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IN NUSTRA

Von der Hauptstadt Mallona aus ziehen sich nach den verschiedenen Staedten des Reiches schnurgerade Strassen hin: die Verbindungswege, auf denen die schnellfahrenden Wagen muehelos in kurzer Zeit lange Strecken zuruecklegen. Oestlich von Mallona sehe ich die Hauptstrasse, die nach dem Nachbarreiche Nustra fuehrt. Schneller als die Wagen gleite ich jetzt sanft durch die Luefte und bewundere die Kunstfertigkeit, mit der die Strasse angelegt worden ist. Nichts ist imstande, die gerade Richtung zu hemmen. Fluesse, Taeler, Schluchten sind ueberbrueckt, Berge wurden gesprengt um der Strasse willen. Auf dem geglaetteten Boden macht sich keine Erschuetterung der Wagen bemerkbar. Wahrlich, diese Strassen sind eine Mustereinrichtung, gegen die unsere Verkehrswege mir unvollkommen erscheinen.
je mehr ich mich von der Hauptstadt entferne, desto romantischer wird die Gegend. ich sehe am Horizont gewaltige Bergmassen auftauchen, schneeige Bergriesen glaenzen mir im Sonnenschein entgegen. Eine maechtige Gebirgswelt als Grenze zweier Erdteile, aehnlich dem Ural zwischen Europa und Asien, tuermt sich vor mir auf und scheint dem Eindringling ein Halt zu gebieten. Die Strasse aber baut sich weiter auf und klimmt, nur selten in Bogen den gewaltigen Hindernissen ausweichend, zu fabelhafter Hoehe empor. Schluchten und Taeler werden durch staunen erregende Bogenbauten ueberbrueckt. In schwindelnder Hoehe, ganz nahe den Schneefeldern und Gletschern, windet sich jetzt die Strasse zu den hoechsten Hoehen, die sie ueberschreiten muss. Und mitten durch das Schweigen einer eisstarrenden Gletscherwelt fuehrt sie sicher und gefahrlos den Reisenden auf eine schneebedeckte Hochebene, die Grenzscheide von Mallona und Nustra.
ich bewundere die Kunst der Ingenieure, solche Bauten auszufuehren, die zweifellos auf unserer Erde unmoeglich sein wuerden. Die Last der Massen wuerde solche Bogenbauten nicht zulassen, wie ich sie sah. Zusammenstuerzen in sich selbst wuerde alles, wollte man es wagen, Brueckenbogen von solcher Spannungsweite auszufuehren.
Die geringere Schwerkraft des Planeten Mallona ermoeglicht hier diese Ausfuehrung. In der reinen Gebirgsluft empfinde ich deutlich die anderen kosmischen Bedingungen. Auch scheint mir das Urgestein des Planeten ein wesentlich anderes zu sein als das der Erde. Es scheint mir leichter in seiner Struktur; leichtere Massen, gleich den Produkten der Kreidezeit und Triasperiode, die hier mit Schneekappen bedeckt, sich schwarz aus den blauweissen Gletschern und Schneefeldern erheben. Doch mich duldet es hier nicht laenger. Es treibt mich rastlos weiter zu dem Ende der Hoch-ebene, und dann hinab nach Nustra, dem Koenigreiche Rusars, dessen Reisewagen und die seiner zahlreichen Begleitung mir folgen.
Jetzt ist die Hoehe ueberwunden. Weit dehnt sich das Land vor mir. Schroff fallen nach Nustra hin die Berge ab und zahlreiche fruchtbare Felder, gruenende Waelder, blinkende Seen, sanfte Huegelketten liegen nunmehr vor dem entzueckten Blick. In sausender Fahrt geht es talwaerts. Sicher gleiten die Wagen die wellenfoermige gerade Strasse hinab, gleich einer Rutschbahn von ungeheurer Laenge. In kurzer Zeit ist die Talfahrt vollendet und in stundenlanger weiterer Fahrt geht es nun durch ebenes, fruchtbares Land, der Hauptstadt des Landes gleichen Namens zu. Die Sonne steht bereits tief am Horizont, als die Bauten Nustras in der Ferne erscheinen und Abend ist es geworden, als Rusar mit seinem Gefolge in die weite Halle einfaehrt.
