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Auftakt in Jerusalem Himmelskunde und irdische Armseligkeit. Pompejus in Jeru…

1.T-Kapitel 1

Auftakt in Jerusalem Himmelskunde und irdische Armseligkeit. Pompejus in Jerusalem. Ein seliger Tod

Auftakt in Jerusalem

Im Tempel zu Jerusalem, in der Stadt, im ganzen Lande gibt es fieberhaftes Treiben, sorgendes Geflüster, ängstliches Verbergen reicher Güter oder armer Habe, ein Suchen nach Schlupfwinkeln, wo man notfalls hausen könnte und Mißtrauen zueinander. Nur einer sitzt in seinem Arbeitsraum, abseits des Getriebes. Das ist Sakkai, ein alter Schriftgelehrter, ein etwas sinnierender Mann, allseits sehr beliebt, ob des reichen Wissens auch beim Hohenpriester Jozidak, der vor kurzem erst zum Amt gekommen war, von dem man aber glaubt, er würde sich nicht lange halten, was weniger an ihm als mehr an seinen Feinden läge.

Eben beendet Sakkai — zum wievielten Male — ein neues Bild. Viele Bilder hat er von den Sternen hergestellt, die er nächtelang besah und am andern Tag, soweit er sich die Schau behalten konnte, nachgezeichnet hat, wobei er dann zur eigenen Verwunderung stets auf eine ‚planetarische Himmelsrundung‘ stieß, durch den Stand der Sterne dargestellt.

„Man sieht das Firmament wie eine Decke an, zwar unendlich, aber eben wie ein Tisch, wie eine weite Wiese. Hingegen auf den Bildern kommt mir vor . . .“ Er wird in seinem Selbstgespräch gestört. Die Tür wird stürmisch aufgedrückt, was Sakkai nicht liebt. Verärgert wendet er sich um. Es ist der Hohepriester. Sich erhebend, geht er ihm entgegen.

„Was gibt es?“ Er fragt freundlich, was jeder Amtsbruder an ihm ehrt. Jozidak hingegen, noch keine vierzig Jahre alt, trägt seine Würde gern zur Schau. Heute hat er sie verloren. Hastig schließt er hinter sich die Tür, geht zum Tisch und setzt sich auf den Stuhl des alten Priesters. Sakkai sieht den Hohen forschend an. Hm, dem ist ‚was verkehrt‘ gegangen.

Jozidak sieht die Bilder liegen. Er greift danach und dreht sie hin und her, unwissend, was oben und was unten ist. „Was bedeutet das? Gehört dies auch zum Dienst?“ Die zweite Frage ist nebenher gesagt. Sakkai war niemals säumig. „Es ist eine Zeichnung“, erwidert er.

„Das sehe ich“, knurrt der Hohe, mehr darum, weil er in den Bildern keinen Sinn erkennt, Sakkai kommt ihm zu Hilfe; schließlich ist‘s der Hohepriester wert.

„Ich komm‘ selber nicht zum Ziel. Jedes Bild fällt trotz gewisser Gleichheit anders aus.“ Er holt seinen Schatz hervor. „Da, da — der Stand der Sterne, ihre Bahn. Nachts leuchtet mir der Himmel wie ein flaches Fell (Jes. 40, 22), aber auf den . . .“ sieht es wie ein unermeßliches Gewölbe aus.“ Sakkai stößt es hoch: „Daß du das auch herausgefunden hast, Hoherpriester — ?“

„Hm.“ Jozidak glättet mit der Hand die Falten seiner Stirne. „Du studierst ja gern und bist alt — ehrwürdig“, fügt er nach kleiner Pause an, „verständlich, wenn dich die abgegrenzte Arbeit nicht erfüllt. Nun — stößt du auf neue Dinge, soll‘s dem Tempel dienlich sein! Sonst jedoch . . .“

„Sieh“, unterbricht der Alte und zeigt auf einen Stern (Matth. 2, 2), der auf allen Bildern hoch im Norden steht, alles überstrahlend. Er erklärt es Jozidak. Der ist fasziniert und hat vergessen, weswegen er so eilig kam.

