Von der freundlichen Liebe, Holdseligkeit und Einigkeit dieser fünf Quellgeister Gottes
34. Wiewohl dies mit Menschenhänden unmöglich ist genugsam zu schreiben, so siehet es doch der erleuchtete Geist des Menschen, denn er gehet gleich in solcher Form und Geburt auf wie das Licht der göttlichen Kraft und auch in den denselben Qualitäten, die in Gott sind.
35. Allein das ist zu beklagen bei dem Menschen, daß seine Qualitäten verderbet und halb tot sind, darum dann des Menschen Geist oder sein Quellen, Aufsteigen oder Anzünden in dieser Welt zu keiner Vollkommenheit kommen kann.
36. Hinwiederum ist sich des hoch zu erfreuen, daß des Menschen Geist in seiner Notdürftigkeit vom Hl. Geist erleuchtet und angezündet wird, gleichwie die Sonne die kalte Hitze in einem Baum oder Kraute anzündet, davon die kalte Hitze lebendig wird.
37. Nun merke: Gleichwie die Glieder des Menschen eines das andere liebet, also auch die Geister in der göttlichen Kraft; da ist nichts denn eitel Sehnen, Begehren und Erfüllen, dazu einer in dem andern Triumphieren und sich Freuen, denn durch diese Geister kommt der Verstand und Unterschied in Gott, in Engeln, Menschen, Tieren und Vögeln und in allem, was da lebet, denn in diesen fünf Qualitäten gehet auf das Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen und wird ein vernünftiger Geist.
38. Wenn das Licht aufgehet, so siehet ein Geist den andern. Und wenn das süße Quellwasser in dem Lichte durch alle Geister gehet, so schmeckst einer den andern. Alsdann werden die Geister lebendig, und dringet die Kraft des Lebens durch alles. Und in derselben Kraft reucht einer den andern, und durch dieses Quellen und Durchdringen fühlet einer den andern, und ist nichts denn ein herzlich Lieben und freundlich Sehnen, Wohlriechen, Wohlschmecken und Liebefühlen, ein holdselig Küssen, voneinander Essen, Trinken und Liebe-Spazieren.
39. Das ist die holdselige Braut, die sich in ihrem Bräutigam freuet, darinnen ist Liebe, Freude und Wonne. Da ist Licht und Klarheit; da ist lieblicher Geruch, da ist ein freundlicher und süßer Geschmack. Ach und ewig ohn Ende, wie kann sich eine himmlische Kreatur genugsam darinnen erfreuen! Ach Liebe und Holdseligkeit! Hast du doch kein Ende, siehet man doch kein Ende an dir: deine Tiefe ist unerforschlich; du bist überall also, nur in den grimmigen Teufeln nicht, die haben dich verderbet in sich.
40. Sprichst du nun: Wo sind denn die holdseligen Geister anzutreffen? Wohnen sie nur in sich selber im Himmel? Antwort: Das ist die andere offene Porte der Gottheit. Du magst allhier deine Augen weit auftun und den Geist in deinem halb toten Herzen erwecken, denn es ist kein Dünkel, Gedichte oder Phantasei.
41. Merke: Die sieben Geister Gottes begreifen in ihrem Zirk oder Raum den Himmel und diese Welt und die Weite und Tiefe außer und über dem Himmel, über der Welt, unter der Welt und in der Welt, ja den ganzen Vater, der weder Anfang noch Ende hat. Sie begreifen auch alle Kreaturen im Himmel und in dieser Welt. Und alle Kreaturen im Himmel und in dieser Welt sind aus diesen Geistern gebildet, und leben darinnen als in ihrem Eigentum. Und ihr Leben und Vernunft wird auf eine solche Weise in ihnen geboren, wie das göttliche Wesen geboren wird und auch in derselben Kraft. Und aus demselben Corpus der sieben Geister Gottes sind alle Dinge gemacht und hergekommen, alle Engel, alle Teufel, der Himmel, die Erde, die Sternen, die Elementa, die Menschen, die Tiere, die Vögel, die Fische, alle Würmer, das Holz und Bäume, dazu Steine, Kraut und Gras und alles, was da ist.