Nustra hat sich zum Empfang des neuen Vizekoenigs geschmueckt. ueberall flammen Holzstoesse und grosse Buendel von Mangafackeln, die die Hauptstrassen und Plaetze hell beleuchten. Der Weg zum Herrscherpalast auf einer Anhoehe ist besonders festlich beleuchtet. Eine froherregte Menge, reich geschmueckt, bewegt sich auf den Strassen und begruesst mit brausenden Heilrufen den einziehenden Vizekoenig. Rusar steht auf einem Prunkwagen, gekleidet in golddurchwirkter Gewandung, und nimmt die Rufe dankend entgegen. Er scheint gluecklich zu sein ueber alle Ehren und freut sich der Sympathie des Volkes. Der Zug verschwindet hinter den offenen Toren des Koenigsschlosses. Nustra besitzt wieder einen Herrscher.
ich sehe einen weiten Saal, geschmueckt in festlichem Gepraege. Rusar, die Vizekoenige von Monna und Sutona sitzen auf einer Erhoehung und blicken in die bewegte Menge von Hofleuten und Vornehmen des Vizekoenigreiches, denen der neue Herrscher ein Gelage gibt. ich scheine hier versetzt in die Zeiten des ueppigen roemischen Kaiserreiches. Die Tafeln biegen sich unter den aufgetragenen Speisen. Die Gaeste sind durch berauschende Getraenke nicht mehr voellig ihrer Sinne maechtig. Taenzerinnen zeigen ihre Kuenste und winden die schlanken Koerper in sinnlich aufregenden Taenzen. Gaukler produzieren sich und suchen durch waghalsige Spruenge die Zuschauer zu unterhalten. Hier entwickelt sich eine Orgie, wie sie wilder nicht gedacht und bei festlichen Gelegenheiten schon laengst in allen Teilen des gesamten Mallona-Reiches zum Vergnuegen der Grossen geuebt wird.
Auch dem Rusar ist ein derartiges Treiben keineswegs fremd. Suchte doch Areval seine wilden Phantasien durch tolle Bachanale zu verscheuchen, denen er beigewohnt hatte nicht ohne erwachende Luesternheit, der die Jugend so leicht anheim faellt. Der Vize-koenig von Monna an Rusars rechter Seite ist in lustigster Laune. Soeben hat er eine schoene Taenzerin zu sich gerufen und das Maedchen im Armee haltend, sagt er zu Rusar: "Nustror, die Blumen Deines Landes sind lieblich, doch kann ich Dir nicht weniger schoene zeigen, sobald es Dir gefallen wird, mein Land zu besuchen. Versprich mir das zu tun, dann sollst Du die Wunder meines Liebesgartens schauen."
Rusar meint gelassen: Nir wissen, Monnor, welch feiner Kenner Du in Liebesdingen bist, doch verlangt mich noch wenig nach diesen. Die Pflicht des Herrschers ist sein Volk zu begluecken!"
Hellauflachend presst der Vizekoenig das Maedchen an sich und ruft mit lallender Stimme: Begluecke ich nicht mein Volk? Sieh, wie ich mit den Kindern des Volkes beginne."
Der Vizekoenig von Sutona, Sutor genannt, lacht ebenfalls laut auf: Wer wuesste nicht, dass Du bemueht bist, der Vater Deiner Landeskinder zu werden! Auch der Nustror wird sich in diesen schoenen Pflichten noch ueben.„
In diesem Augenblick ertoent schmetternde Musik. Das Maedchen entwindet sich den Armen des Vizekoenigs und eilt den andern Taenzerinnen zu, die sich zu einem Reigen aufgestellt haben und nun einen Tanz beginnen, der an Wildheit und Aufreizung der Nerven das denkbar Hoechste leistet. Die Gaeste erfasst ein allgemeiner Taumel. Sie klatschen nach dem Takt in die Haende, rufen Beifall und mischen sich unter die Taenzerinnen. Bald wirbelt alles durcheinander unter Gejohle und Ausrufen der Lust.
Angewidert von diesem Bilde, wende ich mich ab. ich habe einen tiefen Blick getan in die Verworfenheit der Bewohner dieses Planeten. Es ist genug.- – –

Das Bild aendert sich jetzt. Nebel ziehen vorueber und allmaehlich bilden sich andere Gestalten. jetzt wird es klarer. –
ich erkenne Karmuno und Arvodos Bruder Rusar in einem kleinen Gemach des Schlosses von Nustra. Karrnuno ist heimlich dem neuen Vizekoenig gefolgt und eifrig spricht er auf Rusar ein. Finster und bleich starrt der Juengling zu Boden, waehrend der Oberpriester ihn zu ueberreden sucht. ich hoere jetzt auch die Worte und verstehe sie. Karmuno sagt:
„Fort mit allen Bedenken, ich stehe fuer den Erfolg. Welch bruederliche Liebe Arvodo fuer Euch hat, erkennt Ihr aus seinem Tun. Er stiehlt Euch die Liebe Artayas. Oder glaubet Ihr, mir sei fremd geblieben, was Euch bewegt? Die Macht Arvodos, die er seit einiger Zeit ueber den Koenig ausuebt, fuehrt ihn zum erkannten Ziel. Er will Koenig von Mallona werden. Euch machte er jetzt zum Vizekoenig von Nustra, denn die Naehe des Bruders ist ihm hinderlich. Er ehelicht Artaya, deren Hand ihn zum Thronerben macht."
