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Kap 13 – Neuigkeiten; Blick ins Universum; Isa-i, der echte Priestersohn

Neuigkeiten; Blick ins Universum; Isa-i, der echte Priestersohn

13. Kapitel

Im kühlen Säulenraum, dessen offene Front zum Hofraum nebst dem Garten führt, stehen auf den gelben Fliesen altgeformte, braune Krüge mit Wein und Fruchtgetränk. Isa-i sitzt bei den Frauen, die sich mütterlich um ihn besorgen. Der Hausherr gibt dem fernen Gast das Wort.

Samathuel beginnt, ohne erst zu zögern. Seine Art und Redeweise ähneln auffallend jener Isa-is: dunkel, weich, und tönend fest. „Manches habe ich zu künden, auch Freudiges für Isa-i, denn er und ich sind verwandt.“ „Dacht‘ ich mir“, vermerkt Diblaim. Der Rabbi nickt dazu. Er ist ein bißchen stolz, weil er den Jungen vor dem Hungertod bewahrte.

„La-Maku-i ging vor vier Monden in das Licht.“ „Ach“, unterbricht Abjathar, „der gute Mann? Er ist mir nie aus meinem Sinn gekommen. Wie glaubt ihr das, und wer wurde Oberpriester?“ „Das Erdenleben ist nur eine Phase, die sich in unserm Wesensdasein abzurollen hat. Wir glauben an den Schöpfer und wissen, wie sich das erste Lebenskind erhob. Es spürte in sich Gottes Geist und wähnte, selbst ein Gott zu sein. Dieser Wahn brachte seinen Sturz, aus welchem die Materie wurde, unsere Erde und viele ferne Welten.“

„Darf man unterbrechen?“ Samathuel verneigt sich höflich. „Er kläre bitte“, sagt Joroham, „wie ihr ferne Welten, die wir Sterne nennen, so genau erkennt, um sie als Materie zu bezeichnen. Ich habe mich in der Alt-Chaldäer Sternenkunde umgetan. Doch von Welten, unserer Erde gleich, habe ich da nichts erforscht.“

„Wohl“, gibt Samathuel Bescheid. „Die Chaldäer sahen ferne Sterne als solche geistigen und nahe als solche materiellen Wesens an. Es ist ja jede Forschung eine Leitersprosse. Wir zu Hause wissen, was künftige Erfindungen nicht ergeben. Ungut wäre, mehr zu reden, als was sich zwei Jahrhunderte voraus erkennen läßt. Die Menschheit hängt vom Fortschritt ab. Wer tiefer schauen darf, hat das zu Offenbarende dem Verständnis seiner Umwelt anzupassen.

In diesem Kreis“, zeigt er rundum, „kann man weitergehen. Hier sind ernste Männer, edle Frauen, die Gottes Lebensgeist über die Materie erheben. Darum wurde ein Prophet zu euch geführt — und ich. Es wird vielerlei geschehen, was euch alle bald von dieser Erde löst. — Nun einiges, wie wir die Sterne unterscheiden.

Um viele Himmelslichter wandeln, wie um unsre Sonne, eine Anzahl Weltraumkörper. Diese Sonnen senden Licht und Lebenswärme aus, was ergibt, daß die Planeten gleichgeartet sind, unabhängig von ihrer Eigenheit, wie wir Menschen auch zwar alle Menschen sind, jeder aber doch nach seiner Art. Am Strahl und wie er fällt oder wie er angenommen wird, sind zwei Hauptgrundarten zu erkennen: die Geber und die Nehmer. Unsere Erde ist ein Nehmer.

Eines Wesens Weg über eine Welt ist entweder Gnade oder freies Soll. Das freigebrachte Soll hat als Grund die Bündnisgnade, während eine freie Gnade, vom Schöpfer denen frei gewährt, die sie nicht geachtet haben wie das erste Lebenskind, das Soll bedingt: Eine unausweichliche Erfüllung!