42. Nun fragest du: Weil denn Gott überall ist und selber alles ist, wie kommts dann, daß in dieser Welt solche Kälte und Hitze ist; dazu beißen und schlagen sich alle Kreaturen, und ist nichts denn eitel Grimmigkeit in dieser Welt. Siehe das ist die Ursache und Bosheit: Als König Luzifer in seinem Reiche saß als eine stolze hoffärtige Braut, so begriff sein Zirk den Locum, wo jetzt der erschaffene Himmel ist, der aus dem Wasser gemacht ist, und auch den Locum der erschaffenen Welt bis an Himmel, sowohl die Tiefe, wo jetzt die Erde ist. Das war alles ein reiner und heiliger Salitter, da die sieben Geister Gottes völlig und lieblich waren wie jetzt im Himmel, wiewohl sie noch in dieser Welt völlig sind. Aber merke nur die Umstände recht:
43. Als sich König Luzifer erhub, so erhub er sich in den sieben Quellgeistern und zündete dieselben mit seiner Erhebung an, daß alles ganz brennend wurde. Die herbe Qualität ward so hart, daß sie Steine gebar, und so kalt, daß sie das süße Quellwasser zu Eis machte. Und das süße Quellwasser ward gar dicke und stinkicht, und die bittere Qualität ward gar wütend, reißend und tobend, davon sich die Gift empöret und das Feuer oder Hitze ward ganz eiferig, brennend und verzehrend, und war ganz eine böse Temperanz oder Vermischung.
44. Auf dieses ist nun König Luzifer aus seinem königlichen Loco oder Stuhl gestoßen worden, welchen er an dem Orte hatte, wo jetzt der erschaffene Himmel ist, und ist allda bald die Schöpfung dieser Welt darauf gefolget, und ist die harte, derbe Materia, die sich in den angezündeten sieben Quellgeistern gewirket hatte, zusammengetrieben worden. Davon ist die Erde und Steine worden. Hernach sind alle Kreaturen aus dem angezündeten Salitter der sieben Geister Gottes geschaffen worden.
45. Nun sind die Quellgeister also grimmig in ihrer Anzündung worden, daß einer den andern immer verderbet mit seinem bösen Quell. Also tun nun auch die Kreaturen, die aus den Quellgeistern gemacht sind und in derselben Trieb leben. Da beißet, stößet und neidet sich alles nach der Qualitäten Art.
46. Auf dieses hat nun der ganze Gott das jüngste Gericht beschlossen. Da will er das Böse von dem Guten scheiden und das Gute wieder in die sanfte und liebliche Wonne setzen, wie es war von der greulichen Anzündung der Teufel, und will das Grimmige dem König Luzifer zu einer ewigen Behausung geben. Und alsdann werden aus diesem Reiche zwei Teile werden. Das eine kriegen die Menschen mit ihrem Könige Jesu Christo, das andere die Teufel mit allen gottlosen Menschen und Bosheit.
47. Dieses ist also eine kurze Anleitung, damit der Leser die göttliche Geheimnis möchte desto baß verstehen. Bei dem Fall des Teufels und bei der Schöpfung dieser Welt wirst du alles nach der Länge eigentlich beschrieben finden. Will derowegen den Leser vermahnet haben, daß er alles in seiner Ordnung lese, so wird er auf den rechten Grund kommen.
48. Es ist zwar von Anbeginn der Welt keinem Menschen also ganz offenbaret worden. Weil es aber Gott haben will, laß ichs seinen Willen walten und will zusehen, was Gott hiemit tun will, denn seine Wege, die er für sich gehet, sind mir meistenteils verborgen. Aber hintennach siehet ihn der Geist bis in die höchste Tiefe.
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