„Stimmt“, bestätigt er. „Aber keines Sternes Strahl trifft unsre Erde, sonst schienen nächtens ungezählte Sonnen nieder, und das wäre für die Ruhe, die der Mensch und die Natur bedarf, nicht gut. Deine Forschung freut mich zwar, aber hat sie einen Wert?“ „O“, eifert der Gelehrte, „so steht geschrieben: ‚Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen‘ (4. Mo. 24, 17). Mir ist, als ob dieser“, weist er auf die angemerkten Stellen, „Mose‘s Wort zur Wahrheit macht. Bald!“ setzt er nachdrücklich hinzu.

Jozidak lacht auf. „Schwärmer! Doch so seid ihr Alten und merkt nicht die arge Zeit, die uns überfällt, hart, real, unerbittlich. Nun, wer weiß — vielleicht ist‘s gut, sonst würde diese Welt und ihre Menschen gar zu arm,“ „Sie wird reich!“ ruft Sakkai begeistert aus. „Hier! Unser Stern verkündet es. Auf seinen Strahlen, die man als kleine Funken sieht, bildet sich die breite Bahn (Jes. 57, 14) in Jakobs Haus hinein! Der Erlöser kommt, der Heiland, wie es unsere Väter prophezeiten; und . . .“

Jozidak wird plötzlich bleich. Ihm fällt bei dem ‚Erlöser‘ wieder ein, weswegen er gekommen war. „Der Erlöser?“ krächzt er. „Sakkai, wirf deine Bilder in die Flamme, meinetwegen in die falsche unsrer Bundeslade; denn auch der Prophet ist falsch, wie ja alles um uns her! Nicht als Stern vom Himmel kommt der Heiland; er steht mit zwei geharnischten Legionen schon bei Antiochien, und viele seiner Schiffe steuern Caesarea an.

Weißt du, wie er heißt? Pompejus! Solltest du nicht wissen, wer das ist: Er ist Feldmarschall der Römer! Und wenn — so prophezeit der junge Hohepriester — sie einst den Tempel niederbrennen, wird er nie mehr aufgebaut, wie vormals unter Kores (Esra K. 1), sondern dann, dann — “ Jozidak stöhnt.O das Leid, das wie ein Raubtier vor den Toren Judas lauert — —

Sakkai weiß, daß die Römer kommen. Er hatte es von Nordischen gehört, die kürzlich vor dem Heer geflüchtet waren. Doch er lernte Römer kennen, die durch Judäa und dessen Randgebiete zogen, als Händler, Wissenschaftler, auch als Lehrende. Alle waren ihm recht wohlgebildet vorgekommen.

Niemand hatte es geahnt, daß die ‚feinen Römer‘ verkappte Beamte waren, die Land, Volk und Sitten von Kleinasien erforschten, um so Pompejus einen Trampelweg zu bilden. Woher sollte Sakkai, der treue Mann, es wissen, daß die Römer nur die feinen Masken trugen? Fast überall erlangten sie Vertrauen; und mit diesem wurde leider mehr erzählt, als was die Gassen wissen durften. Spontan legt er einen Arm um die Schultern Jozidaks, holt auch einen guten Wein und zwei Becher. Er braucht selber eine Stärkung und denkt dabei an ‚seinen Stern‘. Dagegen überschatten schwere Sorgen das Gesicht und Herz des Hohenpriesters.

„Beruhige dich“, sagt Sakkai. „Sie sind noch gar nicht da, und mit einigen bin ich befreundet; es wird für den Tempel manches zu erreichen sein.“ „Nur für ihn?“ fragt Jozidak verwundert. „Und die Stadt, das Volk, das Hab und Gut? Glaubst du wirklich, daß die Römer unsere Felle ungeschoren lassen?“

„Kaum“, zögert Sakkai, „doch du siehst zu schwarz.“ „Merkst du nicht, daß der Schrecken bei uns geistert? Pompejus soll ja bei der Soldateska streng verfahren und nichts durchgehen lassen. Allein — die Steuern, der Tribut, der Dienst, zu dem jung und alt, reich und arm hinzugezogen werden wird, ohne Entgelt, wie ich hörte, das wird härter sein, als die Geschichte von der Fron am Nil erzählt. Man hat das Kostbarste vom Heiligtum versteckt. Meinen eigenen Besitz mögen sie sich rauben, ich . . .“