Die Erde kreist im Raum; man sieht keine Hand, die sie lenkt und trägt. Der Schöpfer zeichnet ihre Straße vor und ist nicht daran zu rütteln; aber darauf läuft sie frei. So auch der Mensch! Erfüllt er gern das kleine Soll, so kann er geistig Licht und Leben strahlen wie die Sonnen aus dem Licht. Widersteht er Gott, dann wird seine Gasse angebunden. Denn im Gebundensein erhält ihn Gott. Nun weiter:

Mein Vater hat das Oberpriesteramt erhalten. Das ist bei uns erbbar, wenn das erste Kind ein Knabe ist, der die Voraussetzung erfüllen kann. Mein Vater geht den alten Weg; trotzdem bleiben wir nicht stehen. Auch wir wandeln uns, wie Raum und Zeit bedingen. Aber ich bin nicht erst zwanzig, sondern nahe dreißig Jahre alt. — Noch das:

Vor Jahren drangen Priester nach dem Westen vor, um Gottes Licht zu offenbaren. Seit La-Maku-is Lichtgang gab es keine Schau über sie. Nun müssen wir sie suchen. Es war ein Umweg über eure Stadt, doch mein Vater wollte, daß wir hierher zogen. Wir sahen den Sohn der Priesterin Sikha in den Lichtgeisttafeln. Meine Krieger reiten weiter“, zeigt er auf die Männer, „ich, wenn es gefällt, bleibe hier, bis sie wiederkommen.“

„Oh!“ Isa-i hat im Handumdrehen Samathuel umarmt. „Du bleibst da? Ich hatte dich gleich lieb; vor mir stand ein Bild.“ „Welches?“ „Die Mauer! Es winkte eine Hand, wo das Licht die Pforte öffnet. Du führst mich an das Tor.“ „Nicht ich“, berichtigt Samathuel. „Du bist reif, stehst fest in Gottes Hand und hast von Seinem Lichte viel in dir. Ich freute mich schon lang auf dich, weil wir nicht nur Kinder aus dem Licht-All sind, wohin La-Maku-i gewandert ist, nein — wir sind auch leiblich nächstverwandt.

Mein Vater, Ifra-Gohnora, hatte eine junge Schwester. Sie war unsre reinste Priesterin und hieß — Sikha.“ Der Name fällt. Isa-i bekommt ganz weiße Augen, so ist er erschüttert. Er weint. Isboseth, der gute Wärterpriester, steht zuerst bei ihm und drückt ihn an sein Herz. Wortlos streichelt er die nassen Wangen.

„Warum verschwieg dein Ahne das?“ fragt Abjathar. „Das sollte so geschehen, weil jeder Mensch durch eine Lebensschule gehen muß. Ist es Opferdienst, wird er zum Segen, den einst jener Schöpfungsteil erfährt, der am Sturz des ersten Lebenskindes hängt.“ Man tröstet Isa-i. Es war so bitterlich, wie man seine Eltern höhnte.

Der Rottmann fragt nach einer Unterkunft, die er für Samathuel zwei Jahre kaufen wolle, „Daraus wird nichts“, entgegnet Abjathar. „Euer Herr bleibt bei mir, solange es ihm wohlgefällt. Euch bringt mein Nathan in den Batrah-Hof. (Z. 2) Der Wirt heißt Assuram. Er ist mir willig, habe ihm in einem Streit sein Recht erwirkt.“

„Jetzt laßt Obed-Edom reden. Freilich, mir ist‘s gleich, was der Tempel tut; gehöre nicht mehr hin und . . . “ „Diblaim“, mahnt Abelu, „du bleibst dennoch Priester und solltest die Verantwortung dem Volke gegenüber nicht verlieren. Ist es dir einerlei, was der Hohe Rat bestimmt?“ Diblaim brummelt: „Das nein; nur hat Asarja wie ein Schuft gehandelt. Denke ich an seine Prüfungsfragen, so steht mir‘s bis hierher!“ Er greift sich an den Hals.

