(Martin Luther klagt bitterlich über seine falsche Auffassung der Bibellehre und die Un-möglichkeit, diese wieder gutzumachen. Mitleid der Zuhörer mit ihm. Seine neue Erkenntnis, dass im Glauben, und mag er noch so groß sein, dennoch die werktätige Liebe das Hauptgebot ist und dass deshalb ihre Zustände so traurig sind, weil sie die Werke der Nächstenliebe nicht gewirkt haben.)
Nach diesem Redner trat Martin Luther vor und hob vollernster Miene folgenderweise an: „Brüder, Freunde! Mir ist nun ein Licht aufgegangen. Der Vorredner hat mich auf einen Irrtum aufmerksam gemacht. Es ist wahr, ich habe irrtümlich zu viel auf den bloßen Glauben gehalten, jetzt sehe ich leider zu meiner größten Bestürzung ein, welch großes Unheil ich damit gestiftet habe. Die Menschen bauen fest auf meine Lehre und glauben, ich sei unfehlbar in meinen Aussprüchen. O wehe mir! Ich ein Ketzer, ein Verführer des Volkes. Ich, der ich mit voller Liebe für meinen Heiland eingestanden, sehe ein, welch großen Fehler ich begangen habe an Millionen von Menschen, die gleich mir in vollem Glauben aber in mangelhafter Erfüllung der Werke der Nächstenliebe dahin lebten, leben und noch leben werden. O wehe mir! Wie werde ich dies meinem lieben Jesus, meinem lieben Heiland gegenüber verantworten?! Was wird Er sagen, wenn ich vor Ihn treten und Rechenschaft über mein Leben und Wirken für das Seelenheil der Menschen geben werde? Nun spüre ich die ganze Schwere meines Verschuldens an der unschuldigen Menschheit. Was soll ich tun? Wie kann ich jetzt meine Fehler und Irrtümer wieder gut machen? Wer kann da eine Abhilfe schaffen?“ Nach diesen Worten voller Reue und Gewissensbisse zog er sich zurück und dachte nach.
Die Zuhörer waren wie versteinert, denn sie sahen jetzt gleichfalls ein, dass nicht alles in der Ordnung in der Lehre und dem Befolgen der protestantischen Religion ist; aber keiner getraute sich ein Wort zu reden und so schwieg die ganze Gemeinde und schaute traurig auf ihren Lehrer und Führer, der sein Gesicht mit den Händen bedeckte und schluchzte.
Lange dauerte die Totenstille unter den Zuhörern, denn keiner getraute sich, den Trauernden zu stören, viel weniger ihm Vorwürfe zu machen. Denn sie sahen ein, dass er wohl redlich gewollt, aber menschlich geirrt hatte und dass hier keine Hilfe möglich war. Wozu dann noch Vorwürfe?
Dieser Gedanke im Herzen seiner Brüder war eine edle Tat der Nächstenliebe, wie sie nicht edler gedacht werden kann. Sie sahen ein, dass er nicht aus Faulheit, nicht aus persönlichen Absichten einen gewaltigen Religionsirrtum in sich getragen, an dem er selbst samt ihnen und allen, die noch im Fleische leben, leiden muss. Ein Gefühl der Wehmut und des Mitleids ergriff alle, als sie den ehrlichen Kämpfer und Helden für die wahre Religion sahen, wie er bitterlich über seinen Irrtum und dessen unberechenbare Folgen weinte.
Lange währte die Ruhe und Trauer unter den Zuhörern, bis sich der alte Mann nach vielem Weinen wieder erhob, traurig zu seiner Gemeinde aufsah und folgende Worte voll bitteren Vorwurfs gegen sich selbst sprach: „Brüder und Freunde! Die Macht des Elends meiner Schuld an dem Leiden so vieler Millionen meiner Glaubensgemeinde, die ich hoffte, in die glücklichen Tage des echten Christentums zurückzuführen, schwebt vor meinen Augen. Wohl habe ich ihnen den Weg zu unserem Heiland Jesus wieder geebnet, aber leider übersehen, dass Jesus wohl lehrte, dass der Glaube an Ihn selig macht, aber die werktätige Liebe als das Hauptgebot im Glauben hervorhob. Was nützet daher der Glaube, wenn er nicht durch die Werke der Gottes- und Nächstenliebe so voll ist wie in guten Jahren die Rebe von Trauben in der Herbstzeit, wenn die Zeit der Lese ist?
Ja, Brüder, die Reben haben wir wohl, aber Trauben sind sehr wenige daran, denn wir haben viel zuwenig die Heilige Schrift geistig aufgefasst. Unser lieber Heiland hat doch hauptsächlich von der Liebe gesprochen, während wir nur auf den Glauben unsere Zuversicht aufgebaut haben, also auf den Sand unser Haus gestellt, und nun befinden wir uns da wie die Abgehausten, da wir vergessen haben, unser Glaubenshaus durch die werktätige Liebe auf den Felsen zu bauen und nur durch diese Liebe zu pflegen, die uns so oft in der Heiligen Schrift anempfohlen wird, und vergessen, dass wenn wir einen Glauben hätten, der die Berge versetzte, und hätten die Werke der Liebe nicht gegen den Nächsten, dass alles umsonst wäre. Seht, liebe Brüder, hier hapert es, hier ist der wunde Fleck in unserem Glauben!“
Die Brüder und Zuhörer schwiegen, denn sie sahen ein, dass sie selbst auch schuld daran waren, dass sie einem falschen Glaubenswahn zu viel huldigten, weil er ihnen ein sorgenloses Leben versprach. Daher schwiegen sie wohl wissend, dass auch sie derselbe Fehler strafte, der ihrem Lehrer die Tränen hervorlockte. Sie hatten ja dieselbe Bibel wie ihr Lehrer, daher begingen sie denselben Fehler wie er.
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