„Willst du fliehen?“ fragt Sakkai verwirrt. „Die Schätze findet man, wenn man systematisch sucht. Verbergen ist nicht gut; es reizt mehr, als wenn wir handeln würden, so, als kämen keine Feinde, als würden wir nicht unterjocht.“

„Du redest weise; doch die Wirklichkeit wird lehren, daß es früher Treu und Glauben gab, jetzt . . .“ „Das gibt es heute ebenfalls, wie Mord und Büberei in alter Zeit. Wohl, es ist mit allem sehr bergab gegangen, wodurch ein Mensch zum Menschen wird. Doch ängstige dich nicht. Deine Schätze solltest du verbergen, wenn es stimmt, daß der Römer wirklich kommt.“

„Er kommt! Und mit mir — “ Jozidak umarmt plötzlich Sakkai, als ob er Trost und Hilfe spenden könne. „Vor Tagen sah ich in der Flamme eine Kette; ich konnte nicht mehr rückwärts sehen, und vor mir lag ein dunkles Tal.“ „Aber Jozidak!“ Nun kriecht dem andern auch die Angst wie eine Schlange hoch — um Jozidak, den feinen Pharisäer, der — weiß Gott — wirklich besser ist und klarer sieht als mancher Alte, dessen übles Tun er gutzumachen sucht. Da — ihm kommt ein rettender Gedanke.

„Junger Freund in dieser Stunde! Mir konntest du bestätigen, was jeder von uns weiß: Das Bundesladenfeuer wird schon lange von dem Galbanharz genährt. Deshalb ist dein Bild in ihr so falsch wie diese Lohe, die bloß dem Volke gegenüber ‚heilig‘ heißt. Wie kann sich denn im Trug die Wahrheit zeigen?“

„Du bist gut; zu dir nahm ich die Zuflucht, ich, der Hohepriester, bei dem die andern Hilfe finden müßten.“ Er eilt zur Tür: „Ich werde deinen Trost als Kraft bewahren, wenn aus kalter Nacht der falsche Stern herniederblitzt.“ Jozidak ist draußen, ehe Sakkai ein Wort erwidern kann.

„Armer Freund“, murmelt er, „ich hätte alle Gegenreden unterdrücken müssen. Ich versuchte es; nur — “ Dennoch grünt in ihm die Hoffnung weiter: „Da, da“, legt er seine Bilder auf, „der eine Stern; wie ein König unter Fürsten residiert er lange schon am nächtlichen Gezelt. Er kommt, Er kommt bestimmt! Unser Heiland, wenn — ja, wenn auch die Welt zugrunde geht und mit ihr Judäa.“ Einem Drang gehorchend ordnet er die Arbeit, die er in langen Jahren schriftlich festgehalten hat. Die Himmelsbilder schiebt er in die Tasche seines Unterkleides auf der Brust.

—  —  —

Der Stern tritt auf, nicht wie Kedor-Laomor (1. Mo. K. 14), es geht listig zu. Zuerst werden alle guten Häuser requiriert. Man kriecht zusammen, immer enger. Dann wird der ‚Kaiserzins‘ verlangt. Man schreibt auch alles auf, was weggenommen wird. Doch von Listen ist kein Brot zu kaufen, erst recht kein neues Haus zu bauen, wie man den Juden hämisch rät.

Pompejus besichtigt den berühmten Tempel Salomos. Bringt der die Tribute auf, so will er das antike Heiligtum bewahren, sagt er. Er hat eine Rolle in der Hand. Jozidak samt allen Templern müssen vor dem Römer stehen, der im Stuhl des Hohenpriesters sitzt. Er zählt des Heiligtumes Schätze auf, die bisher vorhanden waren. „Wo sind sie hingekommen?“ fragt er lauernd.

Man zeigt auf Jozidak: „Er ist der Hohepriester; er gibt an, was zu geschehen hat.“ Pompejus merkt, daß man den Jungen, der in diesem sonderbaren Volk der höchste Würdenträger ist, verleumden will. Doch er vollstreckt des Cäsars Willen und sieht es keineswegs als Härte an, wenn die halbe Welt mit Gut und Blut den Römern dienen muß. Das ist für ihn der Lauf der Welt.