„Mir ebenso“, nickt Om-Sabra. „Nur kommt es nicht auf Bruch und Bindung mit Asarja an; nein, wie das Recht gefördert wird, um jeden Übergriff zu fesseln.“ „Gewiß“, gibt Diblaim offen zu. „Ich meinte nur das Persönliche.“ „Das ist zurückzustellen“, sagt Joroham. „Der arge Riß mit Asarja betrifft nicht jene, die es ehrlich meinen. Wir brauchen ja nicht zuzuhören, wenn er amtet.“

„Mitunter ist es gut“, fällt Obed-Edom ein. „Was man prüft, hilft zur Erkenntnis, gegen oder für. Ich hörte und — ich sah.“ Wieder überkommt ihn die Erregung wie am Gnadenstuhl, als Asarja mit der Flamme sprach. „Du hast gesehen?“ In Isa-i lodert Sehnsucht hoch. Obed-Edom berichtet, doch er schont Asarja. Man lauscht gebannt, wie ihm das Licht zum heilig-wahren Antlitz ward. „Du hast es ganz genau gesehen?“ Isa-is Lippen zittern. „Ja Kind, ganz nah; und war doch fern. Es blendete und segnete, war wie eine Reinigung. Einzelheiten zu verkünden — — ich kann es nicht. Wo ist das wahre Ebenbild, daran sich alle Herrlichkeit ermessen läßt?“

Isa-i erzählt: „Einer, der Erster werden will, sagte: ‘Wir Menschen sind das einzige Geschlecht von Gott gemacht. Selber Götter, können wir in jedem Bruder Gott erblicken. Wir brauchen keine Schau und sind in allen Dingen souverän. Wir stehn mit Gott, was sich aus dem uns übergebenen freien Willen bildete, auf einer Stufe.“

Abjathar verzieht den Mund: „Wer hat die Weisheit ausgeheckt?“ „Weisheit?“ sagt Samathuel. „Das steht unter dem vernunftgemäßen Wissen. Weisheit, ein konzentriertes Licht jeder Offenbarung und Erkenntnis, ist zu hoheitsvoll, als daß man sie mit Menschenwitz vergleichen darf. Selbst der beste Menschengeist ist ein mikrobenhafter Strahl aus dem Makro-Urlicht Gottes!“

„Sei bedankt, junger Freund, du hast mir die Augen aufgetan.“ Der Hausherr reicht Samathuel die Hand. Der drückt sie fest: „Es galt nicht dir als Lehre; ich sprach allgemein.“ „Weiß ich“, erwidert Abjathar. „Mein Wort war schlecht geprägt.“ Der soviel weiß, demütigt sich vor der ganzen Runde. Den Fehler hat ein dummer Hochmut ausgelöst. Isa-i legt seine kleine Hand in die große:

„Ich freue mich auf deine Schule. Übrigens — es war der Bub des Matguel.“ „Der?“ lacht Obed-Edom: „Der ist dumm wie Bohnenstroh und obendrein noch faul. Das hat er seinem Vater nachgeäfft. Dadurch werden aber Fragen ausgelöst, die sich auf meine Schau beziehen. Ich war selig, gar nicht mehr auf dieser Welt. Abbuda sah nichts, hörte aber jedes Wort. Er sagte später: ‚Schade, daß Asarja solche große Fehler macht; an Gottes Stimme habe ich‘s erkannt.“

Abelu sagt sinnend: „Wir, das irdische Geschlecht, sind nicht das einzige. Die Väter sahen Engel vom himmlischen Geschlecht. Ihr Geist steht höher als der unsere. Wer steht dem Herrn am nächsten?“ Sagt Diblaim: „Der Mensch ist materiell gebunden; die Engel, für uns eingesetzt, sind die Stärkeren. Nur der Starke kann den Schwachen stützen. Da sie Geister sind, stehen sie gewiß Gott näher. ER ist GEIST!, und die Ihn anbeten, müssen es im Geist und in der Wahrheit tun (Joh. 4,24), was Himmlische entschieden besser können.“

„Ist unser Geist dem Licht nicht ebenbürtig?“ führt Joroham zur tieferen Betrachtung hin. Abjathar erwidert: „Salomo predigt: ‚Der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt. Der Staub muß wieder zu der Erde kommen, was er gewesen ist, und der Geist zu Gott, Der ihn gegeben hat (Pred. 12, 7; Hiob 19, 26). Das müßte sich auf eine Vorexistenz beziehen lassen, wo es etwa auch schon Licht- und Menschenwesen gab.“