Leidenschaftlich faehrt Rusar auf: „Das soll er nicht!"
Mit kalter Miene spricht der Priester: „Wollt Ihr es hindern, da Artaya selbst diese Verbindung wuenscht und Areval gleichfalls?"
Aufstoehnend seufzt Rusar: mich liess sie glauben, ihr Herz habe sich mir zugewandt und nun -"
„Gefaellt ihr der Bruder besser. Nichts Neues, Herr, bei diesem Weibe. Artaya kennt nur sich. Wuesste sie Arvodos Herz fuer sie entflammt, bald wuerde sie seiner ,ueberdruessig. Doch so muss sie ihn erobern; sie ruht nicht, bis sie den Mann in ihm besiegt. Er waere der erste, der sich nicht vor ihrem Laecheln beugte, und das duldet ihre Eitelkeit nicht. Ihr, Herr, wurdet ihr Sklave und solche werden abgetan, sobald man sie nicht mehr braucht.„
Rusar knirscht vor Erregung: ich werde nie diesem Weib ein Sklave sein. Getoetet sei die Liebe zu ihr, und nur noch der Hass lebe fuer sie!‘
Karmuno laechelt heimlich und sein Auge blitzt triumphierend. Leise fluestert er Rusar zu: "ich kenne ein Mittel, wie Ihr Euch an diesem IM TEMPEL DER SCHOeNHEIT

ich bin wieder in Mallona und stehe vor dem Haupttempel des Reiches. Es ist ein ueberaus praechtiger Bau. Hochragende Saeulen umschliessen das Hauptgebaeude und von jeder der Saeulen strahlt eine grosse Mangafackel. Der Tempel ist wie ein gewaltiger Wuerfel gestaltet, zeigt keine Fenster und nur ein grosses Eingangstor, geschmueckt mit Relieffiguren von symbolischer Bedeutung. Ueber dem Tore sehe ich die Kolossalstatue eines wunderbaren Weibes: die Darstellung der Schoenheit, fuer deren Verehrung einst Maban diesen Tempel erbaute.
Das ganze Gebaeude wirkt durch seine Massigkeit. Es ist aeusserlich prunklos, jedoch imponieren die Groe-ssenverhaeltnisse, die Saeulengaenge und der Strom von Licht, der nachts von den Saeulen herabfliesst und das Gebaeude sowie die naechste Umgebung taghell erleuchtet. ich bemerke, dass der Tempel einen zweiten weit kleineren Wuerfelaufsatz traegt, der als Altar dient. Hier werden an besonderen Festtagen maechtige Opferfeuer entzuendet, und aus der Art des entfachten Brandes verkuendet der Oberpriester Karmuno dann das Wohlgefallen oder Missfallen der Gottheit.
ich trete durch das grosse Tor in das Innere des Tempels. Feierliche Stille und Dunkel umgibt mich. Im Hintergrunde sehe ich buntleuchtende Lichter, die das Heiligtum des Tempels schwach erhellen. Dort sind Statuen von vollendet schoenen Frauen aufgestellt, die sich alle einem Mittelpunkte zuneigen, der durch ein steinernes Podium mit sechs Stufen angedeutet ist.
Was bedeutet dieser Kreis von Statuen? mir wird die Antwort:

„Du siehst hier den Kreis der guten Eigenschaften im Menschen dargestellt. jede einzelne Figur personifiziert eine solche: Die Guete, die Verzeihung, die Nachsicht, die Liebe, die Barmherzigkeit, das Vertrauen, die Tapferkeit usw.
Sie alle beugen sich jedoch dem belebenden Prinzip der Tatkraft entgegen, von dem allein ihr Dasein abhaengt. Auf diesem Podium erscheint an Opfertagen die bewegliche Figur eines riesenhaften Mannes, der umwoben von nebelhaftem Dampf aromatischen Raeucherwerks sich kurze Zeit der Menge als die hoechste Gottheit Schodufaleb zeigt. Die umgebenden Statuen sind dann ersetzt durch schoene lebende Frauen, die ohne sich zu ruehren laengere Zeit in den gegebenen Stellungen verbleiben. – Erscheint der Riese, so werden auch sie beweglich, eilen zu ihm und die ganze Gruppe versinkt dann in den Boden.
