← Zurück zu „Malona“

REBELLION

In den Schilderungen der somnambulen Hellseherin, die gleichsam das Vergangene neu erlebte, indem sie die geschauten Ereignisse in die Gegenwart zurueckversetzte, trat nach dem letzten Bilde eine Stockung ein.

Es war deutlich an dem Mienenspiel zu beobachten, dass sie wohl Ereignisse sah, jedoch schwieg sie beharrlich ueber das Geschaute. Endlich teilte sie in abgerissenen Saetzen einige Begebenheiten mit, verbot jedoch Niederschriften darueber zu machen, bis sie selbst solche verlangen wuerde. Nach einigen Tagen, als inzwischen Versuche oefters fortgesetzt worden waren, erzaehlte sie folgendes:

Schreibt jetzt wieder, was ich gesehen habe. Es sind fuerchterliche, unglaubliche Ereignisse, deren Zeuge ich gewesen bin. Wollte ich alle Einzelheiten schildern, man wuerde mir nicht glauben und mich verspotten. ich sage daher nur Allgemeines ueber das, was sich damals ereignet hat:

Vorzueglich hatten Karmuno und seine Priestersippe es verstanden, das Geruecht von Muharebs Rueckkehr zu verbreiten. Er wurde als der Sohn Mabans gepriesen, der die Eigenschaften des Vaters geerbt habe und das Reich wieder zur hoechsten Bluete bringen koennte. Die Hoffnung auf bessere Zeiten fand eine um so dunklere Beleuchtung, als bekannt geworden war, dass Areval sich frei machen wolle von jeder Beeinflussung des Tempels, dem gerade Maban eine so hohe Bedeutung verliehen hatte.

Die auftretenden Geruechte, der rechtmaessige Herrscher Muhareb sei wiedererschienen, fanden anfangs Unglauben. Namentlich Rusar wollte nicht an diese

Moeglichkeiten denken, trotzdem Karmuno ihm doch persoenliche Mitteilung ueber diese Tatsache gemacht hatte. Er kannte jedoch den Oberpriester zu gut. Seine offen ausgesprochene Absicht, sich des Namens von Muhareb fuer seine Zwecke zu bedienen, liessen ihn vermuten, er habe eine Person gewonnen, die fuer Karmuno die Rolle des wiedergekommenen Fuersten spielen sollte. Als jedoch eines Tages Upal vor Rusar erschien und ihn nicht nur ueber den wirklichen Muhareb aufklaerte, sondern auch ueber die Absichten seines Bruders Arvodo, da uebermannte der Zorn den Getaeuschten und er schwur dem Koenige wie dessen Feldherrn fuerchterliche Rache.

Er drang in Upal, ihm den Schlupfwinkel zu nennen, an dem sich Muhareb jetzt verborgen haelt. Upal tat es, und ploetzlich ward Muhareb von Rusar mit grossem Gefolge ueberrascht und ihm als rechtmaessigem Koenige gehuldigt. Als Rusar ihn in der kleinen Huette am Meere aufgefunden hatte und den ehrwuerdigen Mann staunend betrachtete, fragte er ihn zoegernd-. Bist Du Muhareb, Mabans Sohn?" Mit der Wuerde des selbstbewussten Mannes, der die ihm gebuehrenden Ehren erwartet, antwortete dieser einfach: "ich bin es." Dabei ruhte sein Auge durchdringend auf Rusar. Und als dieser sich vor ihm beugte, um seinem rechtmaessigen Koenig und Herrn zu huldigen, da wehrte es Muhareb nicht, sondern nahm die Huldigung entgegen. Schweigend folgte er dem Vizekoenig. Muhareb hatte den Arm auf die Schulter seines jungen Begleiters gestuetzt und willig stieg er mit diesem und Rusar in den Prunkwagen, der sie nach Nustras Hauptstadt fuehrte.

ich habe Muhareb im koeniglichen Schmuck gesehen, der kostbare Stirnreif schmueckte seine Stirn, der Ring glaenzte an einem Finger der rechten Hand. Eine ueberwaeltigende Majestaet ging von seiner Person aus und berueckte das Volk von Nustra, das ihm begeistert huldigte. Alle Ehren wurden ihm zuteil; er wohnte im Palast Rusars, doch blieb er wortkarg und seinem Auge war es anzusehen, wie wenig sein Herz von all dem Glanze beruehrt wurde.