„Wenn es nach Mose (1. Mo. K. 1 u. 2) zweimal heißt“, meint Isboseth, „daß Gott Menschen schuf, wobei zuerst das Geistgeschaffene und dann das Weltliche erkennbar ist, so stünde damit fest, daß es geist- und wesensmäßig keine Unterschiede gibt. Die Materie ist ein Produkt des Falles. Vor ihrer Zeit gab es nur vom Schöpfer geistgeborene Kinder. Ich sehe aber den Zusammenhang nicht scharf genug.“

Om-Sabra seufzt: „Weltenrätsel, eine harte Nuß! Ich habe sie noch nicht geknackt. Mein Sinn ist mehr aufs Praktische gerichtet, den Übeln unsrer Zeit soweit als möglich abzuhelfen. Vielleicht ist‘s Gott auch wohlgefällig, selbst wenn man nicht in Seine Werkstatt guckt, in der wir nichts zu suchen haben. Wenn gute Priester tiefer forschen, so ist das gerecht. Allgemein sollte es genügen, wenn wir wissen: Jedes Lebewesen ging aus GOTT hervor. Ich selbst stelle allerdings den Himmel über die Materie.“

Keiner merkt den Anbruch einer lauen Sternennacht. Nathan wagte nicht, die Lampen anzuzünden. Beglückt sitzt er an einer Säule und hört zu. Er möchte wissen, was der Knabe kündet, den er gleich ins Herz geschlossen hatte, als er ihn am Makkabäertor zum ersten Male sah. Obed-Edom zeigt auf Isa-i und Samathuel: „Es gäbe geistigen Profit, wenn unsre Seher sagen, was zu sagen übrig bleibt.“

Abigail hält die Spule an, obwohl sie selber innig lauscht. Sie hat sich mit den Frauen am Gespräch beteiligt. „Morgen, am Sabbattag, gibt‘s zum Weiteren genügend Zeit. Das Essen wartet und alsdann der Schlaf. Die Reiter werden müde sein.“ „Angenommen!“ Diblaim neigt sich über Abigails Hand. „Du bist die klügste Frau in weiter Runde; das heißt“, schielt er hüstelnd nach seiner Frau, „meine ist noch klüger.“

Darob fröhliches Gelächter. „Ich bin nicht draufaus, das klügste Huhn zu sein“, pariert Hophei geschickt. Sie lebt mit ihrem Manne so harmonisch, wie es als Musterbeispiel anzusehen ist. Er hat ihr immer still gedankt, weil sie nicht auf seinen kleinen Körper sah, sondern auf sein Herz.

„Laßt die liebe Hausfrau walten“, schnalzt Om-Sabra, „damit sich bald die Tafel biegt.“ Abjathar rüttelt ihn: „Gehörst du denn zur Schlemmerkaste?“ „Sowieso! Und zwar solang, bis ich gesättigt bin; nachher hör‘ ich auf.“ „Nathan, Licht! Die Stunden hatten Flügel.“ Der Diener schluckt: „Ich wollte doch nicht stören, ich dachte . . .“ „ . . . nur nicht ans Kamel“, entgegnet Abjathar.

„Die fernen Gäste haben deinen kleinen Fehler ausgewetzt.“ Nathan geht stolz geschwellt hinaus und bringt in erzenen Kübeln zwei helle Fackeln, genährt von feinstem Öl, das angenehmen Duft verbreitet. Im Speisesaal brennen ebenfalls vier große Lampenvasen.

Beim Essen spricht man über Allgemeines. „Morgen bitte ich alle her zu mir“, ladet der Hausherr ein. „Ich protestiere!“ erhebt sich Diblaim. „Mein Haus steht offen! Du mußt nicht alles haben wollen, Abjathar.“ Der gibt seinem Freunde einen sanften Puff.

„Wie lange bleibt ihr Reiter?“ „Zwei Tage, der Tiere wegen“, sagt der Rottenmann. „Währenddem versuchen wir, Verbindung aufzunehmen.“ „Hört euch gut im Batrah-Hofe um; daselbst findet ihr die meisten Fremden. Nathan bleibt bei euch; er ist geschickt und stadtbekannt.“ „Wie sein Herr“, lacht Hophei listig. „Den kennt man auch auf jeder Gasse.“ Abjathar zupft sie an ihrem langen Zopf. Heiter geht man auseinander und freut sich auf den anderen Tag.

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