Karmuno weiss seinen Pfaffentrug bestens auszubauen und auszubeuten. Dieser Tempel ist nur zu oft Zeuge von Orgien niedrigster Art, die sich in den dunkeln Hallen vollziehen zur Ehre der Gottheit.
mich zieht die Kraft des Geistes hinauf auf das Podium. ich betrete es und – versinke. ich stehe jetzt in einem schwach erleuchteten Gang und komme zu einer hohen Pforte. Sie oeffnet sich. ich gelange in einen groesseren Raum, in dem Bewaffnete stehen. Es sind Untergebene Karmunos, Tempelhueter und Diener, die jederzeit bereit sind, auch seine blutigen Befehle zu vollziehen. Dann komme ich zu einer zweiten grossen Pforte, auch diese oeffnet sich. ich trete in einen schoen geschmueckten Raum, in dem einige Priester warten und sich mit Spielen die Zeit vertreiben. Sie halten anscheinend Wache vor einer kleinen, eisenbeschlagenen Tuer, denn oftmals richten sich ihre Blicke nach dieser, als erwarteten sie von dort Eintretende.
Fuer mich ist auch diese Tuer kein Hindernis, sie oeffnet sich und ich stehe vor einer zweiten. Sechs solcher festen Tueren muss ich oeffnen, ehe ich in einen weiteren, hell beleuchteten Raum gelange.
Auf erhoehtem Platze thront Karmuno. Im Kreise um ihn sitzen noch elf Priester, Maenner in mittleren Jahren, denen Festigkeit und Verschmitztheit aus den Augen leuchtet. je drei von ihnen bilden den hoechsten Priesterstand des von ihnen vertretenen Landes. ich bin in den geheimsten Tempelrat eingedrungen, der in diesem gesicherten Raume zusammenkommt, um Karmunos Befehle entgegenzunehmen. Dieser spricht jetzt und sagt:
„Hoechste Priester des Reiches! ich gruesse euch im vertrauten Beratungszimmer unseres heiligen Tempels. Wir sind hier versammelt als die Hueter des Volkes, als Vermittler der Gottheit und -als Freunde und Vertraute. Lasst uns als solche beraten, was unser Interesse in der naechsten Zeit verlangt. jeder gebe ungefaerbten Bericht, wie es in seinem Lande mit unserem Einfluss steht. Mansor, Hoechstpriester von Nustra, beginne Du mit Deinem Bericht!"
Ein grosser Mann von imponierendem Aussehen, scharf gebogener Nase und klugen, doch tueckisch blitzenden Augen erhebt sich wuerdevoll von seinem Sitze und spricht:
„Geliebte Brueder! Nicht viel aenderte sich in Nustra, seit wir zum letzten mal hier vereint waren, doch habe ich gute Fortschritte auf dem angewiesenen Wege zu berichten. Das Volk der Nustraner ist leicht zu lenken, sobald man ihm seine Bequemlichkeit laesst. Es haengt am Gewohnten und viele halten deswegen das Alte stets fuer besser als das Gegenwaertige. Sie schwaermen darum noch ebenso wie frueher von Maban und halten ihn fuer einen Gott, der seinerzeit hernieder stieg zum Besten des Volkes. Ihr wisst es, Brueder, wie schwer es uns geworden, an Stelle der leitenden Ideen Mabans die unseren zu setzen, um die Gemueter des Volkes so zu lenken, wie es unser Interesse verlangt. Nun ist dieses Werk dank der Traegheit der Geister gelungen. Man denkt in Nustra jetzt, wie wir es wollen.
Du Hoechster unseres Bundes, weiser Karmuno, wolltest, dass Stimmung gemacht werde fuer Rusar, den neuen Vizekoenig. Es ist geschehen! Von den Tempeln des gesamten Nustra aus haben unsere treuen Diener den Willen der Gottheit verkuendet, dass Rusar wohlgefaellig sei. Dank unseren Vorrichtungen flammten auf den Altaeren die Opferflammen fuer ihn hochschlagend und glaenzend auf. Rusar, wenn er sich freigebig zeigt und den Ratschlaegen dieses hohen Rates folgt, wird gluecklicher Herrscher eines gluecklichen Volkes bleiben koennen. Es ist nicht zu fuerchten, dass unsere Herrschaft in Nustra erschuettert werde."
Nachdenklich fragt Karmuno: Die Nustraner reden noch viel von Mabans Sohn, Muhareb?"