„Ich befahl: alles Hab und Gut, Sklaven und so weiter, sind zur Besichtigung bereitzustellen. Also, wo habt ihr eure Schätze, die auf meiner Liste stehen, aber nicht vorhanden sind?“ Seine Stirne überglutet sich. Er wird sehr hart regieren, wenn man Roms Befehlen auszuweichen sucht. Jozidak weiß, wer dies ohne seinen Willen tat. Er schweigt. Keinen Priester, auch nicht die feindlichen, will er zu Tode bringen.

„Wird es bald?“ braust Pompejus auf. „Ich will dich schonen; aber wenn du schweigst, so . . .“ Sakkai wirft sich dem Gewaltigen vor die Füße: „Ich habe es getan! Bedenke, Herr, du würdest deine Schätze vor dem Feind verbergen; ich rettete nur die Heiligtümer unseres Gottes! Richte mich, wenn du meinst, dies sei gerecht, den umzubringen, der seinem Volk das Heiligste bewahrt.“

Augenblickslang ist der Feldmarschall verwirrt. Der Alte hat ja recht; aber Rom braucht ja viel Geld für die Legionen. Der Alte, den er durch Spione kennt und — als Mensch — auch achtet, will den Jungen retten. Ha, wenn er aber durchaus sterben möchte? Ihm ist es ganz egal, er hat nur für Rom zu präsidieren. Barsch stößt er den alten Schriftgelehrten an:

„Wahr, was du sagst?“ Bevor Jozidak den einzigen, der ihm Treue hielt, entlasten kann, bekennt jener fest: „Ja!“ Da rennt ihm ein Hauptmann seines schweren Spießes stumpfes Ende in die Brust, gerade dahinein, wo seine Himmelsbilder ruhen. Ohne einen Laut fällt der Alte um. Ein paar Laienpriester tragen ihn hinaus. Ungerührt sieht ihm der Römer nach.

„Du hast den Befehl mißachtet“, bedroht er Jozidak, der aschfahl sich wendete, bis hinter Sakkai der Vorhang fällt. Nun strafft er sich. Rom soll keinen Feigling sehen. „Deines Amtes wegen fordere ich dich zum zweiten Male auf, den Tempelschatz herbeizubringen“, sagt Pompejus und steht auf, ein Zeichen höchsten Zornes, was die Römer, aber nicht die Juden kennen.

Jozidak sagt leise: „Man nannte dich gerecht. Doch nur EINER ist gerecht: GOTT, unser HERR! Das Land ist dein, Römer; du wirst alles finden, was verborgen ist. Du wirst den Schweiß, das Blut des Volkes trinken. Nun, hier bin ich“, Jozidak reckt seine Hände aus, „bringe mich nach Rom als Trophäe deines Sieges!“ „Abführen!“ Ehern klingt des Römers Stimme. Jozidak wird gefesselt abgeführt. — Der Abend sinkt herein. In allen Gassen, im ganzen Land hört man ersticktes Stöhnen: „Weh uns, der Herr hat uns verlassen!“

Am Stadtrand liegt in einer Hütte Sakkai. Die Tür steht offen, man sieht das Firmament. Da haucht der Sterbende: „Sei getrost, armes Israel. Seht den Stern“, deutet er mit schwacher Hand hinauf. „ER kommt, wenn unsere Not am größten ist. Harret auf den Herrn! Jetzt schleift Rom das Volk bis an des Grabes Rand; aber GOTT wird Rom zerbrechen, wenn seine Macht auf hohem Gipfel thront. Wir erleben‘s nicht. Doch ER kommt, der Heiland, und bringt die Freiheit denen, die Ihm dienen werden.

Das Äußere — o Freunde, klaget nicht; es geht nicht um diese arme Welt. Es geht um unser Herz! Seht an das prächtige Gefunkel meines Sternes! Seht ihr“, flüstert er verlöschend, „wie er sich förmlich niederneigt? Dich grüße ich! Und du, der auf diesem Sterne wohnt, grüße meinen HERRN, unsern GOTT, den Allmächtigen des Universums.“

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