Art Wahnsinnige betrachtet, die den Daemonen des Wassers und der Luft verfallen waren und von den Launen der Unsichtbaren abhaengig wurden. Aberglaeubige Furcht umgab deren Taetigkeit mit dem Schein des Uebernatuerlichen, beruhend auf einem Pakt mit den unsichtbaren Maechten. So schien es nicht geraten, sich an den Fahrzeugen und deren Besitzern zu vergreifen, um die dienstbaren Elemente nicht zu erzuernen.
Diese Umstaende verursachten, dass Muhareb unentdeckt an der Kueste leben konnte, nicht all zu weit von dem Koenigssitz. Ferner, dass Upal im Besitze eines Flugschiffes unbehelligt blieb und es niemand gewagt haette, selbes auf der Felsenhoehe zu zerstoeren, sobald dessen Vorhandensein entdeckt worden waere.
Arvodo entflieht meinen Augen und wiederum wendet sich der Blick den Gestaden zu, auf denen Muhareb weilt.
Schnell tauchen sie vor mir auf. ich sehe die Flugmaschine Upals in der Bucht auf dem weissen Sande ruhend, ihn selbst mit Muhareb vor dem Eingaenge der Hoehle in eifrigem Gespraech. Den Juengling sehe ich in einem kleinen Bote fischen. mich zieht es zu den bei-den, Zeuge ihrer Unterredung zu sein. ich unterscheide jetzt genau die Stimmen und verstehe den Sinn ihrer Rede.
Upal fragt: "Darf ich wissen, weshalb Du den Feldherrn abgewiesen hast? Er scheint doch guter Absicht und edel im Gemuet!"
Muhareb antwortet: "Er ist beides nicht. Eine schoene Aussendecke verbirgt die Regungen eines Herzens, das nur der Veranlassung braucht, um sich schlimmer zu aeussern als Areval. Leicht ist es, gut zu sein, fehlt die Gelegenheit zum boesen Handeln. Stark ist sein Wille, doch nur geuebt, das auszufuehren, was Vorteil bringt. Solche Seelen fallen, stehen sie vor der Entscheidung, zu entsagen um eines inneren Preises willen. Das Gift, das alle Bewohner Mallonas eingesogen, zerstoert auch ihn, er findet nicht die Kraft in sich, es zu zerstoeren!"
Voller Verwunderung fragt Upal: "Ein Gift, das alle Bewohner Mallonas eingesogen? Welches Gift?„
„Das Gift der Verderbnis, dem Maban das letzte Mittel entgegenzusetzen suchte – Gehorsam! Wuerden sich die Bewohner dieses Erdenrundes gefuegt haben, haetten sie die Staatseinrichtungen verteidigt und den Geist begriffen, der in diesen lag, sie waeren gerettet und gluecklich. Weise Gesetze, willig befolgt ihrem Erziehungsgedanken nach, fuehren eine Volk zur geistigen und aeusseren Freiheit. Das Gegenteil aber geschieht, wenn die Gesetze ausgekluegelt verdreht werden. Wenn sie nur zur Erhaltung unterdrueckender Macht, zu Betrug und Eigennutz dienen, fuehren sie zum Untergang, in das Verderben.
Frueh habe ich erkannt, wohin Mallonas Voelker gelangen muessen, gehen sie nicht den Weg zur Ordnung zurueck, den Maban wies. Hier lag die Rettung, doch der Weg ist rauh. Hart muss der Retter sein koennen, keine Ruecksicht ueben darf er auch gegen das eigene Fleisch und Blut, gilt es, erkannte Fehler auszurotten. Hier fehlte Maban. Er zerstoerte durch Nachgiebigkeit wieder, wo er aufgebaut. Der ihm folgenden Genera-tion haette lieb und teuer werden koennen, was die Zeitgenossen noch widerwillig trugen. Aber er durfte den Herd der Zerstoerung, den er kannte und der in Areval lebte, nicht gewaehren lassen. Er tat es und der Fall war demzufolge tiefer, als jemals unsere Voelker vordem sanken.
Das Unheil naht mit raschen Schritten. Die Stunde des Untergangs ist nicht mehr weit. Im Koenig vereinigt sich die Seele des Volkes, denn der Herrscher ist ein Erzeugnis ihres Sinnes. Kein freies, in seinem Empfinden reines Volk duldet einen Tyrannen. Zu Sklaven koennen nur Maenner werden mit sklavischem Sinn. Die Umgebung des Herrschers kann nur mit diesem herrschen, wenn das Volk sich beugt. Will es das nicht, so bringt es bald siegende Freiheitskaempfer hervor. -Doch nur dann fuehrt der hehre Gedanke zum Siege, wenn in der Brust der Menschen noch nicht alles tot ist. Es muss noch moeglich sein, auf dem Altar des Herzens eine Opferflamme zu entzuenden, geweiht der hoechsten, allwaltenden Kraft, die uns ins Leben rief. jenem
Allgeiste, dem wir Dank schulden und Rechenschaft zu geben haben von unserem Wollen, Denken und Tun. Die innere Flamme ist das Leuchtfeuer fuer die Richtung unseres Tuns. Sie verzehrt, was unrein, sie kann aus einem Fuenkchen zur glaenzenden Lohe werden. Hat Selbstsucht diesen Altar zerstoert, glimmt die Opferflamme bald erstickend. Dann ist es vorbei mit der Zukunft des Volkes: die Besseren sterben aus, getoetet durch die Macht des siegenden Boesen. Kurze Zeit triumphiert dieses, spottet und verhoehnt die warnende Stimme der letzten Gerechten, glaubt in massloser Herrschsucht auch den Gewalten des Alls ins Antlitz schlagen zu koennen und graebt in wahnsinniger Verblendung sich selbst das eigene Grab."