„Ein ganzer Sagenkreis hat sich um die Person des Prinzen gewoben. Sein Verschwinden wird nach allen Richtungen hin erklaert. Bald soll er ermordet, bald ertrunken sein, bald soll Daemon Usglom ihn geraubt haben. Bald heisst es, er sei ob der Guete seines Wesens nicht vom Daemon, wohl aber von Anarba, der Schoenheitsgoettin entfuehrt und er lebe in ihrem Zaubergarten als Gefangener in jugendlicher Frische. Sein Name ge-nuegt, um die Nustraner mit Ehrfurcht zu erfuellen!"
„Es ist gut, wir sprechen spaeter von ihm weiter. Sind alle Stellen des Staates in Nustra noch mit den uns ergebenen Maennern besetzt?"
„Sie sind es."
„ich danke Dir. Berichte Du nun, Hoechstpriester von Monna, wie steht es bei euch im Reiche?"
Ein etwas beleibter Mann, dem die Freude am Genuss von seinem runden Gesicht abgelesen werden kann, erhebt sich und spricht:

„Heil widerfahre stets unserem Tempel und seinen getreuen Dienern. Wenn irgendwo auf Mallona, so steht es gut mit uns im Koenigreich Monna. Ihr wisst, meine Brueder, dass der Monnor ein Leben des ausgiebigsten Genusses fuehrt, und er jede ernsthafte Arbeit scheut. Gern ueberlaesst er die Zuegel der Regierung solchen Maennern, die seine Vergnuegungen nicht stoeren. Und da es mir gelungen ist, ihm zu beweisen, dass in den Kreisen unseres Tempels Nachsicht mit seinen Schwaechen besteht und wir imstande sind, seine Sorgen fuer ihn zu tragen, so war der Monnor gern bereit, dem Tempel die groessere Last der Arbeit zu uebergeben."
„Und Du traegst diese Last?" unterbricht ihn Karmuno kalt und forschend.
„Zur Ehre des Tempels hat sein Diener bereitwillig die grosse Last auf sich genommen, denn es ist eine solche. Mit vollen Haenden streut der Monnor Geld unter das Volk. Wer ihm schmeichelt, braucht nicht zu arbeiten. Die Mittel fliessen ihm in ungeahnter Menge zu, denn das weisse Rod hat sich in letzter Zeit in unglaublicher Menge in den Feuergegenden unseres Landes vorgefunden, die sich laengs des Meeres hinziehen. Er waere verpflichtet, alles gemuenzte Rod der Staatskasse zu uebergeben, doch behaelt er den groesseren Teil fuer sich."
„Wer ist Muenzmeister in Monna?" fragt Karmuno.
„Volto, einer der treuesten Diener unseres Tempels."
„ich weiss. Sein Bruder wurde auf Deine Veranlassung Oberaufseher der aus den Bergen gegrabenen Rodschaetze. Er liefert jedoch dem Staate nur die Haelfte ab, die andere empfaengst Du und birgst sie in dem Tempel von Monna."
Diese Worte bringen grosses Erstaunen im Kreise hervor. Der fast sprachlos gewordene Hoechstpriester stammelt endlich: "Darueber Hoechster – wollte ich -gerade berichten – denn Deinem Auge entgeht nichts.«

„ich heisse Karmuno, der Weitsichtige„, bemerkt trocken der Oberpriester, und scharf betonend sagt er. „Berichte jetzt weiter!"
Monnas Hoechstpriester ist eingeschuechtert. Er ist unsicher, wieviel Karmuno von seinem Treiben erfahren hat, das klarzustellen nicht seine Absicht war. jetzt fuehlt er, dass eine Luege, auf der er ertappt wird, ihm verhaengnisvoll werden koennte und entschliesst sich da-rum, nichts zu verschweigen. Mit sicherer Stimme faehrt er fort:
Im Tempel sind grosse Schaetze aufgehaeuft, von denen Areval nichts weiss, die jedoch dem Tempelrate zur Verfuegung stehen, sobald darueber beschlossen wird. Es ist auch Geheimnis geblieben, dass der Tempel eine besonders reichhaltige Grube fuer sich ausbeutet, deren Funde mit Hilfe Voltos und seines Bruders nur uns zufliessen. <‚
„Wo nimmst Du die Arbeiter her?„ fragt Karmuno.
Den Oberpriester pruefend ansehend, meint der Gefragte: Hoechster, Du weisst es."
Karmuno nickt und sagt: "Rede um der andern willen."