Dann sah ich Muhareb umgeben von einer grossen Volksmenge. Die Grossen von Nustra waren versammelt und Abgesandte von Monna und Mallona; Muhareb sprach vor diesen lang und eindringlich gleich einem Propheten, der erfuellt ist von seiner goettlichen Sendung. Er warnte das Volk vor seiner Genusssucht und Verweichlichung. Er bewies ihm das Hinfaellige des irdischen Glanzes und die Notwendigkeit des Strebens nach unvergaenglichen geistigen Guetern. Er erklaerte, dass er nicht gekommen sei, um Ungehorsam gegen seinen Bruder zu predigen, sondern Gehorsam gegen die Gottheit und deren Ordnung. Diese Ordnung habe jedoch das Volk schon laengst verlassen. Und er als Koenigssohn, der die irdische Macht niederlegte, um geistige zu gewinnen, wolle die Wege zeigen, wie jeder zu diesem letzten Ziel des Lebens gelangen koenne.

Die Rede war von machtvoller Wirkung. Das Volk war ergriffen und wenig fehlte, so haette es Muhareb als den sichtbaren Vertreter der Gottheit Schodufaleb angebetet. Muhareb jedoch ermahnte zum In-sich-gehen und Nachdenken ueber das von ihm Gesprochene. jede weitere Ehrung wies er entschieden zurueck.

ich sah nun Karmuno, der verkleidet und unerkannt dieser Rede zugehoert hatte, im Priesterrate Nustras. Er erklaerte, dass der Tempel die von Muhareb erweckte Stroemung jetzt benutzen muesse, um das Volk noch fester an den Tempel zu ketten wie bisher. Zu diesem Zwecke sei zunaechst noetig, die Reden Muharebs zu unterstuetzen. Er muss gehoert werden, damit dann gehandelt werde, wie das Interesse des Tempels es erfordere. Anderen Tages predigten die Priester im Reiche Nustra Busse und suchten das glaeubige Vertrauen der Einwohner nach dem Haupttempel von Mallona zu richten, in dem die Gottheit sichtbar throne.

In Mallona sah ich Koenig Areval und Arvodo. Beide waren ueber Rusars Huldigung auf das hoechste erbittert. Areval befahl, die Nustraner als Rebellen zu behandeln, falls sie ihm nicht Muhareb auslieferten. Den Nustranern fiel es jedoch nicht ein, der Aufforderung Folge zu leisten. Rusar berief sich seinem Bruder gegenueber auf den seinem sterbenden Vater geleisteten Eid.

Arvodo begriff nicht, weshalb Muhareb sich damals am Meeresgestade zu dem weigerte, was er augenscheinlich in Nustra jetzt willig tat: nach der Herrschaft Mallonas zu streben. Wurde Muhareb Herrscher, so fiel Areval und mit ihm der Feldherr. Er stachelte darum Areval gegen seinen Bruder auf und bald ruestete sich das Heer Arevals zum Kriegszuge gegen Nustra.

Muhareb schauderte, als er von dem Rachezuge hoerte. Wusste er doch, mit welch entsetzlichen Mitteln Areval Tod und Verderben durch das fuerchterliche Sprengmittel Nimah verbreiten konnte. Upal war bereit, das sorgsam gehuetete Geheimnis seines Urahns, die Herstellung des Nimah, Muhareb anzuvertrauen, um Gewalt mit Gewalt niederzukaempfen. Muhareb wollte aber kein Blutvergiessen. Er hatte andere Ziele als die der Macht. Er gab Upal die noetigen Befehle und eines Tages war Muhareb verschwunden. Das Luftschiff Upals hatte ihn ungesehen mit seinem jungen Begleiter entfuehrt.

Der schlaue Karmuno verhielt sich gaenzlich teilnahmslos. Er billigte nur Arevals Anordnungen und sagte sich, dass er durch den Feldzug am ehesten die ihm so unbequemen Brueder vernichten und Areval in seine Gewalt bekommen wuerde. Er kannte genau die ueberreizten Nerven des innerlich immer noch kranken Koenigs und wusste, dass es nur eines guenstigen Anstosses beduerfe, moeglichst in Abwesenheit Arvodos, um ihn wieder gaenzlich zu beherrschen. Dieser Augenblick kam.

Die Hoehlen des Wirdu hatten in letzter Zeit nicht mehr die Ausbeute gegeben wie sonst. Areval hatte die Besorgnisse der Beamten, die den starken Rueckgang als den Staatskassen gefaehrlich ansahen, dem Feldherrn und Vertrauten Arvodo mitgeteilt. Dieser beruhigte den Koenig und erzaehlte ihm von Upals Entdeckungen, die er selbst gesehen. Seit jener Zeit fuehlte sich Areval als der Besieger des schaetzehuetenden Daemon Usglom, dessen Hass gegen sein Geschlecht er nicht mehr zu fuerchten brauche. Er hegte trotz inneren Grauens das Verlangen, die unermesslichen Schaetze zu sehen und Arvodo versprach ihm das.