Muhareb hat mit der Begeisterung des Sehers gesprochen, atemlos lauscht Upal. Nach einer Pause faehrt der Sprecher fort.
„Schon klingt das Scharren der Grabschaufel an mein Ohr. Still wird es werden, ist der Tote erst begraben, ganz still. Nie wird die Ude sich wieder beleben. Der Koenigssohn ist in mir erstorben, weil es mir nicht vergoennt werden konnte, das Volk zu retten. ich habe von dieser Einsamkeit gesucht nach Menschen, in deren Herzen der Altar noch nicht gestuerzt und habe keine gefunden.
mir, dem aeltesten Koenigssohne, stehen alle Erfindungen zu Gebote, die das toerichte Volk missachtet. In den Hoehlen hier ringsum ist mancherlei davon verborgen. ich habe gelernt, den Genius im Menschen hoch zu achten, der sich die Kraefte der Natur zu Dienern machte. Gewaltiger Herrscher im Hause der Natur ist der Mensch durch den in ihm wohnenden Geist. Dieser erhebt ihn ueber die Schwaeche seines Koerpers, und untertaenig legen sich dem
Menschen die Geister der Elemente zu Fuessen. Auf Mallona haben nur wenige die unermessliche Kraft des Geistes erkannt, die uns gegeben worden, um Selbstschoepfer im gegebenen Kreise zu werden. Durch die besiegten Kraefte der Natur kann der Mensch immer tiefer eindringen in die Weisheit Allvaters. Wir sollen die Elemente beherrschen. Nicht zum Eigennutz, wohl aber um dadurch den Gesetzge-ber immer mehr kennen und lieben zu lernen. Das Volk verschmaeht die himmlische Gabe. Aberglauben, Traegheit, Sinnlichkeit und Furcht laesst es nicht zu, dass ihnen zum Eigentum werde, was der Geist der Weisen fand.
Unzaehlige Entdeckungen wurden gemacht und dennoch wendet sich jetzt das Volk von allen Neuerungen ab. Es fuerchtet sich vor den Errungenschaften des Geistes und will nicht gestoert werden in seiner Bequemlichkeit. Dort in jener Bucht flutet das Wasser in eine versteckte Hoehle. Wohlgeborgen findest Du darin ein schnellfahrendes Schiff, mit dem die Meere sicher befahren werden koennen. Beseelt vom Aberglauben wollte niemand es besteigen aus Furcht, die Daemonen des Wassers verschlaengen den Kuehnen, so blieb diese grosse Erfindung wertlos. mir aber dient es hier seit Jahren, unerkannt ferne Orte zu besuchen, mit eigenen Augen das Treiben der Voelker zu beobachten. Nicht fremd ist mir daher, was ringsum geschieht. ich erkenne, wie der Geist in den Menschen immer mehr erlischt, wie in den Seelen der Glaube an den Zweck des Lebens erstorben. Mit diesem Stillstand jeder Entwicklung ist die Erstarrung eingetreten; das Errungene geht wieder verloren, das Gericht, die Vernichtung steht im Hintergrunde.
Du trautest Arvodo und zeigtest ihm darum die Schaetze im Bergesinnern. In Dir lebt noch Wagemut. Du hassest Areval als den Vernichter des Guten und glaubtest, Arvodo werde sich Deinen Wuenschen geneigt zeigen als Raecher Deines Geschickes. Allein Du bist ihm nur Mittel, kein Gefuehl hat er fuer Dich, auch nicht fuer mich. Auch ich haette ihm dankbar das Mittel sein muessen fuer Zwecke, die sich bald offenbaren werden. Denn nachdem er von mir abgewiesen, wird er nun bei Areval finden, was er sucht – Befriedigung seiner Herrschlust, die unaufhaltsam aus seinem Inneren hervorbrechen wird. – Geh‘ nicht zurueck zu ihm, Dein Schicksal wuerde sich besiegeln. Du suchtest einen Freund und findest einen Feind, der Dich vernichtet. Um Dir dies zu sagen, forderte ich Dein Kommen, doch frei sei Deine Entschliessung!„
„Arvodo sollte falsch sein?" fragte Upal erstaunt. "ist er nicht das geheime Haupt der Getreuen, die sich weihten, das Recht wieder siegen zu lassen und Mabans Plaene zu vollenden? ich gehoere zum Bunde. Er weiss es und koennte mich vernichten wollen? ich bin sein Sklave und habe mich ihm gebeugt!„
Was uns gestern noch fremd war, kann heute schon Entschluss und Tat sein. Nicht wollte er gestern, was ihm heute notwendig erscheint. Folge mir, lerne Mallona kennen mit meinen Augen. ich werde Dir Licht geben und die verdunkelnden Schleier werden vor Deiner Erkenntnis niederfallen. ich habe die letzte Reise zu vollziehen. Der letzte Versuch, die Geister aufzuruetteln, ist mir anbefohlen. Sei mein Begleiter, folge mir. Willst Du?"
Entschlossen springt Upal auf und ruft: „ich will!"

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