Anfangs zoegernd, dann zuversichtlicher faehrt der Berichtende fort:
„Es ist jetzt ungefaehr eine Jahrung her, dass in Monna eine Sekte, deren Treiben wir eine nicht all zu hohe Bedeutung beigelegt haben, sich ploetzlich stark und fuer uns gefaehrlich auszubreiten begann. ich erinnere die Brueder daran, dass es sich um Leute handelte, die da behaupteten, unser Tempel der Schoenheit sei ein Herd des Lasters. Die ihm innewohnende hohe Bedeutung, zu sein unter Maban eine Staette der Erhebung, sei entweiht, denn die Priesterinnen des Tempels seien feile Dirnen geworden. Ihr wisst, dass wir beschlossen haben, solche Geruechte und schaendliche Verleumdungen auf das strengste mit dem Tode zu ahnden.

Da geschah es nun, dass in einem kleinen Orte ein Mann aufstand und behauptete, die Gottheit, die alljaehrlich sichtlich in unserem Tempel erscheint – und ihr meine Gefaehrten zweifelt doch alle nicht daran, da sie von euren Augen doch oft gesehen worden – -," (ein zynisches Laecheln und spottend beifaellige Bewegung erfasst bei diesen Worten die Versammlung)
„- – – waere noch niemals tatsaechlich in des Tempels mauern eingedrungen. Denn sie wohne nicht in den von uns selbstgemachten Steinhaufen, sondern in des Menschen Brust. – Suchet die Gottheit in euch, reinigt euch selbst, den ureigenen Tempel der Gottheit, seid selbst die Priester inneren Heiligtums – so lautete die neuerwachende Lehre. Sie fand reissend schnell unter der aermeren Klasse Anhaenger und bereitete uns, den eigentlichen, wahren Priestern, bald Feindschaft und Ungehorsam. Heimliche Versammlungen wurden von den neuen Anhaengern abgehalten. Der Prophet zog im Lande umher und wurde von den Anhaengern geschuetzt und verborgen. Die Unzufriedenheit mit uns drohte in offene Rebellion auszubrechen, waere die gefaehrliche Sekte nicht mit den Wurzeln ausgerissen und vernichtet worden.
ich bin zufrieden, hier berichten zu koennen, dass das gelungen ist. Durch Spaeher wusste ich bald, wo die Versammlungen abgehalten wurden. ich liess sie truegerischer Sicherheit sich erfreuen und eines Tages hoben die getreuen Truppen des Monnor diese Verraeter samt ihrem Propheten aus ihren Nestern aus. Keiner ist dem Tempel entgangen. Sie graben als dessen Sklaven in der Feuergegend Monnas nach dem unschaetzbaren Rod. Das sind die Arbeiter, nach denen der erleuchtete Oberpriester fragte!"
Diese Rede findet allseitigen Beifall. Nustras Hoechstpriester fragt noch: Was geschah mit dem schaendlichen Verleumder und Aufruehrer?"

Gleichgueltig antwortet sein Kollege- "Er wurde vor kurzem verbrannt!„
„Und ist die Gefahr in Monna ganz beseitigt?"
„Ganz! Seitdem die Hoehlen des Daemons Usglom die Eiferer beherbergt, ist jedermann von ihrer Schaendlichkeit ueberzeugt. In Monna herrscht wieder Ruhe und die fruehere Glaeubigkeit.«
Die Versammlung ist ausserordentlich zufrieden mit dem Gehoerten. Karmunos stechendes Auge fliegt von einem zum andern. Schweigen entsteht in dem weiten Raume, das leise Gemurmel des Beifalls verstummt, als er sagt:
„Brueder, es ist billig, dass die Schaetze, die im Landestempel von Monna sich anhaeufen, nicht dort vermodern. jeder Hoechstpriester hat Anteil daran, wie auch die ihm naechststehenden zwei Unterpriester. Wir werden spaeter ueber deren beste Verwendung beraten. Seid ihr es so zufrieden?"
Freudig begeisterte Zurufe erschallen, die das Heil der Gottheit Schodufaleb auf den erleuchteten Oberpriester aller Lande herabwuenschen. Karmuno hat die Seelen der Anwesenden wiederum mit Ketten an sich geschmiedet. Er kennt die Habsucht und deren Macht. –
„Hoechstpriester von Sutona, berichte jetzt Du", sagt Karmuno sich setzend, und alsbald legt sich die freudige Stimmung.