Arvodo glaubte zwar, die einsame Bucht, von der aus ein Gang in das Innere der Erde fuehrte, auch ohne weitere Hilfe vom Meere aus zu finden. Dennoch fehlte ihm Upal mit seinem Luftschiff als der sichere Fuehrer. Er liess ihn deshalb suchen, fand ihn jedoch nicht. Er liess die Eltern kommen, und als diese wahrheitsgemaess erklaerten, von seinem Aufenthalt nichts zu wissen, liess er die Alten ins Gefaengnis werfen. Zornig gab er bekannt, dass Upal, der Orofinder, wo man ihn faende, als ein Ungehorsamer gefangen zu nehmen sei.

Dieser Befehl empoerte die Getreuen, zu denen auch Upal gehoerte, die bisher in Arvodo ihren verbruederten Oberen erblickt hatten. Ausserdem wurde Upal als ein Beguenstigter der Gottheit angesehen, da er sonst nie den Orostein gefunden haben wuerde. Gegen Arvodo entstand infolgedessen eine drohende Stimmung, von der wiederum Karmuno bald Nutzen zu ziehen wusste. Er schuerte den aufsteigenden Hass, als der Feldherr die Hauptstadt verliess zum Zuge gegen Nustra.

Nicht weit vom Koenigssitz an den Ufern des Sees befand sich der herrliche Landsitz Arevals, wohin er fluechtete, um voellig Ruhe zu geniessen. Hier fuehlte er sich sicher, denn bei Strafe der Arbeit in den Hoehlen des Wirdu durfte sich kein Unberufener diesem lauschigen Ruhesitz naehern. Areval lustwandelte mit seiner Tochter Artaya in den einsamen Parkanlagen des Landsitzes. Kein Diener begleitete sie. Gaenzlich sicher fuehlte sich Areval hier, denn der weite Park war mit einer hohen Mauer umgeben. Sie waren zu einem klaren Teich gelangt, den hohes und dichtes Gebuesch umschloss. Hier pflegte Areval oder Artaya manchmal zu baden. Neben dem Weiher befand sich ein groesserer Rasenplatz, umgeben von undurchdringlichen Bueschen.

Als beide die Wiese besichtigen wollten, stutzten sie. Mitten auf dem Platze stand die fremdartige Flugmaschine Upals, und als sie naeher traten, rauschte es in den Straeuchern. Heraus trat die hohe Gestalt Muharebs, neben ihm sein junger Begleiter. Auge in Auge standen sich die Brueder gegenueber: Areval bleich und mit fliegendem Atem. Muhareb in wuerdevoller Geistesgroesse, das dunkle Auge wehmuetig auf den Koenig gerichtet.

„ich bin gekommen, Dich zu warnen, Brueder", toente es eindringlich von Muharebs Lippen. Du verfolgst mich, der ich nicht Dein Feind bin. Du sandtest Deinen Feldherrn aus gegen Deine rebellischen Untertanen, wie Du meinst. Doch nicht diese sind zu strafen. Sie sind im Irrtum, glauben sie in Nustra, ich strebe nach dem Throne. mein Versuch galt, ihre Seelen zu retten, wie ich die Deine retten moechte. Drum lass ab vom Blutvergiessen, rufe Arvodo zurueck!"

„Arvodo zurueckrufen!" hoehnte der Koenig, „fein und schlau gedacht! Unterdessen gewinnt Rusar Zeit, alle Paesse des Gebirges zu besetzen. Nustraner spotten meiner Macht. ich traue Dir nicht, der Du in den Hoehlen des Wirdu wohnst und mit Usglom, dem Todfeinde des Stammes Furo ein Buendnis schlossest, um mich zu verderben."

„Nichts liegt mir ferner als Dein Verderben, Bruder! Vergeben und vergessen habe ich das Vergangene. Den Thron, den Du jetzt einnimmst, begehre ich nicht. Fedijah ruht im Reiche Usgloms, seine Schaetze umgeben sie, versoehnt ist er mit Furos Stamm! Fedijahs Geist fordert Versoehnung zwischen uns.„

Bei Nennung dieses Namens zuckt Areval zusammen. Seine Augen erweitern sich, sein Atem stockt. Er sieht wie irre umher und fluestert hastig: „Fedijah ruht im Reiche Usgloms, ich weiss es von Arvodo. – Sie fordert Versoehnung – sagst Du – von mir?„

Muraval, der junge Begleiter Muharebs, sah mitleidig auf den veraengstigten Koenig. Und als haette dieser Blick magnetische Gewalt, wandte sich Areval dem Juengling zu. Als sich die Augen beider begegnen, schrie Areval auf, taumelte zurueck und stuetzte sich auf die ihm nahestehende Artaya.