Aus der Reihe der Priester erhebt sich ein Mann, dem geistige Bedeutung aus dem Antlitz leuchtet. Ruhig, undurchdringlich, fast maskenartig erscheinen seine Zuege. Dieser Mann beherrscht sich vollkommen; sein Mund koennte lachen, waehrend sein Herz blutet. Unbesiegbare Willenskraft sehe ich aus den dunklen, meerestiefen Augen leuchten. Ein langer Bart umkraeuselt das edel geschnittene Profil mit dem feinen, fest geschlossenen Mund. Wie er sich mit ruhigem Anstand erhebt, faellt mir seine koenigliche Gestalt auf. Fuerwahr, das ist ein Mann, dessen Aeusseres ihn wuerdig eines Thrones scheinen laesst. Er spricht jetzt langsam mit wohllautender Stimme:
„Nichts Neues habe ich diesem hohen Kreise zu berichten. Was sollte sich auch Neues ereignen bei den Sutonen, diesem Bergvolke, das um hundert Jahrungen zuruecksteht gegen Mallona, Nustra und Monna? Das Volk haengt an dem, was es durch uns erhielt, es will nichts anderes und ist zufrieden."
Karmuno hat den Sprecher etwas misstrauisch beobachtet und faellt ihm jetzt in die Rede:
„Wir wissen, dass der Sutor ein Riese am Koerper ist, doch ausgestattet mit dem Gehirn eines Kindes. Die Erfahrung lehrt, dass auch Kinder widerspenstig werden und sich gegen ihre Eltern auflehnen. Hast Du das in Sutona nie erfahren?"
„Nie Hoechster, und werde es in Sutona nie erfahren!"
Der Sprecher weiss in den Ausdruck seiner Stimme eine solche Fuelle vollster Ueberzeugung zu legen, dass diese Worte jeden Zweifel an solcher Moeglichkeit sofort ersticken. Karmuno betont nur scharf: Du wachst doch ueber das Volk und den Sutor?„
Das Auge voll dem Oberpriester zuwendend, sagt der Gefragte mit imponierender Ruhe und Sicherheit:
„ich wache, Hoechster, und werde wachen!"
Karmuno neigt das Haupt. Auch die andern Priester lassen aus ihren Bewegungen erkennen, dass sie augenscheinlich Sutona als minderwertig und ungefaehrlich betrachten. Der Hoechstpriester Sutonas setzt sich nieder.
Karmuno erhebt sich jetzt und fluestert dem rechts sitzenden Priester, seinem vertrauten Schreiber, einige Worte zu. Dieser entnimmt einer Mappe eine Anzahl pergamentartiger Papiere. Dem links sitzenden Priester gibt er anscheinend einen Befehl, worauf dieser dem Ausgange zugeht. Er ueberzeugt sich, dass die verschiedenen Tueren wohl verschlossen sind und kein unberufener Lauscher hoeren kann, was Karmuno dem Kreise mitzuteilen beabsichtigt. Er kehrt mit der Meldung voelliger Sicherheit zurueck. Gespannt blicken die Priester auf Karmuno, dessen Mienen ihnen wichtige Mitteilung versprechen. Er sagt:
„Edle Brueder und Vertraute, erleuchtete Hoechstpriester unserer Lande! Ihr habt gehoert, dass anschei-nend Ruhe und Frieden herrscht auf allen Teilen Mallonas. Ihr wisst, dass Unruhen und Auflehnungen gegen unsere Lehren die die Gottheit selbst uns offenbarte, damit die Voelker friedvoll leben koennen – von uns gestraft und unterdrueckt wurden. Es ist besser, einzelne Verderber gehen gaenzlich zugrunde, als dass diese den Sinn der Voelker vergiften.
ich erinnere daran, dass mein Geschlecht unter Mabans Regierung selbst Verfolgungen erdulden musste, weil dem sonst grossen Koenige es nicht gut erschien, dass es im Rate der Priester die Ueberzeugung vertrat: dem Mittler zwischen Gottheit und den Menschen gebuehre unbedingte Glaubenswuerdigkeit und seinen Worten unbeschraenkte Gesetzeskraft. – Als eine grosse Priesterschar sich dieser weisen Lehre anschloss, verbannte uns Maban. Areval rief uns zurueck und sehet – gluecklicher Friede ruht auf den Landen, seitdem wir neben dem Koenige stehen, der in uns seine treuesten Gefaehrten, in mir seinen aufrichtigsten Berater fand.
Zeichen der Zustimmung werden gegeben. Karmuno faehrt fort:
„Soll es auch in Zukunft also bleiben? ich sehe an euren Mienen, ihr alle wuenscht es und auch ich bin dieser Meinung. Doch sehet, es lauert eine Gefahr hinter uns. Die Vernichtung unseres Glueckes ist nicht mehr weit, wenn wir nicht einig sind wie bisher, um das Verderben zu bannen. Darum hoert – Ihr alle wisst, dass Koenig Areval bei der Einfuehrung Rusars mir, dem Hoechstpriester, die Oberhoheit durch den euch bekannten Spruch versagte. ich forschte nach der tieferen Ursache seines Tuns und fand den wahren Grund. Zwei Worte nur und ihr erkennt die Groesse jenes Unheils, das uns droht:
Muhareb lebt!„
Eine Explosion kann nicht laehmendere Wirkung hervorrufen als diese Nachricht. Nur der Hoechstpriester von Sutona zeigt keine Spur von Erregung. Ausrufe des Erstaunens, des Schreckens, erregte Fragen rufen einen Wirrwarr von Lauten hervor, in dem die harte Stimme des Oberpriesters unhoerbar wird. Als sich die Aufregung legt, faehrt Karmuno fort:
„Der Koenigssohn, dessen Name die Nustraner noch heute nur mit Ehrfurchtschauer hoeren, die ihm also mit Leib und Seele gehoeren wuerden, falls er die Kraft dazu entfaltet, sie an sich zu ketten – er lebt! Er koennte Areval die Koenigsmacht entreissen, denn sie gehoert ihm, dem einst verschwundenen Thronerben. Doch Dank der Gottheit, Schodufaleb hat es so gefuegt: Muhareb scheint uns nicht gefaehrlich, wohl aber Arevall Hoert, was ich erkundet habe:
Als Einsiedler unbekannt und duerftig, lebte Muhareb am Meeresgestade. Er hat entsagt. Seinen Schlupfwinkel erkundete ich. ich liess ihn suchen und unsere getreuen Diener des Tempels sollten ihn unbemerkt gefangen nehmen. Doch sein Wohnort ist leer, wie ich selbst gesehen. Verschwunden ist er von dort, mir unbekannt wohin. Er muss gefunden werden und ich werde ihn finden, ueberlasst das mir. Nicht fuerchte ich, dass er wieder nach der Herrschaft strebt, er haette dann solches schon frueher tun muessen. Schlimmer ist jedoch, dass Areval weiss, sein Bruder lebt. Das Bewusstsein, schuldlos zu sein an Muharebs Tode, gab Areval die Kraft zurueck und damit die Widerstandsfaehigkeit gegen uns. Darum jene Nichtachtung gegen mich, darum ist uns der letzte Sieg erschwert, dem wir schon so nahe waren.
Wir aber wollen anstelle des Koenigtums die geistige Vollherrschaft des Tempels setzen! Regiert der Geist, den wir pflegen und als das Beste anerkennen, so gebuehrt seinen Vertretern auch die aeussere Macht. Die Welt sei untertan unserem Geiste, nicht umgekehrt. Muharebs Name diene uns dazu, diese Herrschaft zu sichern. Klug geleitet, wird die erwachte Unzufriedenheit gegen Areval wachsen, wenn das Volk hoert, dass Muhareb lebt! Doch wohlgemerkt, er lebe nur solange er uns dienlich sei, er vergehe, sobald er Herrscherlust beweist.
Hier, nehmt diese Blaetter, sie enthalten die Anweisungen, die jeder in seinem Lande erfuellen muss. Werden sie so ausgefuehrt, wie es angegeben, wird der Sieg nicht fehlen. Ein jeder lese eifrig und in Ruhe heute Abend und vollfuehre, was das Blatt ihm sagt. Wir werden uns morgen zur Sitzung hier wieder vereinen und fest beschliessen, was dem Tempel Not tut. Seid Ihr es zufrieden?"
Allgemeine Zustimmung ertoent von allen Seiten. Lebhaftes, eifriges Gemurmel durchschwirrt den Raum laengere Zeit. Karmuno laesst die erregten Gemueter sich beruhigen, verlaesst dann seinen Sitz und spricht verschmitzten Angesichts:
„Ihr seid ermuedet, Brueder, und beduerft der Erholung. ich schliesse darum die Sitzung!"
Wieder Zustimmung und zufriedenes Laecheln der Anwesenden. Karmuno drueckt an einer Verzierung der Wand. Ein Teil schiebt sich zurueck und zeigt einen geheimen Ausweg. Er und die Priester schreiten in den Gang hinein und gelangen durch eine weitere Anzahl von Tueren in einen weiten, kostbar ausgestalteten Raum. Reichgedeckte, mit Speisen geladene Tische laden zum Genuss, weiche Polster zur Ruhe ein.

Jetzt oeffnet sich ein Nebengemach und eine Schar bildschoener Maedchen stroemt lachend und scherzend den Priestern entgegen. Es sind die "Goettinnen" des heiligen Tempels der Schoenheit. Der wohlverwahrte, sichere Raum ist der Liebesgarten seiner Priester, die da opfern …

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