„Muhareb, wer ist der Juengling dort? Aus seinem Antlitz leuchten mir Fedijahs Augen entgegen. So blickte sie mich an, als sie mich abwies, so verfolgt mich noch heute ihr Blick in meinen Traeumen und im Wachen. Wer ist dort jener mit Fedljahs Augen?"

Eisern, schwer und ruhig antwortet Muhareb: „Dein und Fedijahs Sohn! ich habe ihn erzogen, ich bringe ihn dem Vater! Er ist der Erbe dieses Koenigreiches, – Dein Sohn? – "

Als haetten Keulenschlaege den Koenig getroffen, so wuchtig wirkten diese Worte. Areval stuerzt unter deren Wirkung zusammen, sein krankes Hirn konnte das Gesagte nicht gleich fassen. Die einst verscheuchten Wahngestalten sah er wieder auftauchen, sie standen in greifbarer Gewalt vor ihm. Eine wahnsinnige Angst erfasste ihn. Gewaltsam raffte er sich auf und schleuderte dem Bruder die Worte entgegen: „Du luegst, Scheusal, das nur gekommen ist, um mich zu verderben! Du treibst ein Gaukelspiel mit mir, ein Blendwerk, das ich vernichte. Arvodo, gib mir Dein Schwert! Die Gestalten, die Du getoetet, leben wieder auf. ich selber will sie toeten!"

Hastig riss Areval sein Oberkleid auf, unter dem verborgen er stets ein kurzes Schwert trug, zerrte es hervor und schleuderte die Waffe gegen den ruhig dastehenden Juengling. Er traf nur zu gut. Des Schwertes Spitze grub sich tief in Muravals Brust. Laut schrie auch Artaya auf, als ein Blutstrom hoch aufspringend der Brust des Juenglings entquoll, der zusammenbrechend von Muhareb und Upal aufgefangen wurde …

Areval starrte geistesabwesend und erstarrt auf den Sterbenden, waehrend Artayas Hilferufe gellend den Park durchschallten. Von weitem antworteten laute Rufe. Die wachsame Dienerschaft eilte herbei. In wenigen Augenblicken musste sie am Orte sein. Da fassten Muhareb und Upal den leblosen Koerper des Juenglings, trugen ihn schnell zum Luftschiff und legten ihn behutsam in die Gondel nieder.

Schon hoerte man die Diener durch die Buesche brechen, um schnell Artayas Hilferufen zu folgen, da erhob sich das Luftschiff. Und Muhareb, hoch aufgerichtet, fuerchterlichen Antlitzes, die Augen voll Schmerz und Grimm auf den Koenig gerichtet, donnerte diesem zu: "Fluch Dir, Koenig Areval und den Deinen! Allvaters Zorn erwuerge Dich, den Sohnesmoerder!"
Schnell erhob sich das Luftschiff und entschwand. Areval brach ohnmaechtig zusammen.

Als Rusar hoerte, dass sein Bruder mit einem Heere herannahe, um ihn und die Nustraner fuer den Abfall zu zuechtigen, blieb er nicht untaetig. Schnell wurden die Gebirgspaesse besetzt, die von Mallona nach Nustra fuehrten. Es war unmoeglich, nach den Ebenen Nustras hinabzusteigen, bevor nicht die wenigen gangbaren und nur die eine fahrbare Strasse in den Haenden des Feindes war.

Rusar wusste, mit welch fuerchterlichen Sprengmitteln Arvodos Heer ausgeruestet worden, und dass er nur dann erfolgreichen Widerstand leisten koenne, wenn der Uebergang des Gebirges vereitelt wurde. Von den Hoehen konnte auch er mittels Schleudermaschinen gewaltige Sprengkoerper auf den Feind hinabsenden, wenn auch diese nicht die allbewaeltigende Kraft des Nimah besassen. Die Herstellung desselben war Staatsgeheimnis Arevals geblieben. Nur die mildeste Form war bekannnt und wurde als Triebkraft fuer Maschinen allgemein benutzt. Die staerkere Wirkung kannten nur hohe Staatspersonen, die fuerchterlichste Sprengwirkung jedoch, die einstens Maban angewandt hatte, blieb geheim.

Bald standen sich die Heere Rusars und Arvodos gegenueber, doch vermochte keines Erfolge zu erringen. Wirksam wurden die rechtzeitig besetzten Hoehen verteidigt, denen sich zu nahen die Mannschaften Arvodos nicht wagten. Andere Mittel mussten angewandt werden, Nustra zu zuechtigen, doch standen die notwendigen Maschinen nicht sogleich zur Verfuegung. Sie mussten erst in den Staatswerkstaetten hergestellt werden und so verging viel tatenlose Zeit, waehrenddem in der Hauptstadt Mallona sich entscheidende Dinge ereigneten.

← Zurück zu „Malona“